Jerusalemer Tagebuch (04.06.05)
Himmelfahrt am Holocaustgedenktag, oder: ein prekäres Thema
Bisweilen fallen verschiedene Feiertage seltsam zusammen. Christi Himmelfahrt in diesem Jahr beispielsweise mit dem israelischen Holocaust-Gedenktag. Punkt zehn Uhr ertönen die Luftschutzsirenen im ganzen Land und das Leben erstarrt für zwei Minuten. Doch als ich deshalb unser Gemeindepicknick absagen wollte, hatte ich ein Problem.
Christen im arabischen Kontext
„Weshalb willst du das Picknick absagen?“, fragte ein amerikanischer Kollege verständnislos, „Wir sind doch Christen und leben in einem arabischen Kontext.“ Ich wies ihn freundlich darauf hin, dass unsere Gemeinde auch in Israel tätig ist und das jüdisch-christliche Gespräch pflegt, was er jedoch noch weniger als mein arabischer Kollege einsehen wollte. Damit ist das Problemfeld bereits beschrieben. Doch fangen wir vorne an.
Himmelfahrt in einer Moschee
Himmelfahrt beginnt in Jerusalem um Mitternacht mit einem katholischen Gottesdienst in einer Moschee. Die so genannte Himmelfahrtsmoschee, ursprünglich als Kirche errichtet, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 614 im Persersturm zerstört, von den Kreuzrittern wieder aufgebaut und mit einer Schutzmauer versehen, dann unter Saladin in eine Moschee umgewandelt, ist sie einmal im Jahr, eben an Himmelfahrt, für christliche Gottesdienste geöffnet. Also nahmen wir an der katholischen Mitternachtsmesse mit dem Franziskanerpater Gregor Geiger (siehe dazu Jerusalemer Tagebuch vom 10.05.05) teil, der dann auch bei uns im evangelischen Himmelfahrtsgottesdienst predigen sollte.
Kranzniederlegung am Holocaustgedenktag
Doch zwischen diesen beiden Gottesdiensten lag noch ein weiteres wichtiges Ereignis: in Jad Vashem, der nationalen Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust, sollten wir einen Kranz für die EKD niederlegen.
Der Holocausttag wird in Israel gemäß dem jüdischen Kalender am Tag des Falles des Warschauer Ghettos begangen. Nur an ganz wenigen Stellen im Nazi-Reich haben Juden Widerstand geleistet, aber dieser Widerstand ist grundlegend für das Selbstverständnis des Staates Israel. Und so nimmt es nicht Wunder, dass die Gedenkfeier nicht im Gedenkzelt, in dem auch Landesbischof Fischer einen Kranz niederlegte (Jerusalemer Tagebuch vom 06.12.04) sondern auf dem Platz des Warschauer Ghettos statt fand, unter einem Bild von Häftlingen in KZ-Kleidung mit der israelischen Fahne.
„... der Staat Israel steht in der wehrhaften Tradition des Widerstandes, nie wieder sollen Juden wehrlos dahingemetzelt werden.“
Die Ikonographie ist eindeutig: der Staat Israel steht in der wehrhaften Tradition des Widerstandes, nie wieder sollen Juden wehrlos dahingemetzelt werden. Eine Ehrenformation der Armee marschiert auf, dann erscheinen der Staatspräsident und hohe Vertreter aus Regierung und Verwaltung. Alles ist bis ins letzte Detail geplant. Unser Kranz beispielsweise hat die Nummer 124.
„Und nach dieser ergreifenden Zeremonie, die das Selbstverständnis des Staates Israel wie wenig anderes zum Ausdruck bringt, soll ich ein Picknick ausrichten? In arabischer Umgebung?“
Punkt 10.00 Uhr ertönen dann für zwei Minuten die Lutfschutzsirenen. Das Land steht schweigend still im Gedenken an die Opfer. Nun beginnt die Kranzablage der Opferverbände und der gesellschaftlichen Einrichtungen. Wir haben den vorletzten Kranz abzulegen, was nicht an mangelnder Wertschätzung liegt, sondern daran, dass wir nicht früher durch die umfangreichen Sicherheitskontrollen zur Nummernvergabe gelangen konnten. Nun sind wir an der Reihe. Nach der Bank of Israel. Es ist trotz allem ein ergreifender Augenblick und das Warten hat sich gelohnt. Denn nach Ablegen aller Kränze kommen die Fotographen und machen die offiziellen Aufnahmen. Der Kranz mit der Aufschrift „Evangelische Kirche in Deutschland“ ist nun auf allen Pressefotos im Vordergrund gut zu sehen. Und nach dieser ergreifenden Zeremonie, die das Selbstverständnis des Staates Israel wie wenig anderes zum Ausdruck bringt, soll ich ein Picknick ausrichten? In arabischer Umgebung? Wir haben uns auf einen Kompromiss geeinigt: es gibt kein Essen, nur einen bescheidenen Empfang, schließlich sind wir weder Israelis noch Palästinenser, aber wir leben unter und mit beiden Völkern.
Eine umstrittene Ausstellung
Doch damit nicht genug. In der darauf folgenden Woche soll ich eine Ausstellung der Lutherzentrums Wittenberg zum Thema „Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich“ im Kreuzgang der Propstei eröffnen. Diese Ausstellung war bereits im Vorfeld heftig umstritten. „Was geht uns das an?“, wollte wiederum die amerikanische Gemeinde wissen. „Warum tut ihr uns das an?“, fragte verständnislos die arabische Gemeinde. Deren Pastor hat wohl in Deutschland studiert, kennt die Geschichte und hat auch Konzentrationslager besucht, aber dennoch sieht man sich als Opfer der deutsch-jüdischen Geschichte, da die Palästinenser einen Preis für die Gründung des Staates Israel zahlen mussten, der aus ihrer Sicht nach der Shoa auf ihrem Land entstand.
„Die jüdischen Musiker erhoben sich zum Klang der Sirene und ohne Absprache und Diskussion standen alle Gäste (...), Israelis, Ausländer und Palästinenser still, obwohl es sich ja zumindest aus Sicht der letzteren immerhin um die gefallenen Soldaten des Kriegsgegners handelt.“
Unglücklicherweise war bei der Terminierung der Ausstellung übersehen worden, dass zu diesem Augenblick wieder die Sirenen heulen würden, nämlich zum israelischen Gedenktag für die gefallenen Soldaten, der am Abend in den Unabhängigkeitstag und seine ausgelassenen Feierlichkeiten übergeht.
Deshalb beschlossen wir die Veranstaltung eine Viertelstunde später anzusetzen. Doch bereits um elf Uhr waren alle da.
Die jüdischen Musiker erhoben sich zum Klang der Sirene und ohne Absprache und Diskussion standen alle Gäste, die zur Eröffnung gekommen waren, Israelis, Ausländer und Palästinenser still, obwohl es sich ja zumindest aus Sicht der letzteren immerhin um die gefallenen Soldaten des Kriegsgegners handelt.
Drei Gemeinden in einem Haus – drei verschiedene Geschichten
Dies zeigt, wie schwierig es ist mit drei Gemeinden in einem Haus zusammen zu sein, wenn jede ihre eigene Geschichte mitbringt und zudem noch in unterschiedlicher Umgebung lebt.
„Wie schwierig es ist, eine doppelte kritische Solidarität mit den palästinensischen Christen einerseits und im jüdisch-christlichen Dialog mit Israelis andererseits zu bewahren, mögen diese wenigen Streiflichter deutlich gemacht haben.“
Während die amerikanische Gemeinde eine Entscheidung getroffen hat und sich dem arabischen Bischof unterstellt hat, bemüht sich die deutsche Gemeinde um Äquidistanz zu den beiden politischen Seiten. Wie schwierig es ist, eine doppelte kritische Solidarität mit den palästinensischen Christen einerseits und im jüdisch-christlichen Dialog mit Israelis andererseits zu bewahren, mögen diese wenigen Streiflichter deutlich gemacht haben. Doch damit nicht genug.
Nochmals Sirenen – diesmal palästinensisch
„Deshalb wird es in diesem Konflikt immer wichtiger, dass wir, als deutsche Gemeinde, selbstständig sind und uns unserer historischen Verantwortung stellen.“
Ob wohl auch Israelis diese Gedenkminute eingehalten haben?*) Schwerlich. Wir werden sehen, welche Vertreter der arabischen Kirchen zum Empfang des Staatspräsidenten zum Unabhängigkeitstag anwesend sein werden. Wir jedenfalls werden da sein, schließlich begehen wir in diesem Jahr das 40-jährige Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem Staat Israel. Die Dinge sind eben komplexer, als sie mein eingangs zitierter amerikanischer Kollege zu sehen vermag.
Deshalb wird es in diesem Konflikt immer wichtiger, dass wir, als deutsche Gemeinde, selbstständig sind und uns unserer historischen Verantwortung stellen.
Ganz gleich, was andere über unser Picknick denken.








