Jerusalemer Tagebuch (28.05.05)

 

Hermann Maas - Retter und Brückenbauer

Urkunde in Yad Vashem
Urkunde in Yad Vashem

R. Scholz und J. Thierfelder
R. Scholz und J. Thierfelder

von Prof. Jörg Thierfelder
Teil 2


3. Hermann Maas, der Brückenbauer
Als am 30. März 1945 Heidelberg von den Amerikanern besetzt wurde, empfand Hermann Maas weniger Trauer um die deutsche Niederlage, sondern "Freiheit, Erlösung, Ende der Tyrannei". So schrieb er zwanzig Jahre später in einem Leitartikel in der in Tel-Aviv erscheinenden deutschsprachigen Zeitung "Weg und Ziel". Maas beschäftigte sich zunächst ganz stark mit der Frage der Schuld.

"Aller Neuaufbau muss mit Auskehren, Aufräumen und Abreißen beginnen. In der Sprache der Bibel heißt das ‚Buße' tun."

Im August verfasste er ein Memorandum für den Ökumenischen Rat in Genf "Wie ich mir den Neuaufbau der evangelischen Kirche denke". Es beginnt mit dem Satz: "Aller Neuaufbau muss mit Auskehren, Aufräumen und Abreissen beginnen. In der Sprache der Bibel heißt das ‚Buße' tun." Und dann wurde diese Schuld konkret aufgewiesen. Auch die evangelische Kirche hätte zu den Schandtaten des NS-Regimes faktisch geschwiegen, zur Judenverfolgung, zur NS-Euthanasieaktion und zum Zweiten Weltkrieg: "Wir hätten aufschreien und immer wieder unser Leben und unsere Freiheit wagen müssen. Wir alle, die ganze Kirche, wir können uns nicht entschuldigen, wir müssen uns anklagen, wir klagen uns an." Als dann 1946 die Jüdische Rundschau wieder erschien mit einem Grußwort des Frankfurter Rabbiners Dr. Neuhaus, bekannte sich Maas in einem Leserbrief zur "Last der Schuld, die auf dem nichtjüdischen deutschen Volk liegt und damit auf jedem Einzelnen, auch auf mir"." Für viele Studenten in Heidelberg war diese Äußerung zu viel. Sie erwarteten von einem führenden Kirchenmann wohl eher ein kritisches Wort zur Politik der Besatzungsmächte. In mancher Beziehung nahm Maas den Faden von vor 1945 wieder auf. Er gründete mit anderen Heidelbergern ein Komitee für die Opfer des Nationalsozialismus. In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Konsul in Stuttgart konnte eine größere Gruppe von Christen jüdischer Herkunft in die USA auswandern. Maas bemühte sich auch um die Rückkehr von Robert Raphael Geis, der von 1934 bis 1937 Rabbiner in Mannheim war. Geis wurde 1952 Landesrabbiner von Baden. Mit dem späteren Landesrabbiner Nathan Peter Levinson war Maas eng befreundet.

Maas - der Brückenbauer zwischen Juden und Christen.


Er gehörte 1946 zu den vier deutschen Teilnehmern einer Konferenz der International Conference of Christians and Jews im August 1946 in Oxford. Diese Konferenz setzte sich zum Ziel, die Gemeinsamkeiten von Judentum und Christentum herauszustellen in bezug auf ihr religiöses Verständnis von Wirklichkeit und ihren gesellschaftlichen Auftrag. 1946 und 1947 fanden Folgekonferenzen statt. Auf der Oxforder Konferenz von 1946 wurde der Grundstein für den "Internationalen Rat der Juden und Christen" gelegt, der heute seinen Sitz im ehemaligen Wohnhaus von Martin Buber in Heppenheim hat. Den deutschen Koordinierungsrat und die ihm angeschlossenen Gesellschaften für deutsch-jüdische Zusammenarbeit, die 1948 entstanden, begrüßte Maas und arbeitete an ihnen mit.

"Wieviele Christen wissen denn, dass in der Rangordnung der Fragen die Judenfrage hohen, ja höchsten Wert hat? Wieviele kennen die besondere Art des jüdischen Gottesdienstes, der jüdischen Gebete, Liturgien und musica sacra?" Und: Wieviele Juden wissen wirklich etwas von den echten christlichen Glaubensüberzeugungen? Von der Bedeutung des Alten Testaments für die Christenheit und von den entscheidenden Worten und Verheißungen, die gerade über Israel im Neuen Testament stehen?"

Er schrieb 1966 ein "Wort zur christlich-jüdischen Zusammenarbeit", in dem er für eine Begegnung von Christen und Juden warb. Maas war wichtig, dass man nicht nur auf der humanitären Ebene bleibt. Es geht um wirkliche Begegnung und eine solche Begegnung könne ohne "wirkliches Sich-Kennenlernen" nicht zustandekommen. Und er stellte in diesem Wort Fragen an Christen und Juden: "Wieviele Christen wissen denn, dass in der Rangordnung der Fragen die Judenfrage hohen, ja höchsten Wert hat? Wieviele kennen die besondere Art des jüdischen Gottesdienstes, der jüdischen Gebete, Liturgien und musica sacra?" Und: Wieviele Juden wissen wirklich etwas von den echten christlichen Glaubensüberzeugungen? Von der Bedeutung des Alten Testaments für die Christenheit und von den entscheidenden Worten und Verheißungen, die gerade über Israel im Neuen Testament stehen?"

Maas - der Brückenbauer zwischen Deutschland und Israel


Der Staat Israel lud Hermann Maas 1949 als ersten Deutschen offiziell nach Israel ein. Die Einladung wurde vom Misrad ha datot, dem Amt für die Beziehungen des Staates Israel zu den nichtjüdischen Glaubensgemeinschaften und dem damaligen Religionsminister Rav Maimon ausgesprochen. Maas reiste sieben Wochen durch das Land von Süden bis Norden. Er besuchte Shave Zion, jene Siedlung, die von - aus Rexingen in Baden-Württemberg - geflüchteten Juden gegründet worden war. In Degania A traf Maas seinen Jugendfreund Dr. Eugen Neter und seine Frau. Neter war bis 1940 Kinderarzt in Mannheim gewesen, ging dann freiwillig nach Gurs und siedelte sich mit seiner Frau in Israel an. Weiter besuchte Maas die Familie Ruppin, Dr. Oppenheimer in Rehovot und Prof. Picard in Jerusalem. Er besuchte in Jerusalem neben Martin Buber den Philosophen Hugo Bergmann und den Pädagogen Ernst Simon. Seinem Besuch 1950 folgten weitere. Nach solchen Besuchen machte Maas in Büchern und Aufsätzen auf die besonderen Probleme des Staates Israel aufmerksam. Zu nennen sind Bücher wie "Skizzen von einer Fahrt nach Israel" (1950) und "Der Staat Israel. Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft" (1950) in denen Maas seine erste Reise nach Israel darstellte und reflektierte.

Das Problem des Friedens mit den Arabern


Bekannter wurde dann das 1955 publizierte Buch "Und will Rachels Kinder wiederbringen in das Land". Darin sprach Maas auch ein "todernstes Problem" an, das Problem "des Friedens mit den Arabern". Auch wenn für Maas das Lebensrecht des Staates Israel außer jedem Zweifel war, hatte für ihn dieser Friede einen hohen Stellenwert. Die Probleme waren für ihn nur friedlich zu lösen. Maas nahm die Anschläge auf beiden Seiten wahr. Besorgt schrieb er den Satz: "Jede Gewalttat herüber und hinüber kann Sturm sein, der die glimmenden Funken zu Flammen werden lässt, die einen Weltbrand bedeuten können" .

Frieden mit Deutschland


Seit 1950 schrieb Maas regelmäßig bis zu seinem Tod an seine jüdischen Freunde in Israel und in aller Welt Briefe zu Rosch Haschana. Darin stehen neben theologischen Betrachtungen Reflexionen zu Ereignissen der Zeitgeschichte. Immer wieder beklagt er antisemitische und antijudaistische Tendenzen in der Bundesrepublik. Maas wurde im Vorfeld der beginnenden deutsch-israelischen Verhandlungen Anfang der 50er Jahre mehrfach aktiv. Im größten Hörsaal der Heidelberger Universität hielt er im April 1952 einen Vortrag vor dem Internationalen Versöhnungsbund. "Der Friede mit Israel, Schicksalsfrage für Deutschland." Am 9.Juli 1952 sprach er beim "Council of Christians and Jews in London über "Germany and Peace with Israel" Angesichts der katastrophalen Ernähungssituation in Israel schrieb Maas an den ihm aus Heidelberg wohlbekannten Bundespräsidenten Theodor Heuss: "Ist nun nicht der Augenblick gekommen, in einem ganz konkreten Fall damit zu beginnen, Frieden mit Israel zu schließen... und einen Versand von Lebensmitteln nach Israel vorzunehmen." Heuss antworte Maas und betonte, er unterstütze ausdrücklich die Aufnahme von Beziehungen zu Israel, sehe aber auch große Schwierigkeiten. Bei Gesprächen mit Vertretern des Judentums in Deutschland würde "die Problematik des offiziellen Verkehrs sehr verschieden beurteilt".

"Der Friede liegt erst in weiter Ferne. Er wird vielleicht harte Bedingungen stellen. Wir müssen auch die hinnehmen und dazu auch einmal schweigen können. Die Aussöhnung aber ist eine Frage, die eigentlich nicht mehr in Menschenmacht steht."

Es war wohl Heuss, der anregte, dass Maas am 22. Januar 1952 - kurz zuvor hatte die Knesset mit einer knappen Mehrheit von 61 zu 50 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Deutschland beschlossen - vor der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft einen Vortrag zum Thema "Probleme des Staates Israel" halten konnte. Am Ende seiner Rede ging Maas auf einen möglichen deutschen Beitrag zur Versöhnung mit Israel ein. Er nannte zunächst die "Verwirklichung der Ankündigung im Bundestag des wirklichen Kampfes gegen den Antisemitismus". Dieser Kampf sollte vor allem in der Erziehung der Jugend seinen Platz haben. Für die kommenden Verhandlungen mit Israel waren nach Maas auf deutscher Seite "Menschen mit einem feinen Gehör", die die nötige Sensibilität für ihre israelischen Gesprächspartner aufbringen. Ziel sollte sein "formal geordnete Beziehungen zu diesem seltsamen Staat Israel. Das ist die erste Chance bei dieser Wiedergutmachung. Der Friede liegt erst in weiter Ferne. Er wird vielleicht harte Bedingungen stellen. Wir müssen auch die hinnehmen und dazu auch einmal schweigen können. Die Aussöhnung aber ist eine Frage, die eigentlich nicht mehr in Menschenmacht steht. Die kann nur ein anderer schaffen." Die Entwicklung ist dann doch ein wenig anders gekommen als sie Maas im Blick hatte. Noch 1952 wurden Verhandlungen zwischen Adenauer und Ben Gurion aufgenommen. Im September 1952 wurde in Luxemburg das Wiedergutmachungsabkommen abgeschlossen. Im Mai 1965 wurden dann zwischen der Bundesrepublik und Israel volle diplomatische Beziehungen aufgenommen. Mit seinen Initiativen hat Hermann Maas einen kleinen, aber wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass Beziehungen zwischen Israel und Deutschland möglich wurden.

Gerechter unter den Völkern


Hermann Maas wurde nach dem Krieg vielfach geehrt. Ganz besonders gefreut hat er sich wohl über Ehrungen von Israel. 1966 wurde ihm in der Israelischen Botschaft in Köln die Yad-Vashem-Medaille überreicht. Er trug von da an den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern". Asher Ben Nathan, der erste Botschafter Israels in der Bundesrepublik Deutschland sagte bei der Verleihung der Medaille: "Sie haben diejenigen als Ebenbild Gottes angesehen, die damals nicht als Menschen galten und Sie setzten dabei Ihr Leben aufs Spiel." Verbunden mit dieser Ehrung war, dass ihm zu Ehren in der Allee der Gerechten in Yad-Vashem ein Baum gepflanzt wurde. Er steht ziemlich am Anfang der Allee neben dem Baum, mit dem sein Freund Heinrich Grüber geehrt wurde, der Gründer und Leiter des sog. Büro Pfarrer Grüber. Besonders gefreut hat sich Maas, als ihm zu Ehren 1952 in Wingate Forest des Gilboa-Gebirges 457 Bäume gepflanzt wurden. 1965 ehrte Rehovot, die Partnerstadt Heidelbergs, Hermann Maas mit einer nach ihm benannten Straße.

"Dass die badische Landeskirche als eine der ersten Landeskirchen nach 1945 eine Erklärung zum Verhältnis von Juden und Christen verabschiedet hat, ist gewiss auch ein Verdienst von Hermann Maas. In dieser Erklärung heißt es, dass "wir betroffen die Mitverantwortung und Schuld der Christenheit in Deutschland am Holocaust" bekennen."

Die Erinnerung an Hermann Maas ist in Heidelberg und in seiner badischen Landeskirche durchaus lebendig. Vor einigen Jahren wurde eine Hermann Maas-Gesellschaft gegründet, die die Erinnerung an ihn lebendig erhält, jährlich auch einen Hermann Maas-Preis verleiht. Wir bemühen uns, durch geeignete Materialien Maas im Religionsunterricht und der Erwachsenenbildung bekannt zu machen. Dass die badische Landeskirche als eine der ersten Landeskirchen nach 1945 eine Erklärung zum Verhältnis von Juden und Christen verabschiedet hat, ist gewiss auch ein Verdienst von Hermann Maas. In dieser Erklärung heißt es, dass "wir betroffen die Mitverantwortung und Schuld der Christenheit in Deutschland am Holocaust" bekennen. Weiter stellt sich die Synode "der geschichtlichen Notwendigkeit aufgrund biblischer Einsicht ein neues Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk zu gewinnen."

         

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