Jerusalemer Tagebuch (10.05.05)
Ein Franziskaner aus Baden im Heiligen Land
Br. Gregor Geiger
Br. Gregor stammt aus Erfeld (Neckar-Odenwald-Kreis), ist Franziskaner und seit knapp sechs Jahren in Jerusalem. Die Franziskaner mit ihren braunen Kutten, den Sandalen und dem Strick mit den drei Knoten um den Bauch gehören zum Stadtbild Jerusalems. Als deutschsprachiger Franziskaner ist er dagegen eher ein Exot. Was macht ein Franziskaner dort? Wie kommt ein Deutscher zu den Franziskanern des Heiligen Landes? Und wie leben dort die Franziskaner?
Bruder Gregor über die Franziskaner in Israel:
Immer wieder erlebe ich folgende Situation: Ein kleines Grüppchen von deutschsprachigen Pilgern oder Touristen ist in den Gassen der Jerusalemer Altstadt unterwegs und unterhält sich über alles mögliche, unter anderem auch über diesen Franziskaner, der gerade vorbeikommt. Da man sich in einer fremden Sprache unterhält, braucht man ja nicht besonders vorsichtig sein mit dem, was man sagt. Und wie groß ist die Überraschung, wenn ich sie dann in ihrer Muttersprache anspreche. – Meistens sind es ja keine boshaften Kommentare, die ich da zu hören bekomme (und wenn doch, dann gebe ich mich in der Regel gar nicht zu erkennen, sondern denke mir meinen Teil und gehe weiter), sondern eher Ausdruck von Interesse oder Neugier. Wer ist dieser „Mönch“, und was macht der da?
Ich stamme aus dem nordbadischen Erfeld, dort wohnen heute noch meine Eltern, und dort habe ich selbst bis zum Abitur gewohnt, 1988 in Buchen/ Odenwald. Danach bin ich in den Franziskanerorden eingetreten, und zwar in der Bayerischen Provinz.
Der Franziskanerorden weltweit
Im Lauf der Geschichte gab es eine Reihe von Reformen, Abspaltungen oder Neugründungen, und heute bestehen die Franziskaner im wesentlichen aus drei Zweigen, den Franziskanern oder Observanten (OFM), den Kapuzinern (OFMCap) und den Konventualen oder Minoriten (OFMConv), auch „schwarze Franziskaner“ genannt aufgrund ihrer schwarzen Kutte. Unser weiblicher Zweig sind die Klarissen, die auf Klara von Assisi zurückgehen, einer Gefährtin von Franziskus (z.B. Kloster Ballbach bei Buchen). Dazu kommt dann noch die „Franziskanische Gemeinschaft“, ein loser Zusammenschluss von Frauen und Männern, die kein Ordensleben führen, aber im Geist des Franz von Assisi leben, sowie von einigen Ordensgemeinschaften, die nach der franziskanischen Lebensform leben (z.B. die Franziskanerinnen von Gengenbach).
Franziskus hat seine Gemeinschaft nicht auf konkrete Aufgaben festgelegt. Die Brüder sollten arm leben, für die Armen da sein und die Tätigkeiten ausüben, die in der Kirche gerade notwendig sind. Entsprechend vielfältig sind die Lebensformen und die Tätigkeitsfelder der Brüder in den verschiedenen Teilen der Welt.
Die Franziskaner in Deutschland
Zu den vier deutschen Provinzen gehören heute knapp 500 Brüder. Dazu kommen noch gut 100 Brüder aus ausländischen Provinzen, vor allem aus Polen und Kroatien. Fast genauso viele Brüder, die aus Deutschland stammen, leben im Ausland, vier davon im Heiligen Land. Die meisten Brüder in Deutschland arbeiten in der Seelsorge, betreuen Pfarreien oder Wallfahrtsorte. Ein großes Problem für die Brüder in Deutschland (und in den meisten westlichen Ländern) ist der Mangel an Nachwuchs.
Die Franziskaner im Heiligen Land
"Franziskus wollte „den Fußspuren Jesu folgen“ und trug das auch den Brüdern auf. Er selbst hat das durchaus auch wörtlich verstanden und sich aufgemacht zu einer Reise ins Heilige Land im Jahr 1219."
Für Franziskus war es wichtig, in Jesus Christus nicht nur den Gottessohn zu sehen, sondern auch den Menschen, und zwar gerade in seiner Armseligkeit, vor allem in der Krippe und am Kreuz. Hier wurde seine Frömmigkeit sehr konkret, aus der Sicht des modernen Menschen vielleicht auch naiv. So gilt er beispielsweise als Erfinder der Weihnachtskrippe: um sich das Geschehen in Betlehem besser vergegenwärtigen zu können, stellte er die Weihnachtsgeschichte bildlich dar, im Jahr 1223 in Greccio im Rieti-Tal, nordöstlich von Rom.
Er wollte „den Fußspuren Jesu folgen“ und trug das auch den Brüdern auf. Er selbst hat das durchaus auch wörtlich verstanden und sich aufgemacht zu einer Reise ins Heilige Land im Jahr 1219. Er kam in Akko an. Ob es ihm allerdings gelungen ist, nach Jerusalem zu reisen - wir befinden uns in den Wirren der Kreuzzüge -, ist ungewiss; die alten Quellen schweigen darüber. Aber ein anderes Ereignis dieser Pilgerreise sollte richtungsweisend werden für die weitere Geschichte der Franziskaner im Heiligen Land: Franziskus macht sich auf nach Damiette bei Kairo. Dort lagen sich die Heere der Kreuzfahrer und des Sultans gegenüber. Franziskus durchschreitet die feindlichen Reihen und will den Sultan zum Christentum bekehren. Das gelingt ihm natürlich nicht, aber der Sultan ist beeindruckt von diesem einfachen, unbewaffneten Mann und entlässt ihn in Frieden.
Hüter der heiligen Stätten
Ein schwerer Verlust war die Vertreibung aus dem Abendmahlssaal und die Verwandlung dieses Heiligtums in eine Moschee, im Jahr 1551. Zunächst fanden die Brüder Zuflucht bei den Armeniern, wenig später konnten sie von den Georgiern ein Kloster erwerben. Sie nannten es St. Salvator (Heiland). Dieses ist bis heute das Hauptkloster der Franziskaner des Hl. Landes. Es liegt im christlichen Viertel in der Jerusalemer Altstadt, beim Neuen Tor. Sein schwarzer spitzer Kirchturm überragt die Silhouette der Altstadt.
"Neben den Heiligen Stätten wurde schon bald die Sorge für die christliche Bevölkerung des Landes zur wichtigen Aufgabe, sowohl die Seelsorge als auch umfassendere soziale Aktivitäten. Dies ist besonders gegenwärtig wichtig, um zu vermeiden, dass immer mehr Christen das Land verlassen."
Die Kustodie des Heiligen Landes umfasst heute die Länder des Nahen Ostens Israel/Palästina, Jordanien, Syrien, den Libanon, Zypern sowie die Insel Rhodos. Die Brüder in Ägypten bilden seit Mitte der 90er Jahre eine selbständige Provinz. Ca. 340 Brüder gehören zur Kustodie, davon leben etwa 150 in Jerusalem und 70 sonst im Hl. Land. Sie leben in 68 Konventen, davon 30 im Hl. Land. Unsere Hauptaufgabe ist nach wie vor die Betreuung der Heiligen Stätten und der Pilger, die hierherkommen: 58 große und kleine Heiligtümer werden von den Franziskanern betreut, an sechs teilen wir uns die Betreuung mit anderen Konfessionen/ Religionen. Neben den Heiligen Stätten wurde schon bald die Sorge für die christliche Bevölkerung des Landes zur wichtigen Aufgabe, sowohl die Seelsorge (in heute 26 Pfarreien) als auch umfassendere soziale Aktivitäten, vor allem durch 15 Schulen, 2 Kinderheime, 2 Altenheime, 10 Armenapotheken, Sozialwohnungen, Werkstätten oder durch Studienstipendien. Dies ist besonders gegenwärtig wichtig, um zu vermeiden, dass immer mehr Christen das Land verlassen. Zu den sozialen Aktivitäten kommen kulturelle, wie das Studium Biblicum (s. u.), das Pilgrims Office und Christian Information Centre (am Jaffator), die Zeitschrift „Im Land des Herrn“ in Italienisch, Englisch, Spanisch, Französisch und Arabisch (deutsche Ausgabe von München aus), die Musikschule Magnificat (in St. Salvator) oder die Druckerei (Franciscan Printing Press).
Die Franziskaner des Hl. Landes sind eine internationale Gemeinschaft. Die Heiligtümer sind Ziel von Pilgern und Touristen aus der ganzen Welt, daher kommen auch die Brüder, die hier Dienst tun, aus den verschiedensten Teilen der Welt, aus ca. 35 Staaten. Manche treten gleich bei den Franziskanern des Hl. Landes ein, die meisten (auch ich) sind aber von den anderen Provinzen des Ordens hierher entsandt. Die größte Nationalität der Kustodie sind traditionell die Italiener, auch die gemeinsame Sprache der hiesigen Franziskaner ist Italienisch. Gegenwärtig kommen viele Brüder aus Polen und immer mehr aus Lateinamerika. Erfreulich ist, dass eine ganze Reihe Einheimischer in unsere Gemeinschaft eintritt, so das die Seelsorge an den einheimischen Gemeinden inzwischen fast ganz von Landsleuten geleistet werden kann.
Das Studium Biblicum Franciscanum
Dort werden biblische Wissenschaften unterrichtet im weiteren Sinne, also auch Theologie, Geschichte, biblische Sprachen oder Judaistik. Seit der Gründung ist die Archäologie ein Schwerpunkt unseres Instituts, und gegenwärtig führen wir Ausgrabungen durch, vor allem in Kafarnaum und in Umm ar-Rassas (Jordanien). Das Institut ist der franziskanischen Hochschule Antonianum in Rom angegliedert, die im Februar dieses Jahres zur Universität erhoben wurde. Damit sind unsere Abschlüsse (bis zum Doktorat) weltweit anerkannt. Am Bibelstudium unterrichten etwa 15 Dozenten (fast alle Franziskaner) und studieren etwa 70 Studierende (ungefähr ein Viertel davon Franziskaner). Dazu kommen dann noch knapp 40 Theologiestudenten in St. Salvator. Das Studium Biblicum hat ein archäologisches Museum und eine wissenschaftliche Bibliothek. Die Unterrichtssprache ist Italienisch.
Auch meine Hauptaufgabe in Jerusalem ist dort: Ich unterrichte als Assistent Hebräisch und Aramäisch und bereite mich auf meine ordentliche Lehrtätigkeit vor durch ein Promotionsstudium an der Hebräischen Universität Jerusalem im Fach Hebräisch.
"Ob ich nicht manchmal Heimweh hätte nach Deutschland, werde ich immer wieder gefragt. Natürlich habe ich das manchmal, aber wenn ich in Deutschland bin, habe ich genauso „Heimweh“ nach Jerusalem."
Ob ich nicht manchmal Heimweh hätte nach Deutschland, werde ich immer wieder gefragt. Natürlich habe ich das manchmal, aber wenn ich in Deutschland bin, habe ich genauso „Heimweh“ nach Jerusalem. Ich pflege Kontakte in die Heimat, ich habe hier ziemlich viel zu tun, entweder mit Deutschen, die hier leben, oder mit solchen, die als Pilger oder Besucher ins Land kommen. Jedes Jahr im Sommer bin ich in Deutschland, mache Ferienvertretung für meine Mitbrüder (meistens als Krankenhausseelsorger in München) und besuche natürlich auch meine Heimat!
Grüße aus dem Heiligen Land – Gregor Geiger, Franziskaner, Jerusalem
„Erbittet für Jerusalem Frieden!“ (Ps 122,6)








