Jerusalemer Tagebuch (26.04.05)
Haarspaltereien
Viele gläubige Hindus in Indien lassen sich mehrmals im Leben den Kopf kahlrasieren. Das geopferte Haar ist Grundlage für Perücken. Dies hat unter der orthodoxen Bevölkerung Israels eine hitzige Debatte ausgelöst. Die Regeln besagen nämlich, dass verheiratete Frauen ihr Haar in der Öffentlichkeit nicht zeigen dürfen. Aus diesem Grund tragen sie Perücken - und zwar aus Echthaar, weil diese angenehmer zu tragen sind als aus synthetischem Haar hergestellte. Nun aber war Rabbi Yosef Shalom Elyashiv zu Ohren gekommen, dass ebendiese Haare im Zusammenhang mit Tempelopfern gesammelt werden. Und das ist aus jüdischer Sicht Götzendienst...
Etwa 50.000 Pilger besuchen den Hindu Tempel in Tirupati im indischen Bundesstaat Andra Pradesh - täglich.
Wer nicht wohlhabend genug ist für eine Opfergabe oder ein Gelübde getan hat, lenkt seine Schritte zu einem der dortigen Friseure. Immerhin rund 600 davon gibt es im Tempel, der durch den Verkauf des gespendeten Haares über 4 Millionen Dollar pro Jahr einnimmt.
Die Frage, die sich nun aus jüdischer Sicht stellt ist, ob das Haarescheren selbst schon zum heidnischen Ritual gehört oder nur einen Akt der Vorbereitung auf die Anbetung darstellt. Oder anders formuliert: was mag wohl in den Köpfen des Friseurs und des Geschorenen vorgehen?
Haarige Entscheidungen waren zu treffen, denn die Unsicherheit hatte das Kaufverhalten der frommen Klientel bereits beeinflusst. Listen von Läden und Sheitel-Machern, die Perücken aus indischem Haar vertrieben und fertigten, kursierten und manche Frauen trugen sicherheitshalber gleich gar keine Perücke mehr.
Auch ein Präzedenzurteil von Rabbi Yisroel Belsky aus den USA brachte wenig Sicherheit, da er kein Verbot ausgesprochen hatte.
Haariges Urteil und Perücken-Panik
Nun endlich aber hatten Rabbiner nach mehrjähriger Prüfung und ausgiebigen Beratungen ein halachisches (religiöses) Urteil gefällt, wonach fromme jüdische Frauen keine Perücken tragen dürften, die mit natürlichem Menschenhaar aus Indien hergestellt worden seien. Für fromme Jüdinnen bedeutet dieser Beschluss eine unerträgliche Ausgabe und eine umgehende Änderung ihrer Gewohnheiten.Denn nun müssen erst einmal neue, koschere Perücken her. Zur Überbrückung gibt es Kunsthaar oder die Frauen müssen ihre altmodischen Hüte und Kopftücher aus dem Kleiderschrank hervorholen.
Ganz besonders fromme Frauen rasieren ohnehin den Schädel und bedecken ihn mit einem dünnen Kopftuch.
In Bnei Brak und Mea Schearim, den beiden orthodoxen Hochburgen in Israel, brach erst einmal eine Perücken-Panik aus. Noch nie mussten am Samstag Abend, nach Sabbat Ausgang, die Hutläden öffnen, um dem Ansturm Herr zu werden.
"Eine Perücke hält etwa zwei Jahre. Im ärmlichen Bnei Brak bei Tel Aviv, wo viele Frauen zehn und mehr Kinder großziehen, bedeutet der Richtspruch der Rabbiner somit eine gesellschaftliche Katastrophe."
Perücken aus Kunsthaar sind schon für umgerechnet 40 Euro zu haben.
In weiten Kreisen beliebte Perücken aus indischem Menschenhaar kosten immerhin um die 500 Euro, während nur wirklich reiche Frauen sich die fast tausend Euro teuren Perücken aus europäischem Menschenhaar leisten können.
Eine Perücke hält etwa zwei Jahre. Im ärmlichen Bnei Brak bei Tel Aviv, wo viele Frauen zehn und mehr Kinder großziehen, bedeutet der Richtspruch der Rabbiner somit eine gesellschaftliche Katastrophe.
Die hinduistischen Autoritäten haben inzwischen reagiert: Die „Hindu Vereinigung für religiöse Inder“ - „Hindu Association for Indians who are religious“, sinnigerweise HAIR abgekürzt, brachte wichtige Politiker dazu, ihre Unterschrift unter eine Erklärung zu setzen, die Handel mit Salons verbietet, die ihrerseits an jüdisch-orthodoxe Perückenmacher liefern.
Die Tempelstiftung in Tirupati ficht das nicht an, ein Umsatzrückgang sei nicht festzustellen, heisst es dort.
Und die orthodoxen Perückenmacher sind auf Haar aus Singapur oder China umgestiegen, das ist qualitativ zwar nicht ganz so hochwertig, dafür aber billiger.
Quellen:
Der Überblick 4/2004: S.61-64
KNA, Ulrich Sahm: Perückenpanik im Heiligen Land








