Jerusalemer Tagebuch (08.04.05)

 

"Wir werden uns nach ihm sehnen" - Stimmen aus Israel und Palästina zum Tod von Johannes Paul II.

Begegnung statt Konfrontation - Treffen verfeindeter Staaten während des Papstrequiems in Rom
- Eine Unterbrechung von Ulrich Sahm, KNA, aus aktuellem Anlass - 

"Der zweite Kanal des israelischen Fernsehens bemerkte, dass die Staatsgäste alphabetisch entsprechend dem französischen Namen ihrer Länder gesetzt worden sind. Gemäß dieser Reihenfolge müssten die Delegationen von Iran, Irak und Israel nebeneinander sitzen. Doch im Vatikan hatte man dafür gesorgt, dass weder die amerikanische noch die israelische Delegation dem Präsidenten Assad von Syrien oder Präsident Mohammad Khatami aus Iran zu nahe kommen.
Der israelische Staatspräsident Mosche Katzav und Syriens Präsident Baschar Assad haben zweimal die Hände geschüttelt, als sie sich beim Begräbnis des Papstes begegneten. Das zweite Mal initiierte der syrische Präsident nach der Totenzeremonie.
Eine weitere Begegnung von Erzfeinden führte den aus dem Iran stammenden israelischen Staatspräsidenten mit Irans Präsident Khatemi zusammen. Wie der israelische Rundfunk berichtete, unterhielten sie die Präsidenten dieser beiden zutiefst verfeindeten Länder auf Persisch. Das Thema war die Stadt Jezd. Katzav wie Khatemi sind in Jezd geboren."



Stimmen aus Israel zum Tode des Papstes - gesammelt von Ulrich Sahm, KNA

 

Außenminister Silvan Schalom sagte im israelischen Rundfunk:


"Der Papst hatte eine ganz persönliche Beziehung zum Judentum und zum Staat Israel. Als ich ihn traf, hat er sich ganz besonders dafür interessiert, wie man denn Frieden im Heiligen Land machen könne. Er hat Dinge festgelegt und bewegt, die nicht mehr umgeworfen werden können. Ich hoffe, dass sein Nachfolger daran anknüpfen wird."
Gegenüber der Zeitung Jedijot Achronot äusserte Schalom: "Das ist ein großer Verlust, an erster Stelle für die Millionen Gläubigen, aber auch für die ganze Menschheit. Der Staat Israel schließt sich jenen an, die seinen Weggang betrauern."
 

 

Der stellvertretende Ministerpräsident Schimon Peres meinte:


"Der Papst war ein echter geistiger Führer, dessen Einfluss weit über seine Gemeinde hinweg reichte. In seiner Persönlichkeit vereinte er die vornehmsten Eigenschaften, die alle Menschheit einigt. Wir werden ihn stets als einen der großen Führer des vorigen und des jetzigen Jahrhunderts in Erinnerung behalten."

Historiker Benjamin Har Segor, war an den Verhandlungen mit dem Vatikan beteiligt:

 

"Ich habe ihn getroffen, als er noch gesund war. Er strahlte unvergessliche Kraft aus. Er war ein großer, starker Mann, mit sehr menschlichen Umgehensformen. Ich ahnte damals schon seine Bedeutung für die Beziehungen mit dem Staat Israel. Er wollte eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel und verlangte Verpflichtungen Israels, den Status der kirchlichen Einrichtungen zu regeln. Die Verhandlungen gehen bis heute weiter und sind ganz objektiv sehr schwierig, weil der Vatikan sich auf Gesetze des Osmanen und politische Versprechen Israels beruft. Das alles muss jetzt in moderne Vertragssprache übersetzt werden." 

 

Der franziskanische Custos Pierre Battista sagte auf Hebräisch im Rundfunk:

"Der Papst hat Schritte getan, die nicht mehr umgestoßen werden können, wie etwa sein Besuch in der Synagoge in Rom oder seine Gesten während seines Besuches im Heiligen Land.

 

Guy Bechor, israelischer Arabienexperte:


"Als der Papst kam, gab es noch die UDSSR, es gab keine islamische Gemeinden in Europa und in der arabischen Welt blühten noch die christlichen Gemeinschaften. Inzwischen erleben wir einen Niedergang des Christentums in Europa, während die christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten langsam verschwinden. Da ist der Papst gescheitert.
Der Papst hat ein Dutzend islamische Länder besucht und immer den Dialog gesucht, anstatt auch die Stellung und Forderungen der christlichen Kirche klar zu machen."



 

Der schiitisch-islamische Professor für öffentliches Recht an der Universität Istanbul, Hüseyin Hatemi, sagte schon 2001 in einem Fernsehinterview:


"Es gibt keinen Menschen in der westlichen Welt, der dem Islam einen größeren Dienst geleistet hätte, wie der Papst."
Da gab es den Streit um die Moschee in Nazareth. Die Kirche interessierte sich aber nur für die Monumente und nicht für die Menschen. (siehe auch Jerusalemer Tagebuch vom 12.06.02)
Europa ist heute weltlicher und muslimischer, als es jemals war. Da hat der Papst nicht richtig Stellung bezogen, wobei man sich fragt, ob er sich diesen Strömungen überhaupt entgegenstellen konnte. Wegen seines Wunsches, sich mit allen gut zu stellen, hat er gesellschaftlich und politisch im Nahen Osten keine klare Linie gezeigt und deshalb scheiterte er, die Stellung der Kirche zu festigen. Während in Europa das Christentum in einer weltlichen Umgebung an Bedeutung verliert, ist es ihm gelungen, in der Dritten Welt große Erfolge für die Ausbreitung des Katholizismus zu verzeichnen".

 

Jassir Abed Rabbo, Palästinensischer Informationsminister:


"Wir bedauern sein Ausscheiden. Er hat viel Mitgefühl für das Leiden des palästinensischen Volkes gezeigt. Wir werden uns nach ihm sehnen."
 
In Israel leben Menschen, die den Papst schon als Kinder kennen gelernt haben. Auch sie äußern sich in den Medien:

Cecilia Berkowitz, 80, stammt aus dem Geburtsort des Papstes in Polen, Vadowice. Sie lebt heute in Haifa. Als der Papst im Jahr 2000 ins Heilige Land kam, traf sie ihn in Yad Vaschem und sprach kurz mit ihm:
"Er schüttelte jedem von uns die Hand und war sichtlich aufgewühlt. Ich werde ihm stets dafür danken, Juden und Christen einander näher gebracht zu haben."

Jossi Bienenstock, 85, hat mit Karol Wojtyla die erste Klasse in der Schule besucht. In Jedijot Achronot veröffentlichte er einen Abschiedsbrief:
"Karol, du warst mein bester Freund. Du kamst aus einer frommen katholischen Familie. Das hinderte dich nicht daran, Freundschaften mit Deinen jüdischen Mitschülern zu schließen. Du warst ein glänzender Schüler und ich habe bei Dir abgeschrieben. Ich wusste, dass du besser warst als ich. Auch als du älter wurdest, hattest du weiterhin jüdische Freunde. Ich weiß sogar von jüdischen Freundinnen, die du hattest, aber du hast beschlossen, in die Kirche zu gehen. Aber trotzdem hast du immer Kontakt gehalten, auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Du hast Briefe geschrieben und für einen Grabstein für meinen Bruder gesorgt. Der ist nach der Schoah in unser Dorf zurückgekehrt und kurz darauf gestorben. Aus tiefem Herzen danke ich Dir."

Krischer Roman aus Tel Aviv bewahrt in einer Ecke neben der Eingangstür seiner bescheidenen Wohnung Skibretter der Marke "Extra" aus dem Jahr 1937.
"Das ist mein Talisman. Damit sind wir zusammen in den Bergen Ski gefahren", erzählt der 80 Jahre alte Sportler. Bei einem Ski-Wettbewerb sei "Karol" deutlich besser gewesen als er. Und wenn bei der jüdischen Fußballmannschaft beim Kampf gegen die katholische Mannschaft ein Spieler ausfiel, sprang Karol als "Torwart der jüdischen Mannschaft" ein.

Edith Zierer aus Haifa war 15 Jahre alt, als sie verhungert und fast erfroren auf einem Bahnhof in Polen hockte, kurz nachdem sie als "Skelett" aus dem Konzentrationslager freigelassen worden war. Es war im Januar 1945. Ein junger Priester kam und brachte ihr Brot. Er fragte sie nach ihrem Namen. "Er war der erste nach vielen Jahren, der mich wieder beim Namen nannte und nicht als Nummer", erinnert sich Edith Zierer. Der junge Priester hüllte sie in seinen schwarzen Mantel und trug sie zehn Kilometer weit auf dem Rücken bis nach Warschau. Er hieß Karol Jozef Wojtyla.

 

Auch Oberrabbiner Israel Meir Lau erinnert sich:


Oberrabbiner Israel Meir Lau war als erster Oberrabbiner Israels in den Vatikan eingeladen. Aber wegen der vielen Heiligenfiguren bat der Oberrabbiner darum, den Papst in seinem Sommersitz Castel Gondolfo treffen zu dürfen. "In dem Flur auf dem Weg zum Büro des Papstes stehen normalerweise lauter Heiligenfiguren auf Sockeln. Die sind mir zu Ehren alle entfernt worden. An deren Stelle stand auf jedem Sockel nun ein lebender Schweizer Gardist. Das zeigt, wie einfühlsam der Papst war." Bei dem Gespräch stellte sich heraus, dass der ehemalige Oberrabbiner und der Papst sich schon einmal begegnet sein könnten. "Ich erinnere mich gut an Deinen Großvater, den Rabbi Fränkel von Krakau", erzählte Lau am Mittag im Rundfunk. "Ich bin oft in die Synagoge gekommen. Dein Großvater war immer umringt von seinen Enkelkindern", gibt Lau den Papst wieder. Einer der Enkel war Lau selber, der als Kind den Holocaust überlebt hat und von einem Priester gerettet worden ist. Der Papst habe daraufhin gefragt, wie viele Enkel der Rabbi Fränkel gehabt habe: 47. Und dann fragt er, wie viele von ihnen die Schoah überlebt hätten: fünf.
Weiter berichtete Lau aus eigener Kenntnis und unter Nennung von Namen von Waisenkindern, die die Schoah überlebt haben, dass der Papst sich strikt geweigert habe, jüdische Kinder taufen zu lassen, auch wenn sie von Priestern in Kirchen gerettet worden seien.

Der aschkenasische und der sephardische Oberrabbiner Israels werden aus "technischen Gründen" nicht am Papstbegräbnis teilnehmen können und stattdessen die Generaldirektoren ihrer Ämter nach Rom schicken.

 

Achinoam Nini singt ein letztes Mal für den Papst


Die israelische Sängerin Achinoam Nini war schon fünf Mal in den Vatikan eingeladen worden, um vor dem Papst "Ave Maria" zu singen. Jetzt wurde sie vom italienischen Fernsehen als einzige Künstlerin eingeladen, während der Übertragung der Beisetzung des erneut aufzutreten und wieder "Ave Maria" zu singen. "Ich bin ganz aufgeregt. Viele Künstler sind in Anwesenheit des Papstes aufgetreten. Warum wurde ausgerechnet ich ausgewählt, wieder zu singen?" äußerte sie gegenüber der Zeitung Jedijot Achronot.

"Ich werde als Vertreterin Israels und des jüdischen Volkes nach Rom fliegen, und dem Papst die Ehre erweisen für das, was er für Israel und die Juden getan hat. Ich empfinde da eine große Verantwortung." Achinoam Nini stammt aus einer jemenitisch-jüdischen Familie und ist zeitweilig in New York aufgewachsen, so sie auch ihre musikalische Ausbildung erhielt. Sie ist eine der populärsten israelischen Popsängerinnen. 1994 ist sie zum ersten Mal im Vatikan aufgetreten, kurz nachdem der Vatikan und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen haben. "Jedes Mal, wenn ich vor ihm gesungen habe, betonte er mir gegenüber, wie sehr er das jüdische Volk liebe", erinnert sich Nini. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemals wieder einen Papst geben wird, der so gut für die Juden ist."

Nini befand sich auf einer Tour durch Italien, in Rimini, am vergangenen Samstag. "Ich sang als Zugabe das Ave Maria und empfand einen Schmerz im Herzen. Als ich das Lied, das der Papst so sehr mochte, gerade beendet hatte, bemerkte ich, wie es unter den Zuschauern tuschelte, wie die Menschen plötzlich Tränen in den Augen hatten. Und so erfuhr ich, dass der Papst in dem Augenblick gestorben war." 
 
Zusammengestellung: Ulrich Sahm, KNA; ausgewählt von Rüdiger Scholz

       

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