Jerusalemer Tagebuch (29.03.05)
Erinnerungen an Jaffa - Rückblick des Propstsohnes Dr. Christoph Rhein
Die alte Propstei
Lutherstube
Wohnzimmer
40 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel prägen das Jahr 2005 hierzulande mit vielen Veranstaltungen. Im März wurde im Festsaal der Himmelfahrtkirche die Ausstellung "Deutsche im Heiligen Land - Der deutsche Beitrag zum kulturellen Wandel in Palästina" eröffnet, denn die deutsche Geschichte im Land reicht weiter zurück als 40 Jahre.
Ein Zeitzeuge ist Dr. Christoph Rhein, ehemaliger Vorsitzender des Jerusalemsvereines und Propstsohn. Er erinnert sich an eine glückliche Kindheit in einem fremden Land:
Mich erinnern? 70 Jahre später? Ich weiß nicht. Meine Welt als jüngstes Propstkind war doch Jerusalem.
Jaffa nur ganz am Rande. Es sind Splitter, die ich noch zusammenkriege. Der Strand, der Pfarrer und seine Frau, eine Familie. Mehr eigentlich nicht. Schon beim Pfarrer werde ich unsicher. War er nun in Jaffa oder in Haifa, der Pastor von Oertzen? Denn an ihn erinnere ich mich am besten. Mit seiner Frau Julie (französisch ausgesprochen) war er häufig bei uns zu Gast. Groß, ernst, stets im Lutherrock, mit einem mächtigen weißen Vollbart. Auf dem Kopf trug er ein Käppchen. Keine Kippa, sondern ein zylindrisches Gebilde, 4 oder 5 cm hoch. Nur zum Tischgebet nahm er es ab. Pastor von Oertzen, eine Respekt und bei mir durchaus auch etwas Furcht einflößende Erscheinung. Ganz anders dagegen seine Frau Julie, die Liebenswürdigkeit in Person, mit meiner Mutter befreundet. Sie war etwas rundlich, trug bodenlange, altmodische, aber sehr elegante Kleider und um den Hals stets ein Band aus schwarzem Samt. Ich mochte sie gern, weil sie so freundlich war und sich auch für meine Welt interessierte, fast wie eine Großmutter. Wenn ich mir das Foto der Konfirmation meines Bruders ansehe, denke ich, dass diese vornehme Frau wohl auch die Klügere von beiden Eheleuten war.
Strenge Pastoren und Strandausflüge
Eine Begebenheit, die ich mit dem strengen Pastor verbinde, habe ich wohl aus späteren Erzählungen. Mein zweitältester Bruder Arnold erwog damals, Pfarrer zu werden. Pastor von Oertzen soll dann bei einem Besuch eine Art Glaubensprüfung mit ihm angestellt haben. Ob er denn auch fromm genug sei. Jedenfalls ließ mein Bruder wohl schon damals den Gedanken an den Beruf des Pfarrers fallen.
"Am liebsten denke ich an den Strand. Wenn Zeit für einen Tagesausflug war, fuhren wir zum Baden nicht ans Tote Meer, sondern nach Jaffa. Das Baden im Mittelmeer ist natürlich viel erfrischender, der feine Sand herrlich zum Spielen. Und im Hintergrund die gepflegte, lebendige Stadt mit den vielen arabischen Cafés und Restaurants."
Am liebsten denke ich an den Strand. Wenn Zeit für einen Tagesausflug war, fuhren wir zum Baden nicht ans Tote Meer, sondern nach Jaffa. Das Baden im Mittelmeer ist natürlich viel erfrischender, der feine Sand herrlich zum Spielen. Und im Hintergrund die gepflegte, lebendige Stadt mit den vielen arabischen Cafés und Restaurants. Aber der Strand ist in meiner Erinnerung auch verbunden mit einer Familie aus Jaffa, der des Arztes Dr. Rubitschung. Auf einem Foto in meinem Kinderalbum sind sie bei uns in der früheren Propstei zu Besuch. Ein Gruppenbild vor dem blühenden, bis ins Hauptgeschoss reichenden Rosenstrauch. Der schmale dunkelhaarige Dr. Rubitschung neben meinem Vater und einem mir unbekannten Herrn, die beiden Mütter sitzend davor, drei Töchter neben ihnen, ihr strohblonder Sohn und ich im Schneidersitz davor. Beim Versuch, mich deutlicher zu erinnern, fällt mir ein, dass mir vor Jahren eine Rubitschung-Tochter aus Australien geschrieben hat. Als Vorsitzendem des Jerusalemvereins, aber auch persönlich.
Eigentlich müsste ich den Brief noch haben, aber wo? In den Jerusalem-Akten finde ich ihn nicht. Bei der Korrespondenz? Aber unter welchem Buchstaben soll ich suchen? Ich kann mich an ihren Namen nicht erinnern. Und dann der Glücksmoment. Mir fällt der Ordner "Bekannte unalphabetisch" ein. Und tatsächlich, da liegt der Brief. Hier ist er:
Post aus Australien
27. März 1998
Lieber Dr. Rhein!
Sie werden sicher überrascht sein, von mir Post aus Australien zu bekommen. Wir kannten uns als Kinder für kurze Zeit, und das kam daher, dass meine Eltern, Dr. Otto Rubitschung u. meine Mutter Rosa damals in freundschaftlicher Verbindung mit Ihren Eltern standen...
Der Anlass meines Schreibens ist zweifach:
Erstens hatte meine Mutter das Heft "Im Lande der Bibel" bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren (sie wurde fast 96 Jahre alt) bezogen... Nun möchte ich eine Spende von 100 DM im Namen meiner Mutter machen und das Heft abbestellen. Ich habe es immer gerne gelesen und auch weitergeleitet.
Zweitens wurde ich kürzlich aufgefordert, einen schriftlichen Beitrag zu einem Heft zu machen und meine Erinnerungen an den Südstrand bei Jaffa aufzuschreiben. Da schaute ich mir unsere alten Fotoalben an und stieß auf zwei nette Bilder, das eine war von 1934 beschriftet und das andere könnte von 1935 her stammen, wo Sie, Christoph, auf dem Mäuerle neben mir am Südstrand saßen. Ich glaube, Sie waren damals unser Gast für ein bis zwei Wochen.
"Wir sind im Juli 1941 mit den meisten Templern und andern Deutschen nach Australien ins Internierungslager abtransportiert worden und wurden dann ab 1946 entlassen. Die meisten Familien zogen vor, im Lande zu bleiben."
Das waren immerhin schöne Zeiten für uns Kinder, nicht wahr? Wir sind im Juli 1941 mit den meisten Templern und andern Deutschen nach Australien ins Internierungslager abtransportiert worden und wurden dann ab 1946 entlassen. Die meisten Familien zogen vor, im Lande zu bleiben. Mit meinem verehrten Pfarrer, Pastor Hermann Schneller, der nach Deutschland zurückkehrte, korrespondierte ich bis zu seinem Tode 1993. Ich war nur einmal zurück in Palästina 1980, wo wir all die alten deutschen Siedlungen bereisten und auch in Jerusalem verweilten. Auf der deutschen Kolonie in Jaffa stand nur noch als einzig schöner Bau unsre Immanuelkirche. Die anderen Häuser waren verwahrlost und baufällig...
Allerherzlichst grüßt Sie
Ihre Gisela Hoffmann geb. Rubitschung
Ja, Gisela hieß sie. Mit einer Karte im Juli '98 schickte sie mir den genannten Aufsatz "Südstrandidyll". Leider kann ich ihn nicht mehr finden. Aber ihr Brief und 4 Fotos in meinem Album lassen vieles wieder lebendig werden. 7 Kinder auf dem Mäuerchen, ich neben Gisela. Auf einem andern die drei Töchter beim Schuppen von Fischen für das Abendessen, und schließlich ein Gruppenbild mit 21 Kindern und Jugendlichen. Es waren viele befreundete Familien, die gleichzeitig in mehreren Strandhäusern Ferien machten. Die Kinder waren vertraut miteinander. Ich fühlte mich schon ein bisschen als Außenseiter. Viele der anderen Jungen waren stärker als ich. Vor allem aber, und das spüre ich noch wie heute, alle waren sie Schwaben und schwätzten Schwäbisch. Irgendwie kam ich mir mit meinem Hochdeutsch vor wie ein Nackter zwischen lauter bunt Gekleideten. Neben dem farbigen und kräftigen Schwäbisch wirkte mein Deutsch farblos und blass. Das war nicht schön.
"Wenige Splitter. Liebe Erinnerungen. Ich denke mit Trauer an all das, was dann geschah.
Aber in mir lebt eine tiefe Hoffnung auf Frieden für alle Menschen in dem wunderschönen Land zwischen Jordan und Mittelmeer, dem geliebten Land meiner Kindheit."
Schön waren aber das Singen, die Spiele, die Abenteuer, in die ich mit hinein genommen wurde. Das Beste: das "Karawanenlaufen". Ständig kamen ja kleine Karawanen mit drei oder vier Kamelen den Strand entlang. Die Aufgabe war, zwischen ihren Beinen hindurch auf die andere Seite zu flitzen. Was passieren konnte, war, dass man einen Stoß mit dem weichen Huf bekam und in den Sand fiel. Nicht schlimm, aber ein bisschen aufregend schon. Wenige Splitter. Liebe Erinnerungen. Ich denke mit Trauer an all das, was dann geschah.
Aber in mir lebt eine tiefe Hoffnung auf Frieden für alle Menschen in dem wunderschönen Land zwischen Jordan und Mittelmeer, dem geliebten Land meiner Kindheit.
Aus: Gemeindebrief der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde an der Erlöserkriche Jerusalem, September bis November 2004
Bilder: die Bilder zeigen die alte Propstei im heutigen Westjerusalem vor dem ersten Weltkrieg;
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