Jerusalemer Tagebuch (23.03.05)
Die Via Dolorosa in Jerusalem – in der Karwoche der wichtigste Ort der Christenheit
auf dem Weg zum Ölberg
"Solange kein Friede ist, können wir nicht feiern", sagte in der Via Dolorosa ein palästinensischer Christ im mittleren Alter beim Durchzug einer italienischen Pilgergruppe. "Aber Karfreitag ist anders", fuhr er fort, "da gedenken wir des Leidens Jesu. Das ist kein Feiern, das ist unser Alltag."
von Michal Krupp, epd
Einmal im Jahr wird die winklige, an beiden Seiten mit hohen Mauern umgebene Gasse in der Altstadt von Jerusalem zum Zentrum der christlichen Welt, in der Karwoche mit dem Höhepunkt am Karfreitag: die Via Dolorosa. Sie zieht sich durch die halbe Stadt. Sie beginnt im moslemischen Viertel und endet im christlichen, in der Grabeskirche. Neben vielen Geschäften und Läden liegen auch zahlreiche Kapellen und Kirchen an dem geplasterten Weg mit vielen Stufen entlang der vierzehn Stationen, die die frommen Pilger aus aller Welt passieren, beladen mit schweren Kreuzen. Angeführt von ihren Geistlichen, singend und betend, ziehen Gruppe für Gruppe, jede in ihrer Sprache, den Weg entlang, den nach der Tradition Jesus zu seiner Hinrichtung auf dem Berg Golgatha gezogen ist.
"Der historische Weg, den Jesus beschritten haben mag, liegt tiefer und ist vom Müll der Jahrhunderte bei der mehrfachen Zerstörung der Stadt verschüttet worden."
Den Verlauf haben die Kreuzfahrer auf Grund von alten Traditionen festgelegt und die Franziskaner haben sie im 16. Jahrhundert erneuert, nachdem Christen wieder öffentlich durch die Stadt ziehen durften. Der historische Weg, den Jesus beschritten haben mag, liegt tiefer und ist vom Müll der Jahrhunderte bei der mehrfachen Zerstörung der Stadt verschüttet worden. Ausgrabungen an einigen Stellen haben zum Teil 20 m unter dem heutigen Weg das originale Pflaster aus römischer Zeit wieder ans Tageslicht gebracht, das Jesu Füße berührt haben mögen.
Wie genau der letzte Leidensweg Jesu verlaufen sein mag, ist heute nicht mehr festzutellen. Ausgangspunkt und Ziel aber sind wahrscheinlich historisch korrekt, die Burg Antonia, in der Jesus von Pontius Pilatus zum Tode verurteilt wurde, und der Berg Golgatha, die alten Hinrichtungsstätte mitten in einem Steinbruch vor den Toren der Stadt. Wenn man in die unteren Gewölbe des Klosters der Zionsschwestern Ecce homo hinuntersteigt, steht man dort auf dem Pflaster des Hofs der Burg Antonia, in das die von Langweile geplagten römischen Soldaten ihre Spiele eingeritzt haben, Spiele, die bei Kindern und Erwachsenen bis zum heutigen Tage beliebt sind, wie das Mühlespiel.
Ausgrabungen unter dem Boden der deutsch-protestantischen Erlöserkirche in den siebziger Jahren haben ergeben, dass das Gebiet zur Zeit Jesu außerhalb der Stadtmauer lag und als Steinbruch benutzt wurde. Die Erlöserkirche, heute mitten in der Altstadt, liegt neben der Grabeskirche. Der Berg Golgatha in dieser Kirche ist ein stehen gebliebener Felsen in dem Steinbruch, der sich einige Meter über seiner näheren Umgebung erhebt.
Eine Prozession und ein Festumzug
"Purim ist ein ausgelassenes Fest, das an die Erettung der Juden in Persien vor 2500 Jahren erinnert. Es wird ähnlich wie Karneval gefeiert. Ein größerer Gegensatz zwischen Purim und Karfreitag ist wohl kaum denkbar."
In diesem Jahr ergibt sich die seltene Kombination durch das frühe Osterfest und den jüdischen Schaltmonat Adar, dass Karfreitag und das jüdische Purimfest auf denselben Tag fallen. In Jerusalem, der jüdischen Hauptstadt, wird das Purimfest nach biblischer Tradition einen Tag später gefeiert, weil in Schoschan der Hauptstadt in Persien an diesem Tag noch gekämpft wurde. Da dies aber in diesem Jahr der Schabbat wäre, wird das Fest auch in Jerusalem am Freitag begangen. Purim ist ein ausgelassenes Fest, das an die Erettung der Juden in Persien vor 2500 Jahren erinnert. Es wird ähnlich wie Karneval gefeiert, mit Verkleidungen, Umzügen, fröhlichen Gelagen und Heiterkeit.
Ein größerer Gegensatz zwischen Purim und Karfreitag ist wohl kaum denkbar. Beides geschieht nun zur selben Zeit in der selben Stadt, nur wenige Meter getrennt zwischen dem jüdischen Viertel und dem moslemischen und christlichen. Beide Umzüge werden sich nicht begegnen, zwei getrennte Welten.
Michael Krupp








