Jerusalemer Tagebuch (22.03.05)
Der deutsche Beitrag zum kulturellen Wandel in Palästina
... so heißt eine Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart, die aus Anlass des 40-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik im Festsaal der Himmelfahrtkirche gezeigt wird. Denn das deutsche Erbe im Land reicht wesentlich länger zurück:
Im abschliessenden Beitrag unserer Serie soll der deutsche Beitrag zur Industrialisierung und Modernisierung des Landes gewürdigt werden.
(Fortsetzung vom 11.03.05. (Teil 1) und 17.03.05 (Teil 2))
Traditionelles Handwerk
Die gewerbliche Güterproduktion Palästinas war bis weit in das 20. Jahrhundert hinein von eher untergeordneter Bedeutung. Erwähnenswert sind die Verarbeitung von Baumwollstoffen, die Herstellung von Garnen und Seifen sowie von Glaswaren, Tonwaren und Andenken. Baumwolle, Seife und Tabak waren bis weit in das 19. Jahrhundert hinein auch die wichtigsten gewerblichen Ausfuhrgüter Palästinas, die nach Ägypten, in den Libanon und nach Syrien sowie Europa exportiert wurden. In erster Linie aber dienten einheimisches Gewerbe und Handwerk, allen voran das Textil- und Baugewerbe sowie die Holz- und Nahrungsmittelverarbeitung, der eigenen Bedarfsdeckung. Der wachsende Zustrom von Touristen und christlichen Pilgern ins Heilige Land belebte Handwerk und Industrie wesentlich.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts waren viele Einheimische mit der Herstellung von Souvenirs aus Olivenholz und Perlmutt beschäftigt, die von den zehntausenden europäischen Pilgern, die vor allem während der Osterzeit ins Landkamen, gekauft wurden.
Industrialisierung
Mit den deutschen Siedlern und Missionsgesellschaften kamen neue Berufe und Fertigungstechniken nach Palästina, die die Struktur des traditionellen Handwerks grundlegend veränderten.
"Die deutschen Siedler erwarben sich vor allem Verdienste um die wirtschaftliche Modernisierung des Landes. Einige der von ihnen gegründeten Firmen entwickelten sich zu den größten Industriebetrieben Palästinas und trieben den Industrialisierungsprozess des Landes entscheidend voran."
Die Schreiner, Schuhmacher, Schneider oder Bauhandwerker arbeiteten mit Fertigungsmethoden, die ihren einheimischen Handwerkskollegen weitgehend unbekannt waren. Durch Ausbildung fanden diese neue Techniken Verbreitung in der einheimischen Bevölkerung.
Die deutschen Siedler erwarben sich vor allem Verdienste um die wirtschaftliche Modernisierung des Landes. Einige der von ihnen gegründeten Firmen entwickelten sich zu den größten Industriebetrieben Palästinas und trieben den Industrialisierungsprozess des Landes entscheidend voran.
Zu ihnen zählte die Eisengießerei der HAMA-Werke. Die Familie Appinger in Haifa revolutionierte mit ihrem Sägewerk und ihrer Schreinerei die Holzverarbeitung durch industrielle Fertigungsmethoden. Die Ziegelei des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem konnte die Bauwirtschaft erstmals mit industriell gefertigten Bau- und Dachziegeln beliefern. Allerdings war dieses Baumaterial für die einfache Bevölkerung zu teuer. Deshalb blieb im ländlichen Bereich die Bauweise mit Lehm oder Stein weiter vorherrschend.
Die Druckerei des Syrischen Waisenhauses
Die 1883 in Betrieb genommene Druckerei des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem war die erste deutsche Druckerei in Palästina. Grundidee war, eine Zeitschrift über das Heilige Land und die Anstalt zu produzieren, um sie Freunden und potenziellen Geldgebern zu schicken. Ab 1884 wurde mit einer einfachen Handpresse das Publikationsorgan des Syrischen Waisenhauses, der "Bote aus Zion", hergestellt. 1886 konnten mit einer kleinen Fußtrittmaschine bereits Auftragsarbeiten gedruckt werden, z.B. das kleine Büchlein von Conrad Schick über den Tempelberg in Jerusalem. Mit dem Erwerb einer Schnellpresse wurde das Druckwesen weiter modernisiert und professionalisiert. Der "Bote aus Zion" erschien 1900 bereits in einer Auflage von 20.000 Exemplaren. Schulbücher wurden hier gedruckt und seit 1925 das "Evangelische Gemeindeblatt für Palästina". Noch vor dem Ersten Weltkrieg stellte das Syrische Waisenhaus Drucke in verschiedenen Sprachen her, beispielsweise arabische, englische, französische, hebräische und türkische Broschüren. Seit 1928 wurden die "Nachrichten aus dem Syrischen Waisenhaus. Ein Gruß aus der alten Heimat an alle ehemaligen Zöglinge" auf deutsch und arabisch gedruckt und in alle Welt verschickt.
Bildungswesen
In Palästina wurden öffentliche staatliche Schulen erst in den Reformjahren von 1839 bis 1878 in größerer Zahl eingerichtet. Vorher existierten Lehreinrichtungen wie die Koranschulen, die allerdings nur einen kleinen Teil der Bevölkerung erreichten.
Die neu geschaffenen Schulen wurden nach europäischem Vorbild eingerichtet und mit modernen Unterrichtsmitteln ausgestattet. Doch blieb der Erfolg beschränkt. Ungefähr 80 bis 90% der arabischen ländlichen Bevölkerung waren nach wie vor Analphabeten.
"Ein weitreichender Impuls zur schulischen Versorgung der einheimischen Bevölkerung ging von den in Palästina tätigen Christen unterschiedlicher Konfessionen (katholisch, orthodox, protestantisch) aus. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges entstanden mehrere hundert christliche Bildungseinrichtungen. In ihnen wurden mehr Schüler als an den osmanischen Staatsschulen unterrichtet."
Ein weitreichender Impuls zur schulischen Versorgung der einheimischen Bevölkerung ging von den in Palästina tätigen Christen unterschiedlicher Konfessionen (katholisch, orthodox, protestantisch) aus.
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges entstanden mehrere hundert christliche Bildungseinrichtungen. In ihnen wurden mehr Schüler als an den osmanischen Staatsschulen unterrichtet.
Führend waren jene Schulen, die im Zuge der deutschen evangelischen Missionstätigkeit entstanden waren, z.B. des Jerusalemsvereins, der Kaiserswerther Diakonissen oder der Karmelmission. Hervorzuheben ist Talitha Kumi in Jerusalem, die erste von den Kaiserswerther Diakonissen errichtete Mädchenschule im Heiligen Land, sowie das Syrische Waisenhaus.
Gesundheitswesen
Auch im Gesundheitswesen engagierte sich der osmanische Staat in Palästina verstärkt seit der Reformzeit von 1839 bis 1878. Bis dahin war die Bevölkerung den regelmäßig auftretenden Krankheiten und Epidemien nahezu schutzlos ausgeliefert gewesen. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemühte man sich, die hygienischen Verhältnisse zu verbessern, jedoch ohne durchgreifenden Erfolg. Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts forderten Epidemien Tausende von Opfern.
Moderne, dem westlichen Standard entsprechende Krankenhäuser und die Versorgung des Landes mit qualifizierten Ärzten war im Wesentlichen ein Werk der europäischen und amerikanischen Missionare seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor allem englische, französische, deutsche und russische Missionseinrichtungen sorgten für den Aufbau einer modernen medizinischen Infrastruktur.
Bereits 1851 war von den Kaiserswerther Diakonissen ein Krankenhaus, das sogenannte Deutsche Krankenhaus, und eine Apotheke in der Altstadt von Jerusalem eröffnet worden.
1872 entstand mit dem Marienstift das erste Kinderhospital im gesamten osmanischen Reich.
Andere deutsche Missionseinrichtungen folgten diesem Beispiel, etwa die Karmelmission, die sogar eine gynäkologische Praxis unterhielt, das Syrische Waisenhaus mit der einzigen Blindenanstalt im gesamten Vorderen Orient oder das Aussätzigen-Asyl Jesus Hilfe der Herrnhuter Brüdergemeine.
Das Jerusalemer Tagebuch bedankt sich für Text und Bilder bei den Autoren. Ausdrücklich hingewiesen sei auf den Katalog der Ausstellung:
Kultureller Wandel in Palästina im frühen 20. Jahrhundert: Eine Bilddokumentation. Zugleich ein Nachschlagewerk der deutschen Missionseinrichtungen und Siedlungen von ihrer Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg, herausgegeben von: Jakob Eisler, Norbert Haag und Sabine Holtz, Epfendorf 2003
Gebundene Ausgabe - bibliotheca academica Verlag GmbH
ISBN: 3928471554








