Jerusalemer Tagebuch (17.03.05)

 

Der deutsche Beitrag zum kulturellen Wandel in Palästina

Wassertraegerinnen

Transport

Lastesel

... so heißt eine Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart, die aus Anlass des 40-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik im Festsaal der Himmelfahrtkirche gezeigt wird. Denn das deutsche Erbe im Land reicht wesentlich länger zurück:
Bedeutende Beiträge zur landwirtschaftlichen Entwicklung, Wasserversorgung und Schaffung einer modernen Infrastruktur kamen von deutschen Siedlern im Lande. Lesen sie mehr davon im zweiten Teil unserer Dokumentation:

(Fortsetzung vom 11.03.05)


 

Traditionelle Landwirtschaft


Von alters her bildete die Landwirtschaft in Palästina die Grundlage der lokalen Wirtschaft und Gesellschaft. Weizen, Wein und Oliven waren die wichtigsten Kulturpflanzen. Wo Bodenverhältnisse und Klima es erlaubten, wurden auch andere Pflanzen angebaut - Mandeln, Feigen, Wassermelonen, Datteln und andere Früchte, aber auch Sesam, Tabak und Baumwolle.

Vor allem die Olivenhaine waren aus dem ländlichen Alltag Palästinas nicht wegzudenken. Baum und Frucht konnten auf vielfache Weise genutzt werden, nicht nur zur Ernährung und Heizung, sondern auch zur Seifenherstellung und Andenkenschnitzerei. Dem Klima des Landes waren die robusten und widerstandsfähigen Bäume bestens angepasst, denn sie kamen mit sehr wenig Wasser aus.
Nicht weniger bedeutend war auch der Getreideanbau. Vor allem in den Tälern der Bergregionen Galiläas und des nördlichen Samarias wurde zum Teil seit Jahrhunderten Getreide angebaut.

Um zusätzliche landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen, wurden in weiten Teilen Palästinas Terrassen an den Berghängen angelegt. Hier wurden Obst, Gemüse und Wein angebaut. Die Terrassierung des Geländes sollte das Wegschwemmen der fruchtbaren Böden verhindern. Diese Terrassen wurden zum Teil nicht mehr gepflegt, als die Viehzucht an Bedeutung gewann. Viele Dorfbewohner wandten sich vom arbeitsintensiven Getreideanbau ab und hielten stattdessen Schaf- und Ziegenherden.


 

Landwirtschaft der deutschen Siedler


Neben den jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien leisteten die deutschen Siedler und Missionare seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung der Landwirtschaft in Palästina. Schlechtere Böden wurden als Bauplätze für Häuser und Stallungen verwendet, bessere Böden für den landwirtschaftlichen Anbau.
Der Ackerbau aller deutschen Siedlungen wurde zunächst extensiv betrieben und beschränkte sich auf die üblichen Getreidesorten wie Weizen und Gerste. Sobald wie möglich wurde mit dem Anbau von Gemüse, Wein und Obst begonnen, um dann vom reinen Ackerbau zur Gemischtwirtschaft mit Viehhaltung überzugehen. Die erzeugten Produkte wurden genossenschaftlich vermarktet.

Eine Sonderstellung in der deutschen Agrarproduktion in Palästina nahmen die landwirtschaftlichen Kolonien der Templer in Sarona und des Syrischen Waisenhauses in Bir Salem ein. In Sarona spezialisierten sich die Landwirte auf den Anbau exotischer Obstsorten wie Zitrusfrüchte und Bananen, die vielfach ins europäische Ausland exportiert wurden. Für die von den Siedlern veredelten Orangenbäume wurden modernste Bewässerungssysteme eingerichtet, die sehr gute Ernten sicherten.

 

Wasserversorgung


In Palästina fällt Regen nur in den Wintermonaten (Oktober bis Mai), deshalb mussten schon früh Methoden der künstlichen Bewässerung entwickelt werden. Das Wasser wurde im Bergland in Sammelbecken aufgefangen. In der Küstenebene und den niedriger gelegenen Regionen versorgten Flüsse (wie z.B. Kison, Audje-Fluss) sowie zahlreiche Ziehbrunnen Mensch und Tier mit Wasser. Eine zentrale Bedeutung in der Wasserversorgung besaßen die Wasserträger und Wasserträgerinnen, die das Wasser von den Brunnen und Schöpfstellen in die Dörfer und Städte brachten.

Mit den deutschen Siedlern trat eine grundlegende Änderung in der Wasserversorgung ein. Für die landwirtschaftliche Kolonie des Syrischen Waisenhauses in Bir Salem baute die Eisengießerei der Gebrüder Wagner in Jaffa 1895 eine moderne Bewässerungsanlage. Das Wasser wurde mit Hilfe eines aus Deutschland importieren Deutz-Motors an die Oberfläche gepumpt. Nach diesem Vorbild wurde binnen kurzer Zeit die Bewässerungstechnologie in den landwirtschaftlich genutzten Regionen Palästinas umgestellt.



 

Wege und Straßen


Noch im 19. Jahrhundert gab es in Palästina kein dichtes Netz von Verkehrsverbindungen. Die wenigen Handelswege, Karawanen- und Pilgerrouten verliefen zum größten Teil in Nord-Süd-Richtung. Der Zustand der Straßen war in aller Regel schlecht. Selbst zentrale Verkehrsverbindungen waren nicht befestigt, die wenigen Straßen des Binnenlandes durchweg nicht gepflastert. Anstelle befahrbarer Straßen gab es Eselswege.

Mit der Eröffnung des Suezkanals 1869 begann der Bau des modernen Straßennetzes in Palästina. Zuerst wurde der Weg zwischen Jaffa und Jerusalem verbessert. Zur gleichen Zeit bauten die Templer auf eigene Kosten den Weg von Haifa nach Nazareth zur Straße aus, eine Strecke, die insbesondere der wirtschaftlichen Versorgung Galiläas diente.
Nach und nach erweiterte sich unter Beteiligung deutscher Ingenieure das Verkehrsnetz.
Von Jerusalem aus führten nun Straßen nach Norden und Osten. In den letzten Jahrzehnten der osmanischen Herrschaft wurden zudem die ersten Brücken Palästinas geplant und gebaut, auch hier unter reger Beteiligung deutscher Architekten und Siedler.

 

Transport und Verkehr


Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein spielten Pferd, Esel, Maultier und Kamel für die einheimische Bevölkerung Palästinas die entscheidende Rolle beim Transport schwerer Lasten. Unverzichtbar war vor allem der Esel, denn er war genügsam und kostete nicht viel. Der eigentliche Lastenträger unter den Tieren war jedoch das Kamel.

Der Aufschwung im modernen Transportwesen ist wesentlich auf die württembergischen Templer zurückzuführen. Seit ihrer Einwanderung fuhren regelmäßig Kutschen von Jaffa nach Jerusalem und von Haifa nach Nazareth. Mit dem Ausbau des Straßennetzes dehnte sich das Fuhrgeschäft weiter aus, zumal auch die einheimische Bevölkerung vermehrt Pferdefuhrwerke und -kutschen anschaffte und nutzte. Für den Gütertransport war der Bau eines Schienennetzes von großer Bedeutung. 1892 wurde die Bahnstrecke von Jaffa nach Jerusalem eingeweiht, weitere Strecken folgten.

Nach 1917 begannen jüdische Kleinunternehmer, Busse im öffentlichen Nahverkehr der Städte einzusetzen. Eisenbahn, Busse und Lastwagen wurden so binnen kurzem zu einer gewöhnlichen Erscheinung im Straßenbild Palästinas, ohne freilich die traditionellen Transportmittel zu verdrängen.

(Fortsetzung am 22.03.05)

Das Jerusalemer Tagebuch bedankt sich für Text und Bilder bei den Autoren. Ausdrücklich hingewiesen sei auf den Katalog der Ausstellung:
Kultureller Wandel in Palästina im frühen 20. Jahrhundert: Eine Bilddokumentation. Zugleich ein Nachschlagewerk der deutschen Missionseinrichtungen und Siedlungen von ihrer Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg, herausgegeben von: Jakob Eisler, Norbert Haag und Sabine Holtz, Epfendorf 2003
Gebundene Ausgabe - bibliotheca academica Verlag GmbH
ISBN: 3928471554

       

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