Jerusalemer Tagebuch (04.03.05)

 

Computercrash in Jerusalem oder: eine technische Odyssee

Computer
Computerchaos

Schmorende Festplatten durch Überspannung und abstürzende Computer durch Stromausfall, Hotlines, die man entweder gar nicht oder nur hebräischsprachig erreicht- als Computerbenutzer in Jerusalem ist man ja einiges gewohnt. Aber was tun, wenn nach einem Computercrash kein Betriebssystem aufzutreiben ist???

Eigentlich begann alles ganz harmlos. Nach einer Überspannung war meine Festplatte wieder einmal hinüber. Da die Stadtwerke sich aber mittlerweile erbarmt hatten, das noch aus britischer Zeit stammende Hochspannungskabel auf unserem Gelände durch ein neues zu ersetzen und ich meinen PC durch eine Autobatterie abgepuffert und vor Stromausfällen gesichert hatte, schlug ein Freund vor, doch gleich auch den Prozessor auszutauschen. Warum auch nicht. Gesagt, getan, alleine: das ganze funktionierte nicht.

 

Die verzweifelte Suche nach einer Windows-CD


Kryptische Fehlermeldungen flimmerten über den Bildschirm. „Kein Problem“, meinte mein Computerfachmannfreund, „wir müssen nur schnell die Windows CD einschieben, dann geht es wieder.“ Doch woher nehmen? Obwohl meine Programme ausnahmsweise alle legal laufen, eine Windows-CD war nicht im Lieferumfang inbegriffen.
Also ans Telefon und alle befreundeten Einrichtungen angerufen: Kirchen, das Krankenhaus, die Schule, Freunde, usw., usw.
Doch nirgends war eine CD mit dem Betriebssystem aufzutreiben. Alle behaupteten, legale Betriebssysteme und auch Registrierungsnummern zu haben, doch niemand hatte die CD.

„Ich erinnerte mich wehmütig an einen Computerladen in Jordanien, in dem man sich aus einem Prospekt Audio-, Video- oder eben Software-CDs aussuchen kann, die dann, während der Kunde einen Kaffee trinkt, schnell raubkopiert werden. Inklusive Kopie des Originalcovers mit Kopierschutzvermerk und Registrierungsnummer.“

Auch unser über Handy kontaktierter Computerhändler war nicht bereit eine CD herauszurücken; übermorgen könne er aber vorbeikommen und sich der Sache annehmen. Ich verzichtete dankend, musste ich doch möglichst vorgestern noch einen Artikel für das Jerusalemer Tagebuch liefern. Ich erinnerte mich wehmütig an einen Computerladen in Jordanien, in dem man sich aus einem Prospekt Audio-, Video- oder eben Software-CDs aussuchen kann, die dann, während der Kunde einen Kaffee trinkt, schnell raubkopiert werden. Inklusive Kopie des Originalcovers mit Kopierschutzvermerk und Registrierungsnummer. Doch eine Tagestour nach Amman erschien mir zu zeitaufwändig, wo der kopierschutzfreie Raum doch hinter dem Checkpoint beginnt.

 

Konspiratives Treffen


Also wieder ans Telefon und schließlich gelang es mir, eine solche CD bei einer befreundeten Einrichtung in Ramallah aufzutreiben. Doch wie sollte selbige nach Jerusalem gelangen?
Nach weiteren Telefonaten wurde mit einem guten Bekannten, der einen Termin in Jerusalem hatte, ein konspirativer Treffpunkt vereinbart und die Software übergeben. Doch zu meinem Schreck (und späterer Freude) stellte sich heraus, dass es sich um eine höhere Windows Version handelte.



 

Windows ohne Internetzugang und Hotlines in mehreren Sprachen


Nun denn, die Platte formatiert, das neue Betriebssystem aus Verzweiflung aufgespielt und alle alten Daten und Programme waren futsch. Macht nichts, die Daten hatte ich ausnahmsweise gesichert und die Programme kann man ja aus dem Internet herunterladen. So man eines hat. Das neue Betriebssystem konnte aber mein Modem nicht finden und ein Treiber war mangels Zugang nicht herunterzuladen. Also die Hotline anrufen. Erst erfolglos, dann hebräisch, dann endlich auf Englisch. Und all das auf dem Handy.

„Wegen des Generalstreiks bei Post und Telekom kamen unsere Telefonrechnungen nicht an und konnten folglich auch nicht bezahlt werden. Ein automatisierter, nicht streikender Anrufcomputer der Telefongesellschaft setzte sich dennoch mit uns in Verbindung und kündigte die Sperrung der Telefone an, falls wir nicht unverzüglich zahlten. Was wir auch gerne getan hätten, aber wegen des Streikes wiederum nicht konnten.“

Denn wegen des Generalstreiks bei Post und Telekom kamen unsere Telefonrechnungen nicht an und konnten folglich auch nicht bezahlt werden. Ein automatisierter, nicht streikender Anrufcomputer der Telefongesellschaft setzte sich dennoch mit uns in Verbindung und kündigte die Sperrung der Telefone an, falls wir nicht unverzüglich zahlten. Was wir auch gerne getan hätten, aber wegen des Streikes wiederum nicht konnten, doch der Telefoncomputer ließ weder mit sich reden noch handeln. Und per Internet zahlen ging mangels Zugang auch nicht.

Also mussten wir über das Handy bei unserem Internetprovider anrufen, der uns jedoch wegen dieser ihm unbekannten Nummer nicht identifizieren konnte. Immerhin gab er uns eine andere Hotlinenummer für schwierige Fälle, wo wir dann - nach der üblichen Telefonralley in drei Sprachen - an Hand unseres Benutzernamens und des Passwortes, das man bekannterweise ja am Telefon niemals verraten soll, tatsächlich doch noch beraten wurden.



 

Hochbrisanter Hausbesuch


Der Besuch eines Modemmechanikers wurde für den nächsten Tag angekündigt und, oh Wunder, am nächsten Morgen rief dieser auch an. Allerdings um sich zu beschweren. Niemand habe ihm gesagt, dass unser Büro in Ostjerusalem liege, dahin könne er nicht kommen. Nachdem es mir gelungen war, ihn zu besänftigen, versprach er in einer Stunde mit Verstärkung zu kommen, ich solle ihn aber am Tor abholen. Was ich dann auch tat.

Ich bat - seinen aus Versicherunsgründen angeforderten - Begleitschutz nicht so mit dem Gewehr herumzufuchteln. Doch dieser Begleitschutz geriet alsbald in ein moralisches Dilemma, als ein telefonisch bestelltes Ersatzteil am Tor abzuholen war. Sollte er nun den Modemmechaniker unbewaffnet und somit schutzlos alleine lassen, mit seiner MG grimmig durch´s arabische Gelände stiefeln und das Ersatzteil am Tor abholen? Oder war es besser, den Ersatzteillieferanten uneskortiert zu meinem Büro im Feindesland zu bestellen? Ich bot mich an, das Teil am Tor unbewaffnet und todesmutig zu holen, was auch gerne angenommen wurde.

Jetzt läuft mein System wieder, wie man sehen und lesen kann. Legalisiert ist es auch schon, aber wie wird nicht verraten.

       

      Israel heute: Ein Mann bewegt eine Stadt

      Zäh und konsequent verfolgte Uri Amedi das Ziel der Integration in seinem Stadtviertel mit neuen Zuwanderern über dreißig Jahre lang. Und das Ergebnis ist ein "Bilderbuchstadtteil" mit neuer Lebensqualität: "Lev Ha´ir" - Ein neuer alter Stadtteil in Jerusalem