Jerusalemer Tagebuch (24.02.05)
Die Abrissbirne als Politikum - wenn die Kirchen denunziert werden
Im Hintergrund: franziskanische
... und griech.-orthodoxe Kirche
Als gestern die Gläser im Wohnzimmerschrank zitterten, dachte ich erst an ein kleineres Erdbeben, doch ein Blick aus dem Fenster belehrte mich eines besseren: ein Tieflader nach dem anderen, beladen mit schwerem Räumgerät, Planierraupen und einem gigantischer Kran rollten auf überbreiten Tiefladern vorbei. Was so harmlos nach Baustelle aussieht, kann aber in diesem Land eine andere Bedeutung haben: ein illegal errichtetes Haus wird abgerissen. Das geschieht so oft, dass man es bereits als relativ normal empfindet. Aber ist es das wirklich? In diesem Fall ereignete sich der Abriss in der Nachbarschaft und da es sich um ein Lehrstück über illegales Bauen, Intrigen und christlich-islamische Beziehungen handelt, soll es an dieser Stelle einmal dokumentiert werden. - Ein Bericht von Ulrich Sahm (KNA) mit Bildern von Rüdiger Scholz.
Die Franziskanerkapelle von Bethpage ist verschlossen. In dem Kirchlein steht jener gehauene Stein, den Jesus erklomm, um einen Esel zu besteigen, zu seinem triumphalen Einzug in Jerusalem im April 30. Im Garten befinden sich jüdische Gräber mit Rolltüren, ähnlich dem Grab Jesu bei Golgatha. Im Talmud ist die Rede von "Fadscha" (saftlosen Feigen) am sonnigen Osten des Ölbergs. So entstand der Name des für Christen so wichtigen Bethphage. Viele Kirchen stehen hier und fast alle Grundstücke gehören der griechischen Kirche oder den Franziskanern.
"Eine Staubwolke verhüllte bald den Bagger und das benachbarte Kirchlein."
Am Dienstag und Mittwoch herrschte Hochbetrieb vor dem Kirchlein. Anstelle von Eseln verkehrten auf der Straße monströse Sattelschlepper. Sie hatten gelbe Bagger mit langen Armen und einer überdimensionalen Kneifzange oder rote Bagger mit einer Riesenschaufel geladen. Tiefgrüne Jeeps des Grenzschutzes versperrten die Straße. Polizisten in blauer Uniform überwachten das Geschehen. Schwerbewaffnete Grenzsoldaten hielten Horden neugieriger palästinensischer Kinder zurück. Ein Polizeioffizier brüllte die Kinder an und warnte sie, nur ja keine Steine zu werfen. Ansonsten gab es keine Zwischenfälle, als sich der gelbe Bagger mit der Kneifzange an den siebenstöckigen Neubau heranmachte, um eine Betonwand nach der anderen herabstürzen zu lassen. Eine Staubwolke verhüllte bald den Bagger und das benachbarte Kirchlein.
"Das Grundstück interessiert uns nicht, nur das illegal errichtete Gebäude. Schau dich hier um. Fast jeder Neubau ist hier ohne Baugenehmigung errichtet worden", erzählt der Grenzschutzoffizier. "Der Abrissbefehl für den Neubau ist sogar vom Obersten Gericht abgesegnet worden. Wenn das Haus schon bewohnt wäre, hätten die Richter einem Abriss nicht ohne weiteres zugestimmt. Und dann hätten wir auch mit wütenden Protesten rechnen müssen."
Aus der Gerüchteküche: Franziskaner als "Kollaborateure"?
"Palästinenser weigern sich aus politischen Gründen , bei den "jüdischen Behörden" Baugenehmigungen einzuholen, weil das einer "Anerkennung" der Israelis gleichkäme."
Eingegriffen haben auch "Rabbiner für Menschenrechte". Rabbi Arik Aschermann: "Es widerspricht meinen jüdischen wie zionistischen Werten, wenn die Palästinenser in Jerusalem diskriminiert werden, indem ihnen systematisch keine Baugenehmigungen erteilt werden, damit Jerusalem ein jüdischer Bevölkerungsanteil von 75 Prozent erhalten bleibe."
Aschermann stört es nicht, dass die Palästinenser die Wahlen zur Stadtverwaltung boykottieren und so auch nicht im Stadtrat für ihre Rechte und Bedürfnisse eintreten. Er gesteht, dass Palästinenser sich aus politischen Gründen weigern, bei den "jüdischen Behörden" Baugenehmigungen einzuholen, weil das einer "Anerkennung" der Israelis gleichkäme. Ebenso bestätigt er, dass der Abrissbefehl durch alle gerichtlichen Instanzen gegangen sei. "Dennoch halte ich das Abreißen eines illegal errichteten Hauses für unmoralisch und rechtswidrig."
Ein hoher Beamter in der Jerusalemer Stadtverwaltung bestätigte "sehr schlechte Beziehungen" zwischen Christen und Moslems in Jerusalem. Immer wieder würden Moslems auf Grundbesitz der Kirchen bauen oder "die Mauer eines Kirchengrundstücks als vierte Wand ihres Hauses" verwenden. Kirchenvertreter beklagen sich darüber bei den Behörden "nur mündlich, inoffiziell, niemals schriftlich, aus Angst vor den Moslems".
"Neben einem Trümmerhaufen aus Bauschutt bleibt so vor allem eine Frage offen: Wer hatte ein Interesse, hier gegen die Franziskaner zu intrigieren?"
In einer offiziellen Stellungnahme erklärte die Jerusalemer Stadtverwaltung, von den Franziskanern weder eine schriftliche noch eine mündliche Beschwerde erhalten zu haben, zumal das Grundstück für den Bau einer "Institution" vorbehalten sei und nicht für ein siebenstöckiges Spekulationsobjekt. Das Grundstück gehöre nicht den Franziskanern und die Kirche habe auch zu keinem Zeitpunkt um einen Abriss des Gebäudes gebeten.
Neben einem Trümmerhaufen aus Bauschutt bleibt so vor allem eine Frage offen: Wer hatte ein Interesse, hier gegen die Franziskaner zu intrigieren, indem offenbar fälschlich behauptet wird, dass sie sich an die Israelis gewandt haben, um ein von Moslems errichtetes Gebäude abzureißen.








