Jerusalemer Tagebuch (01.02.05)
Hilde Hoffmann: „Manchmal glaube ich es selber nicht.“
Hilde Hoffmann
Ehrenplakette der Stadt Frankfurt
In dieser Woche besucht Bundespräsident Köhler Israel aus Anlass des 40. jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Eine Frau, die hinter den Kulissen daran mitgearbeitet hat, ist Hilde Hoffmann. Sie ist nicht nur in Israel eine bekannte Frau, sondern auch in Deutschland, wo sie im Juli 2002 die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt als Brückenbauerin zwischen den Menschen in Israel und Deutschland, zwischen ihrer Heimatstadt Tel Aviv und ihrer Geburtsstadt Frankfurt erhielt.
„Warum ich?“
„Warum ich?“, so fragt Hilde Hoffmann sich immer wieder, doch anders, als man zunächst meint. Sie fragt nicht wie so viele Menschen nach dem „Warum“ des zugestoßenen und zugefügten Leides, sondern sie fragt sich „Warum durfte ich überleben? Warum konnte ich entrinnen?“
„Hilde, du bist ein Judenkind und ich darf nicht mehr zu dir kommen.“
Hilde Hoffmann wurde im Mai 1922 in Frankfurt am Main geboren. Über ihre Jugend sagt sie: „Wir waren Juden, sind Samstags in die Synagoge gegangen und mehr wusste ich nicht. Ich hatte jüdische und christliche Freundinnen.“ Der Bruch kam bereits 1934, als ihre beste Freundin auf einmal zu ihr sagte: „Hilde, du bist ein Judenkind und ich darf nicht mehr zu dir kommen.“
„Dabei hatten wir doch Weihnachten und Chanukkah, Ostern und Pessach miteinander gefeiert.“, fährt Hilde Hoffmann fort.
Doch bereits 1935 musste sie die Schule wechseln und gemeinsam mit ihrem Bruder auf dem Fahrrad ans andere Ende Frankfurts in die jüdische Schule fahren, was bedrückend war, da die Kinder bisweilen angepöbelt wurden.
Der zionistische Jugendbund
In dieser Zeit trat Hilde Hoffmann dem zionistischen Jugendbund bei, wo sie auch Hebräisch lernte: „Auf einmal wurde ich in eine andere, eine jüdische Welt hinein versetzt.“
„Nun hatte ich ein Ziel. Ich wollte nach Palästina auswandern.“
Das Mädchen, das sich zuvor zurückgesetzt fühlte, da es nicht wie die anderen zum BDM (Bund deutscher Mädchen) durfte, gewann neues Selbstvertrauen: „Nun hatte ich ein Ziel. Ich wollte nach Palästina auswandern.“
„Lass das Kind nur reden“, meinte ihr Vater zur Mutter, “vielleicht ist es nur eine vorübergehende Episode.“
Reichspogromnacht
Doch diese Einstellung änderte sich abrupt, als der Vater in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verhaftet wurde.
„Geben sie ihrem Mann einen langen Pullover mit, es kann länger dauern!“, sagten die NS-Schergen bei seiner Verhaftung.
Doch die Mutter gab nicht auf und versehen mit den Papieren des Vaters aus dem Ersten Weltkrieg, seinem Eisernen Kreuz und den Kriegsinvalidenpapieren, gelang es ihr, den Vater nach 31 Tagen aus Buchenwald freizubekommen. Hilde hat nie erfahren, wie ihre Mutter das bewerkstelligt hat und auch der Vater hat nie über seine Zeit im Konzentrationslager gesprochen, aber von nun an war alles anders.
„Eines war klar: die Familie musste Deutschland verlassen. Nicht, weil der Vater bei seiner Entlassung aus Buchenwald unterschrieben hatte, das Land binnen sechs Wochen zu verlassen, sondern weil ihm klar geworden war, dass seine Familie in Deutschland keine Zukunft mehr hatte. Doch wohin?“
Die Kinder mussten zu Verwandten nach Dortmund, Vater und Mutter hielten sich - aus Furcht vor einer neuerlichen Verhaftung - jeden Abend an einem anderen Ort auf. Eines war klar: die Familie musste Deutschland verlassen. Nicht, weil der Vater bei seiner Entlassung aus Buchenwald unterschrieben hatte, das Land binnen sechs Wochen zu verlassen, sondern weil ihm klar geworden war, dass seine Familie in Deutschland keine Zukunft mehr hatte. Doch wohin?
Flucht aus Deutschland und der Traum von Palästina
Ein Onkel der Familie wohnte seit 1935 in Utrecht in Holland, aber bereits zwei Versuche der illegalen Ausreise dorthin waren misslungen, erst der dritte in der Silvesternacht 1938/39 in einem Pferdetransporter gelang. Die vierköpfige Familie saß zusammengepfercht in einem kleinen Raum hinter der Fahrerkabine, als der Vater husten musste.
„Ich werde den Augenblick nie vergessen; Vater hustet und Mutter hebt ihm den Mund zu. Entweder finden sie uns, oder Vater erstickt.“
„Ich werde den Augenblick nie vergessen; Vater hustet und Mutter hebt ihm den Mund zu. Entweder finden sie uns, oder Vater erstickt.“ Doch alles geht noch einmal gut.
Alleine der Vater will nicht in Holland bleiben. „Es ist zu nahe an Deutschland“, sagt er immer wieder in beinahe prophetischer Vorwegnahme der Ereignisse, die da kommen sollten.
Und tatsächlich: es gelingt der Familie nach etlichen Irrungen und Wirrungen Einreisezertifikate nach Palästina zu bekommen, allerdings unter der Bedingung, dass man bis zum 31. März 1939 in Haifa an Land gehen müsse.
Nur noch Plätze auf einem teueren Luxusdampfer sind zu haben. Die Mutter will auf eine preiswertere Überfahrt warten, doch der Vater besteht in weiser Voraussicht auf dem frühen Schiff. Die Familie leiht sich das Geld zusammen und sticht in See.
„Mein Traum nach Palästina zu kommen wurde verwirklicht.“ Sicherheitshalber verlässt die Familie nicht erst in Haifa, sondern bereits in Jaffa das Schiff, wo sie sich dann auch niederlässt.
Neue Heimat
Der Neuanfang ist schwer, die Eltern halten sich mit kleinen Gelegenheitsarbeiten über Wasser, der Vater fasst beruflich und persönlich nicht Fuß in der neuen Heimat, doch Hilde ist jung und heiratet den Sohn des orthodoxen Rabbiners am Frankfurter Börneplatz.
„In Frankfurt hätten wir uns nie kennengelernt“, meint die aus einem liberalen Elternhaus stammende Hilde Hoffmann, die heute ein religiöses Haus führt, „aber in Israel ist alles möglich.“
„In Frankfurt hätten wir uns nie kennengelernt“, meint die aus einem liberalen Elternhaus stammende Hilde Hoffmann, die heute ein religiöses Haus führt, „aber in Israel ist alles möglich.“ Daheim spricht die Familie deutsch, was von der Umgebung nicht gerne gesehen wird und als Hilde Hoffmann nach der Gründung des Staates Israel mit ihrem Mann nach New York zieht, als er dort Konsul wird, spricht die Familie deutsch und englisch, echte Jecken eben.
Nie wieder auf deutschen Boden?
Aber dennoch war der Weg zur Verständigung weit und schwer, nie wieder wollte sie deutschen Boden betreten.
Als Rolf Pauls 1965 erster deutscher Botschafter in Israel wird, fragt das israelische Außenministerium an, ob die Familie ihn nicht an Pessach zum Sederabend einladen könne. Der Mann ist dafür, Hilde Hoffmann zögert, stimmt aber schließlich doch zu.
Am nächsten Morgen muss sie sich vor den Nachbarn für diesen schwierigen Ehrengast rechtfertigen und merkt, wie sie verteidigt, was sie einst ablehnte. Ein erster Schritt ist getan.
“... bald beginnen Gespräche über eine Partnerschaft zwischen Tel Aviv und Frankfurt am Main und die ehemaligen Frankfurter werden in ihre Geburtsstadt eingeladen. Doch Hilde Hoffmann zögert ... Mit Vorbehalten fährt Hilde Hoffmann mit, doch das neue demokratische Deutschland überzeugt sie bald. “
In den 70er Jahre wird ihr Mann in den Tel Aviver Stadtrat gewählt und schon bald beginnen Gespräche über eine Partnerschaft zwischen Tel Aviv und Frankfurt am Main und die ehemaligen Frankfurter werden in ihre Geburtsstadt eingeladen. Doch Hilde Hoffmann zögert: „Mein Mann hatte es da leichter; er war bereits 1933 ausgewandert und hatte nicht erlebt, was wir mitmachen mussten. Deshalb war er eher bereit Brücken zu bauen, als ich.“
Mit Vorbehalten fährt Hilde Hoffmann mit, doch das neue demokratische Deutschland überzeugt sie bald. Nur zu dem Haus ihrer Kindheit will sie nicht zurückkehren, zu schmerzlich ist der Verlust immer noch nach all den Jahren.
Einmal gibt es eine Krise: als sich nämlich in einem Kaffeehaus eine Runde älterer Damen an den Nachbartisch setzt, hält es Hilde Hoffmann nicht mehr im Kaffee aus. „Weiß ich, was sie damals getan haben?“ Sie will nicht fragen, sie will nur weg, aber in Zukunft wird sie sich in unzähligen Veranstaltungen, in Schulen und auf Begegnungen für Versöhnung und Verständigung einsetzen.
Einsatz für die Verständigung
Heute ist sie die Vorsitzende der Vereinigung der ehemaligen Frankfurter in Israel und Vorsitzende der Centra, des Dachverbandes der deutschen Landsmannschaften.
Bei den Empfängen des deutschen Botschafters Rudolf Dressler in Herzlija ist sie ein gern gesehener Ehren- und Stammgast wie bereits bei seinen Vorgängern.
Und wie bereits bei den Besuchen von Bundespräsident Johannes Rau wird sie auch in dieser Woche, wenn Bundespräsident Köhler Israel besucht, dabei sein, wenn er als zweiter deutscher Bundespräsident im israelischen Parlament, der Knesset spricht. Dass er seine Rede in deutscher Sprache halten wird, sorgt nicht nur in Israel für Diskussionsstoff. Doch Hilde Hoffmann nimmt die Diskussion gelassen: „Es war erhebend, Rau auf deutsch in der Knesset zu hören. Und ich bin stolz und froh, dass Köhler dies auch tun wird“, meint sie.








