Jerusalemer Tagebuch (25.01.05)

 

Wie Südafrika einen Konlikt überwand und warum der Nahe Osten einen "Nelson Mandela" braucht

Getrennte Wege
Getrennte Wege

ehem. Zelle von Nelson Mandela
ehem. Zelle von Nelson Mandela

Werte-Stelen am Apartheid-Museum
Werte-Stelen am Apartheid-Museum

Die Trennmauer, die Israel zu den Palästinensergebieten errichtet, wurde anfangs von diesen mit der Berliner Mauer verglichen, bis auf die Tatsache, dass die hier gebaute noch höher sei. Doch bald sah man ein, dass der Vergleich hinkt. Wurde durch die Berliner Mauer doch ein Volk gegen seinen Willen getrennt, wohingegen die Mauer zwischen Israel und Palästina das Ziel verfolgt zwei verfeindete Völker zu trennen. Diese Tatsache bleibt bestehen, auch wenn man die Mauer ablehnt. Deshalb fanden die Mauergegner einen neuen Vergleich: sie sprechen nun von der „Apartheid-Mauer“ (z.B. http://www.stopthewall.org) und befürchten, Israel wolle für die Palästinenser „homelands“ einrichten wie damals die weiße Regierung Südafrikas. Ist Israel also ein Apartheid-Staat? Damit keine Missverständnisse aufkommen, meine Antwort gleich vorweg: Nein.

Weshalb? Die eher geschichtsphilosophische Frage im Hintergrund, die aber an dieser Stelle nicht diskutiert werden kann, ist, ob sich Geschichte wiederholt. Auch wenn sich die Phänomene bisweilen zu gleichen scheinen (Mauerbau, Passgesetze etc.), so sind doch die Hintergründe, die jeweils dazu führen, grundverschieden. Alleine eines lässt sich m.E. festhalten: Nach wie vor scheint die Menschheit nicht in der Lage zu sein, aus der Geschichte und den Fehlern, die gemacht wurden, zu lernen.

 

Eingemauert in Sicherheit?


Zunächst einmal bleibt aber festzuhalten, dass bei der Einführung der südafrikanischen Apartheid nach dem Sieg der National-Partei 1948 eine Trennung der Rassen das leitende Interesse war, damals noch mit der Verschiedenheit der Lebensgewohnheiten verbrämt, deren jeweils freie Ausgestaltung die Trennung garantieren sollte. Das Ergebnis ist bekannt.
Auch wenn in Israel leider immer wieder vereinzelt rassistische Stimmen laut werden, so wird die Mauer eben nicht aus rassistischen, sondern aus politischen und Sicherheitsgründen gebaut, wie auch immer man darüber denken mag.

In Unterschied zur Apartheid handelt es sich beim Nahostkonflikt also um einen territorialen und keinen ethnischen Konflikt, der leider in der Vergangenheit zusätzlich noch religiös überhöht wurde.

 

Es geht um Land


Deutlich kann man dies beobachten an der Aufmerksamkeit und Aufwertung, die etwa Rahels Grab bei Bethlehem in den vergangenen Jahren erfahren hat. Als ich es vor 20 Jahren erstmals besuchte, war es ein unbedeutender Schrein, der einmal im Jahr von jüdisch-orthodoxen Frauen aufgesucht wurde, die dort um Fruchtbarkeit beteten.
Heute ist es festungsartig zu einer Art unverzichtbaren Nationalheiligtum ausgebaut, dessentwegen arabisches Land beschlagnahmt und die Mauer so geführt werden soll, dass es auf der Jerusalemer Seite zu liegen kommt.

Aber auch das arabische Interesse an Jerusalem als Heiliger Stadt ist erst in jüngster Zeit wieder erwacht, zunächst als Reaktion auf den jüdischen Zuzug, massiv aber nach der israelischen Eroberung Ostjerusalems im Sechstagekrieg 1967. Die Muslime bekamen ein religiöses Interesse an Jerusalem als drittheiligster Stadt des Islam, weil es ihnen politisch nutzt.
Anstatt eine pragmatische Lösung für einen territorialen Konflikt zu finden, wurde dieser religiös überhöht, bis hin zu der These, dass hier nicht die Zivilisationen, West und Ost,  sondern die Religionen aufeinanderprallen, Judentum und Christentum versus Islam.

Auch Südafrika ist ein stark religiös geprägtes Land, aber dennoch war hier alles anders, denn beide Seiten sind tief im christlichen Glauben verwurzelt, der hier seine verändernde und versöhnende Kraft unter Beweis stellen konnte.

 

Die Werte des neuen Südafrika – und die „Leidkultur“ des Nahen Ostens


Vor dem Apartheid Museum in Johannesburg, sind sieben Stelen aufgerichtet, die die Werte des neuen Südafrika wiedergeben: „Demokratie, Versöhnung, Gleichheit, Verschiedenheit, Verantwortung, Respekt, Freiheit“.
Den Schluss der Ausstellung bildet eine Dokumentation über die Arbeit und den Bericht der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“, die der anglikanische Erzbischof Desmond Tutu 1995-98 leitete. 1999 erschien sein Buch: „Keine Zukunft ohne Vergebung“.

“Statt zu Versöhnung und einem gemeinsamen Neuanfang schauen die Parteien zurück, rechnen Geschichte und Leid auf und lähmen sich solchermaßen selbst.“

Doch davon scheint man im Nahen Osten noch weit entfernt zu sein. Statt nach vorne, zu Vergebung und einer friedlichen Zukunft, statt zu Versöhnung und einem gemeinsamen Neuanfang, schauen die Parteien zurück, rechnen Geschichte und Leid auf und lähmen sich solchermaßen selbst.

Wie will man gleichberechtigt leben, wenn man die Verschiedenheit nicht anerkennt?
Wie will man Verantwortung übernehmen, wenn man doch immer nur reagiert und dem anderen die Schuld und Verantwortlichkeit für das eigene Handeln zuschiebt, statt einander zu respektieren?
Wie soll ohne Freiheit auf der einen Seite eine Demokratie entstehen und wie kann auf der anderen Seite eine Demokratie Bestand haben, die anderen keine Freiheit einräumt?

Was darüber hinaus in Israel und Palästina fehlt ist eine Ausnahmepersönlichkeit wie die Nelson Mandelas, der bei allen Südafrikanern, gleich welcher Hautfarbe, gleichermaßen geachtet, ja geradezu verehrt wird. Den Schwarzen hat er ihre Würde und Rechte wiedergegeben und auch die Weißen erkennen an, dass sie es alleine ihm verdanken, dass nach der Wende 1994 nicht Zustände wie in Zimbabwe unter Mugabe ausbrachen.

„Was darüber hinaus in Israel und Palästina fehlt ist eine Ausnahmepersönlichkeit wie die Nelson Mandelas, der bei allen Südafrikanern, gleich welcher Hautfarbe, gleichermaßen geachtet, ja geradezu verehrt wird.“

Solch eine von allen Konfliktparteien gleichermaßen anerkannte Persönlichkeit ist aber in Nahost nicht in Sicht, nicht einmal ein Frederik de Klerk, der in seiner vielbeachteten Rede zur Parlamentseröffnung am 2. Februar 1990 die neue Entwicklung am Kap erst ermöglichte. Wahrscheinlich war er kein Visionär, sondern eher ein Realpolitiker, der das Gebot der Stunde erkannte. Und hier?

1994 erhielten Rabin, Arafat und Peres den Friedensnobelpreis. Rabin wurde ermordet, Arafat starb einen öffentlichen Tod und von Peres sagt man, er sei bereit jeden Preis zu zahlen, nur um wieder in der Regierung zu sein.
Und Arafats Nachfolger Abbas, kaum im Amt, wird bereits von palästinensischen militanten Gruppen demontiert und von Premier Sharon boykottiert. Von dieser Seite ist also leider wenig zu erwarten.

       

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