Jerusalemer Tagebuch (17.01.05)

 

Israelischer Führschein die Zweite, oder: Die unendliche Geschichte

Der israelische Führerschein
Der israelische Führerschein

"Nein", meint die russische Dame am Schalter kategorisch, ich bekomme meinen Führerschein nicht einfach umgeschrieben, ich muss erst noch eine Fahrprüfung ablegen. Souverän ziehe ich eine Verbalnote der deutschen Botschaft aus der Tasche, nach der ich als Dienstpassinhaber von solcherlei Ungemach befreit bin. Doch weit gefehlt. Das Schreiben ist dummerweise nicht in russisch, sondern auf Englisch abgefasst, führt also nicht zum Erfolg.
Alles Bitten und Betteln hilft nichts, wir müssen noch einmal ganz von vorne anfangen. Soweit die Entwicklung im März diesen Jahres (siehe
Jerusalemer Tagebuch vom 19.03.04) . Ein dreiviertel Jahr später ist es dann soweit: wir haben es geschafft. Zumindest vorläufig. Wir haben den israelischen Führerschein!

 

Der lange Weg zur Prüfung

Beinahe wäre nichts mehr daraus geworden. Denn Streiks, Gesetzes- und Gebührenänderungen hatten unsere Freudigkeit, eine Fahrprüfung abzulegen weitgehend gedämpft. Doch die versicherungsrechtlichen Bedenken waren stärker, und als ein befreundeter Priester uns einen christlichen Fahrlehrer empfahl, der zwar nicht russisch, dafür aber fließend arabisch sprach, war es um uns geschehen: Wir beschlossen die lange herausgezögerte Prüfung abzulegen. Zu meiner Überraschung erreichte ich den Fahrlehrer gleich beim ersten Telefonat auf seinem Handy. Später sollten wir feststellen, dass er mehr telefonierte als unterrichtete, aber immerhin per Freisprechanlage, so dass auch die Fahrschüler etwas davon haben. Er fragte mich, ob ich alle wichtigen Papiere zusammen habe, was ich bejahte. Daraufhin erklärte er sich überraschenderweise bereit, am nächsten Tag um 12 Uhr mittags vorbeizukommen, ich solle mich und die Papiere bereithalten.

"Man stelle sich das einmal vor: in Deutschland war ich erst kürzlich mit 200 über die Autobahn gebrettert, hatte unsere Kirchenleitung sicher 849 Kilometer durchs Land geschaukelt und nun sollten meine Frau und ich gemeinsam mit gerade der Spätpubertät entronnenen Frischlingen eine Fahrprüfung ablegen."

Aus mir vollkommen unverständlichen Gründen kroch pünktlich zur angegebenen Uhrzeit ein Fahrschulwagen herbei, gesteuert von einer jungen Muslima, deren Gesichtsfeld durch ihr kunstvoll drapiertes Kopftuch doch sehr eingeschränkt war. Wie von Geisterhand bewegt, senkte sich auf der Beifahrerseite die elektrische Scheibe, eine Hand erschien, die meine Papiere nahm, eine Stimme sagte, sie werde sich wieder melden und der Wagen, neben dem ich der Einfachheit halber hergelaufen war, verschwand im Schrittempo am Horizont, mich papier- und führerscheinlos zurücklassend. So stelle ich mir die Geldübergabe in einem mittelschweren Entführungsfall vor.

Dies geschah im August. Da ich unseren potentiellen Fahrlehrer nunmehr ständig mit dem Ansinnen, Fahrstunden nehmen zu wollen nervte, beschied er mir, ich solle mich gedulden, vor November würde ohnehin nichts aus der Sache werden. Eines Samstags Ende November kam ein Anruf, wir mögen uns bitte am morgigen Sonntag zur Prüfung einfinden, doch dummerweise hatte ich just zu diesem Termin einen Gottesdienst zu halten, wie ich dem christlichen Fahrlehrer versicherte, der dies zum Anlass nahm, die Lutheraner zu loben und seine eigene orthodoxe Kirche über die Freisprechanlage im Fahrschulauto harsch zu kritisieren. Nun, mir konnte es gleich sein, zumal ich keiner der genannten Kirchen angehöre, aber dem Führerschein hatte mich dieses Telefonat nicht näher gebracht.

 

Die erste Fahrstunde


Fürderhin rief er in regelmäßigen Abständen an und schlug Termine vor, an denen ich Hochzeiten, Familienfeiern, Auslandsaufenthalte oder einfach Schlaf zu früher Morgenstunde eingeplant hatte. Bis zu jenem verhängnisvollen Telefonat in der vergangenen Woche, als es endlich klappte: am kommenden Montag sei es soweit. Man stelle sich das einmal vor: In Deutschland war ich erst kürzlich mit 200 über die Autobahn gebrettert, hatte unsere Kirchenleitung sicher 849 Kilometer durchs Land geschaukelt und nun sollten meine Frau und ich gemeinsam mit gerade der Spätpubertät entronnenen Frischlingen eine Fahrprüfung ablegen.

Zuvor allerdings kam unserer Fahrlehrer, der übrigens auf den schönen Namen Rimon hört, was soviel wie Granatapfel bedeutet, höchstpersönlich vorbei, um zwei Gebührenbescheide abzugeben, die vor der Prüfung auf der Post nach der Methode des „Bürosprint“ (siehe JTB vom 19.03.04) zu bezahlen waren.

"Als ich mich bei Granatapfel-Rimon freundlich erkundigte, wie ich denn in einem Kreisverkehr zu blinken habe, antwortete er ebenso freundlich wie hilfreich, dass ich das halten könne, wie ich wolle."

Montag Vormittag war er dann tatsächlich rechtzeitig vor Ort, zusammen mit einer Fahrschülerin, die er wohl aus Marketing-Gründen mitgebracht hatte, denn sie erklärte sogleich unumwunden, soeben durch die Prüfung gefallen zu sein, es aber nochmals versuchen zu wollen. Das baut auf. Ich stieg ein, schob den Sitz nach hinten und fuhr ganz normal los, eben so wie immer. Da ich aber den Straßenverlauf und die Bodenwellen vor dem Auguste Victoria Gelände gut kenne, fuhr ich erstens zu schnell und zweitens zu weit links, eben so wie immer. Nach einer freundlichen Rüge seinerseits, zwischen zwei Telefonaten, hielt ich vermutlich als erster Fahrzeugführer in der Geschichte des Staates Israel an einem Stoppschild, was mir wütendes Gehupe der hinter mir Fahrenden sowie beinahe einen Auffahrunfall des hinter mir (selbstverständlich ohne Freisprechanlage) telefonierenden Automoblilisten einbrachte.

Als ich mich bei Granatapfel-Rimon freundlich erkundigte, wie ich denn in einem Kreisverkehr zu blinken habe, antwortete er ebenso freundlich wie hilfreich, dass ich das halten könne, wie ich wolle. Was ich dann auch tat, d.h. ich fuhr so wie immer, nur ungefähr halb so schnell und damit ein unberechenbares Verkehrshindernis und Ärgernis für die anderen Fahrer darstellend.
Vor einem Verkehrsübungssgelände, wie wir es aus dem Verkehrsunterricht der Grundschule kennen, war dann Fahrerwechsel und meine liebe Frau durfte ihre Fahrkünste zeigen, was sie dann auch mit dem ihr innewohnenden Temperament tat. Nach einer kurzen Zeit kannten wir alle Verkehrsschilder, die die Prüfungskommission völlig willkürlich und sinnwidrig um den Übungsplatz herum aufgestellt hat, um ihre Prüflinge hereinzulegen, durchfallen zu lassen und in tiefe Lebenskrisen zu stürzen. Nach drei Runden fühlten wir uns firm genug und die Prüfung konnte beginnen.


 

Russen, Amerikaner und High-del-börg


Da meine Frau gerade fuhr, durfte sie praktischerweise beginnen und ich konnte alles von der Rücksitzbank aus beobachten und mir schwierige Situationen merken. Da ich eine flotte Frau habe, rief ich ihr einmal warnend das Wort „Fünfzig“ zu, als sie in einem Wohngebiet bei deutlich überhöhter Geschwindigkeit noch beschleunigen wollte und erhielt daraufhin von der Prüferin Redeverbot. So gestaltete sich die Fahrt recht schweigsam - immerhin telefonierte die Prüferin nicht - bis sich ein Polizeimotorrad an einer Ampel rechts an uns vorbeidrängelte. Meine Frau ließ den Polizisten gewähren, da sie dachte, er dürfe das, was aber nicht der Fall war, wie uns die Prüferin belehrte. Nun war das Eis gebrochen, wir hatten einen gemeinsamen Feind gefunden, vielleicht war dieser rangniedrige Polizist gar ein frisch eingewanderter Russe. Diese, so unsere Prüferin in einem raren Anfall von Gesprächigkeit, fälschten ohnehin ihre Führerscheine und hätten somit auch uns dieses Püfungselend erst eingebracht. Ebenso wie die Amerikaner, die nicht schalten könnten, da sie in den Staaten nur große klapprige Wagen mit Automatikgetriebe im Kriechgang bewegten. Als wir auf die Frage nach unserer Herkunft dann auch noch mit „aus der Nähe von beautiful High-del-börg“ auftrumpfen konnten, hatte Gerhild bestanden und ich durfte weiterfahren.

"Man erfahre es nicht mehr gleich, seit ein durchgefallener Soldat einmal landestypisch wild um sich geschossen habe. All meine Beteuerungen, dass ich weder Soldat noch schießwütig sei, ja, nicht einmal eine Waffe bei mir führe, halfen nichts."

Wagemutig überholte ich einen anhaltenden Bus, verwies Stoppschilder missachtende Autofahrer hupend in ihre Schranken und entkam siegreich mit einer 180 Grad-Kehre bei quietschenden Reifen einem Labyrinth aus Einbahnstraßen und Abbiegeverboten, in das unsere Prüferin mich heimtückischerweise gelockt hatte. Dann ging es zurück zum Verkehrsübungsplatz, wo unsere Prüferin wortkarg den Wagen verließ und sich grußlos in ihr Büro absetzte. Das Ergebnis würde heute ab vier Uhr an eben diesem Büro aushängen, erklärte unser Fahrlehrer entschuldigend, als er sich uns telefonierend näherte. Man erfahre es nicht mehr gleich, seit ein durchgefallener Soldat einmal landestypisch wild um sich geschossen habe. All meine Beteuerungen, dass ich weder Soldat noch schießwütig sei, ja, nicht einmal eine Waffe bei mir führe, halfen nichts, unser Fahrlehrer erklärte sich allerdings kulanzhalber bereit, für uns nachzuschauen und anzurufen.

Endlich bestanden, aber...
Das alles hatte allerdings einen astronomischen Preis. Wohl hatten wir nur eine Fahrstunde genommen, doch 9 wurden berechnet, was immer noch wenig sei, da er Prüflinge erst nach 15 Stunden anmelden dürfe und auch bei uns diesen Gesamtbetrag in voller Höhe versteuern müsse, beklagte sich unser leidgeprüfter Rimon. Nun denn, wenn es uns den Führerschein und ihm die Ruhe vor der Steuerfahndung brachte, waren wir bereit, auch dieses Opfer zu bringen.
Mit ungewissen Gefühlen fuhren wir heimwärts. War Gerhild zu schnell gefahren? Hätte ich den Bus nicht überholen dürfen? Das Warten nach dem ersten theologischen Examen hätte nicht schlimmer sein können. Nach bangen Stunden des Wartens dann der erlösende Anruf: beide bestanden! Doch wer meint, wir wären damit am Ziel unserer Wünsche und Bemühungen, der irrt gewaltig!

...nicht ohne Bürosprint
Ein Merkblatt unseres deutschen Vertretungsbüros schildert das weitere procedere nun wie folgt:

3. Licensing Office: Gehen Sie dieses Mal durch die große Halle bis ans Ende, dort in den Flur, an dessen Ende links und schon sieht man eine kleine Schalterhalle mit vier Schaltern. Am Schalter 11 werden Fürerscheinumschreibungen vorgenommen. Klären Sie ihre Position in der Schlange (Man kann keine Nummern ziehen und es geht mitunter durcheinander. Die Person am Schalter 11 führt manchmal eine Liste. Hierin sollte man sich gleich nach Betreten der Halle eintragen lassen. Sie erhalten dort einen vorläufigen Führerschein – der endgültige erreicht Sie 3-4 Wochen später per Post (d.h. man sollte eine Postadresse parat haben).

Gesagt getan. Durch die Sicherheitskontrolle begab ich mich also am nächsten Morgen in die kleine Schalterhalle, fand auch sogleich Schalter 11 mitsamt der betreffenden Person dahinter und, da ich mittlerweile Behördenprofi bin, drängelte ich mich vor und setzte mich zu einer mir unbekannten Dame, die gerade an der Reihe war, auf einen Stuhl, die anderen Wartenden lässig umgehend, was diese aber augenscheinlich ganz normal fanden; zumindest beschwerte sich niemand, auch nicht die gerade dran-seiende Dame.

"Nunmehr hielt ich - nein, nicht etwa den vorläufigen Führerschein sondern - eine Zahlungsanweisung in der Hand."

Nachdem ich geduldig zwei Privattelefonate der Sachbearbeiterin ausgesessen hatte, fiel ich der dran-seienden Dame galant ins Wort, schob unsere Pässe über den Tresen und verlangte forsch in meinem besten Hebräisch die unverzügliche Herausgabe der vorläufigen Führerscheine, was die Sachbearbeiterin erst einmal dazu veranlasste nach meinen Wagenpapieren zu fragen. Da mir dies nicht einleuchtend erschien, versuchte ich den Sachverhalt auf Englisch zu erläutern, doch zum Glück saß neben mir ja noch die dran-seiende Dame, die auf Russisch dolmetschte, so dass ich zu guter Letzt die Auskunft erhielt, am falschen Schalter zu sein. Also zurück in die große Halle, Nummer ziehen, anstellen, Bürosprint, geschafft. Nunmehr hielt ich - nein, nicht etwa den vorläufigen Führerschein sondern - eine Zahlungsanweisung in der Hand. Genauso, wie es das Vertretungsbüro geweissagt hatte, hätte ich das Merkblatt sorgfältiger studiert:

4. Post Office: Der vorläufige Führerschein ist erst gültig, wenn sie in der Post 18 NIS bezahlt und den Stempel dafür erhalten haben.

Also eine weitere Runde Bürosprint, mittlerweile bin ich in dieser Disziplin ja schon triathlonfähig (sprinten, boxen, drängeln), die Gebühr beträgt statt 18 nunmehr satte 250 Schekel, aber das ist mir mittlerweile gleichgültig, dann halte ich das Teil triumphierend in der Hand. Doch die Freude währt nicht lange: gültig bis 07.06.2005 ist da in großen Lettern zu lesen. Aber bis dahin habe ich ja den endgültigen Führerschein per Post, um die Verlängerung zu beantragen. Schade nur, dass wir dummerweise vergessen haben, eine Postadresse anzugeben.

       

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