Jerusalemer Tagebuch (07.01.05)
Identität im Heiligen Land - Ein Vortrag von Pater David Neuhaus
Pater David Neuhaus
Pater Neuhaus ist ein deutschstämmiger katholischer Priester des Jesuitenordens aus Israel. Schon diese Konstellation wirft die Identitätsfrage auf, seine Vita umso mehr: einer deutschen jüdischen Familie entstammend, wurde David Neuhaus in Südafrika geboren und kam als Jugendlicher nach Israel. Er legte seinen PhD in Politikwissenschaften an der Hebräischen Universität ab und studierte im Anschluss Theologie und Bibelwissenschaften in Paris und Rom. Zur Zeit unterrichtet er Bibelwissenschaften am Seminar des Lateinischen Patriarchates in Beit Jala und an der Bethlehem Universität. Er forscht ebenfalls am Shalom Hartmann Institut in Jerusalem.
Jeder hat verschiedene Identitäten
Die schwierigste Frage, die man ihm stellen könne sei die, wer er sei, meint David Neuhaus, denn die Antwort falle je nachdem unterschiedlich aus. Und seine Antwort ist durchaus auch in Deutschland interessant. Wohl hat nicht jeder einen Lebenslauf wie er vorzuweisen, aber mit Identität hat sich kaum jemand beschäftigt wie er. Während man im Diskurs immer wieder versucht Identität statisch festzumachen, ist für Neuhaus Identität ganz klar kontextuell geprägt. Jeder Mensch hat für ihn verschiedene Identitäten, nicht nur eine. Welche dieser Identitäten aber gerade im Vordergrund steht wird durch den Kontext und eine Art innerer Hierarchie der Identitäten bestimmt.
Wenn Neuhaus beispielsweise an das Seminar in Bet Jala geht, so geht er als Priester, in Soutane. Denn mit seinem israelischen Ausweis dürfte er nicht in die palästinensischen Gebiete. Einmal, so erzählt er, wurde er befragt und musste längere Zeit bei der Grenzpolizei am Checkpoint warten. Hinterher entschuldigte sich ein israselischer Polizist wortreich bei ihm mit der Begründung, er sei selber armenischer Christ und es sei für ihn furchtbar peinlich, einen Priester solchermaßen behandeln zu müssen. Es gibt also nicht nur einen Hierarchie der jeweiligen Identitäten, sondern durchaus auch innere Konflikte, je nach Situation.
„Denn, um den anderen und auch sein Handeln im Konflikt zu verstehen, muss man zunächst seine Identität(en) verstanden haben.“
Doch Neuhaus lässt sich durch solche Widrigkeiten und Vorfälle nicht entmutigen und las nicht nur in Beirut, sondern auch an der katholischen Bethlehmer Universität eine „Einführung in das Judentum“. In arabischer Sprache wohlgemerkt und für palästinenische Studierende nach dem Ausbruch der Intifada. Denn, um den anderen und auch sein Handeln im Konflikt zu verstehen, muss man zunächst seine Identität(en) verstanden haben, so Neuhaus. Wer weiß, wie seine Studenten in dieser Situation reagiert hätten, hätten sie gewusst, dass er sich ebenso als Jude fühlt.
Identitäten können sich ändern
„'Wir haben hier keine Schwarzen'. Vorurteile halten sich bisweilen eben länger als Identitäten.“
Hierzu muss man wissen, dass David Neuhaus 1979 seine Wahlheimat Südafrika verlassen hatte, da er seinen Wehrdienst nicht im Dienste der Apartheid ableisten wollte. 1999, also zwanzig Jahre später, nach dem Ende der Apartheid unterrichtete er in Kairo an der Hochschule der Jesuiten und beschloss, seinen südafrikanischen Reisepass, den er als „Verräter“ damals hatte abgeben müssen, wieder zu beantragen. Bangen Herzens begab er sich auf die Botschaft Südafrikas, wo man ihn allerdings nicht als „Verräter“, sondern mit offenen Armen als Helden empfing.
Schwierigkeiten gab es dann aber bei der Übergabe des Passes, als ein Angestellter der Botschaft in die Hochschule kam und nach Vater David fragte, der sich hier auf arabisch allerdings Abuna Daoud nannte. Auf den Hinweis des Botschaftskuriers, dass Vater David aus Südafrika stammte, kam nur die lakonische Antwort des Pförtners: „Wir haben hier keine Schwarzen“. Vorurteile halten sich bisweilen eben länger als Identitäten.
Drei Dimensionen von Identität fasst Neuhaus zusammen:
1. Pass oder Nationalität
„Ich war vielleicht kein allzu religiöser Jude, aber dennoch bin ich auch als Jesuit immer noch einer. D.h. Identitäten können sich sehr wohl ändern, ohne einander auszuschließen.“
2. Religion
Neuhaus ist als Jude in Deutschland geboren, in der orthodoxen Tradition aufgewachsen, zum Katholizismus übergetreten und hat als geistliche Heimat den Jesuitenorden gewählt. Er sagt „Ich war vielleicht kein allzu religiöser Jude, aber dennoch bin ich auch als Jesuit immer noch einer. D.h. Identitäten können sich sehr wohl ändern, ohne einander auszuschließen.
3. Sprache
Welche Sprache spreche ich. Hier, im Nahen Osten ist es durchaus üblich, dass die Menschen polyglott sind. Auch ich merke das - je nachdem, ob ich hebräisch oder arabisch spreche, schlage ich mich auf eine Seite. Beispielsweise am Checkpoint. Spreche ich hebräisch, um bei den Soldaten gut durchzukommen? Oder arabisch, um mich mit den Palästinensern zu solidarisieren? Oder gebe ich mit Englisch den neutralen Ausländer, der sich aus allem raushält? Oder spreche ich gar Deutsch, das im Gegenüber zu Israelis noch einmal einen ganz anderen Klang hat?
„Jeder Mensch hat aber eine Art innere Leitkultur. Nur gelte es, diese nicht zu verabsolutieren, sondern mit den anderen inhärenten Identitäten in einen Dialog zu bringen. Mulitkulti alleine hält niemand aus...“
Jeder Mensch, so Neuhaus hat aber eine Art innere Leitkultur. Nur gelte es, diese nicht zu verabsolutieren, sondern mit den anderen inhärenten Identitäten in einen Dialog zu bringen. Denn Mulitkulti alleine hält niemand aus, eine innere Leitkultur muss sein, um eine Hierarchie der Identitäten zu entwickeln.
Es ist eben nicht so einfach mit der Identität und man sollte sich das zumindest vor Augen führen, bevor man Kopftuch-, Patriotismus- und sonstige Debatten anzettelt.
Toleranz?
Identitätskonflikte
Im Konflikt der Identitäten nach innen und außen empfiehlt er drei Vorgehensweisen:
1. Selbstkritik hilft gerade Mehrheiten, Gewalt und Ungerechtigkeiten zu vermeiden.
2. Die historische Dimension und damit Relativität von Identität darf nicht vergessen werden, ebenso deren Kontextualtität.
3. Mehrheiten müssen immer vom Rande her, aus der Perspektive der Minderheit das Geschehen versuchen zu betrachten.
Als biblische Zusammenfassung schloss Neuhaus seinen Vortrag mit einem Satz aus dem Epheserbrief:
„Jesus Chistus ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft.“ (Eph 2,14)








