Jerusalemer Tagebuch (31.12.04)
Das Verständnis fördern - Christlich-jüdischer Dialog der Religionen in Israel
Daniel Rossing
- Ein Gespräch mit Daniel Rossing -
Daniel Rossing, viele Jahre Staatssekretär für Christliche Kirchen in Israel, gehört zu den Gründern des Jüdisch-Christlichen Zentrums in Jerusalem, das den Dialog der Religionen fördern will. Das Gespräch mit ihm führte Annette Lübbers in Jerusalem für die evangelische Sonntagszeitung.
Wir danken der Autorin für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung im Jerusalemer Tagbuch.
In Europa und Nordamerika existiert bereits seit langem ein mehr oder weniger intensiver jüdisch-christlicher Dialog. Was waren die Gründe dafür, Herr Rossing, zu diesem Zeitpunkt ein jüdisch-christliches Zentrum in Jerusalem zu gründen?
DANIEL ROSSING: Es gibt viele fruchtbare Begegnungen im westlichen Stil in Israel. Bislang gab es allerdings keine effektiven Rahmenbedingungen, um bessere Beziehungen zwischen israelischen Juden und den einheimischen christlichen Gemeinden – im Regelfall aus dem östlichen Raum stammend – im Heiligen Land zu fördern. Manche Beobachter, Christen ebenso wie Juden, denken, dass sich die Beziehungen in den letzten Jahren verschlechtert haben. Das war einer der Hauptgründe dafür, das »Jerusalem Zentrum für Jüdisch-Christliche Beziehungen« (JCJCR) zu gründen.
"In Israel/Palästina ist Religion immer eng verbunden mit ethnischen und nationalen Identitäten. Dadurch ist interreligiöser Dialog auch Teil eines Friedensprozesses."
Was unterscheidet den jüdisch-christlichen Dialog europäischer und amerikanischer Prägung von dem, den Sie nun in Israel etablieren wollen?
Von besonderer Bedeutsamkeit ist die Umkehrung der Minorität-Majorität-Rollen im heutigen Israel.
Zum ersten Mal in zwei Jahrtausenden sieht sich eine machtvolle jüdische Majorität kleinen christlichen Gemeinschaften gegenüber, die ebenso wie die Juden lange als Minorität gelebt haben. In Israel/Palästina ist Religion immer eng verbunden mit ethnischen und nationalen Identitäten. Dadurch ist interreligiöser Dialog auch Teil eines Friedensprozesses.
Wie sah der »Status Quo« des jüdisch-christlichen Dialogs aus, bevor Sie mit Ihrer Arbeit begannen?
An interreligiösen Aktivitäten in Israel war nur ein kleiner Zirkel von Juden beteiligt, die zum größten Teil aus dem westlichen, hauptsächlich angelsächsischen Raum stammen, sowie einige wenige ausländische Christen aus westlichen Ländern. Sie folgten im Wesentlichen einer westlich geprägten Art des Dialogs. Kaum ein einheimischer Christ nahm daran teil, und der überwiegende Teil der israelischen Juden hatte keinen Kontakt mit arabischen Christen. Das Bewusstsein für die revolutionären Veränderungen innerhalb der westlichen Kirchen – beispielsweise im Hinblick auf Juden und Judentum – war kaum vorhanden.
"Die jüdische Majorität in Israel – wie auch die christliche Mehrheit in Europa – sollte motiviert sein durch religiöse und moralische Verpflichtungen gegenüber dem Wohlergehen der kleinsten Minoritäten im Land."
Wie sehen die Gründe speziell für die Juden aus, sich in diesem Dialog zu engagieren?
Die kleine Minorität der Christen im Land, ähnlich wie die Juden in Europa oder Amerika, sind sehr motiviert durch die Hoffnung, dass ein solcher Dialog das Verständnis für ihre Situation wachsen lässt. Die jüdische Majorität in Israel – wie auch die christliche Mehrheit in Europa – sollte motiviert sein durch religiöse und moralische Verpflichtungen gegenüber dem Wohlergehen der kleinsten Minoritäten im Land.
Der Konflikt zwischen Juden und Palästinensern belastet den jüdisch-christlichen Dialog in Europa. In welchem Ausmaß hat der Konflikt Einfluss auf Ihre Arbeit?
In einem kürzlich herausgegebenen offiziellen Dokument des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem steht zu lesen: »Die nationale Identität der Mehrheit der (lokalen) Christen befindet sich im Konflikt mit der nationalen Identität der Mehrheit der Juden.« Das macht unseren Dialog schwieriger. Auf der anderen Seite wird der Dialog vereinfacht durch die Tatsache, dass wir in Israel eine vergleichbare Geschichte als kleine, oft verfolgte Minorität teilen.
"Im März haben wir für einen Tag eine Konsultation veranstaltet, die sich mit den derzeitigen Hautproblemen der christlichen Gemeinden beschäftigt hat. Dabei waren Vertreter von 15 einheimischen Kirchen, darunter acht Bischöfe und ebenso viele Vertreter von führenden jüdischen Organisationen, die für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit eintreten."
Wie viele palästinensische Christen und palästinensische christliche Organisationen sind involviert?
Die Führer aller einheimischen christlichen Gemeinschaften haben öffentlich die Gründung des JCJCR begrüßt. Im Januar haben christlich-palästinensische Pädagogen aus einem Dutzend verschiedener Städte und Dörfer in Galiläa 20 israelisch-jüdische Pädagogen getroffen, darunter einige orthodoxe Rabbiner. Die Tagung wurde von JCJCR gesponsert und dauerte zwei Tage. Im März haben wir für einen Tag eine Konsultation veranstaltet, die sich mit den derzeitigen Hautproblemen der christlichen Gemeinden beschäftigt hat. Dabei waren Vertreter von 15 einheimischen Kirchen, darunter acht Bischöfe und ebenso viele Vertreter von führenden jüdischen Organisationen, die für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit eintreten.
Was möchte JCJCR erreichen, und welche Fortschritte sind bereits jetzt zu verzeichnen?
In einer relativ kurzen Zeit haben wir das Vertrauen und die Unterstützung vieler jüdischer und christlich-religiöser Führer gewonnen. Wir haben die Probleme in den Beziehungen von Juden und Christen ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Zusätzlich haben wir gute Fortschritte gemacht in der Gewährleistung finanzieller Mittel, um eine große Anzahl von Aktivitäten gegen Ignoranz und Vorurteile zu finanzieren und das Verständnis und die Empathie zwischen der jüdischen Mehrheit und den lokalen christlichen Minderheiten zu fördern.
Was erwarten Sie von Ihren deutschen Partnern?
Eine ganze Anzahl von deutschen Kirchen und kirchlichen Einrichtungen haben ein deutliches Interesse an unserer Arbeit gezeigt, an unserer möglichen Beteiligung am Friedensprozess im Heiligen Land und an der Verbesserung der Situation der christlichen Minderheiten. Sie haben die einzigartige Möglichkeit begrüßt, beides zu unterstützen: die israelischen Juden und die palästinensischen Christen. Unter denen, die großzügige Spenden für unsere Arbeit geleistet haben, sind Misereor und Kirche in Not. Missio in Aachen hat der Gemeinschaft der deutschen Diözesen ebenfalls angeraten, die Arbeit von JCJCR zu unterstützen. Die Evangelische Kirche im Rheinland und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern haben uns ebenfalls unterstützt.
Arbeitet JCJCR unabhängig?
Der Interreligiöse Koordinierungsrat in Israel, die wichtigste gemeinnützige Dachorganisation für interreligiöse und interkulturelle Beziehungen, dient während unserer Einarbeitungsphase in den ersten drei Jahren als eine Art »Brutkasten« für unsere Organisation.
Aus: Evangelische Sonntagszeitung Nr. 43 vom 24.10.2004, leicht gekürzt








