Jerusalemer Tagebuch (13.03.04)

 

In Jerusalem ist Mendelsohn irrelevant: Der Streit um die Schocken-Villa

Schocken-Villa

Salman Schocken (1877-1959), begann seine Karriere mit einer Handelskette und wurde in den 20er Jahren zu einem Kunstmäzen und einflussreichen Verleger, bei dem unter anderem die Werke von Thomas Mann und Martin Buber erschienen. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten wohnte er ein Jahr in Jerusalem, bevor er in den Vereinigten Staaten den berühmten Schocken Verlag aufbaute.

Wohnraum contra Baudenkmäler
Armut, Bevölkerungswachstum und eine religiös bestimmte Stadtführung bekommen Jerusalem nicht. Seit dem Ende der Herrschaft von Bürgermeister Teddy Kollek 1993 liegt das Herz jüdischer Tradition vernachlässigt inmitten politischer Rankünen. Kolleks Nachfolger, der nach Höherem strebende Likud-Politiker Ehud Olmert, war schon auf die religiösen Gruppierungen angewiesen, für die nur die antike Zeit des Tempels von Wert ist. Olmert sorgte zwar für Straßen, aber auch für mehr Schmutz. Sein Nachfolger Uri Lupolianski ist ein ultraorthodoxer Menschenfreund. Er will das Gute, wird aber von den verschiedenen Kräften der Hauptstadt zerrieben und von der Not seiner verarmten Klientel getrieben. Jerusalem braucht Wohnraum, Arbeitsplätze und Investoren. Als Chef des "Stadtkomitees zur Erhaltung von Baudenkmälern" setzte Lupolianski vor Amtsantritt der Zerstörung der historischen Schocken-Villa nichts entgegen. Als Bürgermeister ließ er nun - indirekt - verlauten, er sei doch gegen den Abriss.

Jerusalems Stadtverwaltung muss sich oft gegen Vorwürfe von Korruption und Vetternwirtschaft verteidigen. Nun liegt ein seltsames Schweigen über der Entscheidung eines städtischen Komitees, zwei deutsche Baudenkmäler aus den dreißiger Jahren abzureißen oder unsachgemäß zu verändern. Die Rede ist vor allem von der Villa, die Erich Mendelsohn 1934 bis 1936 für den auch aus Deutschland stammenden Unternehmer Salman Schocken schuf. Diesem Bau droht jetzt der Abriss.
Dabei stehen Mendelsohns Bauten seit 1968 unter Denkmalschutz. Seit 1987 gehören sie zu den 110 Bauzeugen Jerusalems, bei denen Veränderungen durch den Planungsprozess von der Stadt bis zum Innenministerium gehen.

Die Schocken-Villa
Die Villa war einst ein luxuriöser Bau mit Balkons und Schwimmbad. Ein großer Garten umgab den Bau. Er grenzt auf der einen Seite an die Aghion Residenz, die der frühere Frankfurter Architekt Richard Kauffmann entworfen hatte. Das ist bis heute die offizielle Residenz des Premiers. Sie liegt so zwischen Schocken-Villa und Schocken-Bibliothek, die auch von Mendelsohn für den Kaufhausmagnaten und Verlagskaufmann gebaut wurde. Drei Gebäude aus nämlicher Zeit stehen da also beieinander. Das könnte eine Einladung sein an Israel und Jerusalems Stadtväter, sie mit einem gemeinsamen Konzept zu verbinden. Das Staatsarchiv könnte zumindest die zwei Schocken-Bauten erhalten; die Residenz des Ministerpräsidenten könnte ein Museum der israelischen Staatsführer aufnehmen, das es bisher so noch nicht gibt. Das jedenfalls schlägt ein Komitee vor, das sich mit 42 Direktoren israelischer Museen und vielen Fachleuten aus dem In- und Ausland dem Abriss der Schocken-Villa entgegenstemmt.

Salman Schocken lebte nur ein Jahr in seiner Villa an der heutigen Smolenskin Straße im Stadtteil Rehavia. Das waren freilich Monate, die zum Beispiel entscheidende Schritte für den Aufbau der Hebräischen Universität erbrachten. Wirtschaft und Intelligenz waren bei Schocken zu Gast. Dann zog der Unternehmer in die Vereinigten Staaten. 1957 wurde das Wohnhaus an die "Rubin Akademie für Musik und Tanz" verkauft. Mit Ehrfurcht vor dem Meister fügte Joseph Klarwein, ein bekannter Architekt öffentlicher Gebäude, eine neue Vorderfront zur Straße an. Sie zerstörte den Vorgarten, schuf aber die erforderlichen Klassenzimmer. In den neunziger Jahren verkaufte die Akademie den Garten. Zwei luxuriöse Häuser mit Eigentumswohnungen entstanden. Kürzlich beschloss die Akademie umziehen. Sie verkaufte die Villa Schocken an Hillel Leibowich und seine Firma Igda. Leibowich sei freilich nur ein "religiöser und darum in der Stadt gut vernetzter" Strohmann, sagen die Kritiker. Der habe der plötzlich von allen Sorgen befreiten "Rubin-Akademie" von "Wem-auch-immer" fünf Millionen Euro hingeblättert.

Erhaltung oder Abriss
Zahlt man aber so viel Geld für ein Gebäude, das nicht verändert werden darf? Oder hatte Igda schon beim Kauf das stille Einverständnis der Stadt, ein sechs Stockwerk hohes Terrassen-Appartementhaus mit 24 Wohnungen bauen zu können? Um ihren Bauplan durchzusetzen, bestellte Igda den bekannten Architekten Ram Carmi, der zusammen mit seiner Schwester Ada Carmi-Melamed für die Rothschild-Stiftung den neuen Sitz des Obersten Gerichts geschaffen und den "Israel-Preis" für Architektur erhalten hatte. Carmi schlug vor, die Rückfassade und Mendelsohns typischen "runden Balkon" zu "retten". Er würde sie vorne vor die neue Front setzen. Während das Stadtkomitee zum Bauerhalt unter Lupolianski diese Pläne zunächst ablehnte, stimmte es ihnen bei einer zweiten Abstimmung zu.
Dazu trug wohl die Präsentation von David Kroyanker bei. Dieser Architekt hat sich als Konservator alter Gebäude einen Namen gemacht, ist aber auch zu gewissen Diensten bereit. Er stellte "mit Bedauern" und belegter Stimme fest, die Villa sei durch ihre vielen Umbauten in einem mehr verwahrlosten Zustand. Man müsse sie leider abreissen, nicht ohne im Neubau für das Ansehen von Mendelsohn ein paar Vitrinen im Foyer mit Memorabilia zu füllen. Der Stadtingenieur hätte in diesem Moment intervenieren und feststellen können, dass es viele Gebäude in der Stadt gibt, die trotz ihres schlechteren Zustandes gut restauriert werden konnten. Doch Herr Uri Schetrit schwieg. Die Investoren übersprangen dann die Stadtkomitees und versuchten, den mächtigeren Regionalen Planungsausschuss für ihr Projekt zu gewinnen. Dieser Institution sitzt Binath Schwartz vor. Sie witterte Böses und schlug eine öffentliche Anhörung vor, die im März aus der schlummernden Affäre einen Skandal machte.

"Irrelevantes" Gebäude?
Für die Villa-Zerstörer legte Architekt Yaron Turrel ein nach Ansicht der Bewahrer "bestürzendes Konzept" vor, mit dem halb Jerusalem, aber auch das Kolosseum in Rom oder der Kölner Dom abgerissen werden könnten. Mendelsohns Werk habe seine Bedeutung daraus geschöpft, sagte er, dass er Bauwerk und umgebende Landschaft miteinander in ein Spiel versetzt und versöhnt habe. Diese Schöpfung aber habe ihre ursprüngliche Umgebung spätestens seit Zerstörung der Gärten verloren. Ohne diesen "Kontext" aber sei "Mendelsohns Bau irrelevant". Diese Darstellung rüttelte eine Gruppe von Architekten wach, die seitdem mit ihrem "Ad Hoc Komitee" zur Rettung der Schocken-Villa aufrufen. Ihr Sprecher Gil Gordon schlug mit harten Bandagen zurück.

Er wies nicht nur darauf hin, dass der moderne Mensch sein Bedürfnis nach Identität auch gerne in der Vergangenheit stille und nicht zuletzt deswegen in ein Museum gehe oder eben alte Bauten bewahre. Gordon erinnerte auch an die Mongolen, die das goldene Samarkand zerstört hätten und an die Nazis, die klassische Bücher als irrelevant aburteilten und verbrannten. Er sei kein Nazi, verteidigte sich Turell. Der Erhalt der Schocken-Villa komme ihm aber so vor, als wolle man den Körper von Elvis Presley einbalsamieren, wie er bei seinem Tod war, "rauschgiftsüchtig und als dreckigen alten Mann". Das rüttelte Hillel Schocken, Salmans Erben, wach. Schocken wunderte sich, ob vielleicht Turell nun auch noch das Haus von Elvis in Memphis platt machen wolle.

Die Auseinandersetzung war hart, die Kommissionsvorsitzende Binath Schwartz entgeistert. Zum einen versuchte sie, den - bis heute schweigenden Innenminister Israels - zu alarmieren. Zum anderen schrieb sie an Komitee-Mitglieder wie Gil Gordon oder Uriel Adiv Drohbriefe: Diese Architekten würden unter ihrer Führung nie wieder in staatlichen Denkmalsvorhaben engagiert werden, donnerte die Beamtin gegen diese "Verrückten". Mittlerweile strengte das Komitee gegen Frau Schwartz ein Aufsichtsverfahren an. Und wie steht es mit der Villa? Igda vermietete das Haus für zwei Jahre an eine Talmudschule für russische Juden, die noch nie etwas von Mendelsohn gehört haben. Diese Frist wird dem Gebäude wohl weiter eher schaden.

Jörg Bremer, FAZ
Mit freundlicher Genehmigung des Autors für das JTB

       

      Israel heute: Ein Mann bewegt eine Stadt

      Zäh und konsequent verfolgte Uri Amedi das Ziel der Integration in seinem Stadtviertel mit neuen Zuwanderern über dreißig Jahre lang. Und das Ergebnis ist ein "Bilderbuchstadtteil" mit neuer Lebensqualität: "Lev Ha´ir" - Ein neuer alter Stadtteil in Jerusalem