Jerusalemer Tagebuch (08.02.05)
Als badischer Pfarrvikar ein Jahr in Jerusalem
Philip Kampe
Die Jerusalemer Altstadt – wer noch nie hier war, kann sich kaum vorstellen, welche einzigartige Atmosphäre in den engen Gässchen herrscht:
Zwischen den aufdringlichen Händlern raufen sich arabische Schulkinder. Es riecht nach frisch gemahlenem Kaffee und zugleich nach exotischen Gewürzen und fettigem Essen. Die Rufe der Muezzins mischen sich mit dem Geläut von Kirchenglocken. Im Gebet tief versunkene Pilger ziehen durch die Straßen und nehmen dabei weder die „ultraorthodoxen“, stets schwarz gekleideten Juden noch die verschleierten muslimischen Frauen wahr. In dieser Umgebung durfte ich ein Jahr leben und arbeiten.
Ein Bericht von Pfarrvikar Philip Kampe aus Baden.
Die deutsche evangelische Gemeinde in der Jerusalemer Altstadt
Mitten im Gewimmel der Altstadt steht die Erlöserkirche. Seit sie der letzte deutsche Kaiser am Reformationstag 1898 eingeweiht hat, ist sie ein unübersehbares Zeugnis evangelischer Präsenz im Heiligen Land. Der hohe Kirchturm und das im wilhelminischen Stil errichtete Kirchengebäude heben sich durch ihre Schlichtheit von den aufwendig gestalteten, manchmal kitschigen orientalischen Kirchen und von den Moscheen ab. Und: Man spricht deutsch. Denn nicht um Mission unter den Einheimischen geht es hier, sondern darum, dass deutschsprachige evangelische Christen, die für kürzere oder längere Zeit im Heiligen Land leben, eine geistliche Heimat finden.
„Hier, keine fünfzig Meter von dem Ort entfernt, an dem Jesus gekreuzigt wurde, befindet sich seit März 2004 mein Arbeitsplatz. Es war schon eine Umstellung: (...) Hier gilt es vor allem, sich dem orientalischen Lebens- und Arbeitsrhythmus anzupassen. Termine werden spontan und unverhofft angesetzt, Absprachen werden selten als verbindlich betrachtet, feste Preise sind ungewöhnlich...“
Hier, keine fünfzig Meter von dem Ort entfernt, an dem Jesus gekreuzigt wurde, befindet sich seit März 2004 mein Arbeitsplatz. Es war schon eine Umstellung: Eben war ich noch Lehrvikar im badischen Bad Dürrheim mit seinen klaren Strukturen – und wenige Tage nach meiner Ordination habe ich den idyllischen Schwarzwald verlassen, um in meinem ersten Jahr als Pfarrvikar an der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Jerusalem tätig zu sein. Hier gilt es vor allem, sich dem orientalischen Lebens- und Arbeitsrhythmus anzupassen. Termine werden spontan und unverhofft angesetzt, Absprachen werden selten als verbindlich betrachtet, feste Preise sind ungewöhnlich (meistens muss gefeilscht werden), länger als eine Woche plant kaum jemand im voraus – und doch klappt eigentlich immer alles irgendwie.
Routine stellt sich hier nicht ein, weil sich jeder Tag von allen anderen unterscheidet. So unterschiedliche und immer wieder neue Aufgaben gibt es zu erledigen, so viele versteckte Winkel in Jerusalem zu erforschen, so spannende Touren durchs ganze Land zu planen, so verschiedene Traditionen und Riten mitzuerleben, so viele Menschen kennenzulernen!
„... und was tut ein Pfarrvikar in Jerusalem?“
Wie in Deutschland, so gehört es auch in Israel zu meinen liebsten Aufgaben, mit der Gemeinde Gottesdienst zu feiern. Da die Gemeindeglieder weit verstreut wohnen, ist der Gottesdienst am Sonntag morgen der Treffpunkt für die ganze Gemeinde.
Daneben halte ich abwechselnd mit Pfarrer Scholz deutschsprachige Kurseelsorge-Gottesdienste in En Bokek am Toten Meer. Hier hoffen auch viele deutsche Patienten auf Heilung ihrer Hautkrankheiten und nehmen das Angebot zu einer Andacht und einem Gespräch gerne an.
„Das jüdische Chanukah-Fest gemeinsam mit einem Juden zu feiern; auf einer Wanderung durch die Sodomsberge eine Andacht über Lot und seine Frau zu halten; in „Nazareth Village“ in den wiederbelebten Alltag eines galiläischen Dorfs zur Zeit Jesu einzutauchen ... – dies vorzubereiten sowie mit und für die jungen Menschen durchzuführen, ist eine Aufgabe, die mir vor allem deswegen Spaß macht, weil ich dadurch mit den Volontärinnen und Volontären ungezwungen auch über existentielle Fragen ins Gespräch komme.“
Religionsunterricht kann ich natürlich nicht geben. Dafür liegt eine andere spannende Aufgabe in meinem Arbeitsbereich: die Volontärsarbeit. Junge Erwachsene, die ihren Zivildienst, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder einen anderen sozialen Dienst im Ausland leisten, arbeiten in den verschiedensten Einrichtungen in Israel und dem Palästinensischen Autonomiegebiet: in Krankenhäusern, Behindertenheimen, Gästehäusern usw. Diesen jungen Leuten ein Programm zu bieten, das sie aus ihrer Arbeit herausholt und sie mit den Besonderheiten des Landes vertraut macht, gehört zu meinen wichtigsten und zugleich angenehmsten Aufgaben. Das jüdische Chanukah-Fest gemeinsam mit einem Juden zu feiern; auf einer Wanderung durch die Sodomsberge eine Andacht über Lot und seine Frau zu halten; in „Nazareth Village“ in den wiederbelebten Alltag eines galiläischen Dorfs zur Zeit Jesu einzutauchen; auf einem Seminar zu diskutieren und Vorträge über relevante Themen zu hören – dies vorzubereiten sowie mit und für die jungen Menschen durchzuführen, ist eine Aufgabe, die mir vor allem deswegen Spaß macht, weil ich dadurch mit den Volontärinnen und Volontären ungezwungen auch über existentielle Fragen ins Gespräch komme.
Zitronenernte im Dezember
Dazwischen immer wieder besondere Aktionen, an denen man fast nur in Israel teilnehmen kann. Oder wer von Ihnen hat schon mal im Dezember dabei geholfen, 1200 kg Zitronen zu pflücken, zu pressen und zu Konzentrat zu verarbeiten? Die „Jesus-Bruderschaft“ in Latrun, ein Ableger der Kommunität Gnadenthal, lädt jedes Jahr dazu ein. 2004 war ich auch dabei, und bei strahlendem Sonnenschein ging die Arbeit gemeinsam leicht von der Hand.
Hier herrscht eben ein anderes Klima. Nicht nur, aber auch äußerlich: Als ich Deutschland verlassen habe, herrschten dort gerade Temperaturen um den Gefrierpunkt. Bei der Landung in Tel Aviv waren es plötzlich 35 Grad – ein Wüstenwind hatte die Luft aufgeheizt. Meinen dicken Anzug und meine Winterjacke, die ich im Flugzeug getragen hatte, habe ich erst mal in den Schrank gehängt...
„Ansonsten jedoch herrscht normaler Alltag, und die in Europa verbreitete Meinung, in Israel herrsche geradezu Krieg, muss jedem, der sich selbst ein Bild von der Lage hier machen konnte, absurd erscheinen. Einer Reise ins Heilige Land steht nichts entgegen, und wenn Sie das schon länger einmal vorhatten, dann ist jetzt die ideale Zeit dazu!“
Geht es wirklich so heiß her im Heiligen Land?
Andererseits geht es hier übrigens bei weitem nicht so heiß her, wie man nach der Berichterstattung in den deutschen Medien annehmen könnte. Im Gegenteil, die Sicherheitslage ist stabil. Während all der Monate hier habe ich mich kein einziges Mal unsicher gefühlt. Dass Soldatinnen und Soldaten zum normalen Stadtbild gehören und dass man kontrolliert wird, bevor man ein öffentliches Gebäude betritt, daran gewöhnt man sich schnell. Ansonsten jedoch herrscht normaler Alltag, und die in Europa verbreitete Meinung, in Israel herrsche geradezu Krieg, muss jedem, der sich selbst ein Bild von der Lage hier machen konnte, absurd erscheinen. Einer Reise ins Heilige Land steht nichts entgegen, und wenn Sie das schon länger einmal vorhatten, dann ist jetzt die ideale Zeit dazu!
Was bleibt?
Nach einem Jahr in Jerusalem heißt es nun schon bald für mich, Abschied zu nehmen von der Heiligen Stadt. Ich bin der badischen Kirchenleitung, die dieses Jahr finanziert hat, und der EKD, die mich zu diesem Auslandsdienst entsendet hat, sehr dankbar für die Möglichkeit, an den Wurzeln der Christenheit zu leben, zu arbeiten – und vor allem zu lernen. Was ich hier erfahren habe, wird mich mein Leben lang begleiten:
„Zu spüren, dass der Leib Christi trotz aller ethnischer und kultureller Unterschiede seiner Glieder doch nur einer ist, war eine wichtige Erkenntnis. Und das ist schließlich überall auf der Welt gleich: Kirche besteht aus Menschen, die gemeinsam Christen sein wollen.“
Mein Blick für die Ökumene ist geschärft. Ich habe erfahren, dass die Stimme der Christenheit nur in gemeinsamer Anstrengung gehört werden wird, und werde daher darum ringen.
Das Erlebnis, inmitten mehrerer fremder Kulturen zu leben, hat meinen Horizont erheblich erweitert.
Ich habe Kontakte zu Menschen aus aller Welt geknüpft, von denen ich hoffentlich einige aufrecht erhalten kann. Zu spüren, dass der Leib Christi trotz aller ethnischer und kultureller Unterschiede seiner Glieder doch nur einer ist, war eine wichtige Erkenntnis. Und das ist schließlich überall auf der Welt gleich: Kirche besteht aus Menschen, die gemeinsam Christen sein wollen.
Ein Jahr lang durfte ich im multikulturellen und multikonfessionellen Chor Jerusalems die Stimme des deutschen Protestantismus mitvertreten. Ab 1. März 2005 werde ich in den nordbadischen Kirchengemeinden Michelbach und Unterschwarzach pastorale Aufgaben übernehmen. Und weil es auch dabei um Menschen geht, die in ihrem Alltag Stärkung und Ermutigung durch Gottes Wort brauchen, freue ich mich schon darauf, wieder nach Hause zurückzukehren. Denn wer das Besondere kennen gelernt hat, kann auch das scheinbar Alltägliche mit andern Augen sehen.
Philip Kampe,
von März 2004 bis Februar 2005 Pfarrvikar an der Erlöserkirche Jerusalem,
ab März 2005 Pfarrvikar im Kirchenbezirk Neckargemünd








