Konkurrenz für die Kirche

 

Hintergründe und Perspektiven

Sektenmitglieder
Gefahr durch Sekten?

Seit mehr als 30 Jahren ist nun schon Unruhe im Umfeld der immer noch großen evangelischen und katholischen Kirchen: Während die Großkirchen schrumpfen, entstehen unentwegt neue Religionsgemeinschaften - einige bleiben, andere verschwinden ebenso schnell, wie sie gekommen sind.

So sind die Gemeinden und religiösen Gruppierungen neben den Kirchen immer zahlreicher geworden. Da gibt es esoterische Zentren mit vielen religiösen Elementen und magischen Praktiken, aber auch islamische Gemeinden unterschiedlichster Färbung. Neohinduistische Gurus sammeln immer noch Menschen um sich, und buddhistische Gruppen wissen sich den verschiedenen buddhistischen Traditionen verbunden. Prophetinnen treten an die Öffentlichkeit mit neuen Christusoffenbarungen. Medien aller Art schreiben Bücher, die ihnen angeblich von hohen geistigen Wesen eingegeben worden sind ("Channeling").

Woher kommt die große Vielfalt der Religionen?
Wie kommt es, dass in einer Zeit starker religiöser Gleichgültigkeit so viele Neugründungen gedeihen - und was macht sie attraktiv? Was zieht die Menschen an - was vermissen sie bei der evangelischen Landeskirche? Die große Vielfalt der Religionen und religiösen Weltanschauungen hat viele Gründe:

Heutzutage ist die Religionsfreiheit ein unaufgebbar hohes Gut unserer demokratischen Verfassung. Sie erlaubt allen, einen eigenen Glauben zu haben und eine eigene Glaubens- oder Weltanschauungsgemeinschaft zu gründen - solange sie sich im Rahmen der für alle geltenden Gesetze bewegt.

"So wie jeder in anderen Bereichen den eigenen Weg suchen muss, so wählen viele Menschen aus den zahlreichen religiösen Angeboten das für sie Beste aus."

Auch die Globalisierung bringt nicht nur Waren aus fernen Weltreligionen zu uns, sondern Menschen und Religionen. Flüchtlinge sorgen für die Verbreitung von Religionen, Riten und Kulten in Teile der Erde, wo sie bislang unbekannt waren. Außerdem hat die zunehmende Individualisierung aller Lebensbereiche auch vor der Religion nicht halt gemacht. So wie jeder in anderen Bereichen den eigenen Weg suchen muss, so wählen viele Menschen aus den zahlreichen religiösen Angeboten das für sie Beste aus. Damit ist auch erklärbar, weshalb viele Mitglieder sich nach anderen Formen religiösen Lebens umschauen.

Was zieht die Menschen an?
Gleichzeitig wächst der Unmut über große Institutionen. Die Missachtung von Geschichte, die einseitige Sicht von Tradition als Ballast und die Suche nach religiöser Sinnerfahrung unter dem Versprechen von Wissenschaftlichkeit und Freiheit führen zur Esoterik.
Die Überforderung durch die oben angeführten Freiheiten der Lebensgestaltungen bringen Menschen dazu, eine straff organisierte Gruppe zu suchen, in der die Führung alles vorgibt, was für den Einzelnen von Bedeutung ist: Den Heilsweg, die Interpretation der Bibel und evtl. neue Offenbarungen. Diese Suche treibt vor allem junge, engagierte Gemeindeglieder oftmals in freie Gemeinden, in denen spektakuläre Ereignisse dem Wirken des Heiligen Geistes zugeschrieben werden.

"Einige sind mit christlichem Glauben unvereinbar, andere weisen auf ein lang anhaltendes Vergessen wichtiger Elemente des Glaubens hin. Angesichts dieser kaum zu überblickenden religiösen Vielfalt suchen immer mehr Menschen nach Information und Orientierung."

Deutlich wird an dieser Auflistung, dass diese Phänomene sehr differenziert beurteilt werden müssen: Einige sind mit christlichem Glauben unvereinbar, andere weisen auf ein lang anhaltendes Vergessen wichtiger Elemente des Glaubens hin. Angesichts dieser kaum zu überblickenden religiösen Vielfalt suchen immer mehr Menschen nach Information und Orientierung. Das Internet ist für Suchende eine erste Hilfe: Zu den meisten Stichworten gibt es seriöse - aber auch viele windige - Informationen. Aber wichtig ist nicht nur die Information, sondern auch die Orientierung. Die wird oft bei der kirchlichen Informationsstelle für Weltanschauung angefragt. Diese kirchliche Arbeit will nicht kleine oder neue Gemeinschaften verdrängen oder verurteilen, wie manchmal gemutmaßt wird. Es soll vielmehr Hilfesuchenden Auskunft erteilt und für die Kirche und andere gesellschaftliche Institutionen Unterstützung geleistet werden bei der Einschätzung neuer religiöser Nachbarschaften.

Orientierungshilfen
Dabei geht es um die Kriterien, nach denen eine religiöse Gruppierung beurteilt werden kann: Für Christen sind die Aussagen der Bibel und Grundelemente christlichen Glaubens gewichtige Prüfsteine. Dazu gehört die Frage, ob die Gemeinschaft nur Teile der Bibel gelten lässt oder eigene neue Offenbarungen für bindend ansieht.

Wichtig ist aber auch die Frage, wie frei oder autoritär die Gruppe mit ihren Mitgliedern umgeht, welche Freiheit sie dem Lebensstil lässt und wo sie in sehr persönliche Entscheidungen eingreift. Christliche Gemeinden sind danach zu befragen, ob sie Mitglieder anderer Kirchen als vollwertige Christen anerkennen und sich als Teil der weltweiten Christenheit verstehen, oder ob das Heil nur innerhalb dieser Gemeinschaft zu erlangen ist.

Von Bedeutung ist ebenfalls, ob die kirchliche Kindertaufe anerkannt wird oder ob zum vollwertigen Christsein eine 2. Taufe (Glaubenstaufe), eine Geisttaufe (durch offenkundigen Erhalt von geistigen Gaben (= Charismen), eine Versiegelung oder ein ähnlicher Taufergänzungsakt hinzugehört. Wirbt die neue Gemeinschaft MitarbeiterInnen aus anderen Gemeinden ab? Religiöse Gemeinschaften, die sich aus anderen religiösen Traditionen herleiten, müssen nach ihrer Toleranz und Dialogfähigkeit befragt werden.

"Die Suche nach einer Spiritualität, die die Leistungsanforderung des Alltags kompensiert, kann in christlicher Kontemplation ein Ziel finden - und nicht nur in östlichen Meditationen."

Angesichts der zahlreichen Herausforderungen müssen die christlichen Kirchen reagieren. Die Suche nach einer Spiritualität, die die Leistungsanforderung des Alltags kompensiert, kann in christlicher Kontemplation ein Ziel finden - und nicht nur in östlichen Meditationen. Auch die Suche nach Zeichen und Erfahrungen kann zu christlichen Riten und Symbolhandlungen führen, die lange beiseite gelegt wurden, ihre Kraft aber nicht verloren haben. Darüber hinaus ist wichtig, die Möglichkeiten zu fundierten Dialogen zu nutzen, in denen die Partner sich gegenseitig ernst nehmen und bereit sind, voneinander zu lernen.

Dr. Jan Badewien, Landeskirchlicher Beauftragter für Weltanschauungsfragen
Jan Badewien vertritt an der Evangelischen Akademie Baden u.a. den Arbeitsbereich Weltanschauung mit zahlreichen Tagungen z.B. zu Esoterik, Astrologie, neuen Offenbarungen und dem UFO-Glauben. Daneben steht eine ausgeprägte Informations- und Beratungstätigkeit. Hinzu kommen Aufgaben, die über die Grenzen der Badischen Landeskirche hinausführen: Mitwirkung in einer Arbeitsgruppe der ACK Baden-Württemberg und im Vorstand der Konferenz der Landeskirchlichen Weltanschauungsbeauftragten der EKD. Badewien ist Mitglied im Kuratorium der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin.

       

      Verschiedene Gruppen

       

      Im Umfeld der evangelischen und katholischen Kirchen gilt zu unterscheiden:

      Freikirchen: arbeiten auf vielen Ebenen mit den anderen Kirchen zusammen. Es sind vor allem Mennoniten, die sich auf Menno Simon stützen, der zur Zeit der Reformation gelebt hat, dazu die Evangelisch-Methodistische Kirche, die aus einer Erweckungsbewegung in England hervorgegangen ist, wie die Baptisten aus einer deutschen.
      Auch Kirchen, die eine Neuerung der Mutterkirchen nicht mitvollzogen haben, gehören dazu: Altreformierte, Altlutheraner, Altkatholiken.
      Auch die Brüdergemeinden sind hier zu nennen. Sie sind zum großen Teil Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und wissen sich der weltweiten Christenheit verbunden. Freikirchen finanzieren sich allein durch Spenden ihrer Mitglieder.

      Freie (evangelische) Gemeinden: Mit ihnen ist das Miteinander oft ungeklärt, da sie noch auf der Suche nach dem richtigen Verhältnis von Nähe und Ferne zu den großen Kirchen sind. Sie sind zum Teil evangelikal geprägt und haben Sorge, die Kirche öffne sich zu sehr aufklärerischen, rational-kritischen Tendenzen. Die weitaus größte Zahl dieser freien Gemeinden sind jedoch charismatisch (pfingstlich) geprägt und finden ihre Identität in Lobpreis- und Heilungsgottesdiensten.
      Viele dieser Gemeinden (Christliches Zentrum, Gemeinde Gottes, Volksmission u.v.a.) sind miteinander verbunden im "Bund Freier Pfingstgemeinden" (BFP) oder im "Forum freikirchlicher Pfingstgemeinden" (FP). Darüber hinaus gibt es zahlreiche Kontakte zur Evangelischen Allianz und anderen Verbänden.
      Bei diesen freien Gemeinden kann und darf man nicht von Sekten sprechen: sie verstehen sich als Teil der universalen Christenheit. Allerdings sprechen ehemalige Mitglieder oft von autoritären Entscheidungen der sogenannten Geistlichen Leiter, die bis in die Privatsphäre (Partnerwahl) reichen.

      Sogenannte Sekten: Sie sind weit von der Kirche entfernt. Der Begriff Sekte ist problematisch, weil er von außen einer Gemeinschaft aufgedrückt wird: keine Religionsgemeinschaft bezeichnet sich selbst so. Zu den "klassischen Sekten" zählen vor allem die "Zeugen Jehovas" und die Neuapostolische Kirche. Beide sind im 19. Jahrhundert entstanden und kennen eine stark ausformulierte apokalyptische Erwartung: so manche Datierung des kommenden Weltgerichts hat die Gemeinschaften in große Schwierigkeiten gestürzt. Ob man die Mormonen ("Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage") zu den Sekten rechnet oder als Neureligionen bezeichnen soll, ist umstritten. Gleiches gilt für das "Universelle Leben" und "Fiat Lux", deren Prophetinnen Gabriele Wittek und Uriella mit neuen Christusoffenbarungen an die Öffentlichkeit treten. Den "Sekten" ist gemeinsam, dass das Heil und die Rettung aus dem nahen Weltende nur bei ihnen erfolgen kann - alle anderen sind verloren oder zumindest nicht an der ersten Auferstehung beteiligt (Neuapostolische Kirche). Auch eine unkritische Gefolgschaft gegenüber der Führung und eine Verweigerung von Gemeinschaft mit anderen Kirchen und Gemeinden gehört zu ihren Hauptkennzeichen.