"Adam, der Anfängliche"
- eine Predigt von Hans-Georg Ulrichs
Die Lage
Die Religion ist weiblich. – Dieser Satz stimmt nicht nur grammatisch wegen des Artikels, sondern gibt auch die Wirklichkeit in den Kirchen wieder. Die weitaus meisten Besucher und Teilnehmer an kirchlichen Veranstaltungen sind Besucherinnen und Teilnehmerinnen, also weiblich. Besonders aber die Weitergabe des Glaubens scheint fast ganz eine Sache der Frauen zu sein: schon Paulus vergleicht in seinem wohl ältesten Brief, dem 1. Thessalonicher, die Weitergabe des Evangelium mit einem „mütterlichen“ Zug: „Wie eine Mutter ihre Kinder pflegt ...“ (1. Thessalonicher 2,7f.). Später schreibt er an Timotheus, dass er sich „an den ungefärbten Glauben in Dir [erinnert], der zuvor schon gewohnt hat in Deiner Großmutter Lois und in Deiner Mutter Eunike“ (2. Tim. 1,5) Bei der Mutter und bei der Großmutter ist der kleine Timo also in die Schule des Glaubens gegangen, sie haben von Generation zu Generation den Glauben weitergegeben. So war es in biblischer Zeit, und so blieb es dann auch. Um nur ein Beispiel zu erwähnen: Die Babuschkas während des Stalinismus in Russland bewahrten treu den Glauben und gaben ihn weiter an Kind und Kindeskind. Auch bei uns in der Familie wird erzählt, wie die Oma Luise und die Oma Elisabeth den eigenen Glauben mehr geprägt haben als sämtliche Pfarrer und Religionslehrer zusammen. Die Religion war weiblich, und das ist wohl auch jetzt noch so: in unseren christlichen Krabbelgruppen gibt es nur sehr wenige Männer, auch in den Kindergärten sind es hauptsächlich Mütter, die sich engagieren, die Jungschar hat Leiterinnen. Es sind die Frauen, Mütter und Großmütter, die unsere Kinder auf den Weg des Glaubens begleiten.
Wo bleiben die Männer? Die biblische Tradition kennt – neben einigen historisch besonders wirksamen Vorstellungen der Geschlechterhierarchie – die Gleichrangigkeit von Mann und Frau. Es ist gut, dass es in unserem Land gelungen ist, die Gleichberechtigung in einem hohen Maße zu verwirklichen; sie ist oft gegen männlichen Widerstand von Frauen erkämpft worden. Die Frauen haben sich mit ihrem Frausein so stark auseinandergesetzt, dass nach Jahren auch die Männer anfingen, über sich nachzudenken. Allerdings bleibt die Frage, was das Eigene, das Besondere und Spezifische der Geschlechter ist. Die moderne „gender“-Forschung wird zumeist von Frauen betrieben, aber sie fragt nicht mehr nach der Abgrenzung der beiden Geschlechter, sondern nach ihrem guten Verhältnis zueinander.
Eine Reihe von „Männer-Predigten“ soll folgen. Damit soll gerade nicht die alte „Männer-Herrlichkeit“ fröhliche Urständ feiern, sondern mit Hilfe biblischer Männer wollen wir mithelfen, dass Männer die Religion für sich entdecken und überlegen, welche gute Rolle sie als Jungen, als Söhne, und als Männer, als Väter und als Großväter spielen können. Auch sie können sehr lebensdienlich leben. Der Glaube gehört zum ganzen Leben dazu. Religion ist nicht nur etwas für Frauen, sondern auch für uns Männer. Auch wir können etwa mit unseren Kindern beten. Der Glaube ist (auch) männlich. – Dieser Satz stimmt nicht nur grammatisch wegen des Artikels. Er könnte auch ein wichtiges Arbeitsfeld für die Kirchen beschreiben: die Wiederentdeckung der Religion für uns Männer.
Den Anfang soll der anfängliche Mann machen: Adam. Die biblischen Texte, die über ihn handeln, beantworten zweierlei: Grundsätzliche Fragen über den Menschen und erste Gehversuche des Mannes.
Text: Gen. 2,7.15-25
Das Grundsätzliche
„Gott der Herr machte den Menschen aus Erde vom Acker“ (1. Mose 2,7): Der Mensch – ein Erdling: von der Erde genommen, aus ihr geformt, aus ihrem Material, die Erde ist seine „mater“, wie das lateinische Wort für Mutter lautet, deshalb dürfen auch wir in der jüdisch-christlichen Tradition davon sprechen, dass die Erde unsere „Mutter“ ist – Gott als „Vater“ ist ja auch ein übertragendes Bild, die Erde als „Mutter“ ebenso. Zeitlebens sind wir Menschen mit ihr verbunden, nicht nur auf, sondern auch von ihr lebend, zu ihr zurückkehrend und uns zurückverwandelnd in Erde, wie wir mit dem alten Adamswissen an den Gräbern sagen: Erde zu Erde (1. Mose 3,19). Gelegentlich wird später in der Bibel an Adam erinnert, um des Menschen Hinfälligkeit auszusagen (Psalm 39,6.12; Prediger 3,18ff). Was hier in der biblischen Geschichte erzählt wird, es sei einmal am Anfang so geschehen, ist in Wirklichkeit die Grundbewegung unseres Lebens. Übersehen wir diesen Lebenslauf – Herkunft, Bindung und Ende unseres Lebens –, leben wir ohne „Erdung“, heimatlos und gottvergessend. Adam, so heißen wir Menschen eigentlich alle: von der Erde genommen, wie die Übersetzung dieses Namens lautet.
Unsere äußere Gestalt, die Gott aus der Erde formt, ist aber noch nicht unser ganzes Leben; es fehlt der Atem, der uns gegeben werden muss. „Gott der Herr blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“ (1. Mose 2,7). Uns wird also das Bewegende, das Unfassbare des Lebens eingehaucht – noch einmal: gratis und frei gegeben. Gerade am Atem merken wir, wie bedroht und abhängig unser Leben ist, und wie wichtig der richtige Rhythmus ist: einatmen und ausatmen, annehmen und loslassen. Das ist so grundsätzlich, dass ganze Therapieformen darauf aufbauen. Übrigens geht der liebe Gott hier medizinisch völlig korrekt vor: wir reden zwar zumeist von einer Mund-zu-Mund-Beatmung, da aber die Nase das eigentliche Atmungsorgan ist, muss es sich um eine Mund-zu-Nase-Beatmung handeln. – Beatmetes, luftiges Leben heißt, den Rhythmus zu finden, ihm zu folgen: annehmen und loslassen, kommen und gehen, werden und vergehen. Und wenn wir unser Leben aushauchen, geben wir Gott zurück, was er uns gegeben hat. Gott nimmt unser Leben dann wieder an sich: „Gott holt wieder hervor, was vergangen ist“, wie schon der Weisheitsprediger weiß (Prediger 3,15).
So ist der Mensch nach jüdisch-christlicher Tradition entstanden: als Adam, der Repräsentant aller Menschen dieser Erde, nicht nur des eigenen Volkes, wie die meisten anderen Entstehungsmythen es jeweils behaupten, und dann auch nicht als ein König oder Halbgott, sondern als ein bodenständiger, ja bodenstämmiger Mensch.
Gott, von dem der Mensch gemacht ist und der ihm die Puste gibt, sorgt für den Menschen. Er setzt ihn in diesen wunderbaren Garten, den die biblische Tradition im Irak lokalisiert, der nach moderner paläontologischer Forschung aber wohl eher in Ostafrika gelegen haben dürfte. Der Mensch als Unikat ist aber nicht das Ziel der weisen Schöpfung Gottes, da Alleinsein droht. Aber der Mensch ist mit seinem Schöpfer unzufrieden: im Paradies hält er es alleine nicht aus, und auch der Reichtum der Fauna befriedigt und befriedet ihn nicht. Hier, bei diesem Nörgeln und undankbaren Herummaulen, ahnt man, dass es sich bei diesem Menschen wohl um einen Mann handeln muss – vermutlich sogar um einen ganz frühen männlichen Durlacher, wo doch „der Durlacher als solcher“ so gerne bruddelt. Diese seine besondere Existenzform als Mann kennt Adam noch gar nicht. Gott aber weiß Rat – und wendet zum erstenmal eine Narkose an. In der einzigen Operation, die im Paradies nötig geworden ist, modelliert Gott eine dem Menschen entgegenkommende Hilfe, ein ihm Entsprechendes, die Frau. Wie oft haben die Männer aufgrund dieser Geschichte (und einiger anderer Bibelstellen wie 1. Mose 3,16) auf die Frauen herabgeblickt – sogar im Neuen Testament pocht der Timotheusbrief auf die Vorrangstellung des Mannes (1. Tim. 2,13.14). Die Frau sollte nur eine von 24 Rippen des Mannes sein? Jüdische Bibelausleger weisen daraufhin, dass es sich nicht um eine Rippe, sondern um die „Flanke“ des Menschen handelt. Davon aber hat der Mensch nur zwei. So ist die Frau also nicht ein kleines Teilchen vom großen Mann, sondern die andere, die entsprechende Seite, ohne die der jetzt zum Mann gewordene Mensch nicht zurecht käme, mit der er vielmehr später dem Leben dienen kann. Es gibt den Menschen nicht theoretisch, sondern immer nur als Mann oder Frau (vgl. schon 1. Mose 1,27). Im Hebräischen gibt es an dieser Stelle ein schönes Wortspiel: das Wort für „Mann“ lautet ‚isch’, das Wort für „Frau“ ‚ischa’ – deshalb übersetzte Luther zunächst auch nicht „Mann“ und „Frau“, sondern „Mann“ und „Männin“. Damit wird die wesentliche Zusammengehörigkeit schön ausgedrückt. (Es gibt ein wunderbares Bild von Marc Chagall, das Adam und Eva genau so zeigt, wie gerade beschrieben.)
Früher gab es auch bei uns eine eigentlich Frauen verachtende Hochzeitsgeste: die Tochter wird vom Vater-Mann in die Kirche zum sogenannten Traualtar geführt und damit dem Ehe-Mann übereignet. Der Besitzer der Frau wechselt, eines aber bleibt: der Besitzer ist männlich. Unerquicklicherweise wünschen sich in den letzten Jahren, zweifelsohne durch Hollywood-Kitsch dazu verleitet, auch heutige Hochzeitspaare (vor allem Frauen!) diese Geste auch in ihrem Traugottesdienst. Die Bibel spricht aber anfänglich anders: nicht die Frau wird zum Mann gebracht, sondern der Mann ist so verrückt nach der Frau, dass er seine Eltern verlässt, um sich der Frau anzuschließen. Irgendwie scheint das bis heute zu gelten: Männer können wesentlich schlechter als Frauen alleine leben, sie kommen nicht so gut zurecht, sind eigentlich nicht so autonom. Aber Männer haben ihre eigene Kultur des Kaschierens entwickelt. Manchmal gelingt dieses aber nicht (mehr): Verlassene Männer sind orientierungslos, Witwer finden sich nur schwer zurecht und brauchen unsere und der Familien besondere Unterstützung.
Vieles wissen diese beiden vereinten Menschen im Frühtau und im Morgenlicht der Schöpfung noch nicht. Sie gehören ganz zusammen, sind eins und sehen ihre Nacktheit; das ist aber kein Problem für sie, denn sie traten ja nackt in diese Welt – und wir wissen bis heute, dass wir Menschen auch so wieder aus diesem Leben davon müssen. Kleider machen Leute ist gewiss keine paradiesische Parodie. In der Frühzeit wird der Mensch wohl auch noch nicht den Zusammenhang von Sexualität und Kinderkriegen gesehen haben (vgl. 1. Mose 4,1, wo Eva meint, mit Hilfe Gottes ein Kind bekommen zu haben).
Der Mann versucht und irrt
Es hätte so schön sein können. Aber es kam anders. Das ursprüngliche Wissen, das Grundvertrauen der Frau und des Mannes, werden durch die List zerstört. Die Schlange, über die es durch die Auslegungsgeschichte hindurch die wildesten Interpretationen gibt (bis hin zum männlichen Geschlechtsteil!), ist listiger als alle anderen Geschöpfe. Da kommt natürlich auch der Mensch nicht mehr mit, nicht die Frau, nicht der Mann. Verbotenerweise naschen sie nach einer theologischen Diskussion mit der Schlange vom Baum inmitten des Gartens. Als Sühne- oder Ersatzleistung liefert die Pflanzenwelt dann wenigstens genügend große Blätter als Bekleidung für die Lende.
Dumm gelaufen, dachte sich Adam, als er Gott seinen abendlichen Spaziergang machen hörte, und versteckte sich. Welcher Mann steht schon gerne für das ein, was er angerichtet hat? Wenigstens lügt Adam nicht, wie es heutige ertappte Männer gerne tun. Zunächst antwortet er noch wahrheitsgemäß, dass er Manschetten hatte, sich vor Gott verantworten zu müssen. Auf die logische Rückfrage nach dem „Warum“ antwortet er dann aber nicht mehr, sondern dreht den Spieß um und geriert sich als Opfer, schiebt gleich die Schuld von sich weg: auf die Frau da (man hört geradezu den Zeigefinger, mit dem Adam auf seine Frau zeigt!), dann sogar auf Gott: „Die Frau, die Du (!) mir zugesellt hast“ (1. Mose 2,12). Wenn er hätte abhauen können, dann wäre er jetzt sicherlich fortgelaufen, der Adam, dieser Feigling. Aber Gott weiß zu strafen bzw. die biblischen Schriftsteller wissen schön die weltlichen Phänomene zu erklären, vom Leben zu erzählen: die Schlange hat nun im Staub zu kriechen, die Frau muss „unter Mühen ... Kinder gebären“ (v. 16) und der Mann lebt „mit Mühsal“ (v. 17), er muss „im Schweiße [s]eines Angesichts ... sein Brot essen“ (v. 19), weil die Ackererde verflucht ist, so dass des Mannes Tagwerk schweißtreibend ist. Dass wir bei der Arbeit schwitzen, ist geblieben, Gott aber hat den Fluch von der Erde wieder fortgenommen, und zwar als die Sintflut überstanden war (1. Mose 8,21f). Der Mensch muss diese Erde bebauen, aber er kann und darf auch von ihr leben. Gott sorgt auch außerhalb des Paradieses für seine Leute. Weil wir unbehaarten Affen sonst nicht durchkämen, macht Gott sogar die Kleidung, bessere und stärkere, nicht mehr aus der Flora (Blätter), sondern aus der Fauna (Felle).
Nicht trotz, sondern wegen Mann und Frau geht das Leben weiter: Schließlich tritt nämlich der Bauchnabel in die Geschichte ein. Adam hat keinen gehabt und Eva wohl auch nicht. Aber alle Menschen nach Eva, der „Mutter aller, die da leben“ (v. 20) – Oh wie gerne hätte Adam und hätten wohl die Männer einen solchen Titel getragen! Männer lieben es, sich Titel wie „Titan der Titanen“ zu geben. – haben alle das Herkunftszeichen, das Tattoo des Lebens, den Bauchnabel. Endlich erfahren wir auch, was es mit dem „ein Fleisch“ (1. Mose 2,24) auf sich hat. Das ursprünglich Zusammengehörende und doch Unterschiedene sieht sich in die Augen, erkennt einander, wie die Bibel es nennt, und gibt das Leben weiter: Kain und Abel. Zwei Jungs. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte, eine Brüder- und Männergeschichte der dramatischen und tragischen Art: Stoff für die nächste Männer-Predigt. Immerhin: das Segenswort „Seid fruchtbar und mehret Euch“ (1. Mose 1,28) geht in Erfüllung, auch wenn die Menschen manchmal weniger fruchtbar als furchtbar gewesen sind, siehe Kain. Aber selbst für diesen männlichen Verbrecher sorgte Gott dann noch und beschützte ihn vor menschlicher Rache. Was für Männer, aber was für ein Gott!
Adam: der Mensch im Kreislauf des natürlichen Lebens, nicht anders denkbar als Mann und Frau, der Mann als nicht sonderlich solidarischer Feigling, als er die Schuld auf andere abwälzt, dann als derjenige, der zu schaffen hat – und mit seiner Frau das von Gott geschenkte Leben weitergibt. Der Mann, gemeinsam mit der Frau und doch auf seine Art hat er zu kämpfen, zu arbeiten und zu lieben, kurz: sein Leben auch außerhalb des Paradieses vor Gottes Angesicht zu führen. Vieles steht noch aus, vieles wäre noch zu sagen, vieles zu erinnern, so wie dann auch viel an Adam erinnert wird, gerade wenn es um Grundsätzliches in der Bibel geht. Später, beim Mann Jesus werden wir wieder davon hören. Aber schon hier, an Adam, dem Anfänglichen, können die heutigen Männer lernen, dass das Mensch-Sein und eben auch das Mann-Sein beides bedeutet: Gabe und Aufgabe. Amen.











