Rezension von Hans Maaß über das Buch von Hanna Meyer-Moses "Reise in die Vergangenheit"
Hanna Meyer-Moses mit ihrer Schwester
Die 82-jährige gebürtige Karlsruherin besucht auch heute noch oft ihre Geburtsstadt. Sie gehört zu jener Generation badischer und pfälzischer Juden, die am 22. Oktober 1940 in das Lager Gurs in den Pyrenäen deportiert wurden. In der Einleitung umreißt Jürgen Stude die äußeren Zeitumstände.
Hanna Meyer-Moses schildert zunächst ihre Kindheitsjahre in Durlach und Karlsruhe. Zahlreiche Fußnoten dienen dabei teils der Dokumentation, teils sachlicher Erklärung. Oftmals enthalten sie auch ausführlichere Informationen über im Text genannte Personen.
Neben idyllischen Waldspaziergängen fallen in die frühe Karlsruher Zeit auch erste Erlebnisse mit antisemitischer Propaganda, etwa bei einem Fastnachtsumzug oder mit einem Schulleiter in SA-Uniform. Diese Beschreibungen erinnern den Rezensenten an eigene Schulerfahrungen – ausgenommen die häufigen Schulwechsel, denen jüdische Kinder wie die Autorin ausgesetzt waren. Sogar Schwimmunterricht scheiterte an der Rassenfrage. Geradezu tragisch klingt die Bemerkung, als Kind habe sie die Benachteiligungen weniger gespürt, da man durch die häufigen erzwungenen Umzüge ohnehin keine Freundschaften schließen konnte. Im großelterlichen Dorf erfuhr sie dagegen massive Anfeindungen im Unterschied zu einem erlebnisreichen Ferienaufenthalt bei einer jüdischen Familie in Weinheim a.d.B. oder in einem jüdischen Landschulheim bei Ulm, sogar noch 1940, kurz vor der Deportation, bei einer »Sommerkolonie« in Stuttgart.
Am Morgen des 10. November 1938 wurde der Brand der Synagoge erst allmählich bekannt. Die jüdischen Lehrer allerdings wurden bald danach in Dachau inhaftiert. Die zunehmenden Einschränkungen stellt Hanna Meyer-Moses anhand eigener Erlebnisse sehr anschaulich dar. Dabei blieb ihr bei allen schweren Erlebnissen der Humor erhalten, auch bei der Schilderung der Deportation; man nahm ja an, die Maßnahme gelte nur für kurze Zeit. Sie erinnert sich auch noch an viele, oft episodenhafte Einzelheiten während der Fahrt nach Gurs und im Lager selbst. Die Namen der einzelnen Personen werden nicht anonymisiert; teilweise sind diese noch als lebende Persönlichkeiten bekannt. Viele Einzelepisoden – bis hin zu einem Urlaub der Mutter aus dem Lager, tragen zu einem anschaulichen Gesamtbild bei.
Hanna Meyer-Moses gehörte zusammen mit ihrer Schwester zu den 50 Kindern, die von Gurs in das staatliche französische Waisenhaus Aspet und später in ein jüdisches Heim verlegt wurden. Von den hier wirkenden Persönlichkeiten hebt sie die Quäkerin Alice Resch besonders hervor. Andere werden teilweise auch über ihre Spitznamen charakterisiert. War es die blanke Not oder mangelnde Sensibilität, dass man in dem staatlichen Heim jüdischen Kindern sogar gebratenes Kälberblut vorsetzte? Auch die übrigen Lebensmittel waren nicht verlockender, wenn etwa Makkaroni von Wurmeiern befreit werden mussten. An das jüdische Heim hat die Autorin bessere Erinnerungen. Von hier aus sollten die beiden Schwestern schließlich in die Schweiz gebracht werden, was ebenfalls nicht ohne Schwierigkeiten erfolgte, von denen die Autorin aber stets humorvoll erzählt; abenteuerlich liest sich allerdings der nächtliche Grenzübertritt in die Schweiz. Bewundernswert ist auch der Durchhaltewille angesichts der Schwierigkeiten der schweizerischen Fremdenpolizei bei Berufsausbildung und -ausübung, bis sie schließlich Schweizer Bürgerin wurde und heiratete.
In dem Schlusskapitel mit dem Titel »Erinnerungsarbeit« wird neben vielen recht unterschiedlichen Erfahrungen in der Nachkriegszeit auch der Buchtitel deutlich; denn Frau Meyer-Moses fuhr 1979 zusammen mit ihrem Mann nochmals die Orte ab, die zwischen 1940 und 45 ihr Leben bestimmten. Im Anhang sind einige Schreiben und Ansprachen der Autorin wiedergegeben, darunter auch ein Brief an Papst Johannes Paul II. anlässlich der Heiligsprechung Edith Steins, der nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lässt. Diese Dokumente tragen neben den zahlreichen Fotos zusätzlich zur Verlebendigung bei.
Wenn heute Schüler nach den Ereignissen jener Zeit fragen und die Zahl der noch lebenden Zeitzeugen immer kleiner wird, kann dieses Buch einen wichtigen Beitrag zur Veranschaulichung leisten.
Dr. Hans Maaß, November 2009
Hanna Meyer-Moses
REISE IN DIE VERGANGENHEIT. Eine Überlebende des Lagers Gurs erinnert sich an die Verfolgung während der NS-Diktatur. 112 S., geb., [Hrsg.] Evangelische Landeskirche in Baden, verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2009


