Michael Lipps: Hingabe und Eigensinn

 

Spirituelle Texte zu Lebensart und Lebensweg - Rezension

Begegnungen mit Michael Lipps, dem promovierten Theologen, der mit seinem Einsatz hingebungsvoll und eigensinnig viele Jahre lang das Profil des ökumenischen Bildungszentrums sanctclara Mannheim entscheidend mitgeprägt hat und nunmehr die TelefonSeelsorge Rhein-Neckar leitet, gehen oft ambulant vonstatten. „Lass uns ein Stück gehen“, kann er dann beispielsweise sagen. Sein neues Buch „Hingabe und Eigensinn“, das soeben in der Mannheimer Edition Quadrat erschienen ist, mutet so an: Wie eine Begegnung im Gehen, zu dem immer wieder das Innehalten gehört, sei es im Staunen, sei es im Nachhorchen, sei es im Reflektieren.

„Spirituelle Texte zu Lebensart und Lebensweg“ hält das Buch auf 144 Seiten bereit, eingeteilt in die vier Kapitel „von neuem/ sein leben in die hand nehmen/ zugewandt/ schritt für schritt“ - ein Stück Wegs, ein Motto für den ganzen Weg und eine Einladung zum Innehalten zugleich. Jeweils ein Gedicht folgt auf einen Prosatext. Adinkra-Symbole, gleichermaßen einprägsame wie gehaltvolle kleine Bilder aus Ghana, die in allen Bereichen des Lebens, auf Kleidung, Hauswänden, Töpferware und Holzwaren verwendet werden, deuten auf Texte hin, die der Autor während eines dreimonatigen Studienaufenthalts in dem afrikanischen Land verfasst hat. Andere Stücke entstammen seiner beruflichen Praxis, auch seinem privaten Sein. Jeweils ist inbegriffen, was Michael Lipps als Theologe und als glaubender Mann lebt, fühlt, denkt, ahnt.

So liest sich, was er schreibt, sehr persönlich, gewachsen beileibe nicht nur im Aktuellen, sondern angebahnt auf den Wegen seines Lebens, entstanden in den vielfältigen Begegnungen mit Menschen, mit Profis und Amateuren unterschiedlichen Herkommens, nicht zuletzt mit sich selbst. Von Weg und Ziel ist die Rede, vom Lernen im Üben und Einüben, von vorgefundenen Schätzen: „Wie gern berge ich mich in Gebeten, die … nicht neu ersonnen, nicht erfunden werden müssen“. Zugleich kann und darf die Leserin, der Leser, unaufwändig mitgehen, denn schon „unweit des Gartens führt ein Weg aus dem Dorf hinaus“, will sagen: Anknüpfen zwecks Horizonterweiterung ist leicht möglich.

Dabei sind weder Michael Lipps Prosa noch seine Gedichte harmlos. In Bildern seines Buches gesprochen: „Es ist kein Spazierweg. Schmal ist der Pfad, mit wechselnden Aussichten, auf der einen Seite eine Wildnis, auf der anderen schier unbegrenzt. … Nah, lediglich schrittweit die Abgründe, sich darin zu verlieren.“ Sein Buch zu lesen, fordert auf und lässt Raum, die eigene „Lust an der Anstrengung“ zu spüren, und sie „währt Stunde um Stunde, kein Aufatmen nötig“.

Der Horizont anklingender Themen spannt sich von Geburt bis Tod, von Advent bis Ewigkeit, von Nachtschatten bis Sommermorgen und über weite Bereiche des Erdballs, wird einem „en passant“ „wie ein Teppich vor die Füße gelegt“ bietet „im Lauf der Dinge“ einen „Seelenwegweiser“ und mündet schließlich - Max Frisch klingt an - in siebzehn Fragen zur Lebensreise, die schon allein für sich genommen zu hilfreichen Wegzeichen werden können. „Deine Gnade bleib bei uns. Bleib bei uns, guter Gott.“ - ein liturgischer Hymnus aus Ghana schließt die Zusammenstellung ab.

Mit diesem Buch mag es einem so ergehen, wie Michael Lipps es im Erleben eines Gottesdienstes in Akropong, Ghana, auf Seite 116 beschreibt, dass nämlich „viel mehr für mich da ist, als das, was ich erwartete, was ich zu wünschen wagte“. Neben meiner Empfehlung, dieses Buch zu erwerben (auch als Geschenk), rate ich, in der lesenden Hingabe an das Werk den Eigensinn zu kultivieren. So werden Leserin und Leser in der literarischen Hingabe des Autors den Eigensinn des Buchs entdecken, mit beiden in Kontakt kommen und spirituelle Entdeckungen machen, die Lebensart und Lebensweg sehr bereichern.

Michael Lipps, Hingabe und Eigensinn, Spirituelle Texte zu Lebensart und Lebensweg, 2011, Mannheim: Edition Quadrat, ISBN 978-3-941001-07-7, € 12,80, ab 5 Exemplaren € 9,90, Bestelltelefon 0621 17857-0, service@sanctclara.de


Rezension: Joachim Faber (* 1955), Erziehungswissenschaftler mit systemischer Zusatzausbildung. Sein haupt- und freiberufliches Metier sind Erwachsenenbildung und Beratung mit besonderem Interesse an Qualitätsmanagement. Sein privates Interesse gilt der Fotografie, der Musik und der Literatur.

       

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