Im Strom des Lebens - Die Kasualien der Kirche und die Fälle des Lebens

 

Bericht zur Lage, von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 22. April 2010
Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Synodale,
in meinem letztjährigen Bericht zur Lage habe ich mich mit der Taufe beschäftigt. Inzwischen sind aus Impulsen, die ich in diesem Bericht gesetzt habe, konkrete Planungen für ein „Jahr der Taufe“ im Kontext der Reformationsdekade geworden. Zugleich hat der EKD-Reformprozess Fahrt aufgenommen. Das Hildesheimer Kompetenzzentrum für Qualität im Gottesdienst hat seine Arbeit begonnen. Damit rückt verstärkt ein Arbeitsfeld in den Mittelpunkt des Interesses, das wie kein anderes Schnittflächen zwischen dem Handeln der Kirche und dem Leben ihrer Mitglieder bietet: die Kasualien. Diese wiederum weisen zurück auf die Taufe und sind im Grunde Tauffolgehandlungen, Akte der Tauferinnerung. Indem ich mich mit meinem heutigen Bericht mit den Kasualien beschäftige, knüpfe ich also an meinen letztjährigen Bericht an und führe ihn zugleich im Kontext des EKD-Reformprozesses weiter. Ich spreche über die Kasualien der Kirche und die Fälle des Lebens.

1 Die Beschäftigung mit den Kasualien - keine Nebensache

Bei den Kasualien begegnen sich kirchliches Handeln und menschliche Biografien. Wir wissen nicht, wie viele Menschen bei Trauungen und Beerdigungen eine Predigt hören, beten und singen. Keine Statistik zählt sie. Bei gut 17.000 Bestattungen und Trauungen einerseits und 46.000 Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen anderer­seits in unserer Landeskirche lässt sich vermuten: Die Zahl derer, die sonntags den Gottesdienst besuchen, können wir noch einmal um ca. 35% erhöhen, wenn wir alle Gottesdienstteilnehmenden zählen wollen. Die Resonanz auf Kasualgottesdienste zeigt eine Stärke kirchlichen Handelns und eine oft unterschätzte Form der Frömmig­keit.
Als wir vor einigen Jahren untersuchen ließen, aus welchen Anlässen Menschen in unsere Kirche eintreten, wurde als Motiv für den Eintritt häufig geäußert, man wolle wieder „dazugehören“, und als Anlass für den Eintritt wurden sehr oft Kasualien genannt. Viele äußerten, sie seien eingetreten, weil sie der Gottesdienst einer Amts­handlung angesprochen habe, und viele wollten selbst - und das ist ja eine Form der Zugehörigkeit - Pate werden oder auf eine kirchliche Bestattung nicht verzichten. (...)

Wir können bei den Kasualien aber nur Kirchenbindung stärken und erneuern, wenn dies nicht die primäre Absicht unseres Handelns ist, sondern die Wirkung einer berührenden und vergewissernden Gottesdiensterfahrung. Darauf zielt mein Bericht in diesem Jahr. Die Gebete, Predigten und Lieder eines Kasualgottesdienstes müssen eine spürbare und anregende Beziehung zum „Strom des Lebens“ haben. Kasual­praxis spricht an, wenn sie auf die berechtigten Erwartungen von Menschen Bezug nimmt und wenn dabei zugleich deutlich wird, dass diese Gottesdienste aus dem Kern der Beziehung zu Jesus Christus kommen und zu ihm hinführen. (...)

Von außen gesehen handelt es sich in Fällen, bei denen Eltern wegen einer Taufe oder ein Paar wegen einer Trauung Kontakt mit dem Pfarramt suchen, um ein kompliziertes Kommunikationsgeschehen, in dem wechselseitig keineswegs immer Klarheit über die jeweiligen Rollen und Handlungsziele besteht. Menschen kommen oft gewissermaßen wie Kunden - im Bewusstsein, einen berechtigten Anspruch auf die jeweilige Kasualie zu haben. Natürlich steht bei den Betroffenen ihr Fest im Mittelpunkt. Pfarrerinnen und Pfarrer sehen sich verantwortlich für die richtige Tauf- oder Traupraxis mit dem Ziel, Evangelium zu verkündigen und Gemeinde zu verlebendigen. Diese Asymmetrie kann wechselseitig zu Irritationen führen. In einer Zeit, in der nahezu jeder äußerliche, gesellschaftliche Druck in Richtung auf eine Trauung oder eine Taufe weggefallen ist, ist es unsere Aufgabe, die inneren Motive mit den Betroffenen wahrzunehmen und ein Stück weit zu klären. Und auch über den Wunsch nach einer schönen Feier sollten wir nicht abwertend sprechen. Wir würden es ja auch für uns selbst so wollen. (...) 

Der Wunsch nach einem Gottesdienst „im Strom des Lebens“, also nach einer so genannten Amtshandlung, ist letztlich mit vier meist unausgesprochenen Bitten verbunden, die begründete Erwartungen zeigen:
-Hilf mir zum Fest!
-Zeig mir etwas Schönes und Hilfreiches!
-Schließ mich durch den Stil deiner Frömmigkeit nicht aus!
-Lass mich erfahren, dass mein Leben eine Bedeutung hat!

 

2 Gesellschaftliche Veränderungen und ihre Folgen für die Kasualpraxis der Kirche

Die Wertschätzung der Taufe und das faktische Taufverhalten

Untersuchungen zeigen, dass die Taufe für die Kirchenmitglieder eine ungebrochen - ja gegenüber den 1970er Jahren steigend - hohe Bedeutung hat. (...)

Bei der Frage nach der Bedeutung der Taufe, die die EKD-Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen seit 1972 alle 10 Jahre stellen, hat der Wert für die Antwort „Das Kind wird mit der Taufe in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen“ zwischen 1972 und 2002 um 10% zugenommen (von 82% auf 92%). Gleichzeitig ist auch der Wert für die Antwort „Die Taufe ist vor allem eine Familienfeier“ von 40% auf 64% gestiegen. Unverändert wissen die Evangelischen aber: „Ein Kind wird getauft, damit es zur Kirche gehört“ (1972: 85%, 1982: 73%, 1992: 85%, 2002: 86%).
Daraus ergibt sich: Die theologische Alternative, ob der Taufakt eher „unverbindlich“ als Familienfeier oder eher „verbindlich“ als Bekenntnis zu Kirche und Glaube aufgefasst wird, trifft offensichtlich nicht das Bewusstsein der meisten Kirchenmitglieder. Für die Betroffenen aktualisiert sich in der familiär gefeierten Taufe ihrer Kinder ihre Verbundenheit mit der Kirche ebenso wie ihr Glaube. Die Taufe des Kindes ist Tauferinnerung für die Eltern.

Trotz dieser allgemeinen Zustimmung zur Taufe nimmt die Zahl der tatsächlich vollzogenen Kindertaufen ab. (...)
Mütter und Väter bringen ihre frisch geborenen Kinder nicht mehr von selbst zur Taufe. Die ehemals selbstverständliche Koppelung von Geburt und unmittelbar darauf folgender Taufe besteht nicht mehr. Die Taufe bedarf einer besonderen Entscheidung und oft genug eines besonderen äußeren Anlasses. Die feststellbare Spannung zwischen grundsätzlicher Bejahung der Taufe und nicht immer vollzogenem Schritt zur Taufe lässt erwarten, dass besondere Einladungen zur Taufe erfolgreich sein könnten. Im kommenden Jahr 2011 wollen wir uns im Rahmen unserer Beteiligung am EKD-weiten „Jahr der Taufe“ dieser Herausforderung annehmen. (...)

Offensichtlich ist der Kreis derer, die für eine Taufe ansprechbar sind, größer als der Kreis derjenigen, die ihre Kinder von selbst zur Taufe bringen! Wir wollen im kommenden Jahr in unserer Landeskirche in mindestens 20 Kirchenbezirken zu solchen regionalen Tauffesten einladen.(...)

Traugottesdienste: Vom Schwellenritual zum Vergewisserungsfest

Wie gesellschaftliche Veränderungen unsere Amtshandlungen beeinflussen, zeigt sich deutlich bei den Traugottesdiensten. Im Strom des Lebens verlaufen Paarbiografien anders als in den 1960er und 1970er Jahren. (...)

Der gesellschaftliche Prozess der Individualisierung und Pluralisierung hat intensiv die Beziehungsbiografie der Menschen verändert. Wo Tradition war, sind Optionen entstanden. Die Eheschließung weist heute geradezu selbstverständlich nicht mehr auf den Beginn der häuslichen Gemeinschaft, sondern verdankt sich einer besonderen Entscheidung des zusammenlebenden Paares. Die Eheschließung ist zu einer bewussten Form der Ratifizierung und Publizierung dessen geworden, was schon lange währt. (...)
Diese Entwicklung hat zu einem Rückgang der Zahl der Eheschließungen und hier noch einmal der Trauungen geführt. (...)

Der Rückgang der Traugottesdienste könnte in die Richtung weisen, dass sich die Trauung von einer Traditionshandlung mehr zu einer Bekenntnishandlung entwickelt. Nicht zu übersehen ist aber auch folgendes: Das Bild einer kirchlichen Trauung in Weiß mit Fest verbindet sich mit Kosten, die sich nicht alle leisten können oder wollen. Wenn es ökonomische Gründe sind, die Paare auf eine Hochzeitsfeier und die kirchliche Trauung verzichten lassen, so muss stärker bekannt gemacht werden, dass ein Traugottesdienst nicht die große Feier mit Kutsche, Frack und weißem Kleid voraussetzt. (...)

An dieser Stelle möchte ich auch anregen, darüber nachzudenken, ob nicht gezielt solche Ehepartner angesprochen werden könnten, die bei einer erneuten Eheschließung bisher an eine kirchliche Trauung nicht dachten. Viele dieser Ehepartnerinnen und Ehepartner bringen Kinder aus vorhergehenden Beziehungen mit in die neue Familie ein. So entstehen bei vielen Trauungen neue Patchworkfamilien, und es wäre aus seelsorglichen Überlegungen heraus durchaus erwägenswert, im Rahmen einer solchen Familiengründungskasualie den Kindern das Angebot der Taufe zu machen.

Veränderungen der Bestattungskultur

(...) Die Zahl derjenigen Kirchenmitglieder, die ohne kirchlichen Gottesdienst bestattet werden, steigt stetig.(...)

Wir wollen uns als evangelische Kirche wie in den vergangenen Jahren weiter orientierend an der Debatte um die angemessenen Bestattungsorte beteiligen und dabei fragen: Was entspricht nicht nur dem Willen der Verstorbenen und ihrer Angehörigen, sondern ist zugleich einer gesellschaftlichen Gedenkkultur angemessen? Was entspricht aufgrund des Erfahrungswissens individuellen Trauerprozessen am besten? Wenn diese Leitfragen gestellt werden, sind für uns vor allem drei Orientierungspunkte von zentraler Bedeutung:
-Begräbnisstätten sollen den Hinweis auf den Namen der Verstorbenen nicht ausschließen. Wo eine Bestattung im Wald dies nicht zulässt, haben wir große Bedenken. In der christlichen Bestattungsliturgie ist die Nennung des Namens der Verstorbenen wegen der Tauferinnerung ein zentraler Bestandteil. (...)
-Begräbnisstätten sollen öffentlich zugänglich sein. Die Urne im Vorgarten oder gar im Wohnzimmer dient weder dem Trauerprozess noch entspricht sie der Würde des Verstorbenen.
-Begräbnisstätten sollten besondere, gekennzeichnete Orte sein, die wir nicht sozusagen schwellenlos und unfreiwillig betreten. In allen Kulturen gibt es den besonderen Ort der Totenruhe, einen geschützten Raum, in dessen bewusster Gestaltung sich die Kultur einer Zeit ausdrückt.

Bestattungsorte müssen nicht die herkömmlichen Friedhöfe sein. Aber es lohnt sich der Einsatz für eine vielfältige Friedhofskultur. Friedhöfe sind Orte gesellschaftlicher Gedenkkultur. Auch Elemente der so genannten „Friedwälder“ können durchaus innerhalb vorhandener Friedhöfe verwirklicht und Baumbestattungen mit den drei oben genannten Kriterien innerhalb des Friedhofs gestaltet werden. (...)

Abschließend zu diesem Teil meines Berichts ist festzustellen: Kasualien sind weiterhin wichtige Haftpunkte für das familiale Leben. Das ist ein wichtiger sozialdiakonischer, Familien unterstützender Nebeneffekt der kirchlichen Feiern! Die Familien - in welcher Form auch immer - nutzen die Kasualien für die Begegnung der oft weit verstreut lebenden Verwandtschaft. Gleichzeitig ist die Kasualpraxis mit betroffen von den Veränderungen des sozialen Lebens. Wenn unsere Kasualien sich einfach am Strom des Lebens der bürgerlichen Normalfamilie ansiedeln, werden wir zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen die Beziehung verlieren. Die Kasualien lehren uns als Kirche, unsere Welt differenziert zu sehen und darauf zu reagieren.

3 Trost und Zumutung - Eigenart und Wesen der Kasualien

Kasualien sind auf die Lebensgeschichte von Menschen bezogen. Sie reagieren auf Punkte im Lebenslauf, an denen einschneidende Veränderungen, Klippen und Untiefen im „Strom des Lebens“ bewusst werden. (...)

Die Kasualgottesdienste trösten nicht nur, sie muten auch zu, stellen den Eintritt in eine besondere Verbindlichkeit dar. Sie ermutigen und ermächtigen in den ihnen zugeordneten Lebenslagen zu einem verantwortlichen Handeln. Keine Kasualie ist ohne einen ethischen Sinn. Im Fall der Taufe werden Vater, Mutter und Paten in eine besondere Verantwortung gestellt, und auch die Gemeinde bzw. die Kirche verpflichtet sich bei jeder Taufe. Die Trauung inszeniert weniger die Schließung einer Ehe als vielmehr eine Verpflichtung des Paares auf ein verantwortliches gemeinsames Leben. In der Bestattung ist in ethischer Hinsicht die Herausforderung zu einem Lebensweg ohne die Verstorbene oder den Verstorbenen verdichtet. Dass der ethische Sinn eine Folge der Gottesbeziehung ist, wird in allen Kasualien deutlich, immer geht es um ein „neues Leben“ aus dem Geist Christi.

Kasualien sind gottesdienstzentriertes kirchliches Handeln anlässlich konkreter Ereignisse, in denen Vergewisserung und Neuorientierung erforderlich sind. Eine solche allgemeine Bestimmung ist nötig, um zu sehen, dass es nicht nur die klassischen vier Gelegenheiten für solche Gottesdienste im Lebenslauf gibt. Der Strom des Lebens enthält weitere Gelegenheiten für Gottesdienste zur Neuorientierung. (...)

Zu jeder Kasualie gehören einerseits die Darstellung von Gemeinschaft und andererseits die Vergegenwärtigung von Individualität und einer persönlichen Geschichte im Strom des Lebens. Dieser besondere Mensch wird getauft, diese einmaligen beiden Menschen führen ihre Ehe vor Gott oder das Leben dieses einzigartigen Menschen ist zu Ende gegangen. Über die klassischen Kasualien hinaus hat sich der Schulanfang inzwischen als neue Kasualie mit diesem Wechselspiel von Gemeinschaft und Individualität am nachhaltigsten etabliert. Hier wird das einzelne Kind in der neuen Gemeinschaft für die vor ihm liegende Etappe im Lebensweg gesegnet. Paradigmatisch zeigt diese Kasualie, wie Ereignisse im Strom des Lebens mit Gottes Wort verbunden werden können. Das Wort Gottes bekommt eine Lebensnähe, die es sonst in der Verkündigung nicht immer hat. Bei der Lektüre von Predigten, die im Zusammenhang der Visitation eingereicht werden, sagen die Gebietsreferenten oft, dass die Kasualansprachen der Pfarrerinnen und Pfarrer besonders gelungen sind. Die Predigt hat einen Lebensbezug, der fast von selbst verhindert, dass die Worte abstrakt oder lebensfern klingen. Der Bezug zur Lebenssituation gibt der Predigt Anschaulichkeit und Konkretion. Durch die besondere Ansprache von unmittelbar Betroffenen bekommt die Predigt eine Nähe, die die Sonntagspredigt nicht immer auszeichnet. (...)

4 Gottesdienstliche Struktur und Kernritus der Kasualien: Verdichtete Szenen vor Gott und den Menschen

Die gottesdienstliche Struktur der Kasualien ist grundsätzlich dieselbe wie die des sonntäglichen Gottesdienstes mit seinen drei Teilen „Eröffnung und Anrufung, Verkündigung und Bekenntnis, Sendung und Segen“. Freilich sind hier alle Elemente auf den konkreten Fall bezogen. (...)

Die Kasualien lassen sich als ein so genanntes performatives Geschehen bezeichnen. Beispiele für performative Sätze in der Alltagswelt sind bestimmte Rechtssätze wie etwa „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ oder „Eigentum verpflichtet“. Solche Sätze sind nicht aus der Analyse der Wirklichkeit gewonnen, sondern sie wollen eine Wirklichkeit schaffen. Auch Kasualgottesdienste sind mit Gesten und Sätzen verbunden, die nicht aussagen, was so schon wirklich ist. Vielmehr werden Gesten vollzogen und Sätze gesprochen, die schaffen und bewirken, dass etwas wirklich wird. Solche Wirklichkeit schaffenden Sätze oder Gesten gibt es in allen Kasualien. Die oben zitierte Mutter übergibt ihr Kind in die Obhut anderer. Ein Mensch wird unwiderruflich mit Jesus Christus verbunden. Menschen nehmen Abschied von ihrem Toten. Zwei Menschen verstehen sich als Paar. Sie halten es mit einem Bild fest, das fortan im Wohnzimmer steht. Kasualien setzen eine neue Wirklichkeit, die Glauben hervorruft. Ihnen wohnt ein die Lebenswelt veränderndes Potential inne.

Bei allen Kasualien können wir eine Art Kernritus erkennen, der für die Bedeutung der Kasualien entscheidend ist. Der Kernritus sind Akte, die sich als Bewegungen, Auftritte, Übergaben und Darstellungen vollziehen: (...)
Alle Kasualien enthalten unterschiedliche Szenen. Sie sind zumindest in der Erinnerung der Betroffenen Momente, in denen sich für sie der Sinn der Amtshandlung verdichtet: (...)

Kasualien sind so mit Bildern verbunden, die Raum für subjektive Sinnzuschreibungen lassen: Taufwasser, Ring, Erdwurf usw. Es muss und darf hier nicht alles erklärt werden. Die Riten „sprechen“ oft deutlicher als Worte. Gleichzeitig „sagen“ Fürbitte, Gebet, Anbefehlung und Segen, dass das Gelingen des Lebens unverfügbar ist. Sie „sagen“, dass es eine Macht gibt, die Böses in Gutes verwandeln kann, wie es beispielhaft in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi anschaulich geworden ist. Sie verlocken, sich dieser Macht im Strom des Lebens anzuvertrauen. Riten selbst belehren nicht über ihren Sinn, aber sie erschließen ihn durch Beteiligung. Eine von der Liturgin oder dem Liturgen nachvollziehbar gestaltete Kasualie wird es Menschen einfacher machen, das gottesdienstliche Geschehen als Weg mit und zu Gott zu erleben, auch wenn dies von den Teilnehmenden rational nicht voll begriffen wird. Unsere Gottesdienstgestaltung ist deshalb zu Recht in den letzten beiden Jahrzehnten sinnlicher und körperlicher geworden. Liturgische Präsenz und liturgisches Verhalten stehen auf dem Lehrplan und in Fortbildungsprogrammen für unsere Pfarrerschaft.

5 In der Kraft des Heiligen Geistes - die Kasualie als Rekreation

Inhaltlich wirkt Kirche bei den Kasualien als Vergewisserungsraum für die christliche Wahrheit. Menschen spüren und sollen vernehmen: „Gott ist gegenwärtig“. Die Kirche ist Gebets- und Segensraum. Sie ist der vom Alltag unterschiedene Ort, der zum Bestehen des Alltags hilfreich ist. (...)

Formal wird Kirche in einer Art Spiralbewegung genutzt. Man geht von der Alltagssituation aus bestimmtem Anlass in die Kirche als einen anderen Ort (Heterotopie) und begibt sich von dort wieder gestärkt und vergewissert, gesegnet und ermutigt in den Alltag zurück. Von außen betrachtet wäre dies als „Kirche bei Gelegenheit“ zu bezeichnen, innerlich geht es dabei um einen Vorgang der Rekreation, um eine Art kleiner Wallfahrt.

Die Angebote unserer Gemeinde stellen sich dort zur Verfügung, wo Menschen Vergewisserung in ihrem Lebenssinn suchen. Menschen sollen gestärkt durch den Glauben an Gott ihren Lebensweg gehen und ihren Alltag bestehen oder verändern können. Jeder Gottesdienst, in dem gesegnet wird, jede Taufe, Trauung und Konfirmation soll auf diese Vergewisserung ausgerichtet sein.(...)

6 Herausforderungen für die Praxis

Je mehr wir auf die allgemeine Struktur der Kasualien achten, desto deutlicher wird, dass es eine Fülle von „Fällen“ oder „Gelegenheiten“ gibt, die kasualähnlich gottesdienstlich gestaltet werden können.(...)

Durch den „kasuellen Blick“ gewinnt unsere Verkündigung Lebens- und Alltagsnähe. Sie wird aufmerksamer dafür - um es nahe an der Symbolik der Taufe zu sagen -, wo Menschen ins Wasser geschmissen werden und schwimmen lernen müssen. Sie wird aufmerksamer für die Brüche und neuen Herausforderungen, denen sich Menschen im Alltag stellen müssen. Sie wird auf den Schatz der kleinen und größeren Rituale achten, die wir in der christlichen Tradition haben und die ein Stück Tauferinnerung sind. Sie wird ermutigt, der Kraft dieser Rituale mehr zu trauen als vielen Worten.(...)

Wir brauchen in unserer Landeskirche eine breite Diskussion und eine intensive Fortbildung und Praxisbegleitung zur Qualität von Gottesdiensten und Kasualien.(...) Qualität muss von Innen kommen. Sie ist als gesegnete Praxis eine Gabe Gottes. Segen kommt her von Gott, geht aber durch unsere Hände (Matthias Claudius). Genauso richtig ist deswegen: Qualität kommt durch Reflexion, Lernprozesse und Kontrolle.(...)

Riten wirken und entfalten ihre Bedeutung, auch ohne dass alles mit Worten erklärt wird. Dennoch können Gespräche über eigene Erfahrungen bei Kasualien die Sinnpotentiale der Kasualien verstärken. Alle Kasualien bedürfen unterschiedlicher Begleitaktionen über das seelsorgliche Vor- und Nachgespräch hinaus.(...)
Bildungsveranstaltungen können die Bedeutung der Kasualien für den Strom des Lebens erhellen. Und umgekehrt können die Riten der Kasualien die Bedeutung des Glaubens im Lebenslauf veranschaulichen.(...)

Unsere Kirche ist froh über den Schatz, den sie an ihren Kasualgottesdiensten hat. In exemplarischer Weise verbinden die Kasualien Gottes Wort mit dem, was der Fall ist. Dadurch fällt Gottes Wort mitten ins Leben. In der Kasualpraxis erfahren Menschen in wichtigen Momenten ihres Lebens, dass sie gesehen und angesehen sind: Es ist kein Zufall, es ist gewollt, dass es dich gibt. Es ist nicht bedeutungslos, wie du lebst. Letztlich hängt deine Zukunft nicht an dem, was dir gelingt, sondern daran, was aus der Beziehung zu Gott segnend in den Strom deines Lebens kommt.