Von Leuchtfeuern und Kompassnadeln

 

Bericht zur Lage von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer


Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden Bad Herrenalb, 26. April 2007

Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)

Der Zukunftskongress der EKD und der „Kirchenkompassprozess“ der Evangelischen Landeskirche in Baden

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Synodale,
im vergangenen Jahr habe ich beim Tag Badischer Pfarrerinnen und Pfarrer dargelegt, warum mir meine Arbeit im Bischofsamt seit einiger Zeit besonders viel Freude berei­tet. Dies will ich heute zu Beginn meines Berichtes zur Lage vor dieser Landessynode wiederholen. Ich tue dies nicht, weil ich meinte, dass die Tagung einer Landessynode einer Sitzung auf der Psycho-Couch ähnlich wäre, sondern weil ich den paulinischen Grundsatz „Freut euch mit den Fröhlichen“ auch im Miteinander kirchenleitender Organe für sehr hilfreich halte und im Übrigen auch meine, dass ein Bischof die Freude an seinem Amt durchaus auch mit anderen teilen sollte. Was nun macht diese Freude aus? Die Freude an meinem Amt hat sehr viel damit zu tun, dass sich nach mehr als neun Jahren des Dienstes als Landesbischof Zusammenhänge kirchenleitender Arbeit geklärt haben, die sich in verschiedenen Schritten seit 1998 entwickelt haben: eine neue Visitationsordnung, die Einführung des Orientierungsgesprächs, der mehrjährige Leitsätzeprozess, die Veränderung der Haushaltssystematik mit Budgetierung und Leistungsbeschreibung, um nur einiges zu nennen. Was anfangs noch manchmal un­verbunden nebeneinander zu stehen schien, fügt sich nun für mich im Rahmen des begonnenen „Kirchenkompassprozesses“ wie Puzzleteile zu einem Ganzen zusam­men. Mit unserem „Kirchenkompass“ haben wir - nicht zuletzt auch angeregt durch diese Synode - einen systematisch angelegten Planungs- und Kommunikationsprozess für unsere Landeskirche begonnen, und dies fast genau zum selben Zeitpunkt, zu dem in der EKD wichtige Impulse für die Gestaltung künftiger Arbeit im deutschen Protes­tantismus gegeben wurden.

Die Impulse auf der EKD-Ebene und unsere landeskirchlichen Planungsprozesse nun wiederum sehe ich in einem engen Zusammenhang. Diesen Zusammenhang Ihnen zu verdeutlichen, scheint mir sinnvoll zu sein. Denn wer blickt eigentlich im Augenblick noch durch, wenn von „Leuchtfeuern“ und „Leuchttürmen“, von „Lotsen“ und „Kom­passnadeln“ gesprochen wird, vom „Impulspapier“ und vom „Zukunftskongress“ der EKD und dann vom „Kirchenkompassprozess“ unserer Landeskirche mit strategischen Zielen, Messgrößen und Erfolgskriterien, mit Maßnahmen und Handlungsfeldern, mit Kompass- und Projektmitteln, die zwar für das Haushaltsbuch 2008/2009 wirksam sein, aber dann doch weit über diesen Zeitraum hinausreichen sollen? In das Gewirr der Impulse, Begriffe und Prozesse Schneisen des Verstehens zu schlagen, ist heute mein Anliegen. Wenn dabei nicht nur mancher Schleier des Nichtverstehens gelüftet werden kann, sondern auch Sie motiviert werden, als Synodale weiterhin mit Freude an die kirchenleitende Arbeit zu gehen, dann ist dies ein psychosozialer Nebeneffekt, über den ich nicht unglücklich wäre.

Beginnen will ich, indem ich das Impulspapier der EKD vom Jahr 2006 würdige und mit Ihnen auf den Zukunftskongress der EKD in Wittenberg Anfang dieses Jahres zurück­schaue (1). Dann will ich hilfreiche Impulse von Wittenberg für unseren Kirchenkom­passprozess und auch für unsere Zusammenarbeit mit der württembergischen Lan­deskirche bedenken (2), um schließlich unseren Kirchenkompassprozess selbst - ein­mal mehr rückwärtsgewandt reflektierend, einmal mehr vorausschauend planend - in den Blick zu nehmen (3).


1 Das Impulspapier der EKD und der Zukunftskongress von Wittenberg
1.1 Das Impulspapier der EKD

Noch nie wohl hat es dies gegeben, dass der Protestantismus in Deutschland seine eigene Zukunft auf der Basis einer klaren Analyse seiner gesellschaftlichen Rahmen­bedingungen und seiner inneren Verfasstheit in den Blick genommen hätte. Als dies mit der Abfassung eines Impulspapiers geschah, wurde dieses von einer Perspektiv­kommission der EKD formulierte Papier schon bald nach seiner Veröffentlichung schlecht geredet. Gewiss mag manche Kritik an einer zu stark ökonomisch geprägten Sprache, die wir übrigens aus gutem Grund in unserem Kirchenkompassprozess ver­meiden, berechtigt sein. Auch sind inhaltliche Defizite des Papiers unbestreitbar, wie ich nachher noch zeigen werde. (...)
Wie auch immer: Viele Reaktionen aus dem deutschen Protestantismus standen in auffälligem Kontrast zu dem Beifall, den dieses Papier bei unseren katholischen Glaubensgeschwistern ebenso fand wie bei Men­schen, die von anderen Kontexten gesellschaftlichen Lebens her auf uns als Evangeli­sche Kirche in Deutschland schauen und uns um den Mut zu weitreichender Perspektivplanung geradezu beneiden.

Als besonders hilfreich empfinde ich die im EKD-Impulspapier formulierten vier Grund­sätze kirchlicher Zukunftsplanung, die ich auch für unsere Landeskirche als wegwei­send ansehe:
- Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität
- Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit
- Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen
- Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit.

Mit diesen vier Grundsätzen hat die Perspektivkommission der EKD Unverzichtbares für die Weiterentwicklung der Evangelischen Kirche in Deutschland und damit auch unserer badischen Landeskirche benannt. (...)

1.1.1  Sehr bedenkenswert auch für unseren badischen Kirchenkompassprozess finde ich eine grundlegende Anmerkung, die Prof. Hermelink (Göttingen) hinsichtlich der Wirksamkeit des durch das Impulspapier Angeregten macht. Hermelink verweist auf die jüngste Kirchenmitgliedschaftsstudie, nach der die Bindung an die Kirche weniger von punktuellen Erfahrungen abhängt, als vielmehr von der Vermittlung eines be­stimmten Kirchenbildes durch die Familie. Deshalb sollte man nicht zu große Hoffnun­gen in schnelle Wirkungen der Reformbemühungen setzen. Ein einladendes Bild von der Freiheit des Glaubens, für das die Kirche steht, wird die Menschen erst ganz all­mählich prägen. Die Kirche, die wir jetzt reformieren, wird bei vielen Menschen erst in der nächsten Generation ankommen. (...)

Die Kirche möge weltoffener sein, doch zugleich wird der „Zahn der Zeit“, also die Modernität von Kirche als verunsichernd, wenn nicht bedrohlich erfahren, da dieser „Zahn“ alle individuelle Gewissheit annagt. Die Kirche soll im Alltag ansprechen und zugleich zum Alltag auf Abstand bringen, sie soll Gewissheit vermitteln und den Zweifel nähren - diese Ambivalenz gehört zur kirch­lichen Bindung. Das heißt: Die Kirche muss beheimaten in dieser Zeit und sie muss zugleich befremden, sie muss einladen in eine Gemeinschaft und zugleich ermutigen zum Aufbruch.

Diese Anmerkungen von Prof. Hermelink stimmen nachdenklich. Angesichts der Tat­sache, dass manche Entwicklungen im Protestantismus wirklich verschlafen wurden, musste im Impulspapier der Ruf zum Aufbruch dominieren. Das ist verständlich. Ihm muss nun aber auch die Einladung in die bergende Gemeinschaft der Kirche zur Seite treten. Darum müssen wir nicht nur das verlockend Neue in den Blick nehmen, son­dern auch das bewährte Überkommene pflegen und weiterentwickeln.

1.1.2  Wir haben unseren Kirchenkompassprozess in Baden begonnen mit einer gründlichen theologischen Reflexion über Möglichkeiten und Grenzen kirchlicher Pla­nung. Ich erinnere an Michael Nüchterns Diktum von der protestantischen Spiritualität in der Balance zwischen Mut und Demut: Im Wissen um die Unverfügbarkeit göttlichen Wirkens müssen wir mutig das angehen, was wir zu tun haben.
Ich verhehle nicht, dass nach meiner Meinung das Impulspapier der EKD mehr von dieser protestantischen Spiritualität hätte durchdrungen sein können. (...)
Dass gerade das Ver­trauen in das, was Gott uns zugute getan hat, Kräfte freisetzt, davon ist nicht die Rede. Deshalb ist die Leistungskraft des Papiers dadurch begrenzt, dass es relativ stark auf die strukturellen Probleme fokussiert ist und dementsprechend strukturelle Lösungen vorschlägt. (...)

Dem entspricht, dass uns aus dem Impulspapier eine gewisse Angestrengtheit entge­genkommt. Ein wenig mehr Gewissheit des Glaubens täte diesem Papier gut. Eine Kirche der Freiheit muss in der Freiheit des Glaubens handeln. Nicht aus Furcht oder aus puren Nützlichkeitserwägungen sollte sie zu einer ökonomischen Sprache greifen, sondern in Freiheit sollte sie sich ihrer bedienen, ohne sich von ihr gefangen nehmen zu lassen. (...)
Die Balance zwischen Mut und Demut jedenfalls ist mei­nes Erachtens nicht gefunden; zu sehr ist unser Mut betont, die von uns geforderte Demut dagegen bleibt unterbelichtet. Umso wichtiger, dass wir in unserem Kirchen­kompassprozess immer wieder zu dieser Balance finden und uns nicht überheben.

1.1.3  Ich finde es zwar sehr verständlich, dass der Protestantismus in Deutschland bei der Planung seiner Zukunft zunächst einmal auf sich selbst schaut und die Hausaufga­ben in den Blick nimmt, die er ganz alleine zu erledigen hat. Aber ich frage: Besteht nicht die Gefahr einer evangelisch-deutschen Nabelschau, die den ökumenischen Horizont des Protestantismus in unzulässiger Weise ausblendet? (...)
An diesem Punkt gehen wir in Baden sehr bewusst andere Wege. Gemeinsam mit der Erzdiözese Freiburg haben wir uns daran gemacht, eine „arbeits­teilige Ökumene“ in Baden zu entwickeln. Erzbischof Zollitsch hatte im Jahr 2005 in den Pastoralen Leitlinien für die Erzdiözese Freiburg diesen Begriff ins Spiel gebracht. Stellvertretend Aufgaben für andere übernehmen - unter dieser Perspektive haben wir eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die mit jeweils drei Kollegiumsmitgliedern besetzt ist. Sie soll prüfen, in welchen Bereichen „arbeitsteilige Ökumene“ sinnvoll und machbar ist, und sie wird konkrete Arbeitsaufträge an die jeweiligen Fachabteilungen weiterge­ben. In einem Jahr sollen bereits konkrete Ergebnisse vorliegen. Auf unserer Liste ste­hen neben der Arbeit von Diakonie und Caritas auch die Krankenhausseelsorge, der Bereich der Fortbildung und Erwachsenenbildung sowie das Gebäudemanagement. Daneben soll geprüft werden, ob ökumenische Trägerschaften von Kindertagesstätten möglich sind. Wo keine Arbeitsteilung denkbar ist, wollen wir unsere Kooperation ver­stärken und ausbauen. Wir gehen damit nicht nur einen aus finanzieller und personel­ler Not gebotenen Schritt, sondern unser Vorgehen ist ebenso Ausdruck ökumenischer Freundschaft und Zusammenarbeit in Baden. Ich freue mich sehr über dieses in Deutschland bisher wohl einmalige Vorhaben zwischen einer katholischen Diözese und einer evangelischen Landeskirche.

Im Impulspapier der EKD dagegen erfährt die ökumenische Verflochtenheit der EKD und ihrer Gliedkirchen keine qualifizierte Betrachtung. Es entsteht ein Bild von Kirche, in dem Lernerfahrungen aus Partnerschaften und Einsichten von Geschwistern ande­rer Kirchen für unseren Reformprozess nicht relevant erscheinen. (...)
De facto erscheint ein Bild von Kirche, die auf ökumenische Gemeinschaft nicht angewiesen ist. Diese Selbstbezogenheit und Selbstgenügsamkeit führt dann auch dazu, dass die für die Ökumene geradezu essenziellen Themenkom­plexe des Konziliaren Prozesses fast vollständig ausgeblendet bleiben und die Welt­verantwortung von Kirche aus dem Blick gerät. Diese Blickverengung aber können wir uns nicht leisten, wenn wir wirklich Kirche im weltweiten Leib Christi sein und als Salz der Erde in die Welt hinein wirken wollen. (...)


1.2 Der Zukunftskongress in Wittenberg

Mit der Veröffentlichung des Impulspapiers begann bereits die Vorbereitung auf diesen Kongress, denn die darin skizzierten zwölf Leuchtfeuer sollten schwerpunktmäßig Inhalt der Beratungen in Wittenberg sein. (...)
Hier traf sich eine Art Vollversammlung des Protestantismus mit einem ausgeprägten Willen, kirchliche Arbeit gemeinsam zu planen. Ich habe Wittenberg als eine um Aufbruch in die Zukunft bemühte Gemeinschaft erfahren, für die zumeist das galt, was eine junge badische Delegierte später in die Worte fasste: „Jammern war gestern!“ (...)
Ermutigung haben wir erlebt, Gemeinschaft des Feierns und des Betens, des Beratens und Planens - mit Jun­gen und Alten, mit Mitgliedern anderer Landeskirchen, die teilweise vor ganz anderen Herausforderungen stehen als wir hier in Baden. „Avanti Protestanti!“ Mit diesem Aufruf hat die Katholikin Dagmar Reim, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, uns in Wittenberg zum Aufbruch ermutigt. Diesen Aufruf möchte ich aufnehmen: Macht euch auf den Weg in die Zukunft. Schaut an, was vor euch liegt und macht euch zuversicht­lich an eure Arbeit. Geht mit Gott, aber geht! Avanti Protestanti Badensi! (...)

Damit Sie spüren, dass in Wittenberg durchaus sehr kontrovers diskutiert wurde, nenne ich einige der Fragestellungen, die bei den Plenarveranstaltungen eingebracht wurden:
a. Beheimatung
Wenn die tiefste Wurzel der Beheimatung in etwas Fremdem liegt, nämlich in der Be­ziehung zu Gott und zu seinem Wort, was ist dann hinsichtlich unserer Bemühungen um Beheimatung in der Kirche machbar und was nicht?
Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der von Bischof Huber geforderte „Mut zum Ritus“?
Wie kann Kirche nachhaltig und verlässlich beheimatend wirken und zugleich Freiheit zur Veränderung gewinnen?
Wie gelingt Beheimatung in einer evangelischen Kirche bei gleichzeitiger großer öku­menischer Offenheit?

b. Bindekraft der Institution Kirche
Wie können wir die Bindekraft der Institution stärken, ohne die Freiheit der Einzelnen einzuschränken?
Wie können wir Freiheit als Freiheit in der Kirche beschreiben und nicht als Freiheit von der Institution?
Wie kann der Gefahr der Unverbindlichkeit im Protestantismus begegnet und die Be­reitschaft gefördert werden, aus Freiheit Verbindlichkeit wachsen zu lassen?

c. Veränderungsbereitschaft
Wie können wir aus der Leidenschaft für das Evangelium Mut zur Veränderung schöpfen statt uns durch Angst vor negativen Trends das Gesetz des Handelns auf­zwingen zu lassen?
Welchen theologischen Status haben Qualitätskriterien und -überprüfungen? (...)
Wie können wir eine „Ethik des Aufgebens“ (J.H. Claußen) einüben?

Unschwer erkennen Sie, dass das in Wittenberg Diskutierte nicht unähnlich jenem ist, was wir im Rahmen unseres Kirchenkompassprozesses behandeln.


2 Von Wittenberg nach Herrenalb: Chancen und Grenzen badischer Rezeption der EKD-Impulse
2.1 Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Welche Impulse gilt es nun aus dem EKD-Impulspapier und aus dem Zukunftskon­gress von Wittenberg aufzunehmen und badisch, in manchem auch badisch-württem­bergisch fortzuschreiben? Bei der Beantwortung dieser Frage ist grundsätzlich festzu­stellen: Wir müssen eine süddeutsche Lesart des Impulspapiers vornehmen (...)
Wenn Entwicklungen in den einzelnen Regionen Deutschlands sehr unterschiedlich schnell und stark oder gar gänzlich anders ablaufen, dann wird die Gemeinschaft der Gliedkirchen vor große Zerreißproben gestellt. Welches Reformtempo können wir an­gesichts dieser „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ in den Gliedkirchen der EKD gemeinsam absprechen oder einander zumuten? Welche Maßnahmen können wir ver­einbaren, wenn notwendige Reformschritte in bestimmten Regionen nicht im ange­messenen Tempo erfolgen oder wenn einige Gliedkirchen hinsichtlich ihres Reform­tempos weit vorauseilen? (...)
Wie können wir bei künftig unterschiedlichen Entwicklungen die Einheit des Protestan­tismus in Deutschland wahren und die Stärkung der EKD vorantreiben? (...)

Über diese grundsätzlichen Fragen hinaus möchte ich - im Anschluss an Bischof Friedrich - vier im EKD-Impuls­papier genannte Punkte ansprechen, die entweder für uns in Baden keine Rolle spielen oder bei denen wir von gänzlich anderen Voraussetzungen ausgehen müssen:

2.1.1  Die Verringerung der Zahl der Gliedkirchen ist kein baden-württembergisches Thema, selbst wenn dieses Thema immer wieder ventiliert wird. Dass es auf der Fläche des Landes Baden-Württemberg zwei katholische Diözesen und zwei evangeli­sche Landeskirchen gibt, hat sich außerordentlich bewährt - gerade hinsichtlich der konfessionellen Balance und im Gegenüber zur Landesregierung. Erst im vergangenen Jahr hat der Ministerpräsident beim 450-jährigen Reformationsjubiläum in Karlsruhe die Stabilität dieses ökumenischen Kleeblatts gelobt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

2.1.2  Die im EKD-Impulspapier bis zum Jahr 2030 anvisierte Reduzierung der Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer um 20 % ist eine für Baden viel zu hohe Zielgröße. Mit der Einrichtung unseres Gemeindesicherungsfonds haben wir Vorsorge getroffen, die Reduzierung von Pfarrstellen deutlich unter dem von der EKD angegebenen Maß hal­ten zu können. (...) Dies ist ganz besonders im Blick auf die ländlichen Regionen unserer Landeskirche von besonderer Bedeutung.

2.1.3 Das im Impulspapier angepeilte Verhältnis von 1:1:1 bei Pfarrerinnen/Pfarrern - Prädikantinnen/Prädikanten - Lektorinnen/Lektoren halte ich schon deshalb nicht für sachgemäß, weil wir die Dienstbezeichnung des Lektoren in Baden aus guten Gründen abgeschafft haben. Zu diskutieren wäre also die Frage: In welcher quantitativen Relation werden hauptamtliche Pfarrerschaft - Prädikantinnen/Prädikanten und ehren­amtliche Ordinierte - und als dritte Gruppe, die erst noch zu installieren wäre, Teil- bzw. Nebenerwerbspfarrerinnen und -pfarrer stehen? (...)

2.1.4  Die im Impulspapier angesteuerte Verringerung der Zahl der rein parochial aus­gerichteten Ortsgemeinden um 50 % halte ich für unsere Landeskirche, die ge­rade in den ländlichen Bereichen eher noch wächst als schrumpft, für überzogen. Wir wären töricht, wenn wir unser recht stabiles Netz der pastoralen Versorgung in unseren ländlichen Parochien zerstören würden. Anders sehe ich die Entwicklung in den Groß­städten. Der dort mit der Bezirksstrukturreform beschrittene Weg muss konsequent weitergegangen werden. (...)


2.2 Leuchtfeuer und Handlungsfelder

Nach diesen abgrenzenden Bemerkungen will ich nun aber fragen, welche der von der EKD definierten Leuchtfeuer wir in unserem badischen Kirchenkompassprozess kon­struktiv aufnehmen und weiterentwickeln sollten. (...)

2.2.1  Das erste von der EKD definierte Handlungsfeld „Kirchliche Kernangebote“ mit den Leuchtfeuern 1-3 hat bereits jetzt seine Entsprechung in den ersten beiden Leitbildern für die Zukunft unserer Landeskirche, nämlich im Leitbild vom wandernden Gottesvolk und vom Haus der lebendigen Steine und im vierten von der Landes­synode definierten Handlungsfeld „Besinnung auf Botschaft und Auftrag“. Hier sehe ich sehr enge Berührungspunkte und große Chancen, Fragestellungen des Impulspapiers und des Wittenberger Kongresses badisch durchzudeklinieren. (...)

So haben wir die bereits begonnene Diskussion um die Beheimatung in unserer Kirche so weiterzuführen, dass wir einen differenzierten Heimatbegriff entwickeln, der auch kulturelle Beheimatung auf Zeit sowie orts- und parochieunabhängige Zugehörigkeit zur Kirche mit einschließt. (...)
Zur Sicherung der inhaltlichen wie strukturellen Qualität der Arbeit in solchen Gemeinde­formen werden wir Parameter entwickeln müssen. (...) Wir sind daran, mit der württembergi­schen Landeskirche eine gemeinsame „Landkarte geistlicher Kraftorte“ zu entwickeln. Eine Grundlage hierfür hat die Fachstelle „Geistliches Leben“ in unserer Landeskirche gelegt, indem sie in einer ansprechenden Broschüre einige solcher „Kraftorte“ - auch jenseits landeskirchlicher und konfessioneller Grenzen - dargestellt hat. In diesem Zusammenhang könnte es künftig auch um eine entsprechende Personalentwicklung über die Grenzen von Landeskirchen hinweg gehen.

Wenn wir diese Fragestellungen aufnehmen (zum Teil haben wir dies schon vor Wittenberg getan), dann wird in unserer Landeskirche ein fairer und begrenzter Wett­bewerb um „Profil-Ressourcen“ (Hemminger, zeitzeichen) zu installieren sein: Die Basisdienste unserer Gemeinden müssen wie bisher verlässlich weiter finanziert wer­den, aber auf der Ebene von Bezirken oder auch der Landeskirche müssen zugleich Mittel für Projekte und Dienste bereitgestellt werden, durch die eine besondere Profilie­rung möglich wird. Erfolgversprechende Konzepte sollten honoriert werden.

2.2.2  Das zweite von der EKD definierte Handlungsfeld „Kirchliche Mitarbeitende“ mit den Leuchtfeuern 4-6 berührt sich aufs engste mit dem dritten von der Landessynode benannten Handlungsfeld „Ehrenamt und Hauptamt“.

Hier geht es vorrangig um die Klärung, wie sich das protestantische Prinzip des Pries­tertums aller Getauften verhält zu der Tatsache, dass der Pfarrberuf nun einmal ein Schlüsselberuf unserer Kirche ist. Wie verhält sich dazu das Ernstnehmen der Ehren­amtlichen als Expertinnen und Experten ihrer Lebenswirklichkeit und die Verbannung des Begriffs „Laie“ aus dem evangelischen Wortschatz sowie die Entwicklung einer Kultur der An­erkennung Ehrenamtlicher? (...)

Ja, wir müssen beides zugleich sagen und mit­einander gestalten: den Schlüsselberuf des Pfarrers bzw. der Pfarrerin und das wert­schätzende unverzichtbare Miteinander von Ehren- und Hauptamtlichen in einer Kirche des Priestertums aller Getauften. 
Zu verbessern haben wir in der Tat die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Ehren- und Hauptamtlichen. Ein verbindliches, theologisch verantwortetes Qualitätsmanage­ment für kirchliche Mitarbeitende, das auch geistliche Persönlichkeitsbildung ein­schließt, ist zu implementieren (...) Verbindliche Fortbildungskanons sind zu erstellen und die Fortbildung für Pfarrerinnen, Gemeindediakone und andere Mitarbeitende (auch Ehrenamtliche) zu vernetzen. (...)

Wichtig ist bei alledem, gerade angesichts drohender Überforderung von Haupt- wie Ehrenamtlichen, dass wir im Miteinander aller Mitarbei­tenden eine „Kultur des Lassens“ entwickeln. Dabei meine ich diesen Begriff durchaus doppeldeutig. Wir müssen einerseits lernen, das zu unterlassen, was dem Auftrag der Kirche nicht wirklich dient, andererseits müssen wir lernen, andere auch dort wirken und arbeiten zu lassen, wo wir selbst nicht unsere Stärken und Qualitäten haben.

2.2.3  Das dritte von der EKD definierte Handlungsfeld „Kirchliches Handeln in der Welt“ mit den Leuchtfeuern 7-9 findet seine Entsprechung im dritten und vierten Leit­bild für die Zukunft unserer Landeskirche, also in den Leitbildern vom Leib Christi und vom Salz der Erde. Dem korrespondieren die drei von der Landessynode entwickelten Handlungsfelder „Diakonie - Gemeinde - Kirche“ und „Zuwendung zur Welt, Kom­munikation und Dialog“ sowie „Bildung, Religionsunterricht, Weitergabe des Glaubens“. Schon diese Zuordnung lässt die von mir eingangs genannten Defizite im Impulspapier der EKD an dieser Stelle erkennen und zeigt auf, dass unsere Lan­dessynode hier einen deutlich stärkeren Akzent setzen will. So lese ich die beiden Leitbilder und die von der Landessynode ihnen zugeordneten strategischen Ziele in diesen Handlungsfeldern als eine spezifisch badische Akzentsetzung, die weit über die Impulse aus Wittenberg hinausgeht. (...)

Bildungseinrichtungen unserer Landeskirche (und der württembergischen) sollten stärker miteinander vernetzt werden. Gemeinsam mit der württembergischen Kirche wäre ein elementarer „Grundkurs Glauben“ für kirchlich Mitarbeitende zur Stär­kung der Sprachfähigkeit im Glauben zu entwickeln. (...)

Schließlich stehen wir auch - und das hat die Synode eingefordert - hinsichtlich der Wahrnehmung kirchlicher Weltverantwortung vor großen Aufgaben: Das kirchliche Umweltmanagement, dessen Weiterführung Sie im letzten Jahr beschlossen haben, gehört ebenso dazu wie die Diakonie. Wir müssen Diakonie als kirchliche Gemein­schaftsaufgabe auf allen Ebenen fördern im Sinne eines Diakonia-Mainstreaming, auch um der wachsenden Armut in unserer Gesellschaft zu begegnen. Wir müssen die Ver­bindung gemeindlicher und diakonischer Arbeit vorantreiben und damit das Wort- und das Tatzeugnis aufeinander beziehen. (...)

2.2.4  Das vierte von der EKD definierte Handlungsfeld „Kirchliche Selbstorgani­sation“ mit den Leuchtfeuern 10-12 hat vor allem das föderale System zwischen den Gliedkirchen zum Inhalt. Von daher ist es selbstverständlich, dass sich zu unserem Kirchenkompassprozess nur schwache Beziehungen herstellen lassen. Lediglich im Kommentar zum zweiten Leitbild hatten wir formuliert: „Die Evangelische Landeskirche in Baden hat alternative Finanzierungskonzepte entwickelt, mit deren Hilfe Bewährtes fortgeführt und Neues gewagt werden kann. Den Fortbestand ihrer gegenwärtigen Strukturen hält sie nicht für prio­ritär, sondern setzt sich engagiert für grundlegende Veränderungen im deutschen und europäischen Protestantismus ein.“ Einen Bezug zu den strategischen Zielen der Landessynode sehe ich nicht, mehr schon zum operati­ven Geschäft im Evangelischen Oberkirchenrat. Insbesondere werden wir uns darum mühen müssen, einen Mentalitätswandel im Blick auf Spenden und Stiftungen zu för­dern sowie das erwerbswirtschaftliche Handeln von Gemeinden und die in unserer Landeskirche vorhandene Fundraising-Kompetenz zu stärken. Ferner werden wir auf EKD-Ebene unseren Beitrag dazu leisten, leistungsfähige und solidarverträgliche Strukturen des kirchlichen Föderalismus zu erhalten bzw. diese Strukturen daraufhin zu überprüfen, inwiefern sie die Handlungsfähigkeit der EKD fördern. (...)

Gemeinsam mit unserer württembergi­schen Schwesterkirche wollen wir auch darüber nachdenken, welches eigentlich die Kriterien und Standards für eine funktionierende Landeskirche sind. Dieses gemein­same baden-württembergische Nachdenken ist einerseits sinnvoll, um populistischen Forderungen nach einer Fusion unserer Landeskirche argumentativ besser begegnen zu können, andererseits kann mit der Beschreibung nachvollziehbarer Kriterien für die Selbständigkeit einer Landeskirche auch anderen EKD-Gliedkirchen Hilfestellung geleistet werden. In allem, was wir als Landeskirche innerhalb der EKD tun, muss der Grundsatz gelten: so viel Gemeinsames wie möglich, so viel Unterschiedliches wie nötig.

Sie sehen: Es ist nicht wenig, was wir aus den Anstößen des EKD-Impulspapiers und des Wittenberger Zukunftskongresses für den Kirchenkompassprozess unserer Lan­deskirche gewinnbringend umsetzen könnten. Auch der erste Gemeindeentwicklungs­kongress unserer Landeskirche, der am Samstag, 22. September in Karlsruhe stattfin­det, bietet unter dem Titel „Vertraut den neuen Wegen“ konkrete Anregungen. (...)


3 Die Dynamik des badischen Kirchenkompassprozesses

Im dritten und letzten Teil meines Berichtes will ich unseren Blick gezielt auf unseren Kirchenkompassprozess lenken und danach fragen, welche Dynamik dieser Prozess seit der Frühjahrstagung 2006 entwickelt hat und wie er sich in den kommenden Monaten weiter gestalten wird.

Zunächst eine für mich wichtige Beobachtung: Dieser Prozess verlangt sehr vielen Menschen in unserer Kirche sehr vieles ab. Offenkundig ist es nicht leicht, Unbeteilig­ten die Sinnhaftigkeit dieses ganzen Unternehmens zu vermitteln. (...)
Nicht selten wird der Verdacht ausgesprochen, damit solle - wie angeblich in der EKD - ein Zentralismus gestärkt werden und Ziel sei es nur, Geld zu sparen und unliebsame Stellen oder Arbeitsfelder wegzurationalisieren. (...)
Insgesamt aber herrscht in Gemein­den und Bezirken noch eine relativ große Unkenntnis, und das ist nur zu verständlich, da dieser Prozess derzeit nur auf der landeskirchlichen Ebene durchgeführt wird. Bis zu den Ältestentagen im Juni werden wir eine Broschüre zu den Leitbildern und den strategi­schen Zielen herausgeben, und ab 2008 planen wir dann ein Projekt mit dem Arbeits­titel „Gemeindeentwicklung und Kirchenkompass“. Dadurch sollen Gemeinden und Bezirke ermutigt werden, eigene Kompassprozesse durchzuführen. (...)

Auch in der Landessynode und im Evangelischen Oberkirchenrat sind wir durch diesen Prozess vor bisher nicht gekannte Herausforderungen gestellt. Die Erstellung von Kompasskarten für jedes einzelne Referat bedarf ständig einer doppelten Rückkoppe­lung hinsichtlich der Stimmigkeit der einzelnen Referatsziele einerseits mit den Zielen der anderen Referate und den Zielen des Evangelischen Oberkirchenrats insgesamt, andererseits mit den von der Landessynode verabschiedeten strategischen Zielen. (...)

Im Blick auf die dem Kirchenkompassprozess zugrunde liegenden Leitbilder ist über­wiegend Positives festzustellen. Die Leitbilder haben eine große Akzeptanz erfahren. Ihre bildhafte Sprache und ihre Anknüpfung an biblische Motive werden ebenso gelobt wie ihr ekklesiologischer Gehalt. (...)

Neben kleine­ren redaktionellen Änderungen wurde im ersten Leitbild das von der Synode einge­brachte Leitmotiv der eucharistischen Gemeinschaft aufgenommen; das zweite Leitbild hat eine Straffung erfahren, weil einige der dort zunächst genannten Konkretionen in der Synode als erst noch zu beschließende Maßnahmen benannt worden waren; schließlich wurde im dritten Leitbild die besondere Verantwortung für den jüdisch-christlichen Dialog und für die interreligiöse Verständigung aufgenommen. (...) Bei aller Akzeptanz der Leitbilder besteht aber eine durchgehende Schwierigkeit darin, aus ihnen mit Stringenz strategische Ziele abzuleiten. Die Leitbilder werden weniger als Grundlage für die Entwicklung strategischer Ziele verwendet, sondern eher als kriti­sches Korrektiv bei deren endgültiger Formulierung. Dies ist durchaus im Sinne des Kirchenkompassprozesses. Am Ende müssen nicht alle Kompasskarten stringent aus den vier Leitbildern abgeleitet, sie müssen aber mit ihnen stimmig sein.

So scheinen die Leitbilder bezüglich der Formulierung strategischer Ziele dann doch eine nicht unbeträchtliche Leitfunktion wahrzunehmen. Denn wenn wir uns die von der Landessynode verabschiedeten Ziele betrachten und daneben jene, die derzeit noch in den Referaten des Evangelischen Oberkirchenrats entwickelt werden, dann zeichnet sich eine große gemeinsame Schnittmenge ab. Und es ist zu erwarten, dass wir bei der Formulierung von Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele und bei Vorschlägen zum Einsatz von Kirchenkompassmitteln in vielen Bereichen einen breiten Konsens zwischen Landessynode und Evangelischem Oberkirchenrat erreichen werden. Aller­dings sehe ich eine Akzentverschiebung zwischen den strategischen Zielen der Lan­dessynode und des Evangelischen Oberkirchenrats: Während vier der sechs Ziele der Landessynode den Leitbildern 3 und 4 zugeordnet werden können, also den Leitbildern vom Leib Christi und vom Salz der Erde, zeichnet sich im Evangelischen Ober­kirchenrat ein besonderer Schwerpunkt im Blick auf die Leitbilder 1 und 2 ab: das wandernde Gottesvolk und das Haus der lebendigen Steine und Bezug nehmend darauf besonders die Bemühungen um Beheimatung im Bereich des gottesdienstlichen Lebens, die Entwicklung neuer Gemeindeformen und die Förderung lebendiger Kraftorte des Glaubens. Ich verstehe diese Differenz nicht so - wie es bisweilen nach der letzten Synodaltagung ausgelegt wurde -, dass der Synode das gottesdienstliche Leben unserer Landeskirche und die Pluralisierung gemeindlicher Formen kein Anlie­gen sei, sondern eher so, dass hinsichtlich dieser beiden Ziele mit Recht eher eine spezifische Zuständigkeit seitens des Evangelischen Oberkirchenrats vermutet wird. Der künftige Verlauf des Kirchenkompassprozesses jedenfalls wird zeigen - da bin ich mir ganz sicher -, dass die strategischen Ziele der Landessynode und des Evangeli­schen Oberkirchenrats im höchsten Maße kompatibel sind und in prächtiger Weise einander korrespondieren. (...)

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, unseren Kirchenkompassprozess und die Entwicklungen in unserer Landeskirche hineinzuzeichnen in Entwicklungen, die derzeit auf der Ebene der EKD auf den Weg gebracht werden. Die Freude an der Arbeit steigt,
wenn wir bei unserer Arbeit wissen, wo wir stehen und wohin wir gehen,
wenn wir vermuten dürfen, keine Sackgassen zu beschreiten, sondern zielgerichtete Wege,
wenn wir erkennen, dass wir unsere Wege mutig mit anderen gehen dürfen und demütig im Vertrauen, dass Gott uns auf diesen Wegen mit seinem Segen begleitet.
In diesem Sinne schließe ich mit der Hoffnung, Ihnen durch meinen Bericht - nochmals mit Paulus gesprochen - ein Gehilfe der Freude geworden zu sein.