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Bericht zur Lage von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden
Bad Herrenalb, 26. April 2006

Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)

Verehrte Frau Präsidentin, liebe Synodale,
immer wieder gibt es im Leben eines Bischofs und im Wirken einer Synode Premieren. Heute ist eine solche. Denn mein heutiger Bericht zur Lage ist gänzlich anders ange­legt als jene, die Sie in den letzten sieben Jahren von mir gehört haben. Der ganze morgige Synodaltag soll der Einübung eines wichtigen Elementes im Kommunikations­prozess „Kirchenkompass“ gewidmet sein. Um diesem synodalen Geschehen eine angemessene Verortung zu geben, habe ich mit der Präsidentin vereinbart, dass ich mich heute morgen in meinem Bericht zur Lage ganz auf den „Kirchenkompass“ und auf die in seinem Rahmen entwickelten Leitbilder konzentriere.
Dies tue ich nicht nur besonders gern, weil ich dem „Kirchenkompass“ für unsere Landeskirche eine hohe Bedeutung beimesse, sondern auch, weil die Diskussion über die uns im kirchenleiten­den Handeln bestimmenden Kirchenbilder hier in der Synode ihren Ausgang genom­men hat. Ich erinnere: Es waren Mitglieder dieser Synode, die anlässlich der Haus­haltsberatungen immer wieder danach fragten, von welchen „Kirchenbildern“ wir uns in unserer Planungsarbeit leiten lassen. Als dann bei der Arbeit im Landeskirchenrat deutlich wurde, dass ein Kommunikations- und Planungsprozess für unsere Landeskir­che nicht möglich sein würde ohne „Visionen“ der Kirche, entstand der Auftrag, „Leitbil­der für die Zukunft der Evangelischen Landeskirche in Baden“ zu formulieren.
Nun ist eine solche Formulierungsarbeit zweifelsohne ein dynamischer Prozess. Jemand muss in Wahrnehmung eigener Leitungsverantwortung erste Vorgaben wagen, darum war ich gebeten worden; weitere Beratungen im Kollegium des Evangelischen Oberkir­chenrats und eine Beratungsrunde im Landeskirchenrat folgten, ehe ein verabredeter Text nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Es ist jener Text, über den ich heute sprechen werde. Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mit der Diskussion von „Kirchenbildern“ Wichtiges angestoßen haben.
Mit dem heutigen Tag ist kein Schlusspunkt gesetzt, sondern eher ein Doppel­punkt: Während dieser Synodaltagung selbst und in den vor uns liegenden Monaten wird es weitere Anregungen geben, um die Leitbilder für die Zukunft unserer Landeskir­che noch präziser zu fassen. Von der Bedeutung und Wichtigkeit solcher Leitbilder sind alle überzeugt, die den Prozess „Kirchenkompass“ gestalten wollen, denn um die Zu­kunft der Kirche gestalten zu können, brauchen wir nicht so sehr Definitionen kirchli­cher Arbeit. Sie stehen in der Gefahr einzuengen, „definitive“ Grenzen zu setzen. Wir brauchen vielmehr Bilder der Zukunft, die Phantasie und Kreativität freisetzen. Viel­leicht und hoffentlich können meine Ausführungen zu den Leitbildern auch eine Antwort auf so manche Ihrer Fragen nach den uns leitenden Kirchenbildern sein.

Vorbemerkungen
Ich nähere mich den Leitbildern für die Zukunft unserer Landeskirche mit zwei für mich ganz wichtigen ausführlicheren Vorbemerkungen:

1. Eine protestantische Spi­ritualität der Planung
 Wer sich daran macht, die Zukunft der Kirche zu planen, muss sich der Möglichkeiten solcher Planungsarbeit vergewissern und ihrer dreifachen Begrenzung bewusst sein.

Zunächst einmal ist allem Planen in der Kirche eine geistliche Grenze gesetzt, denn nur manches kann in der Kirche gemacht, anderes nur geschenkt werden. Menschli­ches Tun und göttliches Wirken sind geheimnisvoll aufeinander bezogen und doch voneinander zu unterscheiden. Wie Michael Nüchtern es ausgedrückt hat, auf den ich mich auch im Folgenden beziehe, ist die Kirche „anders als andere Unternehmen von ihrem Wesen her eine Organisation, die über ihr Organisationsziel nicht verfügt“. Denn dass die Botschaft des Evangeliums Gehör findet, wirkt allein der Heilige Geist, wo und wann er will (CA 5).

Dem Planen in der Kirche ist zweitens eine weisheitliche Grenze gesetzt, denn es er­eignet sich immer auch anderes als das Geplante. Die Welt ist eben nicht wie eine Maschine beherrschbar, Risiken und Nebenwirkungen menschlichen Planens sind oft nicht vorhersehbar, viel Geplantes ist des Segens bedürftig, um gelingen zu können. Umgekehrt geschieht vieles, obwohl es nicht gezielt geplant wurde. So denke ich etwa an den unerwarteten Imagegewinn der evangelischen Kirche in den letzten Jahren oder die neue Wertschätzung der Kirchenräume. Diese Erkenntnis darf nicht dazu füh­ren, dass wir munter mit großen Wissenslücken drauf los planen, aber sie sollte uns vor einem Planungsfetischismus bewahren.

Schließlich gibt es für das Planen in der Kirche eine ethische Grenze, denn bei allem, was getan werden muss, muss zugleich auf vieles Rücksicht genommen werden. Kir­chenleitende Verantwortung kann nur in Respektierung der Verantwortung anderer kirchlicher Organe wahrgenommen werden. Eine Synode muss wissen, was ihre Auf­gabe ist. Ein Bischof darf seinen Verantwortungsbereich nicht willkürlich ausdehnen. Der kirchliche Organismus bedingt spezifische Mitwirkungsrechte anderer, die zu res­pektieren sind, soll dieser Organismus nicht verletzt werden. Der Sinn für ein­heitliches kirchliches Handeln muss wachsen und kann nicht angeordnet werden.

Diese drei Begrenzungen beachtend, kann Planungsarbeit in der Kirche nicht anders geschehen als in einer Haltung, die zwar mutig das angeht, was zu tun ist, die immer aber auch um die Unverfügbarkeit menschlichen Tuns weiß. „Eine protestantische Spi­ritualität der Planung … wird die Balance halten zwischen Mut und Demut“ (Michael Nüchtern).

2. Der Begriff "Leitbild"
Meine zweite Vorbemerkung bezieht sich auf die im Prozess „Kirchenkompass“ ge­wählte Begrifflichkeit. Wenn wir die Zukunft der Kirche planen wollen, dann müssen wir bei der Bezeichnung der anzuwendenden Planungsinstrumente die Besonderheit der Kirche mit berücksichtigen. So ist der Begriff „Kirchenkompass“ eine badische Kirchen­kreation, die im Bereich anderer Organisationen so nicht Verwendung findet. Ich halte diesen Begriff für besonders sinnvoll für eine Kirche, die sich von ihren Anfängen her als ein Schiff verstanden hat, das sich Gemeinde nennt, und die in ihrer Heiligen Schrift, der Bibel des Alten und Neuen Testaments, zu erzählen weiß von ihrem Herrn, der sie auf der Fahrt durch das weite Meer nicht verlässt. Auch im Blick auf das neu­testament­liche Bild vom wandernden Gottesvolk ist die Rede vom „Kirchenkompass“ anschluss­fähig und hilfreich.

Gegenüber dem Gebrauch des Wortes „Vision“, ohne den Wirtschaftsunternehmen gewiss nicht auskommen, habe ich so manche Bedenken - nicht so sehr jene des Alt­bundeskanzlers Helmut Schmidt, der Menschen mit Visionen riet, Psychiater aufzusu­chen, sondern eher jene, die sich aus der biblischen Kenntnis prophetischer Visionen herleiten. Deshalb haben wir auch im Kontext des Prozesses „Kirchenkompass“ den Begriff der „Vision“ vermieden.

Vielmehr haben wir uns zur Beschreibung kirchenlei­tender Vorstellungen von der Zukunft der Kirche auf den Begriff der „Leitbilder“ ver­ständigt, wobei wiederum eine Abgrenzung wichtig war, die wir im Leitsatzprozess der Jahre 1996 bis 2000 entwickelt hatten. Damals nämlich wurde ein theologischer Funda­mentaleinwand gegen ein Leitbild der Kirche formuliert, der etwa so lautete: „Wir brau­chen kein Leitbild, wir haben die biblischen Verheißungen Gottes als Leitbilder kirchli­chen Handelns.“ Dieser Einwand markiert die Grenze kirchlicher Leitbilddiskus­sion insofern, als er kirchliche Zielsetzungen unter einen theologischen und eschatologi­schen Vorbehalt stellt, der immer mit zu bedenken ist. Nicht wir Menschen haben die letzten Ziele kirchlichen Handelns festzulegen, sie sind uns durch die bibli­schen Ver­heißungen Gottes vielmehr vorgegeben. Diesen Vorbehalt mit bedenkend hätte man also allenfalls die in den biblischen Verheißungen implizierten Leitbilder dar­stellen kön­nen; dies aber wurde im Leitsatzprozess bewusst unterlassen, um durch Formulierung einer größeren Anzahl von Leitsätzen einen offenen und dynamischen Prozess mit großer Basisbeteiligung möglich zu machen. Unter dieser Perspektive haben wir dann im Jahr 2000 hier in der Landessynode Leitsätze verabschiedet: (...)

Leitbilder für die Zukunft der Evangelischen Landeskirche in Baden
Was wir damals im Leitsatzprozess unterlassen haben, das haben wir nun getan. Wir haben Leitbilder für die Zukunft unserer Landeskirche entwickelt, die bewusst bibli­sche Verheißungen und Bilder aufnehmen und diese in ihrer Relevanz für die Sozial­gestalt unserer Landeskirche bedenken. In der zweiten Hälfte des Jahres 2005 wurden in einem anregenden Diskussionsprozess der drei kirchenleitenden Organe Landesbischof, Oberkirchenrat und Landeskirchenrat vier Leitbilder für die Zukunft der Evangelischen Landeskirche in Baden formuliert.

Diese Leitbilder sind bewusst prä­sentisch formuliert, um den künftigen Zustand der Kirche verlockend zu beschreiben und weniger normativ einzufordern. Das hier gewählte Präsens ist ein „Präsens der Zukunft“, denn in der grammatikalischen Form des Präsens wird in bildhafter Form die Zukunft der Kirche beschrieben, die zwar an die Gegenwart anknüpft, dann aber ent­scheidend über sie hinausgeht. Die Leitbilder sind also nicht realitätsfern, aber sie beinhalten einen „Überschuss zur Realität“. Ich stelle Ihnen nun die vier Leitbilder vor und füge jeweils einen kurzen erläuternden Kommentar hinzu. In jedem Leitbild ist je­weils eine Dimension kirchlicher Arbeit abgebildet, wobei Sie manches aus den Leit­sätzen wiederfinden werden, und auch manches aus der Communio-Ekklesiologie von Christoph Schwöbel, der ich in meinem Bericht zur Lage vor zwei Jahren die Leitsätze zugeordnet hatte.

1.
"Die Evangelische Landeskirche in Baden weiß sich als Teil des wandernden Gottesvolkes (Hebr 4,9; 13,14) von Gott berufen. Auf dem Weg durch die Zeiten hin zum Ziel des Reiches Gottes steht sie unter der Verheißung der Gegenwart Christi bis ans Ende der Welt.

Unter dieser Perspektive nimmt die Evangelische Landeskirche in Baden ihren missio­narischen Auftrag wahr, Gottes Leben schaffende Kraft und seine Zukunft eröffnende Liebe den Menschen in Wort und Tat einladend zu bezeugen. Ihre Orte entwickeln sich zur geistlichen Heimat für immer mehr Menschen, die hier Gemeinschaft pflegen, lie­bende Zuwendung finden und Gottesdienste feiern. Diese Gottesdienste sind bunt und lebendig, vielfältig in den Formen der Verkündigung und in ihrer musikalischen Ge­staltung. Menschen jeden Alters werden in diesen Gottesdiensten gestärkt, finden Le­bensorientierung und erfahren das Heilige.
Aus der Leidenschaft für das Wort Gottes entsteht ein evangelisches Wir-Gefühl. In einem Klima des Vertrauens wird gemeinsam Verantwortung für die ganze Kirche wahrgenommen. Die Bereitschaft zum Einsatz für die gemeinsame Sache des Glau­bens wächst, weil sich die Mitarbeiterschaft team- und gabenori­entiert einbringen kann. In einem ermutigenden Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen wird das Priester­tum aller Glaubenden so überzeugend gelebt, dass immer mehr Menschen dieser Kir­che gern angehören."

- Im ersten Leitbild ist die Dimension der geistlichen Beheimatung von Menschen vor allem im Bereich des gottesdienstlichen Lebens in den Blick genommen. Nun wissen wir, dass wir als wanderndes Gottesvolk unterwegs sind, lebend in der escha­tologischen Dialektik von „Schon“ und „Noch nicht“, schon gerettet durch Jesus Christus, aber noch nicht am endgültigen Ziel unserer Wanderung. Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber doch erfahren wir schon Heimat in der Kirche, sozusagen vorläufige Beheimatung. Dementsprechend bezieht unser Leitbild den missionarischen Auftrag der Kirche mit ein, der auf das Reich Gottes als letzte Zukunft ausgerichtet ist und unter der Verheißung der Gegenwart Christi bis ans Ende der Welt steht. Um vor­läufige Beheimatung also kann es nur gehen in der Kirche und ihren Orten, aber um eine Beheimatung, in der Menschen das für die Wegstrecke ihres begrenzten Lebens Wichtige finden. Welch eine Bedeutung kirchliche Beheimatung für Menschen zuneh­mend hat, wurde durch unsere Kircheneintrittsstudie (Ergebnisse und Bericht zur Vorstellung der Studie in ekiba aktuell vom 14.02.05) deutlich. Offenkundig ist eine spe­zifische konfessionelle Prägung gerade des Gottesdienstes für Menschen, die sich in einer unübersichtlichen Lebenswelt vorfinden, unter dem Gesichtspunkt der Beheima­tung wichtig. Menschen fühlen sich in vertrauter Liturgie, in Ritualen und Gebräuchen ihrer Kirche zuhause. Aber eine evangelische gottesdienstliche Monokultur gibt es nicht, vielmehr sind evangelische Liturgie, Rituale und Gebräuche längst pluralistisch ausdifferenziert - je nach Alter, Herkunft und kultureller Prägung der jeweiligen gottes­dienstlichen Zielgruppe. Deshalb kann Beheimatung in der Kirche nur gelingen, wenn wir uns das so genannte „Kerngeschäft“ der Kirche, das gottesdienstliche Handeln, bunt und lebendig ausgestalten, damit wirklich Menschen jeden Alters das gottes­dienstliche Handeln ihrer Kirche als für sie relevant erfahren.

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht die Verkündigung des Wortes Gottes. Deshalb war es wichtig, in diesem ersten Leitbild die identitätsstiftende Bedeutung des Wortes Gottes für die Bildung eines evangelischen Wir-Gefühls zu betonen. Zu den reformato­rischen Grunderkenntnissen gehört die Wiederentdeckung des Priestertums aller Ge­tauften. Alle Getauften haben durch Kenntnis und Studium der Heiligen Schrift einen direkten Zugang zum Wort Gottes. Der freie und unverstellte Zugang zu Gott muss ihnen nicht erst über einen Amtsträger oder eine Institution gesichert werden. Um der Freiheit des Wortes Gottes willen gibt es keine klerikale Vermittlung desselben. Des­halb ist die wesensmäßige Unterscheidung von Priestern und Laien nicht evangeli­umsgemäß. Und deshalb kann Beheimatung in der evangelischen Kirche nicht anders geschehen als in einer aus der Leidenschaft für das Wort Gottes entstehenden Zeug­nis- und Dienstgemeinschaft, in der sich Haupt- wie Ehrenamtliche, Ordinierte wie so genannte „Laien“ team- und gabenori­entiert einbringen können. Das gelingende Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen ist nicht etwas, das wir entdecken, um Personalkosten für unsere Kirche zu sparen. Sondern es ist das entscheidende Kriterium dafür, ob wir mit der protestantischen Wiederentdeckung des Priestertums aller Getauften wirklich überzeu­gend ernst machen. Es ist eine notwendige Voraussetzung für eine Beheimatung mög­lichst vieler Menschen in unserer evangelischen Kirche.

2.
"Als Haus der lebendigen Steine (1 Petr 2,5) schöpft die Evangelische Landeskir­che in Baden ihre Gestaltungskraft aus einer demütigen Haltung, die sich der be­grenzten Reichweite eigenen Planens und Tuns bewusst ist.
      
In bereichernder Selbstbegrenzung wandelt sich die Evangelische Landeskirche in Baden zu einer Kirche lebendiger geistlicher Orte. In den Ortsgemeinden begleitet sie Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens. Daneben treten zahlreiche nichtparo­chiale Gemeindeformen, die sich um unterschiedlich profilierte Zentren bilden. Von ihnen gehen spirituelle und diakonische, politi­sche und gesellschaftliche Impulse aus. Orte, an denen vielfältige kirchliche Arbeit regional gebündelt wird, strahlen wie „Leuchttürme“ weithin aus und motivieren zu Dienstgemeinschaften auf allen kirchli­chen Ebenen. In nicht mehr für Gemeindegottesdienste genutzten Kirchen sind ver­stärkt christliche generati­onsübergrei­fende Wohngemeinschaften und diakonische Initiativen anzutreffen, in denen Gottes Option für die Armen praktisch gelebt wird.
Für diesen Weg zu einer Kirche lebendiger geistlicher Orte setzt die Landeskirche das ihr anver­traute Geld verantwortungsvoll ein. Zugleich ist sie vorbereitet auf den Rück­gang der Kirchensteuer. Sie hat alternative Finanzierungskonzepte entwickelt, mit de­ren Hilfe Bewährtes fortgeführt und Neues gewagt werden kann. Den Fortbestand ihrer gegenwärtigen Strukturen hält sie nicht für prio­ritär, sondern setzt sich engagiert für grundlegende Veränderungen im deutschen und europäischen Protestantismus ein."

- In diesem zweiten Leitbild wird der Blick auf eine Dimension kirchlichen Handelns ge­lenkt, die seit einiger Zeit in der praktisch-theologischen Diskussion Bedeutung gewon­nen hat, die Dimension der Konzentration und Ausstrahlung geistlicher Orte. Es war besonders das Buch der Hamburger Theologin Uta Pohl-Patalong mit dem Titel „Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten“, das zu Recht viel Aufmerksamkeit gefunden hat. (...)

Kirchliche Orte können ebenso bisherige Parochien sein wie auch Tagungshäuser, kirchlich genutzte Räume in Krankenhäusern, Schulen, Ge­fängnisse und andere Gebäude, in denen bisher kirchliche Arbeit geleistet wurde. An jedem dieser kirchlichen Orte sollen sowohl ein vereinsähnliches Leben („Gemeinde­haus“) entwickelt als auch inhaltliche Arbeitsbereiche („Kirche“) verortet werden. Im „vereinskirchlichen“ Bereich geht es vor allem um einen Zusammenschluss von Men­schen, der von Selbstorganisation, Gemeinschaft und Geselligkeit geprägt ist (SeniorInnenkreise, Single-Gruppen, Eltern-Kind-Gruppen, Gemeindefeste, Reisen, Basare, Bibelkreise). Dieses vereinsähnliche kirchliche Leben kommt Menschen entgegen, die im Nahbereich Gemeinschaft suchen und die ein kirchliches Heimat­gefühl wie in einer Parochie entwickeln wollen. Gestaltet und geleitet wird der vereinskirchliche Bereich von Ehrenamtlichen, die hier selbstbestimmt und nach eigenen Neigungen tätig sein können.

Neben dem vereinskirchlichen Leben soll es an jedem kirchlichen Ort mindestens einen klar definierten inhaltlichen Arbeitsbereich geben. Bei regionaler Steuerung wird so ein differenziertes, plurales kirchliches Angebot ermöglicht, z.B. in der Bildungsar­beit, Beratung, in spezialisierter Seelsorge, Zielgruppenarbeit, Kirchenmusik, Spiritua­lität, ökumenischer Arbeit, interreligiösem Dialog. Anders als für den vereinskirchlichen Bereich liegt die Verantwortlichkeit für die spezialisierten Arbeitsbereiche nicht vorran­gig in ehrenamtlicher Hand, sondern diese Bereiche werden von Haupt- und Ehren­amtlichen gemeinsam gestaltet. Dies ermöglicht eine starke Pluralisierung und Spezia­lisierung des Pfarrberufs.
An jedem kirchlichen Ort findet gottesdienstliches Leben statt, allerdings ist der agen­darische Gottesdienst am Sonntagmorgen nicht mehr die einzige Form. Vielmehr ent­steht eine Vielfalt gottesdienstlicher Formen mit unterschiedlichem Charakter und zu unterschiedlichen Zeiten. (...)
Das vereinskirchliche Leben stellt sicher, dass die Kirche auch weiterhin am Wohnort präsent ist, mit den unterschiedlichen inhaltlichen Bereichen wird die Pluralität kirchlicher Aufgaben in der Gegenwart erfüllt.

Soweit Frau Pohl-Patalong. Wer mehr hören möchte, muss zum Gemeindeentwick­lungskongress im September 2007 nach Karlsruhe kommen. Unschwer werden Sie den Formulierungen des zweiten Leitbildes abspüren können, dass wesentliche Im­pulse von Frau Pohl-Patalong hier aufgenommen wurden, allerdings in mancher badi­schen Besonderheit. Der Obersatz des Leitbildes mit dem Hinweis auf eine demütige Haltung, die sich der begrenzten Reichweite eigenen Planens und Tuns bewusst ist, nimmt jenen Grundsatz protestantischer Spiritualität der Planung auf, über den ich ein­gangs bereits gesprochen habe. Die Konzentrationsentwicklung hin zu einer Kirche weithin ausstrahlender lebendiger geistlicher Orte kann und darf nicht als ein Finanz­sparprogramm angegangen werden, sondern hat in dieser Haltung zu geschehen, die wir als eine Haltung bereichernder Selbstbegrenzung beschrieben haben.

So wird die Synode am morgigen Tag auch danach fragen müssen, wo unsere Orts­gemeinden, die Parochien, ihre Stärken haben. Diese sollten wir vor allem in den wei­ten ländlichen Teilen unserer Landeskirche ausbauen, etwa in der verlässlichen Lebensbegleitung von Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens.(..)
Wir müssen aber auch feststellen, dass die Parochien in den Großstädten und auch in manchen Mittelzentren an Bedeutung verlieren, weil sich die Lebensweltorientierung von Menschen wandelt. Hier ist genau hinzuschauen, welche Aufgaben die Parochien haben und welche Ka­pazitäten wir für eine regionale Bündelung von Arbeit freisetzen können. In den Groß­städten und wohl auch in den Mittelzentren werden wir zahlreiche nichtparochiale Ge­meindeformen brauchen, die sich um unterschiedlich profilierte Zentren bilden. Solche Zentren, von denen kräftige Impulse ausgehen, bezeichnen wir - die Bildsprache unse­res Kirchenkompasses und bestimmte praktisch-theologische Diskussionsstränge auf­nehmend - als „Leuchttürme“. In ihnen strahlt Kirche als kooperative Kommunikations­gemeinschaft weithin aus. Wir werden viel Phantasie entwickeln müssen, wie wir an solchen „Leuchttürmen“ kirchlicher Arbeit leistungsstarke Dienstgemeinschaften etab­lieren können, zu denen auch Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer sowie Gemeinde­diakoninnen und -diakone ihren Beitrag leisten können. (...)

3.
"'Solchermaßen in sich einig und mit allen Christen in der Welt befreundet' weiß sich die Evangelische Landeskirche in Baden als Glied des weltweiten Leibes Christi (Röm 12; 1 Kor 12). Die ökumenische Gemeinschaft der Kirche  erlebt sie im Miteinander mit Kirchen an anderen Orten der Welt ebenso wie mit Kirchen an­derer Konfessionen im eigenen Land. Mit ihnen zusammen bildet sie eine ökume­nische Lerngemeinschaft.

In einer Kultur des Dialogs trägt die Evangelische Landeskirche in Baden dazu bei, das Christliche in unserer wie in der Weltgesellschaft lebendig zu erhalten. Wissend um die Vielfalt ihrer Quellen, aus der sie sich speist, bringt sie das eigene evangelische Profil und die Schätze der eigenen Tradition selbstbewusst ein. Sie nimmt Fragen der Zeit auf, regt Menschen zum Lesen der Bibel und zu ihrer Auslegung an, und befähigt sie, ihren Glauben in der Sprache der Gegenwart zu bezeugen, ihn weiterzugeben und ihm mit der ganzen Person Ausdruck zu verleihen. Dabei lässt sie sich vom Respekt ge­genüber anderen christlichen Konfessionen leiten und weiß sich in ihrer ökumenisch orientierten Bildungsarbeit eingebunden in die Lerngemeinschaft der weltweiten Kirche Jesu Christi. In Ge­meinden und Bildungseinrichtungen bildet sie in ökumenischer Arbeitsteilung generationsübergreifende Er­zählgemeinschaften des Glaubens, stärkt Piloteinrichtungen mit hoher überregionaler Ausstrahlung, engagiert sich im verstärkt konfessionsverbindenden Religionsunterricht, investiert in die eigene kirchliche Bil­dungsarbeit und unterstützt die anderer mit ihr ökumenisch verbundener Kirchen."

- Seit ihren Anfängen ist die Evangelische Landeskirche in Baden eine Kirche, welche ihre ökumenische Orientierung als etwas ihr Wesensgemäßes und sie Bereicherndes begriffen hat. Darum gilt für unsere Landeskirche ganz besonders, was ich auch sonst für einen richtigen ökumenischen Grundsatz halte: Wir werden die Zukunft unserer Landeskirche nicht gestalten können, ohne uns bewusst und gewollt als Teil einer ökumenischen Lern- und Sozialisationsgemeinschaft zu begreifen. Zur Gestaltung einer solchen ökumenischen Lerngemeinschaft im badischen Land empfinde ich die von Erzbischof Zollitsch ins Gespräch gebrachte Kategorie der „arbeitsteiligen Öku­mene“ als hilfreich. Ganz besonders im Bildungsbereich könnte ich mir vielfältige Mög­lichkeiten einer ökumenischen Arbeitsteilung vorstellen, von der Gründung ökumeni­scher Bildungszentren oder Piloteinrichtungen mit hoher überregionaler Ausstrahlung über einen immer stärker konfessionsverbindenden Religionsunterricht bis hin zum stellvertretenden Handeln einer Konfession für die andere in bestimmten Regionen oder Handlungsfeldern der Bildungsarbeit. Wir werden der eigenen kirchlichen Bil­dungsarbeit in der Zukunft deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken müssen und dür­fen dabei auch vor ökumenischen Kooperationen nicht zurückschrecken, wie wir auch die Bildungsarbeit anderer mit uns ökumenisch verbundener Kirchen unterstützen sollten.

So kommt es nicht von ungefähr, dass im dritten Leitbild unter dem Aspekt der ökume­nischen Lerngemeinschaft vor allem die Dimension der Bildungsarbeit in ökumeni­scher Verantwortung in den Blick genommen wird, und zwar speziell unter der Ziel­setzung der Sprach-, Urteils- und Handlungsfähigkeit des Glaubens. (...)
Zu solcher Dialogfähigkeit gehört vor allem, mit Hilfe der biblischen Bot­schaft und ihrer Auslegung auf Fragen der Zeit eingehen und dem eigenen Glauben in der Sprache der Gegenwart Ausdruck verleihen zu können - sowohl im Gespräch mit Mitgliedern ande­rer Kirchen wie auch mit Angehörigen anderer Religionen. (...)

4.
"Als Salz der Erde (Mt 5,13) hat die Evangelische Landeskirche in Baden Anteil an dem Auftrag, die "Bot­schaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk" (Barmen 6) und damit für Gottes gnädige Ge­rechtigkeit in allen Bereichen des Lebens einzutreten.

Mit ihren unterschiedlichen Diensten ist die Evangelische Landeskirche in Baden für alle Menschen da – für Glaubende und Suchende, für Fragende und Zweifelnde, für Nahe und Distanzierte. Mit ihrer  Arbeit wirkt sie heilend, versöhnend und wegweisend in der Gesellschaft. In Dienstgemeinschaften von spirituell und sozial kompetenten Haupt- und Ehrenamtlichen, selbststän­dig oder in Gemeinschaft mit nichtkirchlichen Organisationen und unter Aufnahme überparteilicher Angebote eröffnet sie Räume zur Gestaltung des Lebens in Frieden und Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöp­fung.
Damit macht sie Gottes gnädige Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Alltag wie im per­sönlichen Leben erfahrbar. Sie begleitet Menschen seelsorgerlich und diakonisch durch Höhen und Tiefen ihres Lebens. Sie weiß sich in der Einen Welt den Menschen in nah und fern verbunden, hilft, die Teilhabe aller an den Gaben der Schöpfung zu ermöglichen und Not zu lindern. Ihre diakonische Arbeit im eigenen Land findet in und durch Gemeinden statt. Die diakonischen Einrichtungen haben eine missionarische Ausstrahlung, weil in ihnen die Einheit von Verkündigung durch Wort und Tat eindrück­lich erfahren wird."

- Im vierten und letzten Leitbild wird jene Dimension kirchlichen Handelns betrachtet, die mit den sozialen Auswirkungen christlichen Glaubens zu tun hat, also die Dimen­sion der Gesellschaftsdiakonie und Weltverantwortung. An dieser Stelle will ich das Bild der konzentrischen Kreise bemühen, das sich aus der Schifffahrt nahe legt, wenn wir an die Kreise denken, die ein vom Schiff ins Wasser geworfener Stein zieht. Mit dem vierten Leitbild erreichen wir den äußersten Kreis kirchlichen Handelns. Dieser nimmt seinen Ausgang an jenem Ort, an dem der Stein ins Wasser fiel, ohne dass je­doch der ins Wasser geworfene Stein unbeachtet bliebe. Ohne Bild gesprochen: Die Weltverantwortung der Kirche hat ihren Ursprung in der Liebe Gottes zu dieser Welt, in der Menschwerdung Gottes in Christus. Und diese Liebe Gottes will Kreise ziehen - hinaus über die Gottesdienste der christlichen Gemeinde, hinaus über die geistlichen Orte, an denen diese Gemeinde ihr Leben gestaltet, hinaus über Einrichtungen in der ökumenischen Lerngemeinschaft, hinaus in alle Welt. Hier kommt Gottes Liebe an ihr Ziel. Hier erweist sich die Kirche als Handlungsgemeinschaft. Deshalb muss alles, was in diesem äußersten Kreis kirchlicher Arbeit geschieht, deutlich zurückverweisen auf seine Quelle. Die Einheit von helfender Tat und bezeugtem Wort muss eine missiona­rische Ausstrahlung haben. So wird deutlich, dass die Verortung am äußersten der konzentrischen Kreise keine Wertigkeit dieser Handlungsdimension kirchlicher Arbeit impliziert.

Dies bringen wir im Obersatz des vierten Leitbildes dadurch zum Ausdruck, dass wir die 6. These der Bekenntnissynode von Barmen zitieren und den Auftrag in Erinnerung rufen, die „Bot­schaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“. Ob wir es als Kirche mit der Welt zu tun bekommen, ist keine Frage kirchlicher Prioritätenset­zung, sondern schlicht und ergreifend die Wahrnehmung unseres Auftrags. (...)

Wenn wir uns an die Analyse unserer Stärken und Schwächen machen, werden wir gerade die Qualität kirchlicher Arbeit unter diesem Gesichtspunkt der Außenorientie­rung der Kirche als einer Handlungsgemeinschaft überprüfen müssen. Zugleich wer­den wir uns fragen lassen, wie wir als Kirche die ethische Kompetenz unserer Mitglie­der nutzen und durch sie in die Gesellschaft hineinwirken - heilend, versöhnend und wegweisend. Gelingt es uns wirklich, Räume zur Gestaltung des Lebens in Frieden und Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung zu öffnen? Dabei dürfen wir die großen Themen des konziliaren Prozesses, in denen die Welt- und Gesellschaftsver­antwortung der Kirche fokussiert wird, nicht ausspielen gegen das seelsorgliche bzw. priesterliche Tun der Kirche. Eine Kirche, die ihren prophetischen Auftrag an der Welt vergisst, verleugnet ihren Herrn ebenso wie eine Kirche, die nicht bereit ist, sich der einzelnen Menschen in ihren Lebensnöten anzunehmen. Priesterliches und propheti­sches Amt der Kirche gehören untrennbar zusammen, wie sie in Jesus Christus eine untrennbare Einheit bilden. Darum haben wir in diesem vierten Leitbild beide Aspekte der Weltzugewandtheit der Kirche unvermittelt nebeneinander genannt: das Eintreten für Gottes Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Alltag und im persönlichen Leben, die Hilfe für Menschen nah und fern in der Einen Welt und die seelsorgliche bzw. diakoni­sche Begleitung Einzelner durch Höhen und Tiefen des Lebens. Im Begriff der Gesell­schaftsdiakonie sind die Aspekte der Weltverantwortung und der individuellen Beglei­tung von Menschen zusammengebunden.

Ich habe Ihnen die vier Leitbilder zum „Kirchenkompass“ vorgestellt und kommentiert. Nun kann die Arbeit am „Kirchenkompass“ beginnen. Diese Arbeit wird uns viel abver­langen. Das Wichtigste aber, was uns abverlangt wird, ist ein Perspektiven- oder - bes­ser gesagt - ein Mentalitätswechsel: Wir müssen lernen, von der Zukunft her zu denken und kirchliche Arbeit zu planen. Dafür bringen wir eigentlich von der biblischen Fundie­rung unserer Arbeit und vom biblischen Zeitverständnis her beste Voraussetzungen mit. Die Bibel versteht die Zukunft nicht als die Verlängerung der Gegenwart, sondern von der Zukunft Gottes her wird die Gegenwart qualifiziert. Das von Gott verheißene Reich der Gerechtigkeit und des Friedens taucht unsere Gegenwart in ein neues Licht. (...)