Von Grund, Auftrag und Ziel der Kirche - Visitationen als Instrumente der Kirchenleitung
Bericht zur Lage von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer
Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 22. April 2004
Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)
Verehrte Frau Präsidentin, liebe Synodale!
„Wo willst du hin?“ So heißt ein sehr erfolgreicher Song des Mannheimer Sängers Xavier Naidoo. Keine Sorge - ich werde meinen Bericht zur Lage nicht schon wieder mit einem Hit beginnen. Aber in der Tat geht es mir um die Frage „Wo willst du hin?“ - nämlich du Kirche! Wohin wollen wir als Evangelische Landeskirche in Baden? Und auf welche Weise gelangen wir dahin, wo wir hin wollen?
Den Anstoß für meinen diesjährigen Bericht vor dieser Synode haben Sie, liebe Synodale, im vergangenen Jahr selbst gegeben. Sie haben mich nämlich gebeten, Ihnen Erträge und Erkenntnisse aus meinem visitatorischen Handeln darzustellen. Dieser Bitte komme ich gern nach und zwar sowohl aus ganz persönlichen als auch aus gewichtigen inhaltlichen Gründen. (…)
Darüber hinaus geht es um eine erste Erfahrungsauswertung nach „Fünf Jahre neue Visitationsordnung“. Mich interessiert die Frage, in welcher Weise wir durch Visitationen nach der neuen Ordnung besser befähigt werden, langfristige perspektivische Arbeit in unserer Landeskirche anzugehen. Was also tragen die Visitationen in unserer Kirche aus hinsichtlich einer künftigen Strategiefähigkeit unserer Landeskirche? Und wie kann ich durch diesen Bericht vor der Synode all jenen Hilfestellung geben, die Visitationen in unserer Kirche durchführen und sich bemühen, durch kollegiale Beratung im Rahmen der Visitation einander so zu „entlasten“ und zu „ermutigen“ (vgl. VO § 1,5), dass wir uns in der Kirche miteinander als Lernende erfahren? Denn nach reformatorischem Verständnis ist Kirche immer auch Lerngemeinschaft, eine Gemeinschaft derer, die in der Kommunikation über das Evangelium voneinander lernen und so miteinander auf dem Weg sind. (…)
Ich kann mit meinen Ausführungen zur Visitationspraxis unserer Kirche nicht beginnen, ohne grundsätzliche Dimensionen eines Kirchenbildes zu skizzieren, das nach meinem Dafürhalten unserer Ordnung und Praxis der Visitation zugrunde liegt. Dazu wähle ich einen ekklesiologischen Ansatz, der einerseits grundsätzlich theologisch und andererseits spezifisch badisch ist. Ich werde die einleitenden theologischen Überlegungen wie auch meine anschließenden eher erfahrungsbestimmten Aussagen immer wieder in Beziehung setzen zu den 34 Leitsätzen, die von dieser Synode vor fünf Jahren mit „logoblauen“ Luftballons in die Weltöffentlichkeit entsandt wurden. (…)
I. Kirche als Gemeinschaft der Heiligen - Grundzüge einer Communio-Ekklesiologie
Ich beginne, indem ich nun die Leitsätze unserer Landeskirche in Beziehung setze zu einem Kirchenverständnis, das wir in der theologischen Wissenschaft als Communio-Ekklesiologie bezeichnen. Diese begreift Kirche vor allem als Gemeinschaft der Glaubenden in ihren verschiedenen Ausprägungen. (…)
Zunächst frage ich nach dem Lebensgrund der Kirche. Nach reformatorischem Verständnis gründet die Kirche allein auf das Wort Gottes. Sie ist creatura verbi, Geschöpf des Wortes Gottes. Das heißt: Die Kirche hat ihren Grund nicht in sich selbst, er ist ihr vorgegeben. Darum ist das Leben der Kirche nicht eine von ihr zu erbringende Leistung, sondern eine von ihr zu empfangende Gabe. Das Wort Gottes begründet die Lebensgestalt der Kirche. Alle, die vom Wort Gottes angesprochen und ergriffen werden und darauf mit Glauben und Zeugnis antworten, bilden die communio sanctorum, die Gemeinschaft der Heiligen, wie wir es auch im Glaubensbekenntnis bezeugen. Was für die Kirche gilt, gilt auch für die Christenmenschen: Sie sind nicht heilig aus sich selbst heraus, sondern weil Gott sie geheiligt hat. Das, was den Lebensgrund der Kirche ausmacht, haben wir in unseren Leitsätzen zusammengefasst unter der Rubrik „Was wir glauben“: (…)
Kirche, die auf diesen Glauben gründet, ist als Gemeinschaft der Heiligen zuerst und vor allem Zeugnisgemeinschaft. Glaube will und muss bezeugter und bezeugender Glaube sein. Das gemeinsame Zeugnis von Gottes Gemeinschaftswillen bestimmt alle Arbeitsbereiche der Kirche. (…)
Auftrag dieser Zeugnisgemeinschaft ist die Kommunikation des Evangeliums. Christlichen Glauben gibt es nicht ohne eine mitteilende und mitgeteilte Gemeinschaft. Deshalb ist die Kirche Kommunikationsgemeinschaft. (…)
Da der Kirche das Evangelium vor allem als Zeugnis der biblischen Texte gegeben ist, hat sie eine doppelte Interpretationsaufgabe. Sie hat einerseits das Evangelium im Horizont der Welt zu interpretieren, andererseits die Welt im Horizont des Evangeliums. Bei dieser doppelten Aufgabe bewährt sich christlicher Glaube als erzählender und erzählter Glaube. Als Erzählgemeinschaft des Glaubens nimmt die Kirche ihre hermeneutische Aufgabe als Interpretationsgemeinschaft wahr. (…)
Die in der Kirche gebildete und bildende Gemeinschaft wirkt sozialisierend. Sie initiiert und gestaltet Bildungsprozesse des Glaubens und befähigt so zum gemeinschaftlichen Leben in der Kirche und in der Welt. Indem die Kirche dem menschlichen Bildungsprozess Orientierung gibt und ihn wechselseitig gestaltet, ist sie eine Sozialisationsgemeinschaft. (…)
Folge der Rechtfertigungsbotschaft ist die Befreiung zur eigenen Handlungsfähigkeit. Der bezeugte und bezeugende, der erzählte und erzählende Glaube wird zum handelnden Glauben, wie umgekehrt das Handeln der Kirche sich als glaubendes Handeln ausweist. Insofern ist die Kirche eine Handlungsgemeinschaft, die nach Handlungsorientierung aus dem Glauben sucht. (…)
Die Kirche ist in all ihren Gestaltungsformen niemals Selbstzweck. Als Geschöpf aus Gottes Wort hat sie auch ihr Ziel nicht in sich selbst. Sie ist als wanderndes Gottesvolk ausgerichtet auf die künftige Gemeinschaft im Reich Gottes als letztes Ziel. Weil die Kirche darum weiß, muss sie sich ihrer Vorläufigkeit und Begrenztheit immer bewusst sein. Dies hat Auswirkungen auf unser gegenwärtiges Handeln. Darum haben wir in unserem letzten Leitsatz formuliert: Wir wollen nicht alles machen, was machbar ist (34).
Wenn wir also durch kirchenleitende Maßnahmen Strategien für die Zukunftsfähigkeit der Kirche entwickeln wollen, dürfen wir unser Kirchenverständnis nicht funktional auf die Handlungs- und Sozialisationsdimension verkürzen und nur über Formen der Auftragserfüllung nachdenken. Wir dürfen aber auch nicht allein den Auftrag der Kirche als Zeugnis-, Kommunikations- und Interpretationsgemeinschaft in den Blick nehmen, sondern müssen immer auch den Lebensgrund und das letzte Ziel der Kirche mit reflektieren und dafür Sorge tragen, dass die Kirche daraus Kraft entfalten kann, um ihren Auftrag wahrzunehmen und zu erfüllen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich mit Ihnen einen Blick auf die Bezirksvisitationen der letzten sechs Jahre werfen. (…)
Dabei lasse ich mich von den drei Fragestellungen leiten, die ich in meinen einleitenden ekklesiologischen Überlegungen entwickelt habe. Diese lassen sich wiederum in den drei Blöcken unserer Leitsätze wieder finden, die ja nichts anderes sind als ekklesiologische Sätze in elementarer Form:
1. Wie können wir im Visitationsgeschehen den Lebensgrund der Kirche kultivieren? (Was wir glauben)
2. Wie definieren wir den konkreten Auftrag der Kirche an ihrem jeweiligen Ort?
(Wer wir sind)
3. Wie können wir für die Auftragserfüllung durch sinnvolle Zielvereinbarungen Hilfe leisten? (Was wir wollen)
II. Der Lebensgrund der Kirche im Visitationsgeschehen
Gott liebt die Menschen, ob sie es glauben oder nicht (1).
Unser Leben ist wertvoll – nicht durch unsere Leistung, sondern weil Jesus Christus für uns gestorben ist und lebt (4).
Wer mit Gott rechnet, kann besser mit Gelingen und Scheitern umgehen (6).
In dem Geist, der aus diesen Leitsätzen spricht, versuchen wir die Arbeit der Visitation zu tun. Visitation kann nur gelingen, wenn sie in dem Glauben geschieht, dass auch die Arbeit in den Bezirken und Gemeinden getragen ist von solchem Zuspruch. (…)
Gottes Wort begegnet uns in der Bibel. Ihr ist nichts Menschliches fremd (2).
Wichtiger Ort der Begegnung mit Gottes Wort ist der Gottesdienst, deshalb sei auch Leitsatz 12 hier angefügt: Wir feiern Gottesdienst: Gebet und Musik, Predigt und Abendmahl stärken uns, Gott zu lieben und den Nächsten wie uns selbst. (…)
Jeder Gottesdienst, jede Andacht ist eine Gelegenheit, sich des Grundes zu vergewissern, aus dem die Kirche lebt. Deshalb legen wir bei Visitationen Wert auf die Pflege des geistlichen Lebens. Deshalb beenden wir die Arbeit einer Visitation auch am Samstag und feiern an den Sonntagen ausschließlich Gottesdienste in den Gemeinden. (…)
III. Die Auftragswahrnehmung der Kirche im Visitationsgeschehen
Wesen der Visitation ist es, von einer Bestandsaufnahme ausgehend den Auftrag der Kirche zu definieren und nach Möglichkeiten einer zielorientierten Auftragserfüllung zu fragen. Dem gemäß heißt es in unserer Visitationsordnung: „Visitationen gehen von dem Grundsatz aus, dass die Kirche ... den Auftrag hat, allen Menschen das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen“ (§ 1,3). Dabei soll die Kirche auch „gesellschaftlich und kirchlich relevante Gruppen (wahrnehmen), die nicht oder nur selten im Blick sind“ (§ 2,4). Nun lassen sich die drei Schritte des visitatorischen Handelns - Bestandsaufnahme, Definition des Auftrags und Auftragserfüllung - nicht trennscharf unterscheiden. Alle drei münden ein in Stellungnahmen mit Zielvereinbarungen für die Arbeit der nächsten Jahre. Trotz aller Unschärfe im Einzelnen lassen sich dennoch hinsichtlich des Auftrags der Kirche einige Themenkomplexe benennen, die im Zentrum der meisten Visitationen stehen.
III.1 Kirche als Zeugnisgemeinschaft
Die missionarische Ausrichtung der Kirche als einer Zeugnisgemeinschaft haben wir in unseren Leitsätzen in Analogie zur Visitationsordnung formuliert: Wir wollen den Mitgliedern unserer Kirche eine geistliche Heimat bieten und noch mehr Menschen für Jesus gewinnen (25).
Wir geben weiter, wovon wir selbst leben: Die gute Nachricht von der Liebe Gottes (19).
Dem gemäß soll die Visitation „dazu beitragen, dass auch die Erwartungen der Menschen, die kaum Zugang zu den Aktivitäten der Gemeinde haben oder der Kirche distanziert-kritisch gegenüber stehen, in den Blick genommen und berücksichtigt werden“ (§ 2,2).
Entsprechend finden sich bei den Bezirksvisitationen Vereinbarungen mit dem Ziel, missionarische Impulse und Bestrebungen in den Bezirken zu verstärken. (…) Sicherlich wäre die missionarische Ausstrahlung der Kirche als Zeugnisgemeinschaft noch größer, wenn die Entwicklungspotenziale, die hinsichtlich der vielfältigen geistlichen Prägungen in den Bezirken vorhanden sind, stärker genutzt würden. (…)
III.2 Kirche als Kommunikationsgemeinschaft
1. Kommunikation einüben
Weil Glaube auf Gemeinschaft hin angelegt ist, ist die Kommunikation des Evangeliums das Herzstück kirchlicher Arbeit. Für eine dem Evangelium gemäße Kommunikation haben wir in den Leitsätzen formuliert: Wir wollen offen, ehrlich und glaubwürdig miteinander umgehen (29).
In den Visitationen zeigt sich oft, dass dies wirklich der Fall ist. Die Visitationen werden in der Regel in offener und konstruktiver Atmosphäre vorbereitet und als dialogische Geschehen durchgeführt. Ausdruck lebendiger Kommunikation ist auch die große Gastfreundschaft, die wir bei Visitationen immer wieder erleben. (…)
Zu einem glaubwürdigen Umgang miteinander gehört ferner, dass bei Visitationen auch solche Zielvereinbarungen formuliert werden, die den Evangelischen Oberkirchenrat in die Pflicht nehmen. (…)
Der Entwicklung einer Kommunikationskultur muss kirchenleitendes Handeln besondere Aufmerksamkeit widmen, denn eine solche Kultur ist notwendige Voraussetzung für eine Kirche, der es als mitteilende und mitgeteilte Gemeinschaft in allererster Linie um eine glaubwürdige Kommunikation des Evangeliums geht.
2. Kommunikation strukturieren und organisieren
Kirche muss darum bemüht sein, die Kommunikation des Evangeliums so zu organisieren, dass diese nach innen und außen gut gelingt. Innere und äußere Struktur der Kirche sind zwei Seiten derselben Medaille, denn: Unser Glaube sucht Gemeinschaft und gewinnt auch darin Gestalt, wie wir unsere Kirche organisieren (16).
(…) Darum finden sich häufig Zielvereinbarungen zur Stärkung des Bezirksbewusstseins. (…)
Dazu ist es wichtig, neben dem Bezirkskirchenrat besonders die Bezirkssynode als kirchenleitendes Organ auf mittlerer Ebene ernst zu nehmen und in bezirkliche Prozesse und Entscheidungen einzubinden, wie etwa bei der Vorbereitung und Durchführung von Bezirksvisitationen. (…)
Konkrete Vorschläge zur Strukturierung bezirklicher Arbeit werden immer wieder ge-macht: So erinnern wir daran, Dekanatsbeiräte oder Konvente der Bezirksdienste ein-zurichten bzw. deren Arbeit zu intensivieren. (…) Schließlich kommt in den Zielvereinbarungen auch die Bezirksstrukturreform zur Sprache. (…)
Hinsichtlich mancher organisatorischer Fragen gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Großstädten und den ländlich geprägten Bezirken. (…)
Ziel aller solcher strukturellen und organisatorischen Maßnahmen ist es, Kräfte zusam-menzuführen, um damit Kirche als Kommunikationsgemeinschaft innerhalb des Bezirks und zwischen benachbarten Bezirken erfahrbar zu machen.
3. In ökumenischer Kommunikation leben
Kirche muss die Kommunikation des Evangeliums grundsätzlich in ökumenischer Ge-meinsamkeit gestalten, will sie nicht geistlich verarmen. Wir wollen eine ökumenische Gemeinschaft der Kirchen, in der Vielfalt als Bereicherung erlebt wird (31).
Das in unserem Leitsatz Ausgesprochene wird in der Praxis auf vielfältige Weise umgesetzt. Die Ökumene wird vielerorts gepflegt und als Bereicherung erlebt. Das ökumenische Agieren in kommunalen und gesellschaftlichen Arbeitsfeldern und Herausforde-rungen scheint immer selbstverständlicher zu werden. (…)
Es ist unverkennbar, dass das ökumenische Klima in Deutschland rauer geworden ist. Umso wichtiger ist es, dass wir Kirche als Kommunikationsgemeinschaft in enger Kommunikation mit den uns verbundenen Kirchen der Ökumene gestalten. Für die Spielräume, die uns dazu besonders hier im Südwesten Deutschlands gegeben sind, bin ich sehr dankbar.
III.3 Kirche als Interpretationsgemeinschaft
Ein Blick auf unsere Leitsätze zeigt, dass sich Kirche als Interpretationsgemeinschaft, die vom erzählten und erzählenden Glauben geprägt ist, vor allem in der kirchlichen Arbeit im Nahbereich, also meist in der Parochie realisiert. Bei den Bezirksvisitationen kommt Kirche als Interpretationsgemeinschaft nur insofern in den Blick, als sie den Versuch unternimmt, die Interpretation des Evangeliums im Horizont der Welt wie auch der Welt im Licht des Evangeliums in die Öffentlichkeit hinein zu vermitteln. In der Tat ist die Öffentlichkeitsarbeit immer wieder ein wichtiges Thema bei Visitationen. Gemeinden und Bezirke brauchen offenkundig Hilfestellung, um den Leitsatz Wir wollen unsere Arbeit in der Öffentlichkeit darstellen und scheuen den Vergleich mit anderen nicht (32) durch eine überzeugende Praxis einzulösen. (…)
IV. Die Auftragserfüllung der Kirche im Visitationsgeschehen
(…) Denn wenn im Zuge der neuen Visitationsordnung überprüfbare Zielvereinbarungen ein Herzstück der Visitation geworden sind, so haben sich diese Zielvereinba¬rungen vor allem darauf zu konzentrieren, wie der kirchliche Auftrag in einem Bezirk konkret erfüllt werden kann. (…)
IV.1 Kirche als Sozialisationsgemeinschaft
1. Menschen bilden und Sachen klären
Die Bildungsarbeit der Kirche ist ein besonderer Schwerpunkt jeder Visitation, schon insofern als dem eigentlichen Visitationsgeschehen in der Regel mehrere Veranstaltun-gen im religionspädagogischen Bereich vorgeschaltet sind. (…) Hierbei wird immer deutlicher, wie sehr die Präsenz der Kirche im Bereich der Schule seitens der meisten Schulleitungen geschätzt wird (…) und welch hohen Stellenwert schulische und außerschulische Bildungsarbeit für eine Kirche als Sozialisationsgemeinschaft hat. Vor allem Projekten schulnaher Jugendarbeit wird in der Zukunft eine erhöhte Bedeutung zukommen (…). Im Religionsunterricht und in der Jugendarbeit, aber auch in der Erwachsenenbildung, versuchen wir einzulösen, was wir in den Leitsätzen formuliert haben: Wir ermutigen Menschen, sich mit der Wahrheit Gottes auseinander zu setzen (14). Mit Kindern entdecken wir, was es heißt, heute christlich zu leben (18).
An dieser Stelle sei auch daran erinnert, dass wir mit dem Kinderkirchenjahr 1999 einen wichtigen Impuls gesetzt haben, Kirche aus der Perspektive der Kinder zu gestalten. (…)
2. In die Welt hinein wirken
Die Außenorientierung der Kirche als einer gebildeten und bildenden Gemeinschaft kommt zum Ausdruck in einem anderen Leitsatz, den ich der Dimension der Kirche als Sozialisationsgemeinschaft zugeordnet habe: Wir sind eine offene Kirche. In christlicher Verantwortung nehmen wir gesellschaftliche Entwicklungen wahr, greifen Impulse auf und wirken in die Gesellschaft hinein (22). (…)
Zunächst nenne ich die Betriebsbesuche, die - in sehr guter Zusammenarbeit mit dem KDA vorbereitet - Möglichkeiten bieten, die Lebens- und Arbeitswelt vieler Menschen wahrzunehmen. Bei diesen Betriebsbesuchen stellen wir immer wieder hohe soziale und ethische Standards bei der Betriebsführung fest, so etwa in der Auszubildendenbetreuung und im ökologischen Bereich. (…)
Die Betriebsbesuche bieten darüber hinaus die Chance, den Strukturwandel im ländlichen Raum und die aus ihm resultierenden Nöte der Landwirtschaft wahrzunehmen (…)
Außenorientierung der Kirche wird ferner erkennbar bei den Kontakten im Themenfeld Tourismus. Das Interesse der Tourismusbranche an der Zusammenarbeit mit den Kirchen ist groß und bietet viele Chancen für die Kirchen (…)
So bietet die Kirchenraumpädagogik besondere Chancen, die Bilderwelt christlichen Glaubens kirchenfernen Menschen zu erschließen. (…)
Schließlich ist in diesem Zusammenhang die besondere Bedeutung des Empfangs des Landesbischofs während der Bezirksvisitation hervorzuheben. Dieser Empfang bietet eine besondere Gelegenheit, evangelische Kirche in der jeweiligen Region positiv im Licht der Öffentlichkeit darzustellen und damit eine Visitenkarte abzugeben. Aber nicht nur dies: Ein solcher Empfang ermöglicht es, kirchlich relevante Themen öffentlich zu kommunizieren, wie z.B. die Heiligung des Sonntags, die kirchlichen Leitsätze, das christliche Menschenbild in seiner gesellschaftspolitischen Relevanz, aber auch Aspekte des konziliaren Prozesses oder grundsätzliche Betrachtungen zum Verhältnis von staatlicher Gewalt und Kirche. Mich beeindruckt bei diesen Empfängen immer wieder die hohe Wertschätzung der Kirche vor Ort durch die Vertreterinnen und Vertreter der Öffentlichkeit. Und ich nehme wahr, dass es nach wie vor als etwas Besonderes erlebt wird, wenn der Landesbischof einlädt, sich selbst positioniert und wenn Gelegenheit zum persönlichen Gespräch und zum Gedankenaustausch gegeben wird. Insgesamt gesehen sage ich, dass wir für die guten Beziehungen zwischen Kommunen, politischen Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern und unserer Kirche hier in Baden außerordentlich dankbar sein können.
(…) So sind es gerade diese Außenkontakte, in denen sich Kirche als Soziali-sationsgemeinschaft darstellt und erweist.
IV.2 Kirche als Handlungsgemeinschaft
1. Durch Taten der Liebe überzeugen
Unsere Visitationsordnung erfasst die Kirche als Handlungsgemeinschaft, wenn sie in § 1,3 schreibt: „Das Gebot der Liebe verpflichtet zum Zeugnis und Dienst in Kirche, Staat und Gesellschaft.“ In unseren Leitsätzen haben wir so formuliert: Unser Glaube hat Hand und Fuß. Nah und fern helfen wir Menschen in Not, auch durch unsere diakonische Arbeit (20).
Weil die Kirche öffentlich ganz wesentlich als Handlungsgemeinschaft wahrgenommen wird, stehen diakonische Aktivitäten auch im Mittelpunkt vieler Visitationen. Die Besuche bei diakonischen Einrichtungen zeigen, welch einen großen Schatz die vielen - trotz aller Kürzungen, Einsparungen und strukturellen Veränderungen - hoch engagierten haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden in den Diakonischen Werken darstellen.
Kirche wird nur dann als überzeugende christliche Handlungsgemeinschaft wahrge-nommen, wenn es gelingt, die Einheit von verkündigender und diakonischer Kirche stärker in das Bewusstsein der Gemeinden, aber auch der diakonischen Einrichtungen zu bringen. Handelnder Glaube und glaubendes Handeln sind in ihrem Aufeinanderge-wiesensein Kennzeichen einer Kirche, deren Glaube Hand und Fuß hat.
2. Miteinander handeln
Kirche kann als Handlungsgemeinschaft nur in Erscheinung treten durch die in ihr han-delnden Personen. Zum Profil unserer Kirche gehören die vielen verantwortlich handelnden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (17).
Bei den meisten Visitationen erleben wir eine hoch motivierte Mitarbeiterschaft aus Haupt- und Ehrenamtlichen. Die Klage über mangelnde Solidarität unter Kolleginnen und Kollegen bildet eine seltene Ausnahme. Meist entdecken wir eine bestaunenswerte Einsatzbereitschaft, für die ich an dieser Stelle ausdrücklich und herzlich danken möchte. (…)
An der Art und Weise, wie wir in unserer kirchlichen Dienstgemeinschaft das Miteinan-der von Haupt- und Ehrenamtlichen ebenso wie das Miteinander von Männern und Frauen in guter Weise austarieren, wird man die Kirche als eine Handlungsgemeinschaft wahrnehmen, deren Handeln zurückverweist auf den Glauben, der diese Gemeinschaft trägt.
Schluss
„Wo willst du hin?“ - So habe ich eingangs gefragt. Wo wir als Kirche hin wollen und wie wir unseren Auftrag konkret erfüllen können, das zeigen insbesondere die Zielvereinbarungen der Visitationen. Dabei reden wir jedoch nie von letzten Zielen. Der Begriff „Ziel“ ist im Neuen Testament eschatologisch gebraucht und meint das Ziel der Geschichte Gottes mit den Menschen, die Gemeinschaft im Reich Gottes. Auf dem Weg zu diesem letzten Ziel werden unsere (menschlichen) Zielvereinbarungen immer wieder relativiert. Das ist gut so, denn Wir wollen (und können) nicht alles machen, was machbar ist (34). Wir dürfen mit Gottes Handeln rechnen und können mit dieser Perspektive unsere Ziele gelassen und getrost formulieren, verfolgen und verwerfen in der Hoffnung, dass Gott uns zum Ziel führen wird.

Bericht zur Lage im Wortlaut (PDF Dokument zum Download)