"Was ist der Mensch?"

 

Bericht zur Lage von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 10. April 2003
Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)

(Grönemeyers „Mensch“ wird in der Kurzfassung [4 Min.] eingespielt)

Verehrte Frau Präsidentin, liebe Synodale!

1. Der Mensch heißt Mensch: Anstöße
Ungewohnte Klänge am Beginn meines Berichts zur Lage. Ein Lied von Herbert Grönemeyer. Ein Gag? Ein didaktischer Trick zur Steigerung der Aufmerksamkeit? Nichts von alledem. Ich habe dieses Lied vorangestellt, weil es wie kein anderes die spannungsvollen Lebensgefühle unserer Zeit ausspricht. Und angesichts des entfesselten Krieges im Irak, der Macht vor Recht setzt, Interessen vor Gerechtigkeit und damit unsägliches Leid über viele Menschen bringt, spüren wir diese Spannungen besonders.
Das Geheimnis des Erfolges von Grönemeyers „Mensch“ liegt darin, dass Grönemeyer mit seinem Lied den Nerv der Zeit trifft. Er stellt den Menschen in seiner emotionalen Zerrissenheit dar. Scheinbar unverbundene Reflexe und Monologfetzen führen in Tiefenschichten menschlicher Existenz. (...)

„Der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst, weil er verdrängt,
weil er schwärmt und stählt,
weil er wärmt, wenn er erzählt,
weil er irrt und weil er kämpft,
weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt,
weil er schwärmt und glaubt,
sich anlehnt und vertraut,
weil er erinnert, weil er kämpft
und weil er lacht und weil er lebt.“

Hier wird der Mensch besungen mit all seiner emotionalen Sensibilität. Hier wird etwas ausgedrückt von der inneren Kraft des Menschen. Doch sie wird immer wieder eingeholt von dem unendlichen Schmerz über den Tod, dessen der Mensch nicht Herr werden kann: „Du fehlst...“ Für mich ist dies ein Protestsong gegen eine verengte Sicht des Menschen, die Macht- und Gewinnmaximierung als höchstes menschliches Glück propagiert. Mich leitet dieses Lied an zu einer ehrlichen Sicht des Menschen in seinen Höhen und Tiefen. Es öffnet mir die Augen für den Reichtum seiner emotionalen Lebendigkeit. Grönemeyers Lied ist für mich ein zutiefst Hoffnung stiftendes Lied. Es führt mitten hinein in die Frage „Was ist der Mensch?“

Für mich gab es (...) drei Anstöße aus kirchlichem Raum. Zunächst war es die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, die sich im November des vergangenen Jahres mit dem Thema „Was ist der Mensch?“ befasst und ein sehr eindrucksvolles Themenheft zu dieser Thematik erstellt hat (...).
Den zweiten Anstoß (...) gibt der Ökumenische Kirchentag Ende Mai in Berlin. Unter dem Motto „Ihr sollt ein Segen sein“ werden wir bei diesem Kirchentag darüber diskutieren und meditieren, welche Verheißung Gott uns Menschen gegeben hat und welche Chancen und welchen Auftrag wir als Christenmenschen haben, in unserer Gesellschaft segensreich zu wirken. (...)
Und schließlich konfrontiert uns die Losung des Jahres 2003 mit der Frage nach dem, was den Menschen in seinem Innersten ausmacht: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr aber sieht das Herz an.“ (...) Der Mensch ist mehr als das, was unsere Augen sehen. Wir dürfen uns nicht täuschen lassen von Schein und Design. Es gibt sozusagen eine göttliche Sicht des Menschen. Diese sieht mehr und nimmt tiefer wahr. So lese ich die Jahreslosung als eine Art Seh-Anleitung zu einem tieferen Verständnis menschlichen Lebens. (...)

Das sind die Impulse für meinen Bericht zur Lage. Damit habe ich bereits implizit eine wesentliche Aussage getroffen. Ich meine nämlich festzustellen, dass in unserer Ge-sellschaft wie in unserer Kirche ein neues Interesse an der Anthropologie erwacht ist. (...) Darin äußert sich der tiefgreifende Wandel, den das Bewusstsein des Menschen in der Neuzeit erfahren hat. Die Welt ist für den Menschen oft nur noch Material für seine gestaltende Tätigkeit. (...)
Um des Menschen willen, den wir als von Gott geschaffen und geliebt glauben, müssen wir als Kirche das auf die Bibel gegründete christliche Menschenbild in den Diskurs der Gesellschaft einbringen. Es ist ein Bild, das den Menschen eben gerade nicht auf spezifische Fähigkeiten und Rollen reduziert, sondern um die Größe, aber auch um die Begrenztheit und Gefährdung des Menschen weiß. (...)


2. Von der Hoheit und Niedrigkeit des Menschen: Die Ambivalenz menschlichen Seins

Ich beginne, indem ich das Menschenbild der Bibel durch die Gegenüberstellung zweier biblischer Texte schärfe. Dazu entführe ich Sie gedanklich zunächst in den Alten Orient, auf bergige Höhen. Nachts wölbt sich über den Menschen das große Himmelszelt. Mond und Sterne und die Weite des Universums werden hautnah erlebt. In die Betrachtung des nächtlichen Sternenhimmels mischt sich staunendes Loben: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen. Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan“ (Psalm 8,2.4-7). Wer so spricht, der staunt über die Größe des Menschen und zugleich über seine Kleinheit. (...) Er erfährt sich als Teil der Schöpfung Gottes. (...) Der Mensch ein ambivalentes Wesen.

Diese Ambivalenz des Menschen ist nirgends so deutlich zugespitzt wie im Hiobbuch. In seiner ersten Antwort auf Elifas nimmt Hiob jenen wunderbaren Vers aus Psalm 8 auf und transponiert ihn von Dur nach Moll. Statt eines Lobgesangs in Betrachtung des Sternenhimmels singt er eine Liturgie der Asche. Und die klingt dann so: „Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dein Herz auf ihn richtest? Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden. Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe? Habe ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich dir selbst eine Last bin? Nun werde ich mich in die Erde legen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr da sein“ (Hiob 7,17-21). „Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest?“ Indem er jenen Psalm, den er aus Zeiten des Glücks auswendig kannte, fast wörtlich zitiert, stimmt Hiob einen Kontra-Psalm an. Er erinnert Gott an seine ursprünglichen Verheißungen, um sich selbst dann sofort klein zu machen. Hiob achtet sich für Dreck. (...)
Hiob verlangt nach einem Ende ohne Gott. Ein gottloser Mensch und ein menschenloser Gott. Das ist die absolute Katastrophe, die Aufkündigung der Gemeinschaft zwischen dem Schöpfer und seinem geliebten Geschöpf. Wir wissen, dass dies nicht die letzten Worte Hiobs blieben und dass am Ende der Hiobsgeschichte die Auferstehung zu neuem Glück stand: Der überreiche Segen. Aber das Hiobbuch wagt die Abgründe des Menschen in seiner letzten Tiefe zu durchdenken, und auch die Katastrophe des Verlustes jeder Gottesbeziehung ist für die Bibel eine menschliche Möglichkeit. Heute wissen wir, für wie viele Menschen dies Wirklichkeit geworden ist - eine grausame Wirklichkeit, wie ich meine.
An der Bibel orientiert vom Menschen reden heißt also, von den großen Möglichkeiten des Menschen zu sprechen, von seiner ihm von Gott verliehenen Gestaltungskraft ebenso wie von den grausamen Abgründen menschlicher Verlorenheit. (...)

Nach dem Menschen zu fragen, bedeutet zugleich nach einem transzendenten Ursprung und Ziel seines Daseins zu fragen, nach dem, was ihm Sinn, Halt und Orientierung gibt, nach Gott. Der Mensch ist ein Wesen, das in Beziehung lebt. Niemand ist eine Insel. Der Mensch lebt in einer dreifachen Beziehung - zu sich selbst, zu seinen Mitgeschöpfen und zu Gott. Zur realistischen Sicht des Menschen gehört die Erkenntnis, dass der Mensch in all diesen drei Beziehungen gestört ist, entfremdet von sich selbst, misstrauisch gegenüber Gott, gleichgültig und rücksichtslos gegenüber den Mitgeschöpfen. (...)
Der Mensch ist ein höchst ambivalentes Wesen - voll ungeahnter Möglichkeiten, segensreich zu wirken, und zugleich bereit, schlimmste Abgründe des Bösen zu durchschreiten. (...)
Als Christinnen und Christen bekennen wir: Dieser Mensch ist mit einer Würde ausgezeichnet, die nichts und niemand ihm nehmen kann. Seine Würde muss sich der Mensch nicht erst durch Leistungen verdienen. Alles, was er leistet, kann er leisten, weil er ein von Gott begabtes und begnadetes Wesen ist. (...)


3. Der gefallene und der befriedete Mensch: Der Krieg im Irak

„Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst und verdrängt.“ Das Menschenbild der Bibel zeichnet den Menschen als den gefallenen und den befriedeten Menschen. Die Bibel weiß, dass der Mensch - in Schuld und Sünde verstrickt - unfähig ist zu einem Leben in Frieden. Wie bedrückend erfahren wir dies in diesen Wochen, da im Irak ein im wahrsten Sinne des Wortes mörderischer Krieg tobt. (...)

Christliche Friedensethik ist durch diesen Krieg in einer besonderen Weise herausgefordert, und dies erklärt auch den beeindruckenden ökumenischen Konsens in der Verurteilung dieses Krieges. (...)
Dem religiösen Sendungsbewusstsein, mit dem der amerikanische Präsident diesen Krieg führt, muss die Christenheit widersprechen. Wer diesen Krieg verantwortet, mag dafür ihm plausibel erscheinende politische oder wirtschaftliche Gründe haben. Auf das aus seinem christlichen Glauben her Gebotene aber darf er sich nicht berufen. Dies festzustellen, ist weithin ökumenischer Konsens.
Zunächst resultiert der ökumenische Konsens in der Ablehnung dieses Krieges aus der schlichten Tatsache, dass der durch diesen Krieg angerichtete Schaden in keinem Verhältnis steht zu dem vermuteten Schaden, den der Diktator Saddam Hussein mit seinen möglicherweise vorhandenen Massenvernichtungswaffen anrichten könnte. (...)

Dass die Regierung der USA diesen Krieg auch ohne ein Mandat der UNO begonnen hat, verstößt nicht nur gegen geltendes Völkerrecht, sondern auch gegen jeden ökumenischen Konsens christlicher Friedensethik. Nach dieser ist nur eine Instanz, die von allen Nationen anerkannt wird, berechtigt, als ultima ratio einen Krieg zu erklären, wenn wirklich alle anderen Vermittlungsversuche gescheitert sind. (...)

„Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst und verdrängt.“ In diesen Wochen des Krieges ist gute Erinnerungsarbeit in unseren Kirchen gefragt. Wir Menschen neigen dazu, uns dadurch treu zu bleiben, dass wir immer wieder nur die Vergangenheit wiederholen und zurückwünschen. Bei diesem Blick zurück verfälschen wir die Vergangenheit. Wir vergessen die Opfer, welche die Vergangenheit gebracht hat. Wir vergessen die Gesichter der Toten. Wir tilgen aus dem Gedächtnis das Zerstörte, die Schuld. (...)
Gegen den unfrei machenden, schönenden Blick in die Vergangenheit setzt Jesus seine Einladung, den Blick nach vorn zu lenken auf das Reich Gottes. Das Reich Gottes, das ist die Sehnsucht nach dem Traum, der nicht in der Vergangenheit liegt. Der Traum von einem Reich, in dem keiner mehr weint, in dem keiner mehr die Beute des anderen wird und in dem Gott alles in allem ist. (...)
Jesus war ganz ausgerichtet auf das Reich seines Vaters, das mit ihm angebrochen ist. Durch ihn richtet er auch unseren Blick auf die Zukunft. Und weil sein Leben gelungen ist, kann in den Menschen auch die Hoffnung auf Frieden wachsen. Daran haben wir zu erinnern in diesen Tagen des Krieges.

4. Der abgründige und der gesegnete Mensch: Das Jahr der Bibel 2003
„Der Mensch heißt Mensch, weil er schwärmt und weil er glaubt.“ Das Menschenbild der Bibel zeichnet den Menschen als den abgründigen und den gesegneten Menschen. Das ist das Faszinierende an den Texten der Bibel. Sie bleiben nicht stecken im Vordergründigen. Und deshalb öffnen sie uns den Blick für Gott, die letzte Tiefe des Lebens. (...)
Und gerade indem die Bibel alle Tiefen des Menschseins auslotet, weist sie über den Menschen hinaus. Weist sie hin auf Gott. Bereitet sie vor auf die Begegnung mit Gottes Wort. Solche Begegnung mit dem Wort Gottes hat Wirkungen. Da wird uns ein neuer Horizont erschlossen, wo wir zu verzagen drohen. Da wird uns eine Wahrheit offenbart, die wir Menschen uns selbst nicht sagen können. (...)


5. Der sehnsüchtige und der geistliche Mensch: Gottesdienst mit Herzen, Mund und Händen
„Der Mensch heißt Mensch, weil er lacht und weil er liebt.“ Das Menschenbild der Bibel zeichnet den Menschen als den sehnsüchtigen und den geistlichen Menschen. Leitet uns dieses Menschenbild auch in der Gestaltung unserer Gottesdienste? Da kommen doch die unterschiedlichsten Menschen zusammen, die alle Gottes Liebe feiern und neu davon berührt werden wollen. Die Sehnsüchte der Menschen sind durch die Jahrhunderte die gleichen geblieben. Genau wie vor zweitausend Jahren sehnen wir uns nach gelingendem Leben, nach Geborgenheit, Liebe und Zuspruch, nach Frieden, Erhabenheit und Gemeinschaft. Nur die Art, wie wir diese Sehnsüchte gestalten und erfahren, ist in einer sich grundlegend verändernden Kultur nicht die gleiche geblieben. (...)
Wenn wir den Gottesdienst wirklich als einen Dienst der heute lebenden Menschen für Gott gestalten wollen, müssen wir noch viel bewusster die Bedeutung liturgischer Formen bei der Lebensbewältigung wahrnehmen und unsere Sensibilität für die Sinnlichkeit solcher Formen schärfen.
Für mich ergibt sich hinsichtlich einer gottesdienstlichen Praxis, die den Tiefen menschlichen Lebens gerecht werden will, die Notwendigkeit, „schmiegsame Liturgien“ zu entwickeln. (...)
Die Einpassung säkularer Liturgieelemente sollte erst dort - aber wirklich erst dort! - seine Grenze finden, wo die biblische Fundierung des Gottesdienstes durch die Dominanz solcher Elemente verdeckt zu werden droht. Da „der Bibel nichts Menschliches fremd ist“, wird ein Gottesdienst umso menschengemäßer sein, je deutlicher sich seine Liturgie auf seine biblische Fundierung konzentriert. Die Schmiegsamkeit einer Liturgie entscheidet sich darum letztlich an ihrer Bibelgemäßheit.

6. Der erwählte und der sterbliche Mensch: Medizin- und bioethische Fragestellungen
„Der Mensch heißt Mensch, weil er lebt und weil er irrt.“ Das Menschenbild der Bibel zeichnet den Menschen als den erwählten und den sterblichen Menschen. (...)
Unstrittig ist innerhalb der christlichen Ethik der Grundsatz, dass die Würde dem Menschen in der ganzen Spanne seines Lebens zukommt. Strittig aber ist innerhalb der evangelischen Ethik seit einiger Zeit, von welchem Zeitpunkt an von menschlichem Leben gesprochen werden kann. Muss auch ein künstlich erzeugter Embryo, der keine Chance hat, sich zu einem selbständig lebensfähigen Menschen zu entwickeln, als ein werdender Mensch verstanden werden? (...)

Dennoch will ich hier einige Punkte benennen, in denen evangelische Ethik auch weiterhin einen vollständigen Konsens zu formulieren imstande ist:
a. Bezugnehmend auf das biblische Menschenbild ist sich evangelische Ethik darin einig, dass die Würde des Menschen in der ganzen Spanne seines Lebens respek-tiert werden muss. Vor allem an den Rändern und Grenzen des Lebens verdient die Verteidigung der Menschenwürde eine besondere Aufmerksamkeit. Men-schenwürde ist nicht quantifizierbar und darf deshalb nicht gegen andere Grundrechte abgewogen werden. (...)
b. Einmütig wird davor gewarnt, angesichts vieler noch offener Fragen übereilte Schritte in der Forschung zu gehen, die sich später als verkehrt und als irreversibel erweisen könnten. (...)
c. In der öffentlichen Diskussion muss zwischen einer biologischen bzw. naturwissen-schaftlichen und einer (inter)personalen Sichtweise unterschieden werden. (...)
d. Einmütig wird die Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken abgelehnt. (...)
e. Schließlich wird auch das reproduktive Klonen einmütig abgelehnt. (...)

7. Der liebende und der verzweifelte Mensch: Das Eintreten der Kirche für Opfer der Gewalt 
„Der Mensch heißt Mensch, weil er kämpft und weil er mitfühlt.“ Das Menschenbild der Bibel zeichnet den Menschen als den liebenden und den verzweifelten Menschen. Wohl nirgends erfahren wir die Verzweiflung von Menschen so stark wie in jenen Situ¬ationen, in denen sie zu Tätern und zu Opfern menschlicher Gewalt werden. Dabei begegnet uns die Fratze der Gewalt in vielen subtilen Variationen. (...)
Die Dekade zur Überwindung von Gewalt öffnet uns den Blick vor allem für die Schattenseiten des Menschseins, für die Möglichkeiten, die Menschen in der Anwendung von Gewalt ersinnen, und für das Leid, das Menschen durch die Anwendung von Gewalt erleiden. (...)
Ziel der landeskirchlichen Dekadearbeit ist es,
- Gewaltprävention unseren Kirchenmitgliedern als zentrale Aufgabe bewusst zu machen,
- Gemeinden und Arbeitskreise zu eigenen Initiativen im Rahmen der Dekade zu ermutigen,
- eine Fortbildung für Haupt- und Ehrenamtliche in gewaltfreier Konfliktbearbeitung anzubieten,
- im „Jahr der Bibel“ die theologische Arbeit zum Thema „Gewalt und ihre Überwindung in der Bibel“ zu intensivieren,
- angesichts der alarmierenden Weltlage Hilfestellungen für die Gestaltung von Frie-densgebeten und für die friedensethische Urteilsbildung zu geben und
- zunehmend eine landeskirchliche und ökumenische Vernetzung zu erreichen (...)

Um Opfer von Gewalt handelt es sich oft auch bei jenen, die vor politischer Verfolgung und Folter aus ihrem Land fliehen und bei uns Asyl suchen. Deshalb haben wir uns als Kirche intensiv eingemischt in die Diskussion um ein Zuwanderungsgesetz. (...)
Wenn wir uns als Kirche innerhalb der Dekade zur Überwindung von Gewalt und darüber hinaus für Opfer der Gewalt einsetzen, dann tun wir dies nicht einfach nur aus humanitären Gründen. Grundlage unseres Engagements ist vielmehr das Menschenbild der Bibel, das um die Gewalttätigkeit und damit um die Sündhaftigkeit des Menschen weiß. Mit dem sündhaften, zu unvorstellbarer Gewaltanwendung bereiten Menschen hat sich Gott in Jesus Christus versöhnt. Das verpflichtet uns, in der Nachfolge Jesu Christi mitzuwirken an einem menschlichen Miteinander, in dem die Überwindung des Bösen durch Gutes konkrete Gestalt gewinnt.

8. Der sehnsüchtige und der befriedete Mensch: Vertrauen in die Zukunft
„Der Mensch heißt Mensch, weil er hofft und weil er erinnert.“ Das Menschenbild der Bibel zeichnet den Menschen als den sehnsüchtigen und den befriedeten Menschen. Dieses Menschenbild ist auch zu berücksichtigen im Kontext des heutigen politischen Lebens in unserem Land. Nichts braucht die Politik in unserer Zeit mehr als den Mut zu Veränderungen und Reformen. (...)
Die Menschen müssen lernen, auf lieb gewordene Ansprüche zu verzichten - und zwar nicht, weil der Sozialstaat demontiert werden soll, sondern weil er erhalten werden muss. (...)
In dieser Lage müssen und können die Kirchen Mut machen zu notwendigen Veränderungen und Reformen. Denn sie haben einen Erfahrungsschatz, der gespeist ist aus biblischen Überlieferungen, aus Texten der Bibel. (...) Nach dem biblischen Menschenbild sind Vertrauen in die Zukunft und Mut zu Veränderungen Ausdruck von Gottvertrauen. (...)
Mut zu Reformen! Diese Parole ist in unserer Situation kein Ruf zum Exodus in ein völlig unbekanntes Land. Vielmehr geht es um mutige Schritte zur Sicherung des uns durchaus vertrauten und in vieler Hinsicht grundsätzlich bewährten Sozialstaats. (...)

Begonnen habe ich meinen Bericht zur Lage mit Worten von Herbert Grönemeyer. Angeregt durch seine Worte, die den Menschen in all seiner emotionalen Sensibilität und Lebendigkeit besingen, habe ich versucht, die Frage, was der Mensch sei, in einigen Konsequenzen für kirchliches und gesellschaftliches Handeln zu bedenken. Ich habe mich dabei leiten lassen vom Menschenbild der Bibel, das den Menschen als den erwählten und den gefallenen, als den abgründigen und den verzweifelten, als den liebenden und den sehnsüchtigen, als den sterblichen und den geistlichen, als den gesegneten und den befriedeten Menschen zeichnet. Am Ende meines Berichts zur Lage können keine fertigen Antworten stehen, denn jedes Nachdenken über den Menschen wird zurückkehren müssen zu der Frage „Was ist der Mensch?“ Und so schließe ich mit einem Text Dietrich Bonhoeffers, der genau diese Frage beantwortet, indem er sie offen lässt:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinliche Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!