Nicht alles machen, aber alles erhoffen - Rückblick auf sechs Jahre kirchenleitender Arbeit

 

Bericht zur Lage von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 17. April 2002
Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)

Verehrte Frau Präsidentin, liebe Synodale,

„Unser Leben ist wertvoll – nicht durch unsere Leistung, sondern weil Jesus Christus für uns gestorben ist und lebt.“
So haben wir in unseren Leitsätzen den Kern evangelischen Glaubens, die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade formuliert. Damit haben wir sprachlich auf den Punkt gebracht, dass alles, was wir an Leistung vorzuweisen haben, nur dann seinen richtigen Stellenwert erhält, wenn wir zuerst von der Gnade Gottes reden, der wir alles verdanken. Wenn wir am Ende der Wahlperiode dieser 9. Landessynode heute zurückblicken auf die Arbeit der letzten sechs Jahre, dann kann solch ein Rückblick nur beginnen mit dem Dank an Gott. Mit dem Dank dafür, dass er uns in seine Kirche berufen hat, dass er uns in seiner Kirche begleitet und dass er uns auch manches hat gelingen lassen. Wie in der Mathematik das Vorzeichen vor der Klammer über den Wert des Klammerinhalts entscheidet, so sind Gnade und Dank das Vorzeichen dessen, worüber ich heute sprechen werde.

Wir Menschen brauchen Ruhepunkte, an denen wir das im Fluss der Zeit Dahingegangene rückblickend betrachten. Der Abschluss einer Wahlperiode ist ein solcher Moment des Innehaltens. Und so möchte ich mit Ihnen zurückblicken auf die Arbeit dieser Synode seit ihrer Konstituierung im Herbst 1996 und auf die Arbeit des Evangelischen Oberkirchenrats, des Landeskirchenrats und des Landesbischofs in den vier Jahren seit meinem Dienstantritt. Ich rede auch als ehemaliger Synodaler, der ich dies bis zu meiner Wahl zum Landesbischof am 25. Juli 1997 war. Die Bischofswahl und meine Einführung am 31. März 1998 stellen Höhepunkte in der Arbeit dieser Synode, aber auch meines eigenen beruflichen Werdegangs und markante Punkte meiner theologi-schen Existenz dar. Ich möchte Ihnen, liebe Synodale, herzlich danken für den Vertrauensvorschuss, den Sie mir mit Ihrer Wahl zum Landesbischof gegeben haben und von dem ich in den letzten vier Jahren auch mit getragen wurde. Ich bin gern Ihr Landesbischof und bin - bei aller Bekümmerung über ein paar belastende Abläufe während des letzten Jahres - nicht wenig stolz auf das vertrauensvolle Miteinander, das zwischen den verschiedenen kirchenleitenden Organen unserer Landeskirche gewachsen ist.

Mein Rückblick darf jetzt nicht als umfassende Leistungsbilanz missverstanden werden. Aber zur guten Haushalterschaft gehört es nun einmal, vor Gott, vor sich selbst und vor anderen hin und wieder Rechenschaft abzulegen über das, was wir mit den uns anvertrauten Pfunden eigentlich getan haben. Wir fragen uns also: Womit konnten wir wuchern? Was haben wir vergraben? Was hat Frucht gebracht? Dabei fragen wir nicht, um uns selbst zu rechtfertigen. Vielmehr wollen wir uns in allem Gelingen und Leisten als zuerst von Gott Beschenkte verstehen. „Unser Leben ist wertvoll - nicht durch unsere Leistung, sondern weil Jesus Christus für uns gestorben ist und lebt.“ Das ist das Vorzeichen jeder Rechenschaft eines Christenmenschen.

Wenn ich mit diesem Vorzeichen vor der Klammer nun zurückblicke, dann möchte ich nicht nur Höhepunkte betrachten. Ich kann und will auch nicht alles aufzählen, vielmehr versuche ich - durchaus subjektiv - Schwerpunkte zu setzen und unter Absehung einer chronologischen Ordnung das in den letzten sechs Jahren Behandelte thematisch zu bündeln. Die Leitsätze unserer Landeskirche dienen mir dabei zur Gliederung der verschiedenen Themenkomplexe. Ich will auch nicht berichten, wer was und wann initiiert und gefördert hat. Wichtig ist mir, dass wir gemeinsam einen Blick werfen auf das, was uns, die wir für diese Kirche Verantwortung tragen, in den zurückliegenden Jahren bewegt hat und was wir miteinander bewegen konnten.

1. Wir wollen den Mitgliedern unserer Kirche eine geistliche Heimat bieten und noch mehr Menschen für Jesus gewinnen
Wenn Menschen in unserer Landeskirche von der Kirche als ihrer Heimat sprechen, dann meinen sie meistens damit ihre Ortsgemeinden, manchmal auch Personalgemeinden. Damit Gemeinden geistliche Heimat bieten können, bedarf es vor allem der treuen Arbeit in den Gemeinden. (…) Sicher gilt auch für die geistliche Heimat, die wir in unserer Kirche pflegen und weiter entwickeln wollen, jener eschatologische Vorbehalt des Hebräerbriefes: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Mit diesem Vorbehalt vor Augen können wir der Gefahr der Selbstgenügsamkeit widerstehen und unsere Kirche so gestalten, dass Menschen sie gern als ihre „vorläufige“ Heimat neu entdecken. So freue ich mich besonders, dass die missionarischen Herausforderungen in unserer Kirche neu entdeckt werden und diese Entdeckung immer weitere Kreise zieht. (…)
Unsere Landeskirche ist auf einem guten Weg, die missionarischen Herausforderungen und Chancen des Kircheseins neu zu entdecken und in entsprechendes Handeln umzusetzen. Dafür wollen wir Gott danken.

Um Heimat in der Kirche gestalten zu können, bedarf es einer landeskirchlichen Heimatpflege, für die wir in den zurückliegenden Jahren vieles getan haben. Ich denke an etliche landeskirchliche Veranstaltungen, die Menschen in unserer Kirche spüren lassen, dass sie Teil einer großen Kirche sind, (…) Henhöfertag, (...) Landeskirchengesangstag (…), der Landesposaunentag (…) das Kinderkirchenjahr (…).
Zur Heimatpflege bedarf es auch Zeichen der Verbundenheit. Manchmal sind das ganz äußerliche Dinge. (…) Einführung eines landeskirchlichen Logos (…)  silberne(n) Mitgliedsnadel (…). (…) gemeinsame Kirchenverfassung. (…) Selbstverpflichtung unserer Kirche, in ihren Ordnungen und in ihrem Handeln die Würde jedes Menschen als Ebenbild Gottes zu achten (§ 1). (…) Herabsetzung des Wahlalters auf 14 Jahre (...) Einrichtung zentraler Eintrittsstellen (…) Einführung der inklusiven Sprache (…).

Schließlich gehört zu einer landeskirchlichen Heimatpflege auch die Vergewisserung der eigenen Geschichte, der wir uns in besonderer Weise im Jubiläumsjahr 1996 unter dem Titel „175 Jahre Evangelische Landeskirche in Baden – fromm, bunt, frei“ gestellt haben. Über das Jubiläumsjahr hinaus haben wir uns bemüht, die auch schuldhafte Ge-schichte unserer Kirche im 20. Jahrhundert in den Blick zu bekommen, (…)
Zur Beheimatung in der Kirche gehört es auch, dass wir unsere Vergangenheit ehrlich in den Blick nehmen und daraus für die Zukunft lernen.

2. Unsere Gemeinden sind Oasen zum Auftanken
Dieser Leitsatz war der meistgehörte, aber auch meist angefragte der letzten Zeit. In der Tat ist dies ein hoher Anspruch an unsere Gemeinden. (…)
Wie können wir Gemeinden dazu helfen, dass sie immer mehr das werden und bleiben, was der Leitsatz stolz behauptet - Oasen zum Auftanken? Und wie können wir verhindern, dass Gemeinden als Oasen zum Auftanken nicht Orte zunehmender Überforderung für die Mitarbeitenden werden?

Als erstes nenne ich die neue Visitationsordnung, deren Absicht es ist, Gemeinden zu mehr zielorientiertem Arbeiten anzuhalten und ihre Blicke noch mehr auf Menschen an den Rändern unserer Kirche zu richten. (…)
Als eine der größten Leistungen der letzten Jahre sehe ich die Förderung der gemeindlichen Arbeit durch die vorgenommene Sicherung des Gemeindepfarrdienstes. (…)
Wenn unsere Gemeinden Oasen zum Auftanken sein sollen, dann brauchen sie in Zukunft einen verlässlichen Planungsrahmen. Wir sind auf einem guten Weg, einen solchen zu ermöglichen.

In den Kontext der Förderung gemeindlicher Arbeit möchte ich auch zwei Vorhaben stellen, die uns in der Synode über längere Zeit beschäftigt haben: die Bezirksstrukturreform und die Veränderung des Dekanswahlgesetzes. (…)
Ich sehe es als ein Hoffnungszeichen für mein Vorhaben, künftig Leitungsämter geschlechter- und familiengerechter zu besetzen.

Schließlich möchte ich an dieser Stelle auf all das verweisen, womit durch unsere Entscheidungen gottesdienstliche Arbeit in den Gemeinden eine neue Profilierung erhalten hat. Die neue Bestattungsagende (…) Übernahme der VELKD-Agende „Dienst am Kranken“ (…) Freigabe der Intinctio beim Abendmahl (…) Beschlüsse zur Teilnahme von Kindern am Abendmahl geworden. (…) Weg behutsamer liturgischer Deregulierung begeben (…)
Es gilt, in unseren Gemeinden die vielfältigen Möglichkeiten zum gottesdienstlichen Auftanken nicht durch zu starke liturgische Normierungen zu begrenzen.

Dabei lag es zugleich in unserer Absicht, unsere eigene landeskirchliche liturgische Arbeit zugunsten einer stärkeren Einbindung in das gliedkirchliche Miteinander innerhalb der EKD einzuschränken. (…) Gefragt ist eine effizientere und kirchenverbindendere liturgische Arbeit, wie diese in der Übernahme der gemeinsamen Konfirmationsagende von VELKD und EKU durch unsere Landeskirche ebenso ihren Ausdruck findet wie auch in der Beteiligung an der Entwicklung einer gemeinsamen Trauagende für die Kirchen der EKU. (…)
Mit der gemeinsamen Weiterentwicklung gottesdienstlicher Ordnungen sind wir auf gutem Weg, innerhalb der EKD voneinander zu lernen und aus verantworteter Überzeugung gemeinsam zu handeln.

3. Zum Profil unserer Kirche gehören die vielen verantwortlich handelnden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Die Wiederentdeckung des Priestertums aller Glaubenden gehört zu den großen reformatorischen Leistungen Martin Luthers. Dies hat allerdings die Kirchen der Reformation nicht davor bewahrt, de facto zu Pastorenkirchen zu werden. Dass die Taufe die Grundordination eines Christenmenschen ist, ist weithin in Vergessenheit geraten. (…)
Die Wiederentdeckung des Priestertums aller Glaubenden muss sich heute auslegen als Profilierung und Pflege des kirchlichen Ehrenamtes. Was haben wir in den zurückliegenden Jahren in dieser Hinsicht getan? Ich beginne mit scheinbar Vordergründigem und doch Wichtigem: Wir haben uns bemüht, die Wahrnehmung und Anerkennung ehrenamtlicher Tätigkeit in unserer Landeskirche zu fördern, so etwa durch die Verleihung landeskirchlicher Urkunden an verdiente Ehrenamtliche oder der Logo-Nadeln in Gold für herausragende ehrenamtliche Tätigkeit von mehr als zwölf Jahren. (…) In diesem Zusammenhang erinnere ich auch an die im Jahr 1998 gestartete Imagekampagne zum Ehrenamt unter dem Titel  „Wo wir sind, passiert was. Gott sei Dank!“ und an die Kampagne zur Ältestenwahl des letzten Jahres. (…)
Eine ungelöste Aufgabe liegt noch vor uns. Die sechsjährige Wahlperiode wird immer häufiger als nicht mehr den veränderten Bedingungen des Engagements Ehrenamtlicher angemessen kritisiert. Eine Verkürzung der Wahlperiode scheint mir dringend angeraten. Eine solche Verkürzung wäre aber nur im Gleichklang mit unserer württembergischen Schwesterkirche sinnvoll, da wir den gemeinsamen Termin der Kirchenwahlen in Baden-Württemberg nicht gefährden sollten.

(…) Allen, die mit ihrem Glaubenszeugnis den Dienst der Verkündigung in unserer Kirche ehrenamtlich tun, möchte ich ganz herzlich danken. Aber darüber hinaus sind innerevangelisch wie im ökumenischen Diskurs weitere Klärungen hinsichtlich eines evangelischen Ordinationsverständnisses angesagt. Die differenzierte Bezeichnung der für den Verkündigungsdienst Beauftragten als LektorInnen und PrädikantInnen haben wir aufgegeben. (…)
Für mich ist jedenfalls ganz eindeutig, dass wir unser Ordinationsverständnis durch eine Ausweitung der Ordinationen dringend entklerikalisieren müssen. Damit würden wir nicht nur dem Priestertum aller Glaubenden nochmals ein besonderes Profil geben, wir wären auch besser gerüstet für die dringend anstehenden ökumenischen Gespräche besonders mit unseren katholischen Schwesterkirchen um das kirchliche Amtsverständnis.

4. Wir geben weiter, wovon wir selbst leben: Die gute Nachricht von der Liebe Gottes
Zentrum kirchlichen Lebens ist die Weitergabe der guten Nachricht von der Liebe Gottes. Weitergegeben wird diese gute Nachricht natürlich in allererster Linie durch das Wort- und Tatzeugnis unserer Gemeindeglieder, denn aufgrund der Taufe sind alle zu Zeugnis und Dienst in der Gemeinde und in der Welt bevollmächtigt und verpflichtet. Darüber hinaus aber beruft unsere Kirche durch die Ordination Menschen in das Predigtamt, und dies in besonderer Weise im Amt des Pfarrers und der Pfarrerin. Was haben wir unternommen, um Menschen zu befähigen, im Pfarrdienst die gute Nachricht von der Liebe Gottes so weiterzugeben, dass ihr vermehrt Glauben geschenkt wird?

Zunächst sind da zu nennen die Maßnahmen zur Veränderung der Theologenausbildung: (…)
Der Erweiterung beruflicher Kompetenz dient das neue Konzept zur landeskirchlichen Fortbildung in Seelsorge und Beratung, das wir in Weiterentwicklung der Pastoralpsychologischen Fortbildung beschlossen haben und das nun allmählich umgesetzt werden soll. Darüber hinaus aber ist in der Mitarbeiterschaft ein vermehrter Beratungs- und Supervisionsbedarf festzustellen. Hilfestellung wird in schwierigen Lebensphasen oft im Haus „Respiratio“ auf dem Schwanberg gesucht. Aber auch die Arbeit der Prälatinnen und des Prälaten, die zum Dienst in der Verkündigung des Evangeliums motivieren und in krisenhaften Situationen begleiten, soll hier genannt werden. Nicht zu vergessen ist die Gemeindeberatung, die immer häufiger angefragt wird (…)
Die Frage der Gestaltung verbindlichen geistlichen Lebens wird zu einer der Zukunftsfragen unserer Kirche, wenn es gelingen soll weiterzugeben, wovon wir selbst leben: Die gute Nachricht von der Liebe Gottes.

An dieser Stelle möchte ich ein erstes Fazit der 1996/97 beschlossenen und planerisch nun nahezu vollständig umgesetzten Kürzungen im Gemeindepfarrdienst ziehen. Diese Kürzungen – und dies ist immer wieder zu betonen – dürfen nicht losgelöst von den Kürzungen in anderen Feldern kirchlicher Arbeit betrachtet werden. (…) Dennoch ist die Konsolidierungsleistung, die in den Gemeinden und Bezirken erbracht wurde, außerordentlich beachtlich, wobei es falsch wäre, die Planungsleistung der Kirchenbezirke und Gemeinden nur in der Reduzierung der Pfarrstellen zu sehen. (…)
Ich danke für alle Mühe und Zeit, die in diesen Prozess der Stellenreduzierung und Neuordnung des Dienstes investiert wurde, und ich möchte diese Leistung für die Gestaltung und Neuordnung des Dienstes besonders würdigen. Selbstverständlich hat dieser Prozess auch Wunden geschlagen, die noch nicht vernarbt sind. (…)
Selbstkritisch möchte ich sagen: Auch die Kirchenleitung hätte noch präsenter sein können.
Bei künftigen Änderungsprozessen in unserer Kirche müssen wir immer auch zugleich mitbedenken, wie wir solche Prozesse moderierend gestalten und begleiten können.

5. Unser Glaube sucht Gemeinschaft und gewinnt auch darin Gestalt, wie wir unsere Kirche organisieren
Die Frage der Organisation einer Kirche ist eine sowohl theologische wie ökonomische. In der Organisation einer Kirche bildet sich sowohl ihr Glaube ab wie auch ihre Kraft zu haushalterischem Handeln. Theologisch verantwortete Leitung der Kirche ist keine penible Buchhalterschaft. Sie findet vielmehr Gestalt in einer ökonomisch verantwortbaren Haushalterschaft, die bei aller notwendigen professionellen Ökonomie von der Zuversicht in Gottes Möglichkeiten geprägt ist. Solche Zuversicht entbindet gerade nicht, sondern verpflichtet zu verantwortlichem wirtschaftlichen Handeln. (…)
Wie hat sich die Aussöhnung von Theologie und Ökonomie in unseren kirchenleitenden Maßnahmen zur Organisation des Evangelischen Oberkirchenrats ausgewirkt?

Zunächst einmal wurde mit dem weit über unsere Landeskirche hinaus sehr beachteten Leitsätze-Prozess das Bewusstein für eine landeskirchliche „corporate identity“ geschärft und die Grundlage für eine Verbesserung zielorientierten Arbeitens in unserer Kirche gelegt. Auch die Einführung des Orientierungsgespräches (…) Einrichtung von Investitions- und Zukunftsfonds (…)
Es muss sich in unserer Landeskirche die Erkenntnis durchsetzen, dass es durchaus Sinn macht, bei allem, was in unserer Kirche ins Werk gesetzt wird, nicht nur danach zu fragen, ob es wünschenswert und theologisch angemessen ist, sondern auch danach, ob es unseren langfristigen Zielen dient und welche Kosten es verursacht.

Einen besonderen Schwerpunkt bildete im Berichtszeitraum die durch die Synode angestoßene Bildung von zukunftsfähigen Strukturen innerhalb des Evangelischen Oberkirchenrats. (…) Neuordnung der theologischen Referate des Evangelischen Oberkirchenrats (…) die Entwicklung und  Förderung des Projektmanagements im Evangelischen Oberkirchenrat und die Durchführung von ModeratorInnen-Schulungen (…)
Schließlich sei zum Abschluss dieses Berichtsteils daran erinnert, dass die letzten sechs Jahre im Kollegium des Evangelischen Oberkirchenrats eine Zeit besonders starker personeller Veränderungen war (…)

6. Für unsere vielfältigen Aufgaben setzen wir das uns anvertraute Geld sinnvoll und effizient ein
Treue Haushalterschaft beinhaltet auch einen verantwortungsvollen Umgang mit den uns anvertrauten materiellen Gütern. Immer wieder müssen wir uns klar machen, dass das uns in der Kirche zur Verfügung stehende Geld nichts anderes ist als ein Mittel zum Bau des Reiches Gottes. Wenn wir also sagen, dass wir für unsere vielfältigen Aufgaben das uns anvertraute Geld sinnvoll und effizient einsetzen, dann ist die Sinnhaftigkeit solcher Ökonomie immer wieder theologisch zu reflektieren. Ich will bezüglich eines theologisch verantworteten sinnvollen und effizienten Einsatzes des Geldes in unserer Kirche nur einige Akzente setzen.
(…) die tiefgreifende Neugestaltung des Haushaltsbuches (…) die neue Wertschätzung von Fundraising und Sponsoring für die künftige Finanzierung kirchlicher Arbeit. (…) die Errichtung einer Versorgungsstiftung und den Aufbau weiterer Stiftungen (…)
Wir müssen diesen Weg zielstrebig weitergehen, um nicht durch jede steuerreformerische Maßnahme des Staates in neue Turbulenzen zu geraten.

„Für unsere vielfältigen Aufgaben setzen wir das uns anvertraute Geld sinnvoll und effizient ein.“ Dieser Leitsatz wird auch konkretisiert durch einen verantwortungsvollen Umgang mit kirchlichen Immobilien. (…) Verkauf der Jugendbildungsstätte Oppenau (…) die Aufgabe des Jugendheims in Buchenberg, die Schließung des Mütterkurheims Baden-Baden und die Übergabe der Tagungsstätte Hohenwart in die Trägerschaft der Kirchengemeinde Pforzheim.
Zugleich wurden Wege beschritten, kirchlichen Gebäudebestand durch Umwidmung oder Umbau zukunftsfähig zu machen. (…)
Unsere Gemeinden brauchen hinsichtlich eines zukunftsfähigen Umgangs mit ihren Immobilien dringend professionelle Beratung und Hilfeleistung. Einen wichtigen Schritt hierzu sind wir schon mit der Neuregelung der Finanzzuweisung im Rahmen des Fi-nanzausgleichsgesetzes gegangen. Weitere Schritte hinsichtlich des Aufbaus einer zentralen Liegenschaftsberatung und der Schulung im Liegenschaftsmanagement müssen gegangen werden.

7. Wir wollen den Weg fortsetzen zu einer Kirche, die gleichermaßen von Frauen und Männern geleitet wird
Eine evangelische Kirche, welche die Gestalt ihrer Botschaft wie ihrer Ordnung am Evangelium ausrichtet, muss auch ihre Leitungsstrukturen geschwisterlich gestalten. Geschlechtergerechtigkeit, die sich auch in der gleichberechtigten Teilhabe von Männern und Frauen an der Leitung der Kirche abbildet, ist eine folgerichtige Konsequenz aus unserem Glauben, dass wir durch die Taufe als Kinder Gottes angenommen sind und dass deshalb geschlechtliche Differenzen keine Herrschaft begründen dürfen. So ist das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit ein theologisch notwendiges Bemühen für eine Kirche, die sich evangelisch nennt.
Die Debatte um die Gleichstellung der Frauen in unserer Kirche möchte ich als den Weg von der Frauenförderung zum Gender Mainstreaming bezeichnen. (…)
Auch der Versuch, verstärkt Frauen für Führungspositionen zu gewinnen, war nicht ganz ohne Erfolg: Unsere Landessynode wird seit sechs Jahren in hervorragender Weise von einer Frau geleitet, wir konnten vor wenigen Wochen Frau Bauer als unsere erste Oberkirchenrätin begrüßen, wir haben zwei Prälatinnen, vier Dekaninnen, zwei Schuldekaninnen, eine Leiterin des Predigerseminars, des Rechnungsprüfungsamtes, der  Evangelischen Pflege Schönau, haben etliche Abteilungsleiterinnen in verantwortlichen Positionen und gewichten bei Stellenbesetzungen immer auch geschlechtsspezifische Kriterien. (…)
Noch jedenfalls sind wir weit davon entfernt, in dem zitierten Leitsatz eine Beschreibung kirchlicher Wirklichkeit erkennen zu können. Und ob die Erwartung berechtigt ist, dass auch ohne die Beibehaltung einer hauptamtlichen Stelle die Gleichstellung von Frauen in unserer Kirche wirklich erreicht werden kann, möchte ich anfragen.

8. Wir wollen unsere Arbeit in der Öffentlichkeit darstellen und scheuen den Vergleich mit anderen nicht
Die Botschaft von der freien Gnade Gottes allem Volk auszurichten, ist Auftrag der Kirche. Immer größeres Gewicht erhalten bei der Vermittlung der kirchlichen Botschaft die neuen Medien. Hierbei ist die Kirche aber auch zunehmend der Konkurrenz anderer Sinnanbieter auf dem medialen Markt ausgesetzt, so dass kirchliche Öffentlichkeitsarbeit einer hohen Professionalisierung bedarf, wenn Kirche in der Öffentlichkeit weiterhin wahrgenommen werden will. Dabei braucht sie in der Tat, was den Inhalt betrifft, den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen, denn sie hat eine unvergleichliche Botschaft anzubieten: die Botschaft von der freien Gnade Gottes. (…) 
Drei Felder unserer publizistischen Arbeit möchte ich besonders in den Blick nehmen:
(…) Printmedien (…)
(…) Fernsehen und (in den) neue(n) Medien (…)
(…) Kampagnenfähigkeit (…)
„Wir wollen unsere Arbeit in der Öffentlichkeit darstellen und scheuen den Vergleich mit anderen nicht.“ Diesen Leitsatz in entsprechendes Handeln umzusetzen, war ein Schwerpunkt kirchenleitender Arbeit in den zurückliegenden Jahren. Eine Volkskirche darf keine Scheu vor der Welt der Medien entwickeln, wenn sie ihre Botschaft allem Volk ausrichten will. Darauf müssen wir uns einstellen.

9. Unser Glaube hat Hand und Fuß. Nah und fern helfen wir Menschen in Not, auch durch unsere diakonische Arbeit
Zu den Kennzeichen der Kirche gehört nach unserer Grundordnung neben der Verkündigung des Wortes Gottes und der Verwaltung der Sakramente auch das Dienen mit der Tat der Liebe. Seit Anbeginn der Kirche hat es Glauben ohne Hand und Fuß nicht gegeben. In den Taten der Liebe oder - wie es in unserem Leitsatz heißt - „in der Hilfe für Menschen in Not“ wird unser Glaube für Menschen greifbar. Deshalb ist Diakonie eine Wesensäußerung der Kirche, kein Appendix, auch kein Luxus, auf den eine Kirche je nach finanzieller Kraft etwa verzichten könnte. Wenn der von der Kirche verkündigte Glaube für Menschen greifbar werden soll, muss eine Kirche diakonische Arbeit entwickeln, denn in ihr bekommt der Glaube Hand und Fuß. Welches waren nun wichtige Entwicklungen und Veränderungen im diakonischen Bereich kirchlicher Arbeit in den zurückliegenden Jahren? (...)

Schwangerschaftskonfliktberatung: (…) Schwangerschaftskonfliktberatung ist ein Arbeitsfeld, das uns unablässig daran erinnert, dass sich die Kirche aus den lebensgefährlichen Situationen des Lebens nicht heraushalten darf. (…)
(…) Veränderungen in der Arbeit der Kindertagesstätten (…) Die wachsende Komplexität der Angebotsformen und die gleichzeitige Qualitätssicherung der Arbeit ist ohne qualifizierte Fachberatung nicht denkbar, die künftig von drei Zentren in Karlsruhe, Freiburg und Heidelberg/Mannheim aus geleistet wird.
Das Diakoniegesetz (…) Die Klärung der Stellung von Bezirksdiakoniepfarrerinnen und Bezirksdiakoniepfarrern sowie der Rechtsstellung von Bezirksdiakonieausschüssen und geschäftsführenden Vorständen hat die Handlungsfähigkeit in diakonischen Aufgaben der Kirche verbessert.
(…) die Arbeit mit Flüchtlingen (…) Der Kontakt mit Flüchtlingen öffnet aber auch unsere Horizonte. Engagierte Kirchengemeinden haben in den vergangenen Jahren auch in oft aussichtslosen Situationen mithelfen können, dass Schutzpflicht des Staates und Schutzbedürfnis des Flüchtlings nicht völlig auseinandergefallen sind. Dafür möchte ich allen in dieser Arbeit Engagierten herzlich danken.
„Unser Glaube hat Hand und Fuß.“ Um den Sinn dieses Leitsatzes noch plausibler zu machen, steht im ganzen Feld des diakonischen Handelns der Kirche die große Aufgabe vor uns, einerseits in den Gemeinden deutlicher die diakonischen Aufgaben als unverzichtbaren Teil des Glaubenszeugnisses wahrzunehmen und andererseits die diakonischen Einrichtungen und die dort Mitarbeitenden für die Glaubensdimension ihrer Arbeit weiter zu sensibilisieren. Es gilt, die diakonische Kompetenz der Gemeinden neu zu stärken und die missionarische Qualität diakonischen Handelns neu bewusst zu machen.

10. Wir sind eine offene Kirche. In christlicher Verantwortung nehmen wir ge-sellschaftliche Entwicklungen wahr, greifen Impulse auf und wirken in die Gesellschaft hinein
Die Kirche Jesu Christi lebt in der Welt und trägt Mitverantwortung für die Gestaltung der Welt. Eine Kirche, die sich abschließt, verkümmert zur Sekte, verleugnet den Auftrag ihres Herrn und verliert ihre Ausrichtung auf das Reich Gottes. Als Evangelische Landeskirche in Baden sind wir auch ein Teil der Welt, und zwar nicht nur der badischen, sondern der ganzen bewohnten Welt, der Ökumene. Wie haben wir in den zurückliegenden sechs Jahren versucht, kirchenleitend in diese Welt hineinzuwirken und Impulse dieser Welt für unser kirchliches Leben aufzunehmen?

(…) bemerkenswerte gesellschaftliche Debatten: (…) Energie- und Umweltpolitik (…) Hospizarbeit und aktive(r) Sterbehilfe (…) genetische Fragen (…)  Medienpolitik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (…) Konzepte der Stadtplanung (…) BSE-Krise bzw. zur Krise landwirtschaftlicher Produktion (…) „Protestantismus und Kultur“ (…) humanere Asylpolitik (…) Friedensethische Themen (…) Stellungnahmen zum Kosovo-Krieg (…) im „Wort an die Gemeinden“ zu den Ereignissen des 11. September 2001. (…) Weiterentwicklung von Freiwilligendiensten in der Jugendarbeit (…) die Veröffentlichung des Wirtschafts- und Sozialworts der Kirchen (…)
Bei all diesen Kontakten habe ich gelernt, wie differenziert die Arbeitswelt und wirtschaftliche Zusammenhänge heute wahrgenommen werden müssen. Immer wieder beeindruckt mich bei Gesprächen mit mittelständischen UnternehmerInnen ihr hohes Verantwortungsbewusstsein, ihre faszinierende Produktbegeisterung und ihre nicht selten hohe kirchliche Verbundenheit. Diese Kontakte gilt es auch in Zukunft auszubauen und zu pflegen.

Zuletzt lenke ich unseren Blick auf das weite Feld der Ökumene, fasse mich dabei aber - in Erinnerung an meinen letztjährigen Bericht und im Blick auf das Schwerpunktthema dieser Synode - sehr kurz. (…)
Unsere ökumenischen Kontakte haben uns geholfen, Impulse der Welt aufzunehmen und in ökumenischer Verbundenheit in die Welt hinein zu wirken. Ohne ökumenische Offenheit  und die Bereitschaft, voneinander zu lernen, würde unsere Landeskirche geistlich austrocknen.

Schluss: Wir wollen nicht alles machen, was machbar ist
Liebe Synodale, ich bin am Ende eines sehr langen und wohl auch erschöpfenden Berichts angekommen. Bei unserem Rückblick ist uns deutlich geworden, dass es nicht wenig war, was wir in den letzten sechs Jahren bewegen konnten. Dennoch soll am Schluss dieses Berichts ein Satz der Selbstbeschränkung stehen, der all unserem Rechenschaftablegen eine Grenze setzt: „Wir wollen nicht alles machen, was machbar ist.“ Ergänzen möchte ich: Aber wir dürfen alles erhoffen, was Gott uns verheißen hat.