"Mit allen Christen in der Welt befreundet" - Ökumenische Herausforderungen für die Evangelische Landeskirche in Baden
Bericht zur Lage von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer
Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 26. April 2001
Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)
Frau Präsidentin, werte Gäste, liebe Synodale,
auch heute will ich - wie Sie das schon gewohnt sind - in meinem Bericht zur Lage die Situation unserer Landeskirche wieder unter einem inhaltlichen Brennpunkt in den Blick nehmen. Nach Überlegungen vor zwei Jahren zur hermeneutischen Aufgabe der Kirche und nach meinen Ausführungen zur missionarischen Herausforderung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend will ich heute ein Plädoyer halten für eine vom Evangelium gebotene und für die Glaubwürdigkeit unseres Christseins notwendige ökumenische Existenz unserer Kirche.
1. Evangelisch ökumenisch aus gutem Grund
Ich beginne mit einem Zitat: „Solcherweise einig in sich und mit allen Christen in der Welt befreundet, erfreut sich die evangelisch-protestantische Kirche im Großherzogtum Baden der Glaubens- und Gewissensfreiheit.“ Diesen Satz aus § 10 der Unionsurkunde zitieren wir in Baden gern mit einem gewissen Stolz, lässt er doch eine bereits in der Union von 1821 begründete ökumenische Grundausrichtung erkennen. Aber bekanntlich verpflichtet nicht nur Adel, sondern auch stolze Worte verpflichten. Ökumenischer Stolz muss auch im Alltag der Kirche in ökumenischem Denken und Handeln Realpräsenz gewinnen (…) Sonst wird das mit Stolz Gesagte zur hohlen Phrase.
Eine evangelische Kirche kann nur ökumenisch ihr Christsein leben. (…)
Da Christus, unser Herr, uns immer voraus und unser Gehorsam ihm gegenüber immer nur ein unvollkommener ist, ist auch die von uns geglaubte Wahrheit immer größer als unser Glaube.
Weil dem so ist, ist niemand von uns, ist auch keine Kirche oder kirchliche Gruppe im Vollbesitz der Wahrheit Gottes. Deshalb kann es Kirchesein nicht anders geben als im lernenden Nebeneinander und Miteinander, wie es auch das Christuszeugnis von Anfang an nur gibt als das mehrstimmige Zeugnis vieler Zeugen - bis zurück zum mehrstimmigen Zeugnis der Evangelisten. (…) Hat aber jede Kirche nur Anteile an der Wahrheit, so darf keine Kirche sich absolut setzen. (…)
Ökumenisches Lernen macht uns fähig, den gemeinsamen Glauben der einer gemeinsamen Wahrheit verpflichteten Kirchen in einem vielstimmigen Chor zum Klingen zu bringen und so der Welt zu bezeugen. Mit allen Kirchen der Welt glauben wir „die eine, heilige, katholische (allgemeine) und apostolische Kirche“ (Nizänum), d. h. wir wissen uns als Teil der weltumfassenden, so verstanden „katholischen“ Kirche. Damit glauben wir, dass wir alle schon eins sind in Christus, auch wenn wir nicht einig sind über die Gestaltung dieser Einheit. (…) So sehr also die Vielgestalt der Kirche zu ihrem Wesen gehört, so sehr muss sich die vielgestaltige Kirche um ihres glaubwürdigen Zeugnisses willen um Einheit bemühen. Diese Einheit zu fördern, ist Absicht und Ziel der ökumenischen Bewegung. Ökumene als Bemühung um das Sichtbarwerden der von Jesus gewirkten und gewollten Einheit ist Teil des Auftrags, der uns in der Nachfolge Jesu gegeben ist. Genau dies haben wir in unseren Leitsätzen aufgenommen, wenn wir dort sagen: „Wir sind getauft. Die Taufe verbindet uns mit den christlichen Kirchen auf der ganzen Welt.“ Deshalb wollen wir „eine ökumenische Gemeinschaft der Kirchen, in der die Vielfalt als Bereicherung erlebt wird“.
Schön klingt all dies, aber es klingt auch gefährlich nach bloßem Lippenbekenntnis. Damit es aber nicht dabei bleibt, hat unsere Landeskirche die ökumenische Ausrichtung evangelischen Kircheseins aus gutem Grund in die Grundordnung aufgenommen, und es lohnt sich, einiges davon in Erinnerung zu rufen:
- Die Landeskirche steht in der Gemeinschaft der EKD und des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). (…)
- „Die Landeskirche mit ihren Kirchenbezirken und Gemeinden ist zur ökumenischen Zusammenarbeit mit allen Kirchen und christlichen Gemeinschaften verpflichtet und bereit“ (…).
- „Die Landeskirche mit ihren Kirchenbezirken und Gemeinden ist zum Dienst an den evangelischen Minderheitskirchen und den evangelischen Christen in der Zerstreuung (Diaspora) verpflichtet“ (…).
- Die Landeskirche mit ihren Kirchenbezirken und Gemeinden nimmt den Auftrag zur Weltmission wahr (…).
2. Freundschaft muss gepflegt werden - von Freunden lernen
Ökumene braucht, um gelebt zu werden, Räume der Begegnung. Wem ich nicht begegne, von dem kann ich nichts lernen. Die stetige Zusammenarbeit mit anderen christlichen Kirchen und Konfessionen in Deutschland, Europa und Übersee ist deshalb ebenso un-aufgebbar für eine evangelische Kirche wie die Vermittlung von ökumenischen und weltmissionarischen Inhalten innerhalb unserer Landeskirche. (…)
Zunächst einmal erinnere ich daran, dass in weiten Teilen Badens in den zurückliegenden 30 Jahren eine wirklich erstaunliche und für andere Teile Deutschlands überhaupt nicht selbstverständliche Normalität funktionierender Ökumene gewachsen ist. In unserer Region ist die evangelisch-katholische Ökumene besonders ausgeprägt. (…)
Und gerade nach der Veröffentlichung der nicht gerade ökumene-förderlichen Vatikan-Schrift „Dominus Iesus“ hat es bewegende Akte ökumenischer Solidarität gegeben. Ja, wir können dankbar wahrnehmen: Ökumenisches Lernen findet statt in der Normalität des gemeindlichen Alltags.
So möchte ich, dass wir immer weiter von den anderen Kirchen vor Ort lernen, mit denen wir befreundet sind: Von den römischen Katholiken und den Altkatholiken, den Methodisten und Baptisten, den Orthodoxen und Anglikanern möchte ich Spiritualität und würdigen Umgang mit den Sakramenten, gelebten Katholizismus (ohne Unterordnung unter Rom), bibelzentrierte Frömmigkeit, Liebe zur Liturgie und Freiheit des persönlichen Glaubenszeugnisses lernen. Ja, von Freunden lernen - das bereichert, das heißt: ökumenisch evangelisch sein.
Ich nenne weitere Möglichkeiten des ökumenischen Lernens vor Ort: (…) Auslandsgemeinden (…) Migranten (…) Christinnen und Christen in binationalen und bikulturellen Ehen (…) altorientalischen und orthodoxen Kirchen. (…)
In der Überwindung trennender Grenzen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, im geschwisterlichen Umgang miteinander haben Kirchen eine Leit- und Vorbildfunktion. (…)
Gehen wir einen Schritt weiter, indem wir die Schwesterkirchen in Europa in den Blick nehmen. (…)
Und wie lernen wir von unseren Freunden in der weltweiten Ökumene? Zunächst einmal durch unsere ökumenischen Partnerschaften mit Kirchen, wie sie uns über das Evangelische Missionswerk in Südwestdeutschland ermöglicht und vermittelt werden; durch unsere Partnerschaften mit Kirchen, die in Afrika und Asien christlichen Glauben in ihrem Kulturkreis leben. (…)
Weiter erwähne ich die seit 25 Jahren bestehenden Austauschprogramme, in deren Rah-men ökumenische Mitarbeiter unserer Partnerkirchen in unserer Landeskirche tätig sind (…)
Schließlich möchte ich ein Lernfeld der Ökumene benennen, das für uns mit der „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ neu ins Blickfeld kommt. Diese Dekade wurde am 4. Februar 2001 während der Sitzung des Zentralausschusses des ÖRK in Potsdam (…) weltweit und für unsere Landeskirche am 11. Februar 2001 in Offenburg eröffnet (…). In unseren Leitsätzen hatten wir formuliert: „Wir treten in Verantwortung für die zukünftigen Generationen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ein.“ Die während der letzten Vollversammlung des ÖRK in Harare beschlossene Dekade wird auch ein Bewährungsfeld für die Einlösung dieses in unseren Leitsätzen Formulierten. Die EKD-Synode hat in ihrer Kundgebung Kirchen und Gemeinden aufgerufen, sich an dieser Dekade zu beteiligen. (…) Auch brauchen wir Strategien zur Entfeindung in unserer Gesellschaft. Zur Überwindung von Gewalt in all ihren personalen und strukturellen Formen müssen wir als evangelische Kirche vom Evangelium her unseren Beitrag leisten. In diesen Tagen, in denen die BSE-Krise halb Europa erschüttert, ist uns auch die Gewalt, die wir Gottes Schöpfung antun, wieder neu und hoffentlich nachhaltig bewusst geworden. (…)
3. Streit unter Freunden
Fast ist es schon in Vergessenheit geraten - das große ökumenische Ereignis des Jahres 1999: Am 31. Oktober 1999 gelang öffentlich und offiziell die Verständigung zwischen der römisch-katholischen Kirche und den Kirchen im Lutherischen Weltbund (…) über die Rechtfertigungslehre. Dieser Verständigung haben auch wir als unierte Landeskirche wie fast alle Landeskirchen der EKD zugestimmt. Damit ist eine neue Qualität der evangelisch-katholischen Beziehungen entstanden. (…)
Zunächst möchte ich aufzeigen, was Verständigung nicht bedeuten kann, indem ich auf zwei ökumenische Holzwege eingehe, die im zurückliegenden Jahr beschritten wurden:
Kein zukunftsfähiger Weg scheint mir in katholisch-lutherischen Konsensgesprächen zu liegen, wie sie in der Schrift „Communio sanctorum“ vom Herbst 2000 zu einem vorläufigen Abschluss gebracht wurden: In dieser Ausarbeitung wird als Ergebnis einer gemeinsamen Arbeitsgruppe unter anderem eine evangelische Annäherung an die Mariendogmen gewagt und versucht, diesen Dogmen einen reformatorischen Sinn abzugewinnen. (…)
Das Gleiche gilt übrigens im Blick auf die derzeit von lutherischen Bischöfen forcierte Diskussion über die Anerkennung des Papstes als „Sprecher der Christenheit“. Dies ist eine Diskussion, die zur Unzeit geführt wird. Solange zwischen den protestantischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche Amts- und Kirchenverständnis nicht geklärt sind und das Papstamt nicht erkennbare Angebote macht, auf den Unfehlbarkeitsanspruch und den Jurisdiktionsprimat zu verzichten sowie die synodale Struktur des Protestantismus anzuerkennen, ist eine solche Diskussion eine Holzweg-Diskussion. (…)
Den zweiten Holzweg beschritt die im letzten Jahr veröffentlichte Vatikan-Schrift „Dominus Iesus“, die für erhebliche Irritation im ökumenischen Miteinander gesorgt hat. In ihr heißt es: „Die kirchlichen Gemeinschaften ..., die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn.“ Hierauf ist zu antworten: Das ist nicht unser Kirchenverständnis, und dieses Kirchenverständnis ist auch nicht biblisch begründet. Selbstverständlich sind wir nach Schrift und Bekenntnis Kirche im vollen Sinn. Die Kirchen der Reformation stehen in der Erbfolge der alten Kirche, sie sind katholische Kirche im ursprünglichen Sinn dieses Wortes. (…)
Der ökumenische Prozess wird aber grundsätzlich in Frage gestellt, wenn sich die römisch-katholische Kirche als einzige wahre Kirche Jesu Christi behauptet und den reformatorischen Kirchen lediglich den Status einer kirchlichen Gemeinschaft zubilligt. In Augsburg wurde die Gemeinsame Erklärung von „gleichberechtigten Partnern“ (par cum pari) unterzeichnet; davon ist in „Dominus Iesus“ nichts mehr geblieben. Weil Jesus Christus allein der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, kann die Haltung der Kirche ihm gegenüber nur die der Demut sein. Demut aber fehlt der Verlautbarung aus dem Vatikan gänzlich.
Aber bei empörter Reaktion allein kann es nicht bleiben. Auch nicht bei der Häme in bestimmten Kreisen, die ich im vergangenen Jahr immer wieder zu spüren bekam nach dem Motto: „Da hat Rom sein wahres Gesicht gezeigt. Und nun können wir wieder ganz unter uns bleiben.“ Solche konfessionelle Selbstgenügsamkeit ist zutiefst unevangelisch. Was nun gefragt ist, ist der offene und ehrliche Streit unter Freunden (…)
Was nun gefragt ist, das hat die Präsidentin unserer Landessynode beim Tag der badischen Pfarrerinnen und Pfarrer am 18. September 2000 in Bruchsal deutlich gemacht, als sie sagte: „Wir müssen uns nicht von anderen definieren lassen; wir müssen aber unseren Kirchengliedern Identität vermitteln. Was wir als evangelische Kirche nach meiner Meinung brauchen, ist ein geklärtes Verhältnis zur Kirche als Institution.“ (…)
Nur wenn wir als evangelische Kirche unser eigenes Kirchenverständnis wirklich ernst nehmen, leisten wir einen wirkkräftigen Beitrag zur Ökumene, die dann nicht nur eine Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners ist. Nur wenn wir als Evangelische wirklich in unserer Kirche verwurzelt sind und unser Verhältnis zur Kirche nicht ständig als ein Verhältnis der Distanz beschreiben, nur wenn wir nicht ständig nur das nennen, was uns an der Kirche fehlt, sondern auch das, was uns an ihr lieb ist, werden wir Leiden-schaft für die Kirche entwickeln. (…)
Unsere Hausaufgaben lauten: Festigung unserer Kirchenbindung und Entwicklung eines profilierten protestantischen Kirchen- und Amtsverständnisses, das nicht aus der Abgrenzung lebt.
Mit dem zuletzt Gesagten habe ich schon positive Antworten auf die Frage gegeben, was nun zwischen der römisch-katholischen Kirche und den evangelischen Kirchen vordringlich ansteht. Diese Antworten will ich noch in vier Punkten kurz konkretisieren:
a) Unser evangelisches Reformationsfest verlangt eine Belebung hin zu einem Reformationsfest „aller Heiligen“ mit dem Ziel der notwendigen Erneuerung aller Kirchen an Haupt und Gliedern.
b) Die Rechtfertigungsbotschaft des Evangeliums muss in die Sprache unserer Zeit übersetzt werden, damit Menschen neu begreifen, was diese Botschaft an Befreiendem für ihr Leben bedeutet. Zur Übersetzung der Rechtfertigungsbotschaft bietet sich die Bilderwelt der Gleichnisse Jesu ebenso an wie Begriffe der Akzeptanz, Bejahung und Annahme. (...)
c) In unseren Gottesdiensten müssen die Elemente verstärkt werden, die zur Erfahrung von Rechtfertigung beitragen: freundliche Raumgestaltung, Einladung von Menschen, Schuldbekenntnis und Zusprechen von Vergebung, (ökumenische) Taufgottesdienste, das hautnahe Symbol der Salbung, einladende Abendmahlspraxis.
d) Eine schöne Geste ökumenischen Vertrauensvorschusses wäre es, wenn evangelisch getraute evangelisch-katholische Ehen künftig von der katholischen Kirche ohne Einzeldispens als gültig angesehen würden. Auch sollte der Besuch eines evangelischen oder ökumenischen Gottesdienstes von der katholischen Kirche - zumindest im Einzelfall - als Erfüllung der Sonntagspflicht anerkannt werden.
An dieser Stelle will ich in einem kleinen Diskurs einen Blick auf ein höchst beachtenswertes Referat werfen, das Kardinal Lehmann vor der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz gehalten hat. Kardinal Lehmann anerkennt darin ausdrücklich, dass die reformatorischen Kirchen durch die Taufe „an der Wirklichkeit der einen Kirche Jesu Christi teil(nehmen)“ und dass deshalb das Ziel der Kirchengemeinschaft nicht aus dem Auge verloren werden darf. Hinsichtlich des Ziels der Abendmahlsgemeinschaft gilt für Lehmann grundsätzlich, dass die Kirche nicht von sich aus Abendmahlsgemeinschaft herstellen könne, „ohne dass sie die verlorene Einheit (der Kirche) in ausreichender Weise wiederfindet“. Dies bedeutet für ihn, dass das „gemeinsame Mahl ... an das Ende und nicht an den Anfang ökumenischer Bestrebungen (gehört). Gerade weil das Mahl unüberbietbarer Ausdruck des gemeinsamen Heils ist, kann man nicht sonntags Mahl feiern und Montagmorgen mit getrenntem Religionsunterricht fortfahren“.
Sieht Lehmann unter diesen Aspekten die Zeit für eine Abendmahlsgemeinschaft zwischen der römisch-katholischen und den protestantischen Kirchen grundsätzlich noch nicht für gekommen, so bemüht er sich dennoch um Lösungen für die Situation der konfessionsverbindenden Ehen und versucht, diese Ehen als anerkennungswürdige Notlagen zu erfassen, die eine wechselseitige Zulassung zum Abendmahl in Einzelfällen möglich machen. (…)
4. Grenzenlose Freundschaft
Jetzt werfe ich noch einen Blick auf die innerprotestantische Ökumene in Deutschland und Europa. Die Gliederung des deutschen Protestantismus in vierundzwanzig evangelische Landeskirchen höchst unterschiedlicher Größe verdankt sich weitgehend noch den politischen Grenzziehungen der Napoleonischen Ära. Darüber, dass diese Organisationsform den gegenwärtigen Aufgaben im wiedervereinigten Deutschland nicht gerecht wird, besteht weitgehend Einverständnis. Trotzdem kommen Veränderungen nur schwer in Gang. Dieses ungelöste Strukturproblem muss bei aller Würdigung regionaler Beheimatung und deren geprägter Frömmigkeit behutsam aber doch mit Nachdruck angegangen werden.
(…)
Ich stimme der EKD-Synode zu, wenn sie sagt: „Die Leuenberger Kirchengemeinschaft müssen wir stärken für ihren Auftrag in Zeugnis und Dienst. Wir bitten sie, über die Klärung theologischer Grundfragen hinaus zu regelmäßigen Konsultationen einzuladen, um evangelische Positionen zu europäischen Fragen zu formulieren. Dadurch kann die evangelische Stimme in Europa sowohl öffentlich als auch in der ökumenischen Zusammen-arbeit deutlicher wahrnehmbar werden.“Wenn die Kirchen in Europa die zukünftige Gesellschaft in kultureller, ökonomischer und vor allem in ethischer Hinsicht mitgestalten wollen - das sind wir den Menschen in Europa mehr denn je schuldig -, so können sie das nur, wenn sie sich nicht konfessionell zerfasern, sondern versuchen, an einem Strang zu ziehen. (…)
Trotz all der Schwierigkeiten, welche sich hier zeigen, erlauben Sie mir einen Blick in die Zukunft: Die Herausbildung konfessionell unterschiedener Kirchen prägte die europäische Geschichte. Diese Entwicklung führte zur geistigen und vor allem organisatorischen Verfestigung unterschiedlicher christlicher Bekenntnisse. Die im Verlauf der Jahrhunderte gegenseitig ausgesprochenen Verurteilungen und Verwerfungen in der Lehre markieren bis heute ein mehr oder weniger geordnetes Nebeneinander. Aber dennoch hat kein Ereignis die christlichen Kirchen in der Mitte Europas in den letzten 50 Jahren mehr geprägt als der zwischen ihnen begonnene Dialog. Nicht ohne Grund spricht man von einem ökumenischen Zeitalter. Es hat in vielen Fragen, die zwischen den Kirchen theologisch diskutiert werden, ein hohes Maß an Annäherung gebracht. Dieser Prozess muss und wird weitergehen. Es ist meine tiefe Überzeugung: Das ökumenische Zeugnis der Kirchen wird in Zukunft unentbehrlich sein, dies gilt um so mehr angesichts der Herausforderungen, vor die uns der interreligiöse Dialog stellt. (…)
Wohin geht der Weg?
Zunächst bin ich sicher: Der Weg der Kirchen wird trotz aller Unterschiede ein gemeinsamer Weg sein. Denn der ökumenische Prozess ist unumkehrbar, für uns Protestanten von unserem Grundverständnis her, aber auch für die anderen Kirchen. Es gibt viel mehr, was uns eint, als was uns trennt. Die Kirchen sind durch die Spielarten und Dialekte des Glaubens, die sich in ihren Traditionen entwickelt haben, nicht getrennt. Vielmehr sind diese Spielarten des Glaubens verschiedene Begabungen, welche ihnen zugewachsen sind. Die prinzipielle Vielfalt der Konfessionen bedeutet keineswegs das Eingeständnis einer Beliebigkeit bei der Suche nach der Wahrheit. Sie bedeutet aber einen Verzicht auf die unmittelbare und irrtumsfreie Greifbarkeit von Wahrheit. Wahrheit ereignet sich zwischen den Begabungen und Beschränkungen der Kirchen. „Die Wahrheit ist symphonisch“ (Hans Urs von Balthasar). Sie ist nicht gespeichert im Depot einer Kirche. Oder um es mit den Worten von Kardinal Kasper zu sagen: „Nur wo Gegensätze sind, gibt es Harmonie, ohne Gegensätze nur Monotonie“ (Tübinger Antrittsvorlesung, abgedruckt in der FAZ vom 24. Januar 2001). Wahrheit wird im symphonischen Dialog gefunden, indem sich die Begabungen, Schwächen und Überzeugungen der Kirchen aneinander reiben und dadurch einander bereichern. Somit ist die Verschiedenheit, wenn denn die Dialogpartnerinnen und -partner sich darauf einlassen, selbst ein Instrument der Wahrheitsfindung. Freilich setzt eine dialogische Ökumene eine Glaubens- und Lebensgewissheit der Partner voraus. Fruchtbare dialogische Ökumene wird nur von jenen geführt, die sich selbst kenntlich sind, die eigene Ecken und Kanten haben und deren Grenzen erkennbar sind. Identität schafft Dialog. Wer eine Identität hat, kann angstfrei Beziehungen pflegen. Wo also geschieht Ökumene? Ökumene geschieht dort, wo auf dem gemeinsamen Weg des Glaubens durch die Zeiten die Orthodoxen orthodoxer, die Katholiken katholischer und die Protestanten protestantischer, wir alle aber miteinander christlicher werden.
Hier folgt dem Lagebericht eine Darstellung der ökumenischen Beziehungen und Gruppierungen in der Evangelischen Landeskirche in Baden und deren Aktivitäten. Zusammengestellt und vorgetragen von Kirchenrätin Susanne Labsch (Leiterin der Abteilung Mission und Ökumene des Evangelischen Oberkirchenrats)
Diese finden Sie ebenfalls im PDF-Dokument, dass Ihnen am Seitenende zur Verfügung steht.
Vorgestellt werden:
- die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK)
- das Gustav-Adolf-Werk (GAW)
- das Evangelische Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS)
- Aulandsgemeinden in Baden
- Migranten als Ökumenische Herausforderung und Bereicherung
- Ökumenische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Baden
- Ökumenischer Rat der Kirchen (ÖRK)
- Dekade zur Überwindung von Gewalt
- Lutherischer Weltbild (LWB)
- Leuenberger Kirchengemeinschaft (LKG)
- Konferenz Europäischer Kirchen (KEK)
- Charta Oecumenica
Hier aufgeführt die Antwort auf ihre einleitende Frage:
Was heißt Ökumene?
Die griechische Wurzel des Wortes bedeutet: wohnen, beieinander wohnen, miteinander leben, miteinander reden, essen, lachen und leiden und Gottesdienst feiern. Ökumene wird verwandt für die Suche nach Einheit unter den christlichen Kirchen gemäß Joh 17,21. Dann wird der Begriff auch gebraucht für das Zusammenleben von Menschen auf der globalen Ebene in Zusammenhang mit der Schöpfung Gottes.
Zunächst geht es in unserer Region um die evangelisch-katholisch gelebte Ökumene. Ökumene bedeutet in unserer Landeskirche auch grenzüberschreitend zusammen zu ar-beiten mit Kirchen und Gemeinden im Elsass und in der Schweiz.
In vielen Städten unserer Landeskirche haben sich Gemeinden fremder Herkunft und Sprache gebildet. So finden sich bei uns reformierte Gemeinden aus den Niederlanden und Korea, eine lutherische finnische Gemeinde, englischsprachige anglikanische Ge-meinden, syrisch-orthodoxe Gemeinden aus der Türkei, orthodoxe Gemeinden, eine kop-tische Gemeinde aus Eritrea.
Zur Ökumene gehört ferner der Kontakt zu den anderen evangelischen Kirchen in Europa und Übersee.
Schließlich gehört auch das interreligiöse Gespräch dazu, zum einen die Verbindung zu den jüdischen Gemeinden und zum anderen das Gespräch mit islamischen Gemeinden und Gruppen in unseren Städten und Gemeinden.

Bericht zur Lage im Wortlaut (PDF Dokument zum Download)