Über die Schwelle treten - Missionarische Herausforderungen in der Zeitenwende
Bericht zur Lage von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer
Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 13. April 2000
Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)
Frau Präsidentin, werte Gäste, liebe Synodale,
meinen zweiten Bericht zur Lage gebe ich in dem sehr symbolträchtigen Jahr 2000. Vor wenigen Wochen ist es geschehen: Aus drei Neunen wurden drei Nullen. Und der Tausender sprang von der Eins zur Zwei. Das ist alles. Mehr geschah nicht. Kein Computercrash, kein Zusammenbruch der Versorgungssysteme, kein Chaos auf Flughäfen. Nichts. Und doch war es fraglos ein besonderer Jahreswechsel, der hinter uns liegt – bestimmt durch besondere Ängste, Hoffnungen und Aktionen. Runde Zahlen spielen im Erleben der Menschen offensichtlich eine wichtige Rolle und lassen Zeit besonders intensiv erfahren. Aber es gibt gute Gründe, das Datum 2000 nicht überzubewerten. Es hat, theologisch gesprochen, keine Verheißung einer besonders heilvollen Nähe Gottes. Vielmehr steht alle Zeit post Christum natum unter der Verheißung, dass Gottes Geist zum Glauben reizen, Hoffnung wecken und zur Liebe anstiften kann und will. Nun wird immer wieder auf den in mathematischer Hinsicht unbestreitbaren Sachverhalt verwiesen, dass das dritte Jahrtausend erst am 1. Januar des Jahres 2001 beginnen wird. Wie dem auch sei: Das Jahr 2000 ist so etwas wie ein Schwellenjahr.
Zu vielfältigen Schwellenüberschreitungen fordert uns dieses Jahr heraus: Neue Technologien müssen erlernt und beherrscht werden. Neue friedensethische Herausforderungen warten auf Antwort. Gesellschaftliche Fragen, wie z. B. die Sicherung der Sozialsysteme, fordern neue Lösungen. Die Bestimmung der Grenzen des Lebens und die Normen des Umgangs mit ihnen werden immer unschärfer. Bisher tabuisierte Schwellen werden immer häufiger überschritten. Und die alten Sinnfragen des Glaubens nehmen wir mit ins neue Jahrtausend: Woher kommen wir? Worauf hin leben wir zu? Was trägt uns über die Schwellen der Zeiten?
Die Jahreslosung für das Jahr 2000 fokussiert diese unsere Fragen auf den, der uns unser Leben geschenkt hat und die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, auf Gott. „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, dann will ich mich von euch finden lassen“, spricht er (Jer 29,13f). Nicht von den Menschen will Gott sich finden lassen, welche schon immer fertige Antworten parat haben, sondern von denen, die sich in der Spur ihrer Sehnsucht suchend auf den Weg machen. Von Menschen, die bereit sind, mit anderen zusammen Schwellen bisheriger Erkenntnis zu überschreiten im wagenden Vertrauen auf den Gott, der solchem Suchen ein Finden verheißt.
Wir werden im Jahr 2000 manche Schwellen überschreiten. Das löst bei vielen Menschen Unsicherheiten und Ängste aus und drängt nach Orientierung und Vergewisserung dessen, was trägt. Deshalb sind für uns Christinnen und Christen Schwellenüberschreitungen nicht denkbar, ohne dass wir uns neu der Tragfähigkeit des Glaubens suchend gewiss werden und auch andere Menschen neugierig machen für das, was unserem Suchen Orientierung und Ausrichtung gibt. Schwellenüberschreitungen sind nicht möglich ohne das, was wir in herkömmlicher Begrifflichkeit Mission und Evangelisation nennen. Deshalb sind Mission und Evangelisation das Gebot der Stunde in diesem Schwellenjahr 2000, „in einer Zeit, in der christliche Wertvorstellungen ihre gesellschaftliche Bindekraft einzubüßen drohen und Nichtwissen um elementare Inhalte christlichen Glaubens sich breit macht“, wie ich im Februar des Jahres 1999 in meinem Fastenbrief an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der öffentlichen Wortverkündigung schrieb. Wir können und dürfen einfach nicht übersehen, dass in unserer pluralistischer werdenden Gesellschaft der Konsens über tragende christliche Wertvorstellungen dem Diskurs miteinander konkurrierender Wertsetzungen gewichen und durch mannigfache Traditionsabbrüche die Vermittlung elementarer christlicher Glaubensinhalte an Selbstverständlichkeit eingebüßt hat.
Was ist es nun, das uns als Kirche, als Christinnen und Christen in dieser Schwellensituation zur Mission und Evangelisation drängt? Es ist zunächst - und dies gilt für alle Zeit - die Zuwendung Gottes zu uns Menschen, die für uns in der Gestalt des Jesus von Nazareth und im bezeugten Christus der Kirche Hand und Fuß bekommen hat. Davon ausgehend nenne ich zwei Motive, die ich neutestamentlichen Texten entnehme.
Der Auftrag des Auferstandenen am Ende des Matthäusevangeliums lautet: „Gehet hin!“ (Mt 28,19). Diese Worte Jesu Christi sind ein Vermächtnis. Dennoch haben diese Worte uns nicht davor bewahrt, uns als Kirche weithin häuslich einzurichten und auf das Kommen der Menschen zu warten. Kirche muss aber wieder gehende, aufsuchende Kirche werden, wenn sie das Vermächtnis ihres Herrn wirklich ernst nimmt. Dies kann sie aber nur, wenn sie bereit ist, die Hemmschwellen zur Welt, zu neuen, scheinbar säkularen Erfahrungsbereichen immer und immer wieder zu überschreiten.
Und da gibt es das zweite Motiv. In der Erzählung von der zweiten Missionsreise des Apostels Paulus heißt es im 16. Kapitel der Apostelgeschichte: „Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ (Apg 16,9). Menschen rufen: „Kommt und helft uns!“ Auch heute. Freilich verbirgt sich dieser Hilfeschrei der Menschen oft hinter Fassaden von Coolness und scheinbarer Selbstherrlichkeit. Aber wenn wir genau hinhören und hinschauen, dann sehen wir, wie viele Fassaden zerbröseln und sich dahinter Menschen befinden mit ungestillten Sehnsüchten. Glaube hat es immer mit der Erfüllung von Sehnsüchten zu tun. Wenn Jesus Menschen anspricht, werden geheimste Wünsche wahr, und unausgesprochenes Verlangen wird gestillt. Viel mehr Menschen als wir ahnen rufen voller Sehnsucht: „Kommt und helft uns!“
Das haben viele erkannt. (…) Und deshalb stelle auch ich meinen Bericht zur Lage in diesem Schwellenjahr 2000 ganz unter die Fragestellung: Wie kann es in unserer Landeskirche gelingen, Schwellen zu jenen zu überschreiten, denen der christliche Glaube entweder noch nicht begegnet oder fremd geworden ist. Wie können wir hörend auf den Auftrag unseres Herrn „Gehet hin!“ und auf den Ruf der Menschen „Kommt und helft!“ Schwellen überschreiten?
Teil I: Gott hat keine Schwellenängste – Zur theologischen Begründung missionarischen Handelns
1. Mission und Evangelisation
Bei meinem Nachdenken beginne ich mit einigen begrifflichen Klärungen. Mission meinte von seiner Geschichte her die Ausbreitung des christlichen Glaubens außerhalb Europas, während Evangelisation in den historischen Kontext der von J. H. Wichern begründeten Inneren Mission gehörte. Diese herkömmliche Differenzierung zwischen Mission und Evangelisation ist obsolet geworden. Heute wird Mission und Evangelisation weithin nicht mehr in einem geografischen Sinn differenziert und auch nicht von ihrer jeweiligen Zielgruppe her definiert.
Der Begriff „Evangelisation“ ist abgeleitet vom neutestamentlichen euangelizzesthai, was so viel heißt wie „das Evangelium verkündigen“. (…) Evangelisation ist also „eine Form der Mission. Sie erhält durch ihre Zuordnung zur Mission ihre Weite. Umgekehrt erhält durch die Evangelisation die Mission ihre Spitze“ (…).
Gründet Evangelisation auf der Mission, auf dem Auftrag der Kirche, so ist sie kein subjektiven Bedürfnissen entspringendes Handeln der Kirche, sondern vielmehr Antwort auf das vorgängige Wirken Gottes, auf seine Zuwendung zu uns Menschen. (…) Von daher ist es eine schlimme Deformation, wenn Evangelisation als Indoktrination missbraucht wird, indem die Adressaten mit zweifelhaften Praktiken „bearbeitet“ werden. (…) Nicht zertrümmern, sondern aufrichten, nicht zerstören, sondern heilen, nicht spalten, sondern versöhnen – das muss die Absicht von Evangelisation sein. Ziel aller Evangelisation ist es, dass Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit finden, die frei macht.
(…) Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Mission der Kirche begründet ist in der Mission Gottes selbst, in der missio Dei. Gott hat sich selbst zur Welt in Beziehung gesetzt. Er kennt keine Schwellenängste, vielmehr sendet er seinen Sohn in die Welt. In dieser Sendung Gottes hat kirchliche Mission ihren Grund (…) An der missionarischen Leidenschaft, mit der eine Kirche all ihr Handeln an diesem Auftrag ausrichtet, ist die Lebendigkeit einer Kirche abzulesen. (…)
2. Zeugnis und Dienst
Geht es aber bei Mission und Evangelisation um eine Grunddimension kirchlichen Handelns, dann ist es wichtig, dass diese Dimension in vielfältigsten Formen Gestalt gewinnt. Ist die Gemeinde – wie Paulus im 2. Korintherbrief einmal sagt (2 Kor 3,2f) – ein mit dem Geist Gottes geschriebener lebendiger Brief Christi, der von allen Menschen gelesen werden soll, dann müssen alle Gaben in der Gemeinde Christi beim missionarischen Briefeschreiben genutzt werden. Dann darf und kann es keine Trennung zwischen missionarisch-evangelistischem und sozialdiakonischem Handeln, zwischen Zeugnis und Dienst geben. Dann darf die zum Glauben einladende Verkündigung nicht ausgespielt werden gegen das soziale, politische und prophetische Engagement der Kirche, der Gottesdienst nicht gegen die Diakonie, das verkündigende nicht gegen das lehrende, unterweisende und die Versöhnung feiernde Handeln der Kirche. Vielmehr müssen alle diese Handlungsformen als komplementäre, d. h. sich ergänzende Gestaltungen der missionarischen Grunddimension von Kirche verstanden werden.
(…) In den letzten Jahren war die diakonische Arbeit stark geprägt vom Hang zur Spezialisierung und Professionalisierung der einzelnen Arbeitsfelder. Dies hat dazu geführt, dass viele Gemeinden ihre diakonische Verantwortung an Spezialisten delegiert haben. Jetzt gilt es, die diakonische Kompetenz der Gemeinden neu zu stärken und die missionarische Qualität diakonischen Handelns wieder bewusst zu machen. (…)
3. Sprachfähigkeit im Glauben
Was aber ist grundlegend zu beachten bei der Gestaltung von Mission und Evangelisation? Zunächst sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu benennen, unter denen sie heute geschehen. Da ist zum einen auf die Marktsituation hinzuweisen, auf die sich Kirche auch in ihrem missionarisch-evangelistischen Handeln einlassen muss. (…) Mission und Evangelisation in der Erlebnisgesellschaft erinnern uns an ein nicht aufzulösendes Spannungsverhältnis der Theologie: Der Glaube gründet nicht auf Erfahrung, aber er macht Erfahrungen. Der Glaube basiert nicht auf Gefühlen und doch bezieht er die Welt der Gefühle mit ein. Der Glaube lebt nicht vom Erleben und doch will und muss er erlebt und gelebt werden.
Mit dem Blick auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Mission und Evangelisation und den damit aufbrechenden Fragen taucht ein Grundproblem auf, das ich als zentral ansehe: Mission im eigenen Land war bisher so wenig im Blick, dass Christinnen und Christen bei uns das Reden von Gott in der Welt kaum eingeübt haben. Schweigen und Sprachlosigkeit sind inzwischen gewohnte Verhaltensmuster. (…)
Die Sprachlosigkeit ist auch eine Folge eines berufsspezifischen Wahrnehmungsdefizits von uns Theologinnen und Theologen von dem, was in der Alltagswelt unserer Gemeindeglieder und darüber hinaus geschieht. Auch müssen wir begreifen, dass Sprache weit mehr ist als das gesprochene und gedruckte Wort. Sprache ist vielmehr die Summe der Worte, Zeichen und Rituale, die Erfahrungen und Erkenntnisse auszudrücken vermögen. Auch ein Kirchengebäude predigt, und oft sind solche „stummen Predigten“ weitaus wirkungsvoller als die mit Wortgewalt gehaltenen.
Angesichts der weit verbreiteten Sprachlosigkeit in unserer Kirche ist es wichtig, dass wir (wieder) lernen, zentrale Inhalte unseres Glaubens elementar zur Sprache zu bringen. Das wird unsere vorrangigste Aufgabe auf der Schwelle zum 3. Jahrtausend, mit Schwestern und Brüdern zusammen neu eine Sprache des Glaubens zu lernen - im Hören auf die Sprache der Bibel. (…) Wir müssen eine Sprache des Glaubens lernen, bei der wir selbst als Suchende suchenden Menschen zu Begleiterinnen und Begleitern auf dem Weg des Glaubens werden. Wir müssen eine Sprache des Glaubens lernen, bei der wir – wie Fulbert Steffensky es ausgedrückt hat – „als Bettler dem andern Bettler sagen, wo es etwas zu essen gibt“.
(…) Genau mit einem solchen Erzählen vom Glauben beginnt Mission: „Gott hat Großes an uns getan.“ Davon haben wir in der Kirche zu erzählen. Die Bibel ist voller Geschichten vom Glauben. Unsere Kirche ist voller Geschichten vom Glauben, die es einander zu erzählen gilt. Mission und Evangelisation sind nicht möglich ohne lebensgeschichtliche Glaubenserfahrung. (…) Wer Erfahrungen des Glaubens gemacht hat, kann nicht stumm bleiben. Wer glaubt, hat etwas zu erzählen von der Güte Gottes. Wer glaubt, kann deshalb den Menschen gütige Zusagen Gottes zusprechen: „Du bist ein wunderbares Wesen. Du bist nicht verloren. Du bist zur Freiheit befreit.“ (…)
Kirche als Sprachschule im Glauben – wenn wir uns an diesem Ziel ausrichten, dann verändert sich die Gestalt unserer Kirche. Dann sind wir auf dem besten Weg zu einer Beteiligungskirche. (…)
Warum nicht auch ein stärkeres Einbeziehen des Glaubenszeugnisses von Gemein-degliedern in das Predigtgeschehen? Was hindert uns, das Priestertum aller Gläubigen auch in starker Mitbeteiligung der Nichtordinierten an der Verkündigung unserer Kirche praktisch werden zu lassen? (…) Ich jedenfalls bin davon überzeugt, dass wir als Kirche hinsichtlich von Mission und Evangelisation nur weiterkommen, wenn wir das Glaubenszeugnis im Alltag der Welt und in unseren Gottesdiensten viel deutlicher und klarer als das gemeinsame Zeugnis aller Getauften darstellen und dabei bisherige Schwellen zwischen Ordinierten und Nichtordinierten überwinden.
4. Mission im Dialog
Bei solchem missionarisch-evangelistischem Handeln aller Getauften wird es darauf ankommen, dass wir endlich die unselige Alternative „Mission oder Dialog“ überwinden. Bei Mission und Evangelisation geht es um ein „Arrangement auf Augenhöhe“, (…) Mission und Evangelisation können nicht geschehen ohne die eigene Wahrheitsgewissheit, die Grundlage jeder Überzeugungskraft ist. Sie können aber auch nicht geschehen ohne die Bereitschaft zur Wahrheitsanerkennung, die davon ausgeht, dass mein Gegenüber auch Wahrheit vertritt, aus der ich Gottes Stimme vernehmen kann. Auch in der Stimme Ungläubiger kann mir eine prophetische Stimme entgegentreten. (…) Deshalb gehört der Dialog, das Hören auf die Wahrheitsansprüche der anderen genauso zur Mission wie das Gewiss-Sein in der eigenen Wahrheitserkenntnis.
An dieser Stelle möchte ich auf eine Kontroverse eingehen, die seit einiger Zeit vor allem in Baden-Württemberg mit großer Heftigkeit geführt wird: ich meine die Debatte um die Legitimität der sogenannte ‚Judenmission‘. (…)
Das, was heute in kleinen missionarisch-evangelistisch arbeitenden Gruppierungen geschieht, wenn Juden sich im Bekenntnis zu Jesus Christus taufen lassen, dabei aber weiterhin in ihrem Selbstverständnis Juden bleiben, hat nichts zu tun mit der grausamen Praxis der Zwangsmissionierung von Juden. (…) Die Tübinger Fakultät hat Recht, wenn sie feststellt, dass die Bezeugung des Evangeliums gegenüber Juden und gegenüber der Gesamtheit der Nicht-Christen von Anfang an zur Kirche gehörte und vom Christsein selbst unablösbar ist. Es ist unbestritten, dass die Geschichte des Holocaust uns Deutschen zu ganz besonderer Zurückhaltung im Glaubensgespräch mit Juden nötigt. Aber darf die grausame Unrechtsgeschichte der Christenheit gegenüber dem Judentum uns wirklich dazu nötigen, unser Glaubenzeugnis den Juden vorzuenthalten? (…)
Mission im Dialog - in dieser Hinsicht haben wir noch manches zu lernen, nicht nur im jüdisch-christlichen Dialog. (…) Mission und Evangelisation müssen dialogischen Charakter haben, denn sie zielen auf freie Zustimmung des anderen, der anderen. (…)
Teil II: Schwellenüberschreitungen in unserer Landeskirche
Worin missionarisch-evangelistische Schwellenüberschreitungen im Schwellenjahr 2000 ihre theologische Begründung haben, haben wir bedacht und was bei ihrer Gestaltung zu beachten ist, habe ich dargelegt. Wie sie in unserer Landeskirche vollzogen werden, möchte ich im zweiten Teil meines Berichts skizzieren. Damit will ich uns allen die Augen öffnen für die unzähligen Chancen und den ungeheuren Reichtum missionarisch-evangelistischer Arbeit in unserer Kirche.
1. Missionarische Bewegung als Gebetsbewegung
(…) Quelle allen missionarischen Handelns ist es, dass Gott uns gesucht hat und wir uns deshalb auf die Suche nach Spuren seiner Gegenwart in unserer Welt machen. Die von uns verlangte Suchbewegung des Glaubens muss auch zur Gebetsbewegung werden (…)
Die missionarische Bewegung einer Kirche muss in ihrem Kern und zuallererst eine Bewegung sein, bei der wir nicht nachlassen zu beten: „Dein Reich komme.“ Wenn das Kommen Gottes in diese Welt und das Kommen seines Reiches zu allen Menschen uns ein Gebetsanliegen wird, dann wird es auch unser Handeln leiten. (…)
2. Die missionarischen Chancen im Alltag der Gemeinden
Als zweites nehme ich unseren normalen Gemeindealltag mit seinen Möglichkeiten in den Blick. Wie viele Gemeinden gibt es doch in unserer Landeskirche, deren Leben eine große missionarische Kraft ausstrahlt! (…)
Als wichtigste Aufgabe aber liegt vor uns, die Hemmschwelle zu überwinden, die ganz normalen Gemeindegottesdienste als missionarische Chance wahrzunehmen. Der Sonntagmorgengottesdienst ist de facto längst zu einem Zielgruppengottesdienst geworden. Umso wichtiger ist es, neue zielgruppenorientierte Gottesdienste zu gestalten. (…)
3. Kirchengebäude als evangelisierende Orte
Als Drittes lenke ich unseren Blick auf das, was uns allen als Erstes auffällt, wenn wir uns einem Dorf oder einer Stadt nähern. Ich meine unsere Kirchengebäude, die mit ihren Türmen weit ins Land hinein sichtbar sind. Viele unserer Kirchen sind Orte, die mit ihrer Aura verkündigend wirken. Um welche missionarischen Chancen bringen wir uns eigentlich, wenn wir unsere Kirchentüren die Woche über verschließen! (…) Wir müssen unsere Kirchenräume zum Sprechen bringen und müssen Menschen die Möglichkeit bieten, in unseren Kirchen fürbittend Kerzen zu entzünden! (…)
So können Menschen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, jederzeit die Schwelle zur Kirche überschreiten.
4. Die missionarische Kraft der Kirchenmusik
Unterschätzen wir ferner nicht die missionarische Kraft der Kirchenmusik. Welch einen Schatz hält gerade die protestantische Kirchenmusiktradition bereit. (…)
Aber täuschen wir uns nicht: Auch die Sprache der Kirchenmusik ist in ihrem geistlichen Gehalt nicht mehr für alle Menschen erfassbar. Viel stärker müssten wir die Chance nutzen, bei Kirchenkonzerten durch das Sprechen kurzer, einprägsamer Texte elementare Glaubensinhalte zu vermitteln, um den geistlichen Gehalt der Kirchenmusik zu deuten. (…)
Und übersehen, besser: überhören wir nicht, wie vielen Menschen durch die Kirchenmusik ein Zugang zum Glauben eröffnet wird, durch das Wirken der Haupt- und Nebenamtlichen in der Kirchenmusik, der Bläserinnen und Bläser in unseren Posaunenchören, der Sängerinnen und Sänger in den Kantoreien und Kirchenchören, der Bandleader und Chorleiterinnen und –leiter, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Musikprojekten. (…)
Die traditionelle Kirchenmusik, die wir pflegen, ist das eine. Wir müssen aber auch wahrnehmen, dass die Gefühlswelt vor allem vieler junger Menschen sich in der modernen Pop- und Rockszene wiederfindet. Ein großer Teil dieser Musik ist viel frömmer als wir ahnen. (…)
5. Sprachschule im Glauben
Missionarisch-evangelistisches Handeln der Kirche ist nicht möglich ohne Sprachfähigkeit im Glauben. Deshalb kommt eine besondere Bedeutung all jenen Projekten und Handlungsfeldern zu, in denen solche Sprachfähigkeit erworben wird. (…)
6. Die Mission der Tat
Nicht nur das Zeugnis des Wortes ist es, das kräftig missionarisch hineinwirkt in unsere Welt. Oftmals und für viele Menschen deutlicher noch ist es das Zeugnis der Tat. Die Schwelle zwischen Sozialdiakonischem und Missionarischem muss endlich abgebaut werden! (…)
7. Mission als Einmischung in äußere Angelegenheiten
In diesen Zusammenhang gehört auch das missionarische Zeugnis, das unsere Kirche ablegt, indem sie sich einmischt in gesellschaftliche Debatten durch Beiträge, sei es einzelner ihrer Mitglieder, sei es bestimmter Institutionen wie Theologische Fakultät oder Evangelische Akademie. Besonders mit ihrer im Herbst 1999 durchgeführten Kampagne zur Bewahrung des Sonntagsschutzes hat die evangelische Kirche evangelisierend gewirkt. (…)
Je profilierter, und das heißt: auf unsere biblische Tradition verweisend, wir uns als Kirche in öffentliche Debatten einbringen, desto aufmerksamer werden wir wahrgenommen.
8. Evangelistische Projekte
Wenn ich jetzt über spezifisch evangelistische Projekte spreche, dann möchte ich zuallererst die im vergangenen Jahr im Kirchenbezirk Eppingen-Bad Rappenau durchgeführte Aktion „neu anfangen“ erwähnen, die mich sehr beeindruckt hat, weil es bei dieser Aktion gelungen ist, mit vielen Menschen einer Region über den Glauben ins Gespräch zu kommen. (…)
Begegnung sollte auch im Mittelpunkt stehen in jenen über 30 Gemeinden unserer Landeskirche, die sich vom 19. - 25.3.2000 an der Evangelisationsveranstaltung ProChrist beteiligt haben. (…)
Überhaupt scheint mir an der Zeit, dass nun die Frage, wie wir spezifische Angebote für Kirchendistanzierte entwickeln, neu aufgegriffen wird. Lasst uns hier die Schwelle der Ratlosigkeit und Bedenkenträgerei überschreiten. (…)
Die Visitation einer Gemeinde oder eines Bezirks bietet die Chance zur Evaluierung ihrer missionarischen Möglichkeiten.
9. Die Kircheneintrittskampagne und der Leitsatz-Diskussionsprozess
Im Schlussteil meines Berichts nenne ich noch zwei landeskirchliche Projekte, deren missionarische Komponente oft unterschätzt wird. Eine Kirche, die den Anspruch aufgibt, wachsen zu wollen, ist in ihrer Substanz gefährdet, weil sie sich der Mission Gottes verweigert. Weil dies so ist, hat auch die Kircheneintrittskampagne des zurückliegenden Jahres etwas mit Mission zu tun. (…)
Seit Sommer 1999 läuft in unserer Landeskirche die Diskussion künftiger Leitsätze. Unter der Fragestellung „Was wir glauben“ wollen wir das Glaubensthema wieder in den Mittelpunkt kirchlicher Debatten stellen. Unter der Fragestellung „Wer wir sind“ versuchen wir das Verhältnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Kirche zu klären, ihr Selbstverständnis zu stärken und zu profilieren. Und unter der Fragestellung „Was wir wollen“ geht es um eine nachhaltige Verbesserung zielorientierten kirchlichen Handelns. (…)
Hier die Schwelle zu überschreiten heißt: endlich voller Selbstbewusstsein von unserem Glauben und unserer Kirche reden! (…)
Wir sind als Kirche nicht zum Bedenkenträger, sondern zum Hoffnungsträger berufen, zum Träger der Hoffnung auf eine gute Zukunft Gottes mit den Menschen. (…)
Liebe Synodale, hoffentlich ist deutlich geworden, welche ungeheuren missionarischen Chancen wir in unserer Landeskirche haben. Ich will nicht schließen, ohne von Herzen allen in unserer Kirche zu danken, die diese Chancen beherzt nutzen und mit ihrem unermüdlichen Einsatz dazu beitragen, dass der Eifer Gottes für diese Welt im missionarischen Handeln unserer Kirche spürbar wird. Ich danke allen, die auf der Schwelle zum 3. Jahrtausend dem Auftrag Christi „Gehet hin!“ ebenso folgen wie sie den sehnsüchtigen Ruf vieler Menschen „Kommt und helft uns!“ hören. Ich danke allen, die im Wissen darum, dass Gott keine Schwellenängste kennt, immer wieder zu Schwellenüberschreitungen bereit sind. Möge Gottes Geist in unserer Kirche wehen, so dass mehr und mehr Menschen entdecken, wie in der Kirche Jesu Christi Taten sprechen und Worte wirken können – zum Lobe Gottes und zum Heil der Welt.

Bericht zur Lage im Wortlaut (PDF Dokument zum Download)