Verstehst Du auch, was du liest?

 

Bericht zur Lage von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Frühjahrstagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 22. April 1999
Stark gekürzte Fassung (den kompletten Text finden Sie unterhalb des Textes als PDF-Dokument zum Download)

Frau Präsidentin, werte Gäste, liebe Synodale,
am 31. März des letzten Jahres wurde ich in das Amt des Landesbischofs eingeführt. Heute erstatte ich dieser Synode meinen ersten Bericht zur Lage, und ich beginne ihn damit, daß ich einige wenige Worte über meine eigene Lage nach 387 Tagen im Amt sage. So wie mein Dienst an jenem herrlichen, sonnendurchfluteten Frühjahrstag des 31. März 1998 begann, so war er auch über weite Strecken dieses ersten Jahres. (…) So kann ich nach diesem ersten Jahr im neuen Amt sagen: Ich bin gern Bischof dieser Landeskirche, und hoffentlich spürt man davon auch etwas.

Ich erstatte diesen Bericht am Ende des letzten Jahres dieses Jahrzehnts, dieses Jahrhunderts, dieses Jahrtausends. Man muß kein Prophet sein, um sagen zu können, daß das Jahr 1999 dahingehend ein aufregendes und aufgeregtes Jahr wird, daß es einlädt, die Zeichen der Zeit zu deuten. Zeichendeutung, Zeitdeutung ist angesagt in diesen Monaten vor der Jahrtausendwende. (…) Ich meine hier nicht nur die Soziologinnen und die Philosophen, nicht nur die Wirtschaftswissenschaftler und die Kulturhistorikerinnen, ich meine auch uns Theologinnen und Theologen. Denn ist dies nicht eine unserer wichtigsten Aufgaben, Menschen den Sinn des Lebens zu erschließen, Verstehenshilfe zum Leben aus dem Glauben an Jesus Christus heraus zu geben? Ist dies nicht das vordringliche Geschäft der Theologinnen und Theologen, Hermeneutinnen und Hermeneuten menschlicher Alltagserfahrung und biblischer Botschaft zu sein?

(…) Eine am Wort Gottes geschärfte Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit brauchen die Theologinnen und Theologen, um plausibel argumentieren zu können, warum man Christ werden und bleiben soll. Grundsituationen des Lebens sind im Lichte des Evangeliums zu deuten. Die „Texte“, die Pfarrerinnen und Pfarrer zu lesen imstande sein müssen, sind also nicht nur die Texte der Bibel, sondern sind auch Situationen des Lebens. (…)

Christlicher Glaube hat sein Merkmal darin, daß denen, die aus ihm heraus das Leben deuten, spürbar wird, wie sich ihnen ein unendlich weiter Horizont erschließt, in den sie ihr Leben hineingestellt sehen können. Von diesem Horizont her, der alles umgreift, was sonst unüberschaubar und fragmentarisch erscheint, empfängt das Leben eine Orientierung. Das Spezifische einer evangelischen Deutung des Lebens dürfte dann darin liegen, daß diese es gut aushält, daß andere die Welt im einzelnen und im konkreten anders „lesen“. Sie mißtraut allen, die prinzipiell meinen, nicht noch einmal nachlesen zu müssen, weil sie angeblich schon alles erfaßt haben. (…) Auf die Welt, auf das Leben ist der letzte und endgültige Blick von uns noch nicht geworfen, unsere Sicht der Welt, unser Lesen des Lebens ist grundsätzlich unabgeschlossen, geheimnisvoll offen. Und darum gehört zum Lesen der biblischen Texte wie der Texte des Lebens auch die Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes.

Aber was haben Theologie und Kirche einzubringen, wenn sie Menschen dazu verhelfen wollen, ihr Leben zu verstehen? Natürlich haben wir zunächst unsere Fähigkeit der Wahrnehmung des Lebens einzubringen, die Nähe zu den Menschen und ihren Fragen, das In-der-Welt-Sein der Kirche, die zahlreichen Berührungen des kirchlichen mit dem gesellschaftlichen Leben, also unsere Kompetenz (…) All dies benennt aber noch nicht das Proprium kirchlicher und theologischer Hermeneutik. (…) Es kann nicht gutgehen, wenn Kirche meint, sich in der Deutung der Lebenswirklichkeit verausgaben zu können, ohne sich in dieser Deutung ständig zurückzubeziehen auf das, was Grundlage ihres Seins ist, das von Gott gesprochene Wort, das in Jesus Christus Fleisch geworden ist. Es kann aber auch nicht gutgehen, wenn Kirche meint, die heutige Lebenswirklichkeit entweder ausblenden oder zumindest nicht ernst nehmen zu müssen und das Verstehen des Lebens ausschließlich auf das Verstehen des in der Bibel gegebenen Wortes Gottes reduzieren zu können. (…)

Diese grundsätzlichen Überlegungen zur hermeneutischen Aufgabe der Theologie möchte ich nun auf einige aktuelle Fragestellungen in unserer Kirche beziehen. (…)

1. Die Jahrtausendwende: Die Zeichen der Zeit deuten
Die Jahrtausendwende ist eine „kritische“ Zeit. Vielen Menschen ist das Jahr 2000 zu einer Metapher für neue Hoffnungen geworden, anderen zu einem Katalysator für apokalyptische Stimmungen mit angstmachenden Endzeiterwartungen. Die Jahrtausendwende ist eine Zeit, in der sich Kritisches zu Wort meldet, nämlich die Unsicherheit, mit der die moderne Kultur und Zivilisation erlebt wird. Und inmitten aller Unsicherheit bricht sich das starke Vergewisserungsbedürfnis des Menschen Bahn. (…) Wenn wir Christinnen und Christen von der Hoffnung sprechen, dann sprechen wir von einer begründeten Hoffnung. (…) Wenn wir in dieser Hoffnung von der Zukunft sprechen, dann sprechen wir nicht von unserer Zukunft, nicht von der Zukunft der Welt, sondern von Gottes Zukunft. Dann verstehen wir Zukunft nicht als in die Zukunft hinein fortgeschriebene Gegenwart, sondern als einen für jeden Menschen offenen und unverfügbaren Raum. Christliche Hoffnung richtet sich auf die Zeit, in der Gott selbst kommen wird. Deshalb hoffen wir nicht auf das Ende der Welt, sondern auf ihre Verwandlung. Wir hoffen darauf, daß Gott aller Ungerechtigkeit und Gewalt zum Trotz seine Schöpfung vollenden und damit seine Verheißungen erfüllen wird.

(…) So wird die Jahrtausendwende noch in einem anderen Sinn zur „kritischen“ Zeit, insofern als sie Gericht spricht über zu kurz geratene Hoffnungen und befreit zu einer Hoffnung mit langem Atem, zu einer Hoffnung, die sich nicht begrenzen läßt durch unsere menschlichen Unmöglichkeiten, sondern die auf Gottes Möglichkeiten vertraut. An der Art, wie wir als Kirche die Jahrtausendwende lesen und deuten, wird man erkennen, ob unsere Kirche das ist, was das verbale Logo unserer Landeskirche mit Blick auf ihre Zukunft meint und was ein Journalist kürzlich so formulierte: nicht eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, sondern eine Gemeinschaft mit unbegrenzter Hoffnung.


2. Protestantismus und Kultur: Die kulturellen Prägekräfte des Christentums entziffern
Anfang März veröffentlichten die EKD und die Vereinigung Evangelischer Freikirchen gemeinsam einen Text unter dem Titel „Gestaltung und Kritik. Zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert“. Mit dieser Schrift wird eingeladen zu einem umfassenden Konsultationsprozeß, an dem sich Gemeinden, kirchliche Verbände, Einrichtungen, Werke, Akademien, Erwachsenenbildungseinrichtungen und insgesamt alle Christinnen und Christen, die ihre Stimme einbringen wollen, beteiligen können. Ferner soll diese Schrift dazu dienen, das Gespräch der Kirche mit verschiedenen kulturellen Einrichtungen jenseits der kirchlichen Grenzen zu suchen. (…)

Um zu zeigen, in welcher Weise die Schrift „Protestantismus und Kultur“ nutzbar zu machen ist für ein christlich verantwortetes Lesen des Lebens, wähle ich das in dieser Schrift entfaltete Beispiel der Sonntagskultur. In die Deutung des Lebens müssen wir verstärkt die Erinnerung einbringen, daß die Christenheit mit der Feier des Sonntags des Tages der Auferstehung Jesu Christi gedenkt und daß damit der Sonntag auf die neue Schöpfung verweist, die in Jesus Christus schon Gegenwart ist, aber als vollendete noch aussteht. Wir müssen den Sonntag als Ausdruck des christlichen Grundverständnisses vom Menschen akzentuieren, das besagt, daß der Mensch nicht das ist, was er mit seiner Leistung aus sich macht; insofern ist die Sonntagsruhe praktischer Vollzug erfahrener Rechtfertigung des Gottlosen allein aus Gnaden.

Mit dieser Erinnerung müssen wir uns einmischen in die politische Diskussion um eine dieser Gesellschaft angemessene Gestaltung der Sonntagskultur. (…) Wenn wir bedenken, daß das Gebot der Feiertagsheiligung im Dekalog direkt im Schöpfungshandeln Gottes verankert wird, dann ist damit Wichtiges ausgesagt: Nicht die Steigerung des Arbeitseinsatzes, nicht die Verdoppelung der Kräfte vollenden das Werk, sondern die Ruhe von der Arbeit. Das beinhaltet für den Menschen die Zumutung, daß er den Erfolg seiner Arbeit nicht in Händen hat, aber auch den Trost, daß ihm nicht mehr abverlangt wird, als menschenmöglich ist.

(…) Wer den Sonntag nicht heiligt, wird auch den Alltag nicht human gestalten können. Wer meint, daß Arbeit das ganze Leben sei, der übersieht, aus welchen Quellen Menschen die Kraft zur Arbeit schöpfen. Wer meint, daß das ganze Leben nur Ökonomie sei, der muß sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen an den ökonomischen Zwängen ersticken. (…) Hieran zu erinnern bedeutet, durch ein aus dem Hören auf das Wort der Schrift geschärftes Lesen des Lebens diesem Leben zu einem tieferen Verstehen seiner selbst zu verhelfen.


3. Kinderkirchenjahr: Perspektivenwechsel einüben
Im zurückliegenden Jahr haben wir das Leben neu lesen lernen können durch die Akzentuierung dieses Jahres als eines Kinder-Kirchen-Jahres. Zentrales Anliegen dieses Jahres war es, den von der EKD-Synode 1994 geforderten Perspektivenwechsel zugunsten der Kinder in unserer Kirche umzusetzen. (…)
Überrascht hat beim Kinder-Kirchen-Gipfel die am häufigsten erhobene Forderung der Kinder nach Teilnahme am Abendmahl. (…) [Und] sie wird dazu führen, daß wir unser Abendmahlsfeiern in den Gemeinden wirklich aus der Perspektive von Kindern neu bedenken müssen. (…) Wenn wir uns auf die Perspektive der Kinder einlassen und das Abendmahl aus ihrer Sicht lesen lernen, werden wir den Geschenk- und Gnadencharakter dieses Mahls und des Evangeliums viel klarer wahrnehmen können.

Perspektivenwechsel – das Wort haben wir gelernt, beim Vollzug hapert es aber noch, nicht nur hinsichtlich der Zulassung der Kinder zum Abendmahl. Zu vieles wird immer noch für Kinder, aber nicht zusammen mit Kindern gemacht. Deshalb wird für dieses Jahr 1999 ein Wettbewerb „kinderfreundliche Gemeinde“ ausgeschrieben und im Sommer diese Jahres ein neues Ideenheft herausgegeben, das Lust machen soll, mit Kindern zusammen weiter den Perspektivenwechsel zu üben. Wir brauchen ihn um der Kinder, willen, die getauft sind und unsere Kirche mitgestalten wollen, und wir brauchen ihn um unseres Kircheseins willen, wenn wir in ihr die Gemeinschaft der Getauften wirklich leben wollen. (…)


4. Die Lebensperspektive von Menschen in Not: Arme und Asylsuchende
Das Leben lesen lernen – das können wir nur, wenn wir unsere Perspektive des Lebens nicht absolut setzen. Wie liest sich das Leben aus der Perspektive jener, die zu den Armen in unserer Gesellschaft gehören? Sozialhilfeempfänger müssen mit einem für ihre Existenz gerade ausreichenden Budget auskommen. Die ständige Rechtfertigung für die Anschaffung lebensnotwendiger Dinge führt zum Bewußtsein, das eigene Leben nicht selbständig gestalten zu können und sich in vielerlei Hinsicht in Abhängigkeiten zu befinden. (…) Überschuldete Menschen finden sich gefangen auf der einen Seite durch die Gläubiger, die auf Befriedigung ihrer Forderungen drängen, auf der anderen Seite durch die ständige Angst, kein Geld mehr zu haben oder erwirtschaften zu können(…) Wohnsitzlose wiederum sehen ihre Situation dadurch bestimmt, daß sie - aus sämtlichen für sie wichtigen Beziehungen herausgelöst - ihre Wohnungen verloren haben und ohne Arbeit sind. (…)

Nochmals anders und gewiß gravierender ist die Situation von Asylbewerbern und Flüchtlingen in unserem Land. (…) Die in der Flüchtlingsarbeit Engagierten erleben in ihrem Beistand oft schmerzlich und verbittert, daß die Möglichkeit des Staates, seiner Schutzpflicht nachzukommen, und das Schutzbedürfnis der Flüchtlinge mehr und mehr auseinanderfallen. (…)  Es ist dringend zu wünschen, daß angesichts des unbeschreiblichen Flüchtlingselends, das der Krieg im Kosovo ausgelöst hat, unser Land zu einer humanen, die Belange der von schwerster Not Betroffenen angemessen berücksichtigenden Praxis der Aufnahme dieser Vertriebenen findet. (…) Ihnen muß ein legaler Aufenthalt gewährt und die Arbeitsaufnahme ermöglicht werden. (…)

Es ist deutlich, daß es in unserer Gesellschaft keinen Konsens über wichtige Grundsatzfragen der Ausländerpolitik gibt, auch nicht in unseren Gemeinden. Ich sehe mit Sorge das hohe Maß an Ängsten und Aggressionen. Wie gehen wir mit diesen Äng-sten menschenwürdig um? Was können wir aus unserer biblischen Tradition diesen Ängsten entgegensetzen? (…)
Diese Fragen lassen erkennen, daß die Wahrnehmung armer Menschen in ihrer Lebenssituation ganz konkrete Auswirkungen für unser diakonisches Handeln hat. Aber nicht nur das! Auch unsere gottesdienstliche Praxis wird durch das Lesen des Lebens der Armen und ein darauf bezogenes Lesen der Bibel so beeinflußt und verändert, daß diese Menschen dann auch wirklich in unseren Gottesdiensten in Klage und Fürbitte vorkommen und in der Solidaritätsarbeit Engagierte und Betroffene sich aufgehoben fühlen können in unseren Gemeinden.

5. Der Predigtdienst in der Spannung zwischen Text- und Lebensdeutung
Die hermeneutische Frage im umfassenden Sinn wieder in das Zentrum kirchlicher Arbeit zu stellen, hat auch ganz praktische Bedeutung hinsichtlich der Predigtarbeit in unserer Kirche. (…) Soll das in der Predigt Vermittelte von den Hörerinnen und Hörern als für ihr Leben relevant erfahren werden, muß um ein Verstehen der Lebenssituation der Hörerinnen und Hörer ebenso gerungen werden wie um ein Verstehen der biblischen Texte.

Dieses [von Lange eingeforderte] Bezogensein von Text und Situation möchte ich kurz skizzieren anhand einiger Überlegungen zu jenem Bibeltext, der meinem Bericht zur Lage seinen Titel gegeben hat: zur Erzählung von dem Kämmerer aus Äthiopien, wie sie Lukas im 8. Kapitel der Apostelgeschichte überliefert hat (Apg 8,26-39). In einem unbefangenen Zugang zu dieser Geschichte werde ich sie staunend lesen als eine Erzählung von der Kraft des Heiligen Geistes: Ein Engel des Herrn ruft den Prediger Philippus auf die Straße von Jerusalem nach Gaza. Der Geist Gottes macht Philippus zum Reisebegleiter des schwarzen Finanzbeamten der Königen Kandake und gibt ihm Worte der Schriftauslegung in den Mund. Der Tod Jesu findet mit Hilfe einer Auslegung des Liedes vom Gottesknecht seine Deutung als Sühnopfertod. Angerührt von der Predigt des Evangeliums entscheidet sich der Kämmerer  zur Taufe, ehe Philippus vom Geist Gottes entrückt wird.

Nähere ich mich diesem Text, indem ich ihn zu verstehen versuche im Gesamtzusammenhang der lukanischen Geschichtsschreibung, dann erkenne ich seine exemplarische und weit über den berichteten Einzelfall hinausragende Bedeutung. (…) Mit jener Geschichte von Philippus und dem Kämmerer will Lukas über diese Missionstätigkeit Grundsätzliches aussagen: Mission kann nur recht geschehen in der Kraft des Heiligen Geistes, in der auslegenden Verkündigung des Geschicks Jesu und im geistgewirkten Taufen. So lese ich die Erzählung von Philippus und dem Kämmerer als ein in Erzählform gefaßtes Programm reflektierter Missionstheologie und –praxis.

Nehme ich auf diesem Hintergrund unsere Situation am Ende dieses Jahrhunderts in den Blick, so erkenne ich unschwer unzählige Menschen, die durch diese Zeit fahren in ihren Kutschen, vertieft in eine Lektüre, die sie überfordert. Das Leben erschließt sich ihnen nicht angesichts seiner Unübersichtlichkeit und seiner vielen ungelösten Fragen, angesichts seiner Rätsel und Unklarheiten. Die Bibel erscheint ihnen als Buch mit sieben Siegeln. Sie warten. Sie warten auf Menschen, die sie fragen: „Verstehst du auch, was du liest?“ Sie warten auf Menschen, die sich leiten lassen von Gottes Geist, von Gottes Inspiration. Sie warten auf Menschen, die sie herausreißen aus ihrem ewigen Selbstgespräch. Sie warten auf Menschen, die ihnen die Texte ihres Lebens und der Bibel erschließen und entschlüsseln. Sie warten auf Menschen, die ihnen in der Unübersichtlichkeit des Lebens Orientierung und Halt geben können. Das ist unsere missionarische Situation am Ende dieses Jahrhunderts, dieses Jahrtausends. Und wer diese Situation wahrnimmt, wer sich dieser Situation wirklich aussetzt, wer diesen Menschen Lesehilfe des Lebens und biblische Lesehilfe leistet, der wird auch das Wunder des Glaubens bestaunen können. Wer sich der hermeneutischen Aufgabe der deutenden Wegbegleitung hingibt, der kann – wie Philippus – auch „seine Straße fröhlich ziehen“. Gelungene hermeneutische Arbeit macht fröhlich!


Das hier nur in Umrissen und beispielhaft angedeutete Bezogensein von Lebens- und Textdeutung scheint in unserer Kirche zunehmend zu zerbrechen. So ist einerseits festzustellen, daß es vielfach eine Haltung gibt, in der die Deutung des Lebens ohne Einbeziehung der biblischen Botschaft versucht oder die Bibel lediglich als Steinbruch zur Absicherung eigener Positionen mißbraucht wird. Andererseits wird durch die vorschnelle Reklamierung einer vermeintlichen biblischen Position nicht selten nur eine Verstehensverweigerung kaschiert, die im Kern lediglich der Abstützung bürgerlicher Konvention dienen soll. (…)
Immer häufiger ist in Kreisen, die der Volkskirche kritisch gegenüberstehen, davon zu lesen oder zu hören, daß es „bibelgläubige“ Pfarrerinnen und Pfarrer bzw. Gemeinden gebe. Diese Rede hat natürlich eine polemische Spitze, weil sie impliziert, daß all jene, auf die diese Klassifizierung nicht zutrifft, nicht auf dem Boden von Bibel und Bekenntnis stehen. (…)

Ich halte das Prädikat der „Bibelgläubigkeit“ für im höchsten Maße kontraproduktiv, da es geradezu verhindert, eine „Kunst des Verstehens“ der biblischen Botschaft zu entwickeln. Ist es denn wirklich unser Auftrag als Christinnen und Christen, „bibelgläubig“ zu sein? Ist es denn die Bibel, an die wir glauben? Ist nicht vielmehr Gegenstand unseres Glaubens das Wort des dreieinigen Gottes, das uns in den Worten der Bibel eben nur als ein zu Menschen bestimmter Zeit gesprochenes Wort gegeben ist? Die Bibel wurde nicht für uns geschrieben, und deshalb ist es auch verfehlt, in völliger Unmittelbarkeit zu den biblischen Texten einen Beweis besonderer Treue gegenüber Gottes Wort zu sehen. Die biblischen Schriften haben festgehalten, was als Gottes Wort in eine bestimmte Lebenssituation hinein vernommen und weitergesagt wurde, und die biblische Botschaft in ihrem Bezogensein auf die Menschen zu verstehen, beinhaltet die Kunst, immer wieder nach dem historischen Ort der biblischen Schriften zu fragen, um zu entdecken, wie aus diesen Schriften auch heute Gottes Wort zu uns redet. Und nicht jedes Wort der Bibel ist eben für uns heute noch als Gottes Wort verstehbar. Das Etikett der „Bibelgläubigkeit“ suggeriert aber, man würde mit dem Glauben an die Bibel unmittelbar und unvermittelt an Gott glauben, sein Wort vernehmen können. Die Kunst des Verstehens biblischer Texte aber ist gerade die Kunst, den Bezug des Wortes Gottes auf eine bestimmte geschichtliche Situation hin zu verstehen. (…)

Nicht nur die in unserer Kirche unbestreitbar vorfindliche Unverbindlichkeit im Umgang mit biblischen Texten verweigert wirkliches Verstehen, sondern eben auch eine vermeintliche „Bibelgläubigkeit“, die sich dem Verstehen biblischer Texte nicht wirklich aussetzt. (…)
Unschädlichmachung der Wahrheit durch Umarmung, Zerstörung der Wahrheit durch den Zwang zur Wörtlichkeit – das ist das Ende des Verstehens. Die innere Wahrheit der Bibel wird zerstört, wenn sie gefangen wird in der Wörtlichkeit von Sätzen. (…)

Wollen wir als Theologinnen und Theologen, als Kirche insgesamt wirklich den Menschen helfen, ihr Leben zu verstehen, müssen wir uns um ein wirkliches Verstehen biblischer Texte verstärkt bemühen. Und solches Bemühen hat sehr viel mit Lebenserfahrung zu tun. Denn die biblischen Texte reden von den Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. (…) Wenn wir also die Kunst des Verstehens erlernen wollen, müssen wir unsere Lebenswirklichkeit und unsere Lebenserfahrungen ebenso wahrnehmen und deuten wie auch die Lebenserfahrungen, die in den Texten der Bibel ihren Niederschlag gefunden haben. Wir werden verstärkt auf unsere eigenen Lebenserfahrungen hören lernen müssen, um sagen zu können, was wir glauben. Und wir werden uns in die religiösen Lebenserfahrungen hineinversetzen müssen, die aus den Texten der Bibel zu uns sprechen. So werden wir zu einer Rede von Gott kommen, die ausdrückt, was wir - im Gespräch mit den Menschen der biblischen Zeit - selbst von Gott erfaßt haben.

(…) Nicht so sehr normierend sollten wir in Theologie und Kirche der Welt gegenübertreten, sondern lebensdeutend und um die Grenzen der eigenen Wahrheitserkenntnis wissend. Dann werden auch im neuen Jahrtausend Menschen die Botschaft des Evangeliums annehmen und ihre Straßen fröhlich ziehen können.