In der Stille Gott begegnen

 

Mit dem Herzensgebet entdecken immer mehr Christen die spirituelle Seite ihres Glaubens

P. Müller-Roth & W. Max

Petra Müller-Roth und
Kontemplationslehrer Wolfgang Max

Petra Müller-Roth hatte kein Burnout. Sie war nicht zusammengebrochen unter der dreifachen Belastung als Sozialarbeiterin, Hausfrau und Mutter von zwei kleinen Kindern. Der Stress fraß sie nicht auf, damals vor 15 Jahren. Aber der turbulente Alltag machte sich bei ihr durchaus bemerkbar. „Es f el mir einfach immer schwerer, Sorgen und schwierige Gedanken auszublenden und zur Ruhe zu kommen“, erzählt die heute 46-Jährige. Deshalb wurde sie sofort neugierig, als in ihrer Gemeinde für das Wochenendseminar „Tage der Stille“ geworben wurde wurde.

Gebet und Betende finden einander
An dem Wochenende im Einkehrhaus der Straßburger Diakonissen auf dem Hohrodberg im Elsaß machten Petra Müller- Roth und ihr Mann unter der Anleitung von Pfarrer Wolfgang Max Bekanntschaft mit dem Herzensgebet. Bei dieser Form des Betens wird ein einziges Wort oder ein Satz immer wiederholt. Dies geschieht lautlos – „im Herzen“. Im Idealfall sind innere Ruhe und Gelassenheit die Folge.
Das Gebetswort ist das Wesentliche beim Herzensgebet. Es ist etwas ganz Persönliches und für jeden Betenden ein Begriff, der ihm Gott näherbringt. „Sein Gebetswort kann man nicht bestimmen – man muss es finden“, erklärt Wolfgang Max, der seit fünf Jahren die Fachstelle Geistliches Leben in der badischen Landeskirche leitet. „Ich gebe nur Hilfestellung. Wer beispielsweise auf Bibelworte achtet, die in seinem Leben schon einmal eine Rolle gespielt haben, oder auf seine Träume, darauf, was ihn im Innern bewegt, der wird auf die Spur zu ,seinem‘ Gebetswort geführt.“ Auch Petra Müller-Roth fand ihr Gebetswort: „Jesus Christus, erbarme dich meiner.“

Gottes Gegenwart erfahren
Wolfgang Max‘ Übungstage zum Herzensgebet beginnen oft mit einem Gang in die Natur. „Dann folgen eine kurze Einführung in das Thema und wir beten zweimal 15 bis 30 Minuten in der Stille.“ Dasselbe wird am Nachmittag wiederholt. Am Abend ist auf Wunsch Zeit für Fragen, gegenseitigen Austausch und Einzelgespräche mit dem geistlichen Begleiter.
Das Prinzip der eigentlichen Gebetsphasen könnte einfacher nicht sein: „Man tut nämlich im Grunde gar nichts“, sagt Max. Es geht beim Herzensgebet schlicht um das Dasein in der Gegenwart Gottes. Möglicherweise wird deshalb diese Form der Spiritualität aktuell immer beliebter: Man ist in Gemeinschaft – und kann einfach schweigen. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass zunehmend Männer, die ja oft von Natur aus eher wortkarg sind, das Herzensgebet für sich entdecken, vermutet Wolfgang Max.

Auch im Alltag kehrt Ruhe ein
Dieses einfach mal gar nichts tun müssen war auch für Petra Müller-Roth das Reizvolle. „Am Anfang fi el es mir zwar schwer, dabei meine Gedanken auszublenden“, erinnert sie sich an ihr erstes Herzensgebet-Wochenende vor 15 Jahren. „Aber mit der Zeit habe ich immer besser gelernt, meine Sorgen einfach weiterziehen zu lassen – und bin tatsächlich ruhiger geworden.“
Idealerweise nehmen die Betenden diese Ruhe ein Stückweit mit zurück in den Alltag. Die Übungstage geben die Impulse dafür. „Am liebsten würde ich das Herzensgebet jeden Tag machen“, sagt Petra Müller-Roth. Aber als berufstätige Mutter bleibt dafür nicht immer Zeit. Ein Mal pro Woche gönnt sie sich jedoch bewusst eine Stunde Spazierengehen am Rhein. Es ist immer dieselbe Runde, während der Petra Müller-Roth einfach nur still betet. „Auf dem Hinweg vergesse ich meine Sorgen, und der Rückweg erfüllt mich dann mit neuer Energie.“

Hilfe für die Helferin
Überall dort, wo sie Verantwortung trage, helfe ihr diese Form des Zu-sich-selber-Findens – und des Zu-Gott-Findens. „Wenn man Kinder großzieht, gibt es immer wieder Stresssituationen, etwa wenn die Noten schlechter werden oder wenn die Kinder nicht zur vereinbarten Zeit aus der Disco heimkommen. Die Ruhe, die ich durch das Herzensgebet erfahre, lässt mich meine Sorgen leichter an Gott abgeben. Ich spüre, dass meine Familie und ich gut aufgehoben sind.“ Das Herzensgebet bewahre sie vor dem Ausbrennen, ist sich Petra Müller-Roth sicher. Als Sozialarbeiterin betreut sie täglich straffällig gewordene Jugendliche. „Wenn ich unterwegs zu einem schwierigen Gespräch bin, übe ich im Auto das Herzensgebet. Dann habe ich das Gefühl, nicht allein in die Situation gehen zu müssen.“
In Petra Müller-Roths Alltag als Sozialarbeiterin, Ehefrau und Mutter ist vor allem ihre Fähigkeit gefragt, die Bedürfnisse der anderen zu erkennen, zu helfen und Ratschläge zu geben. „Deshalb ist es besonders wichtig, dass ich mich auch selbst immer wieder hinterfrage. Das Herzensgebet hilft mir dabei, denn es lässt mich demütig werden. Ich fühle, dass nicht alles nur von mir abhängt, sondern dass Gott hinter mir steht – und das gibt mir enorm viel Kraft.“

 

(Judith Knöbel-Methner, Zentrum für Kommunikation)

       

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