Mit den Füssen beten - Abenteuer Jakobsweg
Pfarrer Jörg Hinderer leitet nicht nur die Evangelische Erwachsenenbildung Hochrhein, sondern auch Pilgergruppen auf den Spuren der „Wanderer Gottes“
Gehen und in sich gehen – das macht Pilgern aus.
Seit fast zehn Jahren bin ich inzwischen mit Pilgergruppen unterwegs nach Assisi und Santiago de Compostela in Spanien. Der Weg zum Grab des Apostels Jakobus war im Mittelalter neben den Wegen nach Rom und Jerusalem einer der drei großen Pilgerwege.
25 Stunden Anfahrt im Zug, dann zwölf Lauftage mit je 25 Kilometern auf steinigem Untergrund, Morgen- und Abendandacht in wechselnden Kirchen, Übernachtungen in einfachen Herbergen, in Doppelstock-Betten, schlichtes Frühstück … und als ob das noch nicht reicht, haben trotz bester Schuhe am dritten Tag fast alle Blasen und die Herberge gleicht einem Lazarett humpelnder Menschen. Da werden die Probleme klein, die einen im Alltag beschäftigen. Doch das Entbehrungsreiche gehört dazu.
Spiritualität mischt sich mit Abenteuerlust
Es ist nicht irgendein Weg, den wir hier gehen. Wir vertrauen uns alten Wegen an, die seit Jahrhunderten Tausende Menschen beschritten haben. Und so machen sich auch heute überzeugte Christinnen und Christen auf den Weg, und Menschen, die sich in einer Umbruch-Situation befinden, die sich selbst finden oder sich neu orientieren wollen. Es sind Menschen mit sehr gezieltem Interesse – natürlich schwingt auch ein Quäntchen Ehrgeiz und Abenteuerlust mit. Das war schon immer so.
Mehrere Tausend Kilometer Jakobsweg habe ich schon zurückgelegt, Hunderte Menschen in Pilgergruppen begleitet. Und das immer zusammen mit Pfarrer Detlef Lienau, der wie auch ich zur Kommunität Beuggen gehört. Zu zweit organisieren wir aus eigener Hand die Pilgerreisen von A wie Andacht bis Z wie Zugfahrkarte.
Die positiven Erfahrungen und die Nachfrage haben uns bewogen, unser Pilgerangebot auszubauen. Wir feiern die Andachten, stehen für unterwegs aufkommende Gespräche zur Verfügung („ambulante Seelsorge“), beleuchten die Hintergründe des Pilgerns und der Kunstschätze am Weg.
Welche zehn Kilo brauche ich zum Leben?
„Mit den Füßen beten“, sind die Touren überschrieben. „Man kann durch körperliches Tun innere Abläufe verstärken“, erklärt Detlef Lienau, der selbst eine Theologie zum Pilgern verfasst hat („Sich fremd gehen. Warum Menschen pilgern“, Grünewald 2009).
Gezielt gewählt ist auch die Anreise per Zug, um Distanz zum Alltag zu schaffen. Der Prozess des Loslassens vom Gewohnten beginnt jedoch schon beim Packen, nämlich mit der Überlegung, „Welche 10 Kilo brauche ich zum Leben?“
In den Herbergen stempeln die „Wanderer Gottes“ ihre Pilgerausweise ab. Damit doku mentieren sie, dass sie als anerkannte Pilgernde unterwegs sind. Man kommt müde an, und es ist laut, voll, stickig – und nervig. Doch das ist harmlos verglichen mit der Situation der Pilger früher: Die hatten weder gutes Schuhwerk, noch geeignete
Kleidung. Viele sind unterwegs gestorben. An etlichen spanischen Orten gibt es Pilgerfriedhöfe.
Kein Zweifel, es wird hart. Aber ich freue mich jedes Mal auf diese einprägsamen, spirituell sehr dichten Weg strecken.
(Jörg Hinderer)
"Pilgern - Aufbruch zu Gott"
dazu eine Betrachtung, ein Gebet und eine Segensbitte:
Betrachtung„ Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ So sagt es Augustinus in einem Gebet.Wieso ist der Mensch ausgestattet mit dieser Unruhe des Herzens? „Du hast uns zu dir hin geschaffen,“ heißt es in dem Gebet weiter. Meine Unruhe kommt von Gott und sie ist erwartungsvolles Ausstrecken, weil sie mich zu Gott führt. Meine Unruhe ist von Hoffnung getrieben, der ich folge, denn sie hat ein Ziel. Es ist stärker als die Angst vor dem Weg. Das Ziel gibt Kraft schon lange, bevor ich es erreiche. Den Gott, er mich voll unruhiger Sehnsucht zu sich hin geschaffen hat, finde ich, indem ich aufbreche.
Gebet
Ich mache mich auf den Weg, Gott, Schritt für Schritt. Hilf meinen vorsichtigen
Schritten, die sich vortasten, dass ihr Vertrauen wächst.Hilf meinen mutigen Schritten, dass sie ihr Ziel nicht verfehlen. Dir, Gott, will ich mich anvertrauen, der du mir Ziel und Weg bist. Amen.
SegensbitteSegne mich mit einem Wort, das mich zu dir ruft. Segne mich mit Unruhe, die erwartungsvoll auf dich zugeht. Segne mich mit Sehnsucht, die gerne aufbricht. Segne meinen ersten Schritt, dass er Mut macht weiterzugehen. Segne denen ich begegne,dass wir einander die Lust wecken auszuschreiten. Segne meinen Weg mit dir,leuchtend von vorn und stärkend zur Seite. Amen.
Alle Texte von Detlef Lienau, Pfarrer, Mitglied der Kommunität Beuggen, erfahrener Leiter von Pilgerwanderungen

