"Meine Hoffnung ist gestärkt worden"

 

Ein Freiwilliges Soziales Jahr im Arbeitsbereich Migration und Flucht - AKTUELL Juli 2011: FSJ-Stelle ab 01.09.2011 zu besetzen!

Der Ausdruck auf dem Gesicht meiner Gesprächpartnerin spiegelt Verwirrung und Bewunderung. Ich war zu ihr gekommen, um mich über ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Evangelischen Oberkirchenrat (EOK) zu informieren. Von so was hatte sie noch nie gehört: Ein FSJ findet doch in der Regel in Altersheimen, Krankenhäusern, Behindertendiensten statt. Aber im EOK, bei der Kirchenleitung? Wie kommt man auf so eine Idee? Durch meinen eigenen Lebenslauf - ich bin selber Migrantin - und meine Arbeit in verschiedenen ehrenamtlichen Gruppen hatte ich den Wunsch, nach dem Abitur ein FSJ zu starten. Ursprünglich wollte ich ein Jahr lang in einer Asylunterkunft wohnen, aber diese Idee ließ sich nicht verwirklichen. Na ja, jetzt „Asylunterkunft“, Blumenstraße 1-7? Letztendlich wollte ich im Bereich Migration und Flüchtlinge arbeiten und im EOK gibt es diese Leute, die die Migrations- und Asylarbeit in der Landeskirche koordinieren und für das Thema Islam zuständig sind. Zum Schluss ließ sich die FSJ-Stelle einrichten, durch die ich drei Tage in der Woche in Karlsruhe im EOK und zwei Tage in der Woche in Heidelberg in der diakonischen Flüchtlingsberatungsstelle mitarbeite.

Viele fragen mich, wie ein typischer Tag bei mir aussieht. „Voll“ sage ich, nach kurzer Abwägung zwischen „chaotisch“ und „herausfordernd“. In der Tat gibt es keinen „typischen Tag“ in dieser Stelle, nicht mal einen festen Ablauf. In Karlsruhe ist die Arbeit so vielfältig! Es gibt regionale und überregionale Kontakte, Projekte und immer neu entwickelte Formen der Zusammenarbeit, wir haben den Anspruch, sowohl uns selbst, als auch viele andere zu informieren. Beratung ist natürlich ein großer Teil der Arbeit, aber darüber hinaus fördern wir Projekte zur „Interkulturellen Öffnung“, wir arbeiten an einer großen internationalen Konsultation zu den Herausforderungen von Flucht und Migration, ich arbeite an Unterrichtsentwürfen, Seminaren und Tagungen. Ich erhalte Informationen, bearbeite sie und gebe sie weiter. Meine Wissensbegierde hat mich am Anfang fast in den Wahnsinn getrieben. Aber ich habe es gelernt, gezielt zu suchen, zu lesen und zu verarbeiten.

In der Flüchtlingsberatungsstelle der Diakonie in Heidelberg ist der Tag genau so voll, aber in einem anderen Sinne. Hier lerne ich ganz direkt mit einzelnen Menschen umzugehen. Ich spüre die Schwere vieler Schicksale. Hier besteht eine große Vielfalt aus Sprachen, Kulturen, Lebensgeschichten. Ich will nicht sagen „Nationalitäten“, denn ich merke, dass die Nationalität doch nicht so ausschlaggebend ist für das Verhalten des Menschen. Leider spielt der Pass fast immer die wichtigste Rolle. Hier muss ich erst mit der Frustration über die deutsche Gesetzgebung und Auslegung zurechtkommen. Aber: Meine Hoffnung ist wieder gestärkt worden dadurch, dass ich gesehen habe, wie die Diakonie hilft. Auch wenn die „Erfolgsquote“ niedrig ist, merken die Hilfesuchenden, dass doch jemand für sie da ist. Und die Arbeit ist schließlich auch lustig - ich hatte vorher noch nie jemandem erklären müssen, dass Schnee eigentlich nur Wasser ist, oder dass in Deutschland keine drei Monate Dunkelheit herrscht.

Glaube, Hoffnung, Liebe - vor einem Jahr hätte ich mit diesen Begriffen wenig anfangen können. Klar, gehofft habe ich immer, dass ich Menschen helfen kann. Geliebt habe ich viele, Nächstenliebe habe ich versucht zu praktizieren. Aber Glaube? Ich gebe zu, als ich angefangen habe im Oberkirchenrat, fand ich es komisch, dass unser Chef ein Pfarrer ist. Denn was könnte ein Pfarrer vom Islam wissen? Ich brauchte eine Weile, bis ich die Struktur der Kirche verstanden habe -  jetzt weiß ich sogar, dass der Bischof genau einen Stock unter mir sitzt. Und obwohl ich selber Christin bin, habe ich immer aus anderen Überzeugungen gehandelt, weniger aufgrund des Glaubens. Durch mein FSJ in der evangelischen Kirche habe ich ganz neue Ansichten gewonnen. Ich habe angefangen, in Gottesdienste zu gehen, nehme mir vor, die Bibel zu lesen, und ich bin froh zu wissen, dass es hier so viele Menschen gibt, die aus Überzeugung handeln, und dass dieser Glaube sie trägt. –

Kontakt:   juergen.blechinger@ekiba.de  oder

Annette Stepputat Landeskirchliche Beauftragter für die Seelsorge an Aussiedlern, Ausländern, Flüchtlingen und Islamfragen  EOK-Migration@ekiba.de

Information:   www.diakonie-baden.de  über Arbeitsbereiche / Migranten und www.ekiba.de/Referat-5/