4. Sonntag im Advent

 

Lukas 1, (39-45) 46-55 (56): Der Mensch sieht nach oben, Gott aber nach unten

Hinführung

Das Thema dieses vierten Adventssonntags heißt: Der Herr ist nahe. Diese Nähe ist zunächst bezogen auf das kommende Weihnachtsfest, aber vor allem auf die Hinwendung Gottes zum Menschen in der Geburt Jesu. Dieser „Demut“ Gottes entspricht die Demut der Maria. Sie soll der Kernpunkt der folgenden Betrachtung sein. 
 

Bild

Martin Luther beginnt seine Auslegung des Magnifikats mit einer Betrachtung über das Sehen Gottes. Wie in jedem Herrschaftsverhältnis gibt es ein Oben und ein Unten. Und Luther malt durchaus ein autoritäres Bild des herrschenden Gottes, der im Himmel thront und von dort herab auf die Menschen blickt. Aber er schaut nicht herablassend oder gleichgültig auf die Menschen, sondern es gehört zum Wesen Gottes, nach unten zu schauen, weil über ihm nichts ist. Er schaut auf die Niedrigen, die Kleinen und die Geringen. Er sieht in die Tiefe, in Not und Jammer, er ist nahe allen denen, die in der Tiefe sind. „Da wird er einem so herzlich lieb, da geht das Herz über vor Freude, hüpft und springt vor großem Wohlgefallen, das es in Gott bekommen hat.“ „Aber die Augen der Welt und der Menschen tun das Gegenteil: sie sehen nur über sich und wollen durchaus sich nach oben hin richten . . .“ Das erfahren wir täglich, wie jedermann nur über sich hinausstrebt nach Ehre, Gewalt, Reichtum, Wissen, Wohlleben und allem, was groß und hoch ist.


Erwägungen

1. Gottes Sehen ist Liebe und Erbarmen, das Sehen des Menschen ist der Versuch durch Teilhabe an Macht, Reichtum und Ruhm das eigene Sein zu steigern. Es geht um zwei Arten der Betrachtung und der Beginn dieser Betrachtung ist, das Betrachten Gottes zu betrachten. Seine Art zu Betrachten ist die liebevolle, schöpferische Zuwendungzu den Menschen. In dieser Weise fühlt sich auch Maria von Gott angesehen. „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“ Das Wort Niedrigkeit wird im Lateinischen mit humilitas wiedergegeben und im Deutschen auch mit Demut übersetzt. Daraus hatte sich im Mittelalter eine ganze humilitas-Praxis entwickelt. Man versuchte in der Demut vollkommen zu werden, indem man den anderen an Demut zu unterbieten versuchte. Luther kritisiert dies in seiner Auslegung scharf und weist darauf hin, dass Demut ein unbewusster Zustand ist. Der demütige Mensch reflektiert sich nicht selbst. So kann auch Demut nicht zu einer Forderung erhoben werden. Im Mittelhochdeutschen hat Demut die Bedeutung von Dienstwilligkeit, also der Bereitschaft, freiwillig und mit Freude dem Herren zu dienen.
2. Die Demut der Maria liegt in ihrem Erstaunen, dass sie von Gott angesehen wird. „Sie hat sich weder ihrer Jungfrauschaft noch ihrer Demut gerühmt, sondern einzig des gnädigen, göttlichen Ansehens; darum liegt die Betonung nicht auf dem Wörtlein humilitatem (= Niedrigkeit), sondern auf dem Wörtlein respixit (= angesehen). Daher kommt das Wort Respekt. Das Angesehen-werden von Gott begründet unser Ansehen. Gott respektiert mich. Das ist letztlich die Begründung der Menschenrechte. In einem Liebesgedicht von Gabriela Mistral wird die Veränderung durch das Angeblickt-werden beschrieben:

Scham
„Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön,
schön wie das Riedgras unterm Tau.
Wenn ich zum Fluss hinuntersteige,
erkennt das hohe Schilf mein selg’es Angesicht
nicht mehr.
Ich schäme mich des tristen Munds,
der Stimme, der zerriss’nen, meiner rauen Knie.
Jetzt, da du mich, herbeigeeilt betrachtest,
fand ich mich arm, fühl ich mich bloß . . .
Die Nacht ist da. Aufs Riedgras fällt der Tau.
Senk lange deinen Blick auf mich. Umhülle mich
zärtlich durch dein Wort.
Schon morgen wird, wenn sie zum Fluss hinuntersteigt,
die du geküsst, von Schönheit strahlen.“


Konkretion

Wo suche ich Ansehen? Will ich mir vor Gott Respekt verschaffen oder von ihm Respekt empfangen? Habe ich noch die kindliche Furcht, dass Gott mich überall sieht und ich mich gern seinem Blick entziehen möchte? Kann ich das Angesehen-Werden von Gott als etwas Liebevolles erfahren?


Ekkehard Dürr


entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch www.koinonia-online.de

       

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