Christvesper

 

Lukas 2,1-14: Befreit zu einem umfassenden Sehen

Loslassen

Das Wort, das wir an Weihnachten hören, ist ein altes Wort, es beschreibt Geschehnisse, die längst vergangen sind. Und dennoch ist es in der Lage, uns in unserem Heute zu erreichen – und es dadurch zu verändern. Das jedenfalls ist seine Absicht und sein Vermögen.


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Der Textabschnitt beinhaltet zwei Szenen: Die geschichtliche Situation, in die die Geburt Jesu hineinfällt, die Geschehnisse um Maria und Josef, werden beschrieben, und dann eine bis dahin normale Lebenssituation der Hirten, die sich durch den Einbruch der himmlischen Welt drastisch verändert. Wir betrachten, wie diese beiden Situationen sich unterscheiden und dann plötzlich zusammengehören. In Bethlehem und auf den Straßen dahin ist viel los. Mengen von Menschen, es ist laut, wuselig, dreckig, jeder ist mit sich und seinem Ziel beschäftigt. Jeder hat eine Lebensgeschichte, die dazu führt, dass er jetzt hier ist. Das verlobte Paar ist einfach ein Teil dieser Masse. Solche Menschenmassen machen den einzelnen Menschen mit seiner Geschichte austauschbar, anonym, zu einem Gleichen unter Gleichen. Gottes Sohn wird in eine höchst unsichere Zeit geboren: politisch (die Weltmacht Rom wird mit diesem aufständischen Land nicht fertig), und privat (die Verbindung zwischen Maria und Josef wird mühsam von Gott zusammengehalten, vgl. Mt 1,19). Weder die Zeit noch der Ort für diese Geburt ist von den beiden freiwillig gewählt und zu guter Letzt scheint nichts für sie vorbereitet zu sein, sie sind allein und müssen sich durchschlagen. Wer sieht sie eigentlich in ihrer Situation und kümmert sich um sie? Dann die Hirten in ihrer Situation: Nichts unterscheidet zunächst diese Nacht von den Nächten davor, sie gehen ihrer Arbeit nach, es ist Alltag. Dann, plötzlich, zeigt sich der Himmel auf Erden in aller nur wünschenswerten Klarheit und Eindeutigkeit. Den Hirten macht das allerdings zunächst keine Freude, sie verstehen es nicht und fürchten sich. Dass sie am Ende Gott loben können, dazu muss noch etwas geschehen.


Erwägungen: Befreit zu einem umfassenden Sehen

Die Bibel erzählt uns die Geschichte Gottes mit den Menschen meistens aus unserer Art des Sehens heraus. Es heißt z. B. nicht in V.1: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass Gott in seiner Ewigkeit beschloss, auf die Erde zu kommen . . .“ Wenn man die ersten fünf Verse der Weihnachtsgeschichte einmal zu lesen versucht, ohne dabei gleich daran zu denken, wie sie weitergeht, fällt einem auf, wie allgemein dieser Anfang klingt. Das klingt wie eine Geschichtsbeschreibung, wo ein besonderes Ereignis betont in die zeitlichen Umstände eingebettet werden soll. Dieses Gewöhnliche wollen wir versuchen, zu betrachten und uns dann bewusst machen: So allgemein fängt die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen an. Sie ging von Anfang an – und geht bis heute – an unserem Heute nicht vorbei. Der Engel muss den Hirten das Ereignis deuten, es erklärt sich nicht von selbst. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Gott wird Mensch, und wenn die Engel auf dem Feld nicht gewesen wären und die Weisen, die durch den Stern geführt wurden (und auch der biblischen Deutungshilfe bedurften, vgl. Mt 2,6), hätte niemand davon Notiz genommen außer Maria. So sehr verwebt Gott sich in unser menschliches Dasein, dass seine Gegenwart von außen kaum zu sehen ist. Ereignisse sind immer mehrdeutig. Die Hirten brauchten es, dass der Engel ihnen eine Erklärung und Hinweise des Umgehens damit gab. „Siehe . . .“ Es geht in der Weihnachtsgeschichte überhaupt sehr viel um das rechte Sehen (vgl. die Verse 10.15.17). Ein Sehen ist gemeint, an dem der Glaube wachsen kann, wo die äußeren Ereignisse von einem inneren Blick erfasst und gedeutet werden und der Mensch nicht anders kann, als Gott zu loben. Zu dieser Art des Sehensmüssen wir befreit werden, von Gott und seinem Wort. Ein guter Freund sagte mir einmal, dass auch Mission (und ich möchte ergänzen: Glaube) damit anfängt, dass ein Christ an einer Stelle ein Problem sieht, das andere, u.U. auch andere Christen, nicht sehen. Dieses Sehen ist ein Widerfahrnis, man kann es nicht produzieren.


Konkretion

Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Sehen im umfassenden Sinne und unserem Glauben, der dadurch gestärkt werden und zur Freude finden soll (V.10.20).Wie verunsichert sind wir, wenn wir Gottes Handeln und seine Spuren in unserem Leben nicht erkennen können? Durch wen und was lassen wir uns immer wieder unseren Alltag und unsere Lebens- und Glaubensgeschichte deuten, um Gottes gnädige Zuwendung darin zu entdecken? Wo finden wir „Gehilfen zur Freude“ und wem sind wir es selber?


Esther Schröder

entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch www.koinonia-online.de

       

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