Platz schaffen! Zum Beginn der Fastenzeit

 

Toast

... rechtes Fasten?

Der Frühling naht mit großen Schritten - auch wenn noch der eine oder andere Rückfall bei der Wetterlage zu verzeichnen ist. Die Tage werden länger, die ersten Blüten sprossen und ein Bedürfnis nach Aufbruch und Veränderung macht sich breit:
Zeit für einen Frühjahrsputz!
Sowohl äußerlich als auch innerlich. Die Fastenzeit bietet dazu Gelegenheit.

Warum überhaupt?
Es mag als Hohn erscheinen, den Verzicht zu propagieren, wenn er für viele eine bittere Notwendigkeit ist.
Ist eine Fastenzeit noch nötig, wenn der Verzicht sowieso auf der Tagesordnung steht? Muss ein Rentner, der die Hälfte seiner Rente für die Miete ausgeben muss, noch lernen, sich zu beschränken? Ist es für die Mutter, die ihren Kindern keine "Extrawünsche" erfüllen kann, wirklich ein befreiendes Gefühl, dem Konsum nicht zu huldigen?
Der unfreiwillige Verzicht endet nicht nach einer festgelegten Zeit, dauerhafter Mangel bietet kaum Grund zu meditativen Betrachtungen. Es handelt sich um einen Zustand, der ertragen werden muss, solange er anhält, und den man so schnell wie möglich beseitigen möchte und sollte. Dies darf in diesem Zusammenhang nicht schön geredet oder romantisiert werden.
Umso wichtiger ist es, den eigentlichen Charakter und Sinn der Fastenzeit zu verstehen.

Der freiwillige, bewusste Verzicht verfolgt ein Ziel, hat einen Grund. Dem erzwungenen Mangel fehlt jeglicher Zweck, auf den hin er ausgerichtet wäre. Das „Fasten“ darf nicht für sich genommen werden als Selbstzweck, sondern ist immer von dort aus zu betrachten, wo es hin zielt - im christlichen Glauben also vom Kreuz her, vom Leiden Jesu. Es gewinnt seinen Sinn nicht aus der Vergangenheit, als "Strafe" für die ausgelassene Faschingszeit, sondern aus der Zukunft, als Vorbereitung auf die Passion Christi, die in das große christliche Freudenfest mündet. Es geht nicht um Selbstkasteiung als Strafe, sondern um eine angemessene Vorbereitung des kommenden.

Sinn-loses Fasten
Trotzdem ist Fasten paradoxerweise zunächst sinn-los. Es dient nicht der Gewichtsabnahme, ich „tue“ mir nichts Gutes, damit es mir besser geht - es hat seinen Zweck nicht primär in meinem Wohlbefinden. Natürlich ist es ein schöner Nebeneffekt wenn man sich ohne Zigaretten wohler fühlt oder durch die Abwesenheit von Schokolade ein paar Kilo abnimmt - aber das ist nicht der Hauptzweck. Religiöses Fasten ist keine Wellness-Aktion!
Dennoch: Tatsache ist, dass man sich etwas davon erhofft - welchen Zweck hätte die Selbstbeschränkung sonst?

Fasten ist nicht „weltlich“, sondern religiös, in allen Religionen gibt es Zeiten des Fastens. Oft stehen sie im Zusammenhang mit großen Festen, dienen dazu, die Gläubigen darauf vorzubereiten. Deshalb kann es auch keine Vorschriften mehr geben, was ein „richtiges“ Fasten sei - es gibt je nach Lebenssituation unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine angemessene Vorbereitung auszusehen hat. So kann man, statt etwas weg zu lassen, etwas hinzunehmen: mehr Zeit für Gebete oder die Familie zum Beispiel.
Schon das traditionelle Verständnis des Fastens bestand nicht nur im sturen Befolgen von Speiseregeln und -verboten, die Zeiten und Art des Fastens haben sich im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder gewandelt. Das 40-tägige Fasten kam z. B. erst im 4. Jahrhundert auf und auch auf die Frage, ab welcher Uhrzeit wieder etwas gegessen werden durfte, gab es unterschiedliche Antworten.

Kurz gesagt: es geht nicht darum, einfach etwas (weg) zu lassen, sondern es bewusst zu tun und aus einem bestimmten Grund.
In der Epistel zu Aschermittwoch (2. Petrus 1,2-11) wird Selbstbeherrschung („Mäßigkeit“) gefordert - nicht als Tugend an sich, sondern um im Zusammenspiel mit Geduld und Liebe die Erkenntnis Jesu wirksam zu halten. Auch hier geht es darum, einen klaren Kopf zu behalten oder wieder zu bekommen, sich bewusst aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Ausräumen wäre möglicherweise ein guter Begriff - Platz schaffen für Neues. Ballast wird abgeworfen damit der Ballon wieder höher steigen kann. Dadurch, dass ich in mir Platz schaffe, kann ich diesen Platz mit etwas wertvollerem füllen - mit Antworten, mit Sinn....
Und damit tue ich mir selbst auch etwas Gutes, ohne mich von vornherein in den Mittelpunkt gestellt zu haben.

Warum ausgerechnet jetzt?
Natürlich könnte man zu jeder Zeit des Jahres fasten, meditieren, das Leben entrümpeln...aber anscheinend brauchen Menschen einen Anlass, einen Anker - so wie man sich zu Silvester gute Vorsätze fürs neue Jahr macht, obschon das genau zum Jahreswechsel vielleicht gerade gar keinen Sinn macht und das Problem besser gelöst werden sollte, wenn es gerade ansteht.

Wir brauchen Rituale, die Möglichkeit einen gegebenen Anlass wahrzunehmen ohne sich rechtfertigen zu müssen. Es ist eine Erleichterung, die Entscheidung über das "wann" nicht selbst treffen zu müssen. Und oft der letzte kleine Schubs, den "inneren Schweinehund" zu überwinden.

Auch der Gemeinschaftsaspekt ist nicht zu vernachlässigen: Jesus war 40 Tage allein in der Wüste um zu fasten - aber den meisten ist es heute nicht so einfach möglich, kurzerhand sieben Wochen lang „auszusteigen“. Und das Wissen, nicht allein zu sein, das Teilen der eigenen Erfahrungen machen das Fasten nicht nur leichter, sondern zu einem echten Gewinn.

Und wie?
Einen Ansatz für die Gestaltung der Fastenzeit bietet die Aktion „7 Wochen Ohne“. Schon zum 21. Mal findet die Fasten- und Passionsaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland statt. Sie beginnt heute, am Aschermittwoch, endet am 11. April und steht in diesem Jahr unter dem Motto: auf!klären.
Organisiert und betreut wird sie vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt. Auf der Website von „7 Wochen Ohne“ finden Sie Literaturtipps, ein Forum zum Austausch und weitere Hinweise zur Aktion: http://www.siebenwochenohne.de

Yvonne Kälbli, Internetredaktion

       

      Vorschläge zur Gottesdienstgestaltung im Kirchenjahr,

      Predigtanregungen, Gebete, Buchvorschläge etc. finden Sie auf der Internetseite www.daskirchenjahr.de

       

      Das Kirchenjahr und die alten Kirchenbücher

      Hilfe und Erklärungen für die Suche in alten Kirchenbüchern und der dortigen Zählung der Kirchenjahresdaten bietet die Seite: http://wiki-de.genealogy.net/Kirchenjahr