3. Sonntag vor der Passionszeit (Septuagesimae)
Matthäus 20,1-16: Die Arbeiter im Weinberg
Loslassen
Mit diesem Sonntag wendet sich der Blick des Betrachters von dem Zyklus Advent – Weihnacht – Epiphanias allmählich hin zum Geheimnis von Passion und Ostern. Das Thema dieses Sonntags ist daher die völlig überraschende, ja geradezu anstößige Barmherzigkeit Gottes. In drei verschiedenen Religionsklassen habe ich dieses Gleichnis etwas modifiziert nachgespielt. Ich ließ die Schüler das Klassenzimmer fegen und die Tische schrubben. Immer in kleinen Grüppchen begannen sie zu verschiedenen Zeiten der Unterrichtsstunde. Mit den Ersten wurde ein fester „Lohn“ ausgemacht. Die Späteren wurden mit dem Hinweis „eingestellt“: „Ihr bekommt, was gerecht ist!“ Am Ende, bei der Entlohnung, waren der Tumult und Protest nicht geringer, als im biblischen Gleichnis. Spätestens nach dem dritten Mal wurde mir deutlich: Das „Murren“ (V.11) der Arbeiter (Schüler) ist vorprogrammiert. Es ist eine typisch menschliche Reaktion. Das gilt auch für uns. Wir ertragen es nicht, gleich behandelt zu werden. Wie ist es also möglich, sich auf dieses Gleichnis einzulassen, wenn fast automatisch eine innere Sperre aufgebaut wird? Vielleicht hilft es, sich gerade das bewusst zu machen, dass Jesus nämlich mit dem Erzählen dieses Gleichnisses schon ein erstes Ziel erreicht hat, wenn der Leser die spontane Reaktion bei sich aufmerksam wahrnimmt und sich eingesteht: „Ich ertrage es nicht, gleich behandelt zu werden!“Bild
Wir wollen das Gleichnis als Fenster zu Gottes neuer Welt betrachten. Der „scheele“ Blick (V.15) soll ja kein Dauerzustand werden. Zunächst empfehle ich, diese Szene auf dem staubigen „Marktplatz des Lebens“ vor seinem inneren Auge aufzubauen. Da sind die hungrigen, erwartungsvollen (V.7), verschwitzten (V.17) Gesichter der Arbeiter. Arbeitslose, die an Häuserwänden lehnen usw. Zur Identifikation bietet sich dann jener Eine an, der mit „mein Freund“ (V.13) angesprochen wird. Es ist eine der wenigen Stellen (man kann sie an einer Hand abzählen), wo wir in den Evangelien so eine Anrede finden. Schon deshalb gilt ihr besondere Aufmerksamkeit. Man vergleiche etwa das Gleichnis vom Hochzeitsmahl, wo der eine, der kein Festgewand hat, mit „Freund“ angeredet wird (Mt 22,12). Zum Zeitpunkt dieser Anrede, ist – wie auch bei unserem Arbeiter (20,12) – die Beziehung noch offen. Und es ist erst das Schweigen (22,12), bzw. der bleibend scheele Blick (20,15) innerer Verletztheit, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Wir werden das „Fenster zu Gottes neuer Welt“ aber erst dann aufstoßen, wenn wir uns betrachtend mit den Letzten, den später Eingestellten identifizieren. Die zuletzt Gekommenen, die voller Angst vor dem nächsten Tag auf dem Marktplatz ausharren, was mögen die empfinden? Was geht in ihnen vor, zu Tagesbeginn, bei der Einstellung, bei der Ausbezahlung des Lohns? Hier kann unser Herz weit werden, wenn wir so der Güte des Herrn nachspüren und wieder Staunen lernen.
Erwägungen
Das Gleichnis spielt mit verschiedenen Gerechtigkeitsbegriffen, vornehmlich aber mit einem innerweltlichen, menschlichen Verständnis von Gerechtigkeit, das jedem das Seine gemäß objektiver Leistung geben will. Und es ist wichtig zu sehen, dass unser Gleichnis diesen Leistungsbegriff als Möglichkeit grundsätzlich akzeptiert: Güter bzw. Lohn werden verteilt. Die Ersten werden ganz selbstverständlich entsprechend der Abmachung entlohnt. Aber bei den Letzten (Späteren) wird dieser menschliche Gerechtigkeitsbegriff in Frage gestellt, da er dort in Unmenschlichkeit umschlägt, denn die Letzten hätten so wenig bekommen, dass sie wohl hätten hungern müssen. Das Gleichnis wirbt also nicht für eine unterschiedslose Behandlung Verschiedener, sondern für eine kritische Begrenzung eines an sich akzeptablen innerweltlichen, menschlichen Gerechtigkeitsbegriffs. In der Begegnung mit Jesus und seinem Gleichnis soll erfahrbar werden: Wer keine Arbeit bekommt, soll nicht hungern müssen – auch nicht seine Familien (ein Silbergroschen entsprach dem Tagesbedarf einer Familie).Wer das freudig bejahen kann, der macht einen ersten Schritt, auch jene Alltagsideologie aufzubrechen, dass gleiche Marktchancen auch notwendig zu gleicher Lebensqualität führen müssen.
Konkretion
Wer jene neue Gerechtigkeit leben will, muss sich bewusst sein, dass Schwierigkeiten nicht auf sich warten lassen. Nicht ohne Grund kündigt Jesus unmittelbar nach unserem Gleichnis das dritte Mal sein Leiden und Sterben an (Mt 20,17-19). Es ist eine teure Gnade und Güte, die ihn das Leben kostet. Die Güte geht ja nicht auf Kosten der zuerst Gekommenen, sondern dieses „Mehr“ geht auf Kosten des Weinbergbesitzers. Wo in unserem Alltag können wir diese überraschende Freiheit zur Güte leben und etwas transparent machen von Gottes neuer Gerechtigkeit?
Hartmut Friebolin
entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch www.koinonia-online.de
