2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere)

 

Markus 12,1-12: Böse Weingärtner

Loslassen

 Unser Text spielt in Jerusalem, und Jesus ist auf seinem Leidensweg unterwegs zum Vater. Jesus hat eindeutige Zeichen gesetzt, Zeichen, die nicht übersehen werden konnten. Und so haben seine Zuhörer unseres Textes, die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten, ihn geradegefragt, woher er das Recht hat, die „Ordnung“ in der Kirche in Frage zu stellen: „Aus welcher Vollmacht tust du das?“ (Mk 11, 28)
In diese Spannung werden wir mit unserem Text hineingezogen. Loslassen kann hier heißen: Bin ich bereit, mich in eine Auseinandersetzung um die Vollmacht des Sohnes Gottes hineinziehen zu lassen? Das ist eine gute Vorbereitung, um sich auch mit einem sperrigen Text anfreunden zu können. Der Text steht im Kirchenjahr in einer Zeit, wo viele Menschen sich vornehmen, unter dem Stichwort „sechs Wochen ohne“ auf bestimmte Gewohnheiten bzw. Genüsse zu verzichten. Für diese Menschen, die oft mit ihrer Fähigkeit, das Fasten durchzuhalten, zu kämpfen haben, erfordert dies darüber hinaus eine Wende der Blickrichtung: weg von der eigenen Fähigkeit, Vorsätze durchzuhalten, hin zur Gottesfrage.

 

Bild

Unser Text spielt sich auf mehreren Ebenen ab. In der Gleichnishandlung wird uns bereits ein Bild an die Hand gegeben. Wir sehen eine Schar von Zuhörern – kritischen und sympathisierenden –, die um ihren Umgang mit diesem Bild ringen müssen, und auch von Jesus mit in die Bildbetrachtung hineingezogen werden. Bei der Betrachtung können wir diese Ebenen einnehmen. Es geht darum, sich in die verschiedenen beteiligten Personen einzufühlen.
1. Die Szene des Gleichnisses ist gruselig. „Können Weingärtner so böse sein?“, mag mancher fragen, der die fröhliche Stimmung auf einem Weinberg bei der Ernte schon einmal miterlebt hat. Was stachelt sie zu dieser Brutalität an? Ist ihre Reaktion irgendwie nachvollziehbar? Können wir uns darin sogar selber wieder entdecken? Was wäre in ihrer Beziehung zum Besitzer anders, wenn sie einfach die Pacht bezahlt hätten? Erleben sie bei der Erniedrigung der abgesandten Knechte Stärkung? Sprechen sie miteinander über eine Rechtfertigung ihres Tuns? Wirkt dieser Widerstand gegen den Besitzenden in einer Zeit, in der die Folgen der Globalisierung uns schmerzlich bewusst werden, leichter nachvollziehbar?
Gibt es sodann irgendeinen Grund, dass der Besitzer des Weinbergs unzählige Versuche unternimmt, um die abgesprochene Zahlung abzuholen? Immer wieder sendet er unbewaffnete Knechte, als gäbe es keinen Zweifel an der Vertragstreue der Pächter. Wie würde sich dieses Bild wandeln, wenn der Besitzer des Weinbergs eine Allianz von Eigentümern zusammenriefe und die Pächter in einer Gerechtigkeitsaktion mit Waffengewalt zur Rechenschaft zöge?
2. Die Hohenpriester und Ältesten werden von Jesus ins Bedenken des Gleichnisses hineingezogen. Fühlen Sie sich hierbei ernst genommen? Woran erkennen sie, dass Jesus sie persönlich mit diesem Gleichnis anspricht? Warum ergreifen sie nicht die Partei der Pächter – würde das nicht eine völlig neue Perspektive eröffnen?
3. Wie hören die Jünger dieses Gleichnis? Tauchen sie im urteilenden Bild unter? Spüren sie etwas von der Spannung der Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Priestern? Fürchten sie den Verrat gegen Jesus?

 

Erwägungen

1. Was gibt den Weingärtnern denn die Chance, sich dieses Verhalten leisten zu können? Die Güte Gottes? Was lässt mich da wütend werden? Gott sucht das Gespräch mit ihnen, macht immer wieder Angebote – so wie Jesus auch das Gespräch mit den Hohenpriestern, den Ältesten, mit uns sucht. Gottes Vollmacht, seine Glaubwürdigkeit zeigt sich in einer unglaublichen Geduld, in Liebe und Barmherzigkeit zum untreuen Volk.
2. Und die Zuhörer des Gleichnisses? Sie bestärken sich gegenseitig mit ihrer einseitigen Weltsicht, dass der Weinberg, die Kirche ihnen selbst gehört. Können sie dann die Frage nach Gottes Vollmacht überhaupt noch offen stellen? Vers 9 weist darauf hin, dass wir nicht davon ausgehen dürfen, dass an dieser Frage nennenswertes Interesse bestünde.
3. Wir erleben zurzeit in unserer Kirche ein Aufeinanderprallen von konservativen und reformerischen Strömungen (Kirchenträume und -visionen).Welchen Platz nehme ich hier ein? Sehe ich mich als Hüter der Kirche, wie sie schon vor 40 Jahren immer funktioniert hat? Dann lohnt es sich für mich, mir die kritische Frage zu stellen, ob ich Gott eigentlich noch zutraue, auch den postmodernen Menschen von heute zu begegnen – ob er seiner Kirche auch im 3. Jahrtausend noch Vollmacht schenkt, auf die Menschen dieser Zeit einzugehen. Benötige ich die Früchte des Weinbergs für meine eigenen Bedürfnisse? Kann unsere Kirche den Menschen heute überhaupt begegnen und ihnen die Begegnung mit Jesus Christus ermöglichen, hat sie da Vollmacht? Wo ist heute überhaupt Platz für die Vollmachtsfrage? Wo habe ich selber Platz in meinem Herzen für diese Frage? An dieser Stelle müssen wir die Frage suchen, auf die dieser Text antworten will, und wo er in unsere Zeit hineinsprechen will.

 

Willensübung

Wie gelingt es mir, zu erfahren, dass Gott Einfluss auf mein Herz bekommt, dass ich verspüre, wie er mich von innen her verwandelt? Dem will ich nachspüren.

Thomas Schmidt


entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch
www.koinonia-online.de

       

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      Das Kirchenjahr und die alten Kirchenbücher

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