4. Sonntag in der Passionszeit (Lätare)

 

Johannes 12,20-26: Verheißung von Gemeinschaft als Frucht des Loslassens

Loslassen

Unser Abschnitt folgt unmittelbar auf die Beschreibung des Einzuges Jesu nach Jerusalem. Jesus ist von einer jubelnden Menge umgeben, die ihn als den lang ersehnten König Israels begrüßt.
In diesem allgemeinen Jubel befinden sich die „Griechen“, also Menschen, die nicht so dazugehören. Sie sind fremd und gleichzeitig interessiert. Sie kommen mit einem bestimmten Anliegen. Etwas Gerichtetes kommt in die Szene, denn ihr Anliegen muss aufgegriffen werden. Diese Ausrichtung wollen wir an uns geschehen lassen.

 

Bild

Philippus und Andreas sind Jünger des Anfangs. In Joh 1,40-45 gehörten sie zu den Jüngern, die sich in einer Kette aus vielen einzelnen Jesus anschlossen; beide hatten damals jemanden zu Jesus hingebracht. Die Erinnerung daran soll vor dem inneren Auge des Lesers aufsteigen, und auf diesem Hintergrund merkt er: Jetzt ist es ganz anders. Philippus, an den die Griechen sich wenden, wirkt unschlüssig. Er bespricht die Anfrage zunächst mit Andreas. Vielleicht sehen sie auch die Chance, die in dem Interesse von weiter entfernten Menschen liegt. Sollte hier noch einmal etwas ganz Neues anfangen? So könnten sie es Jesus vorgetragen haben.
Mit keinem Wort geht Jesus – so hat es jedenfalls den Anschein – auf das Gesagte ein. Unser Blick wendet sich nun voll und ganz Jesus zu. Ganz wach und konzentriert, unbeeinflusst von den Hochrufen beim Einzug und der „Ehre“, die das Interesse so fremder Menschen bedeuten könnte, erkennt er, dass für ihn das Ende seines Wirkens gekommen ist. Davon handelt jedes seiner Worte. (In V.27, der nicht mehr zu unserm Abschnitt gehört, erkennen wir, dass es auch für Jesus schwer war, zu diesem Weg Ja zu sagen.) Was ist es, das Jesus erkennen lässt, dass seine Stunde gekommen ist? Diese Frage leitet zu der Erwägung über.

 

Erwägungen

Wie geschieht Wachstum im Reich Gottes? Menschen, die in einer missionarischen Arbeit stehen, zu der Expansion hinzu gehört, wünschen sich, dass ihre Arbeit wächst, dass mehr Menschen dazu kommen. Dies war ja trotz aller Feindschaft der Führenden im Volk auch bei Jesus geschehen. Warum sollte dies nicht allen Widerständen zum Trotz so weitergehen, so dass immer fernere Menschen erreicht werden zur Ehre Gottes?
Aber es kommt der Punkt, an dem Gottes Ehre dadurch wächst, dass unser Handeln endet. An dem Punkt, an dem es um das Überschreiten der Grenzen des Gottesvolkes geht, setzt Jesus ein neues Bild von Wachstum ein. Nicht nur das Wort, nein, Jesus selbst ist hier der Same, der ausgeworfen wird, der sterben muss, damit diese größere Gemeinschaft entstehen kann. In die Erde „fallen“, das ist der Inbegriff von Passivität, Sterben bedeutet alles loszulassen. Jeder Satz, den Jesus hier sagt, handelt von diesem geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem Loslassen alles Eigenen und der Verheißung der Gemeinschaftsfrucht.

 

Konkretion

Der eigene Wille kommt hier an sein Ende. Deshalb können Willensübungen nur vorbereitenden Charakter haben. Wir werden durch Jesus auf die beiden Punkte geführt, um die es da geht:
Das eine ist: Sich diesen Zusammenhang immer wieder vor Augen zu führen, in einer Welt, in der Festhalten des Eigenen zum obersten Gesetz geworden ist. Ist es nicht auch im Reich Gottes, in der Kirche so, dass wir unsere eigenen Pläne machen und eigene Vorstellungen so viel Macht in uns gewonnen haben, dass wir uns von niemandem hineinreden lassen wollen? Wo sind bei mir die neuralgischen Stellen, an denen ich das Eigene festhalten will und mir nicht hineinreden lassen möchte? An welchen Stellen kann ich das Loslassen konkret üben?
Das andere ist: Sich nicht den Blick verstellen zu lassen durch Erfolg, durch Größe, durch sich bietende Möglichkeiten. Wir dürfen uns darüber freuen; das verstellt noch nicht den Blick. Aber wenn Erfolg zum Maßstab zu werden droht, dann wird es Zeit, zurückzutreten und sich darauf neu zu besinnen, wie es nach Gottes Willen zu Wachstum kommen soll. Weil uns gerade dazu oft die Distanz fehlt, brauchen wir an dieser Stelle besonders die Stille vor Gott und das Gespräch mit Menschen, denen wir vertrauen.
Welche Möglichkeiten von Stille und Einkehr will ich wahrnehmen, um diese Sicht der Dinge neu zu gewinnen? Mit wem kann ich darüber reden? Was könnte ich lesen, um mich in dieser Sicht bestärken zu lassen?


Christine Kubik


entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch www.koinonia-online.de 

       

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