Anleitung zum "Betrachtenden Gebet" zum 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika)

 

Markus 10,35-45: Eine Kontrastgemeinschaft

Loslassen

Es klingelt. Freunde fragen mich, ob ich sie auf ihrem Weg mit Jesus Christus nicht ein Stück begleiten möchte. Sie seien unterwegs nach Jerusalem. Ich lasse alles stehen und liegen, den Abwasch, den angefangenen Brief, nehme auch kein Handy mit; möchte mit voller Aufmerksamkeit dabei sein, wenigstens für eine kurze Zeit.
Ich geselle mich zu Johannes und Jakobus, sie kommen mir vertraut vor. Wir verlassen als kleine Schar den Ort, die Stadt, Jesus läuft vorn und scheint genau zu wissen, wohin er zu gehen hat. Während Johannes und Jakobus noch über die letzten Tage plaudern, erinnere ich mich, woher ich sie ein wenig kenne: Jesus berief sie, während sie die Netze flickten; sie und Petrus erlebten die besondere Herrlichkeit Jesu auf dem Berg, und diese drei Jünger wird Jesus im Garten Gethsemane in seiner Nähe haben wollen. Wo ist Petrus? Er spricht mit dem Herrn.

 

Bild

Wir erreichen ein ruhiges, windgeschütztes Plätzchen. Jesus möchte zu allen etwas sagen. Wir warten noch auf die Letzten. Während der Herr darüber spricht, was ihm bevorsteht (V.33f), verändert sich bei Vielen der Gesichtsausdruck. Wonach ist ihnen nun zumute? Was liegt in der Luft?
Ich bleibe bei Johannes und Jakobus, den Brüdern. Wir laufen weiter, aber zunächst schweigend. Jeder scheint seinen Gedanken nachzuhängen. Dann sagt einer auf einmal: „Kopf hoch!“ Langsam entwickelt sich wieder ein Gespräch zwischen den Brüdern, erst noch verhalten, dann immer selbstbewusster, lauter. Es scheint eine Perspektive für sie zu geben, ein mögliches Entrinnen aus dem Entsetzlichen, Grausamen, etwas Leuchtendes, das größer ist als der Tod und die Auferstehung Jesu. Die Brüder huschen zum Herrn, etwas zu siegesbewusst vielleicht, schleifen mich mit und fragen ihn (V.35b). Ich beobachte das Gespräch, was es auslöst (Verse 36-40), sehe Jesus aus der Nähe, seine Augen, seine Hände, höre seine Worte. Ich schaue auf Johannes und Jakobus. Da ist etwas, das mich fasziniert. Sind es die Worte oder sind es die Gesten? Soll ich mich ins Gespräch ein mischen? Und wieder bleibt Jesus stehen, alle sollen es hören; gerade jetzt, wo es allen an den Kragen gehen könnte und genau dies jeder für sich spürt:
„Ich kenne die weltlichen Machtverhältnisse. Ich werde ihnen ausgeliefert sein, so wie ihr ihnen ausgeliefert seid, ein Leben lang! Doch durch mich, durch mein Leben und durch mein Sterben eröffnet sich eine andere Dimension. Mein Leben und Leiden seien ein Dienst an euch Menschen. Lasst ihn geschehen, dann werdet ihr erkennen: Das Geheimnis liegt in der Umkehrung. Wer unter euch Ansehen und Aufstieg sucht, wird unbeachtet und ruhmlos dienen. Habt Mut zu einem anderen Weg, zu einem neuen Miteinander, zu einer Kontrastgemeinschaft mitten in dieser Welt, dann wird Erlösung möglich!“
Ich spüre der Wirkung dieser Worte auf mich nach; auch die anderen schweigen. Wie stehen die Zebedäus-Söhne jetzt da? Ein Stück gehe ich noch mit, bis zum nächsten Ort. Möchte das Gehörte und Gesehene nachwirken lassen, spüren, was mich besonders betrübt und besonders froh gemacht hat. Dann verabschiede ich mich von der wandernden Gemeinschaft und kehre um. Dabei hilft mir vielleicht ein Lied: „Im Frieden dein, o Herre mein, lass ziehn mich meine Straßen“ (EG Nr. 222, 1 und 3).

 

Erwägungen

Jesus spricht zum wiederholten Male von den bevorstehenden Ereignissen, von seiner Gefangennahme, von Folter, von seiner Hinrichtung und von seiner Auferstehung nach drei Tagen. Die angstvollen Gedanken der Jünger kreisen um die Frage: „Und was wird aus mir?“ (Verse 28 und 37) Diese Sorge kennen wir: Komme ich genügend vor? Wirke ich so, dass gut über mich gedacht und geredet wird? Bin ich erfolgreich genug? Lebe ich (abge)sicher(t) genug?
Jesus Christus will uns Menschen aus dieser besorgten, beengenden Lebensfrage („Und was wird aus mir?“) hinaus in die Weite seiner Erlösung führen. Das kostet ihn sein Leben! Gott möchte ja unbedingt, dass aus mir etwas Wunderbares wird. Gott möchte, dass ich ein Mensch sein und werden kann, der sich geliebt weiß. Sein Wille ist es, dass ich befähigt werde zum freiwilligen Verzicht um dieser Liebe willen. Gott möchte, dass ich Freude daran habe, Gemeinschaft zu bauen um Jesu willen (Verse 43-45).
Kenne ich die Frage: „Und was wird aus mir?“ und von woher versuche ich sie zu beantworten? Erlebe ich den Glauben an Christus mehr als etwas Befreiendes oder mehr als etwas Forderndes? Freue ich mich, wenn mir „dienende“ Hilfe angeboten wird, oder fällt es mir schwer, Unterstützung anderer für mich in Anspruch zu nehmen?

 

Konkretion

Hier kann man noch einmal über Möglichkeiten von Kontrastgemeinschaften nachdenken. Habe ich Lust, Räume mitzugestalten (Familie, Kreise, Gemeinde), in denen nicht Angst und Macht die Atmosphäre bestimmen, sondern ein offener Blick füreinander und die Sorge um den anderen Menschen das Miteinander prägen? Welche Ideen hätte ich dafür? Christus hat seinen Freunden die Füße gewaschen. Welchen Dienst erweisen wir unseren Freunden und Mitmenschen?


Michaela Herrmann


entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch
www.koinonia-online.de

       

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