Karfreitag

 

Joh. 19, 16 – 30

In der Mitte (s)einer Nacht…

 

Loslassen

Es gibt viele Gelegenheiten, auf sein Leben zurückzuschauen und Zwischenbilanz zu ziehen. Ein Abschied, das Erreichen eines Zieles oder die Vorbereitung auf einen neuen Lebensabschnitt können solche Ereignisse sein. Sie werfen Fragen auf: Gibt es einen „rote Faden“ in meinem Leben? Was will ich wirklich? Was ist wichtig? Hat es sich bis hierher gelohnt? Besonders laut melden sich diese Fragen zu Wort, wenn wir am Grab eines uns bekannten Menschen mit unserer eigenen Endlichkeit konfrontiert werden. Jeder Tod verweist im christlich geprägten Abendland auf das Sterben Jesu, in dem Gott auf besondere Weise präsent war. Die Todesstunde Jesu eröffnet einen Zugang zu einem Geheimnis Gottes, das uns in ganz neuer Weise leben lehren möchte.

 

Bild

Jesus stirbt einen grausamen Tod. In der Öffentlichkeit, für alle sichtbar, hängt er an einem der drei aufgerichteten Kreuze auf dem Hügel Golgatha, draußen vor der Stadt.
Sehenden Auges ist Jesus auf sein Sterben zugegangen. Das Todesurteil überraschte ihn nicht und dennoch erspart dieses Bewusstsein ihm nicht den Schmerz des Sterbens.
Zwischen zwei Verbrechern hängt Jesus und um ihn herum steht ein Kreis von Menschen:
- Pilatus, der in allen gängigen Sprachen das Urteil schreiben ließ, das nun ans Kreuz angeheftet ist: „Jesus – König der Juden.“
- Religiöse Amtsinhaber, denen wahrscheinlich ein erleichtertes “Endlich geschafft” durch den Sinn geht.
- Schaulustige, angezogen von der Faszination des Schrecklichen.
- Soldaten, die emotionslos ihre Pflicht tun und um zusätzliches Trinkgeld feilschen.
- Drei Frauen mit Namen “Maria”: Wie viele Geschichten, wie viel Geschichte schwingt in diesem Namen mit: Mutter, Freundin, Jüngerin.
- Ein Jünger, der alles verlassen hat, um Jesus zu folgen – und nun?
Trau dich, einen Platz im Bild einzunehmen. Wo ist er? Was nimmst du wahr – mit den Augen, mit den Ohren, mit dem Herzen? Wie geht es dir an diesem Ort?
Alle schauen Jesus an und Jesus erwidert ihren Blick. Liebevoll weist er seine Mutter und einen seiner Jünger aneinander.
Genauso liebevoll schaut er dich an. Seine letzten Worte gelten auch dir, sie lauten: ”Es ist vollbracht”. Lass diesen Blick auf dir ruhen und nimm die Worte bewusst wahr. Was regt sich in dir?

 

Erwägungen:

… liegt der Anfang (m)eines neuen Tages

Jesus hat ein Leben lang geübt, den Willen Gottes zu erfragen und nach ihm zu leben. Bei der Hochzeit in Kana und im Garten von Gethsemane, als er einen Blinden heilte und 5000 Leute mit Essen versorgte, als er seine Jünger zu sich rief, beim Erzählen und Unterrichten – immer hat Jesus sich vergewissert, dass es der Wille des Vaters ist, den er tut und verkündet. Sein Lebensthema war es „Ja, Vater, ja von Herzensgrund. Leg auf, ich will es dir tragen” (EG 83) sagen zu lernen.
Am Ende seines Lebens zieht Jesus Bilanz. Sie heißt: ”Es ist vollbracht.” Sein Lebenswerk ist gelungen. Es besteht darin, die Kluft zwischen Gott und Menschen zu überbrücken. Gott suchte den Menschen – nun hat er ihn gefunden. Die Tür, die die beiden Lebensräume von Gott und Mensch trennte, steht offen: Gott schaut den Menschen durch Jesus Christus an. Der Mensch kann durch das Leid am Kreuz hindurch einen Blick in den Himmel tun. “Es ist vollbracht” d.h.: Nichts ist mehr hinzuzufügen. Jesus kann im Frieden sterben - und wir können anfangen, versöhnt zu leben.
Wer dieses Geschenk entgegen nimmt, für den heißt Nachfolge: Sich darin zu üben, den Willen Gottes zu erfragen und diesen Willen in der Praxis des alltäglichen Lebens Wirklichkeit werden zu lassen. Wie gut das gelingt, davon hängt nichts mehr ab. Es ist ja schon alles vollbracht. Es entsteht Freiraum. Es geht um das Hineinwachsen in ein Leben, das sich mit Gott auf immer innigere Weise verbindet, ohne Leistungs- oder Erfolgsdruck, ohne etwas beweisen zu müssen. Zu diesem Leben gehört es, darüber nachzudenken, was mich mein Ja zur Nachfolge kosten darf. Dabei gilt nicht mehr: „Ich muss gehorsam sein, verzichten, gewiss sein, damit…“ sondern: „Weil alles schon vollbracht ist, kann ich…“

 

Konkretion

Nimm die Anforderungen dieses Tages bewusst wahr. Halte von Zeit zu Zeit inne und sprich laut oder leise: „Es ist vollbracht, deshalb kann ich…, will ich…, brauche ich nicht… Welche Erfahrung machst du damit?

Sabine Peter


entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch
www.koinonia-online.de

       

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