6. Sonntag nach Ostern (Exaudi)

 

Johannes 15,26-16,4: Nach Abschied Gemeinschaft

Vorbemerkung

Dieser Text aus dem Johannesevangelium soll im Blick auf das bevorstehende Pfingstfest gelesen werden, an dem sich die Verheißung Jesu erfüllt hat.

 

Bild

Jesus befindet sich innerlich im Aufbruch, weg von den Jüngern und der Welt. In diesem Aufbruch (16,5) denkt er über die Zukunft seiner Jünger nach, denen er als seinen Freunden in besonderer Weise verbunden ist. Beim Betrachten des Textes bietet es sich an, Jesus in seinem Aufbruch nachzusinnen. Viele von uns haben Erfahrungen mit Abschied gemacht und dabei vielleicht oft darum gerungen, welche Worte in der Situation wohl angemessen sind. Ein Abschied, auch wenn er nur für kurze Zeit ist, hat doch auch etwas Endgültiges. Dieser Aspekt kann in unsere Vorstellung von der Abschiedsszene Jesu mit seinen Jüngern einfließen.

 

Entfaltung des Bildes

Jesu Aufbruch ist ausgelöst durch Hass, der ihm von vielen Seiten entgegen schlägt. Seine Landsleute haben ihn und seinen Vater nicht verstanden und damit ihre ablehnende Haltung begründet. Damit bereiten sie Jesus eine große Enttäuschung, da die ihm vertrauten Juden doch vorgaben, ihren Gott zu kennen (16,3). Aus dieser Enttäuschung leitet Jesus keine Vorwürfe ab, weder gegen die hasserfüllten Zeitgenossen, noch gegen seine Freunde, die ihn besser hätten schützen sollen. Jesus bleibt im Aufbruch gewiss, dass er auf dem angetretenen Weg weitergehen muss. Doch gleichzeitig zögert er im Blick auf die Zukunft seiner Jünger. Werden sie die Verunsicherung bewältigen, die durch seinen Aufbruch ausgelöst wird? Werden sie den Weg weitergehen können, den sie bisher in der Nachfolge Jesu begonnen haben? Angesichts dieser Sorge verspricht Jesus seinen Freunden ein Abschiedsgeschenk. Über das Geschenk verfügt er nur zusammen mit seinem Vater. In diesem Sinne ist das Geschenk ein Gemeinschaftsgeschenk, das er den Zurückbleibenden überlässt. Das Geschenk ist der Heilige Geist. Der soll den verunsicherten Jüngern helfen, ihren Weg in die Zukunft zu finden (16,13). Er wird sie an den Herrn erinnern (15,20), der durch den Geist gegenwärtig bleibt. Der Geist wird ihnen helfen, auf dem Weg der Wahrheit zu beharren, auch wenn Hass ihnen entgegen schlägt. In schweren Stunden (16,4) wird er sie trösten und sie davor bewahren, sich zu ärgern. Dieses Geschenk überreicht Jesus nicht in einer feierlichen Zeremonie, sondern in seinem Weggehen von der Erde (20,22).

 

Erwägungen

Wie so oft in Abschiedsszenen werden die Jünger den Wert des Geschenks nicht ermessen haben. Doch hat es sie so fasziniert, dass einer der Freunde Jesu, Johannes, in seinem Evangelium von dem Geist als Jesu Abschiedsgeschenk berichtet. Der Geist wird von Jesus als ein Gemeinschaftsgeschenk hinterlassen, das nur in Gemeinschaft seinen Wert entfaltet („ihr“, „euch“). Das bewahrt seine Jünger davor, sich zu vereinzeln, ihren Ärger mit sich allein auszumachen und ihren Zusammenhalt zu verlieren (16,1). Noch im Abschied gestaltet Jesus das zukünftige Zusammenleben seiner Freunde (15,14). Das Abschiedsgeschenk wird den Jüngern Gewissheit schenken über ihren Platz in der Welt. Und im gleichen Moment wird es die Welt nicht unverändert lassen. Denn mit dem Geist werden sie Jesus in der Welt bezeugen. Sie werden anderen anbieten, in die Gemeinschaft mit Jesus einzutreten. Das wird ihre Trauer über Jesu Abschied überwinden helfen und den Auftrag Jesu in der Welt weiterführen. Damit gelingt es Jesus, die existentielle Verunsicherung seiner Jünger im Abschied zu überwinden.

 

Konkretion

In welchem Gemeinschaftsbezug kann ich die Gabe des von Jesus zugesagten Geistes erproben, entdecken und bewähren? Wie hilft mir Jesu Abschied von seinen Jüngern für Abschiede, die ich selbst erlebe und vielleicht auch erleide? Wie kann Trost über bleibende Gemeinschaft trotz zeitweiliger Abschiede vermittelt werden und damit Ärger, Schmerz oder Enttäuschung über Trennung gelindert werden?

Dr. Burkhard Peter

entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch www.koinonia-online.de

       

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