Ein Geist, der Einheit stiftet und Vielfalt wahrt

 

Von Babel bis Pfingstwunder: Pfingsten, „Geburtstag“ der Kirche

Die Vorgeschichte - Babel

Die Vorgeschichte beginnt mit einer echten Satire: Irgendwann in grauer Vorzeit beschlossen Menschen, alles damals Machbare auch zu machen – und setzten sich selbst ein Denkmal. Ein Gebäude, das höher ist als alles bisher Dagewesene, einen Turm, der bis an den Himmel reichen sollte. Der Turm einer Hegemonialmacht, unter dessen Schatten alle Völker geeint in einer pax babylonica leben sollen.

Sie bauen und bauen... Gott erfährt davon, will sich informieren und „fährt  hernieder“, wie es bei Luther zu 1. Mose 11,5 heißt. Der Spott, den der Verfasser dieser biblischen  Zeilen für dieses Vorhaben der Vergangenheit übrig hat, ist deutlich zu spüren: Der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Allmächtige, der, wie die Bibel beschreibt, in die Herzen der Menschen sehen kann, kann dieses größte Bauwerk von Menschenhand nicht sehen, er muss „herniederfahren“.

Und doch sieht er mehr: Gott sieht nicht nur die anwachsende Größe dieses imposanten Bauwerkes, er sieht auch die damit verbundene Gefahr, die die Bauherren nicht sehen: „...nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sich vorgenommen haben zu tun“ (Vers 6). Er ahnt das Unheil, wenn die Fähigkeiten und Errungenschaften des Menschen sich schneller entwickeln als das damit verbundene Gewissen. Er ahnt, was geschieht, wenn das Gewissen mit dem Wissen nicht mehr Schritt halten kann...

Gott handelt. Er tut etwas, was Sprachwissenschaftlern und Wörterbuchverlagen bis heute ihr Auskommen sichert: Er stürzt die Bauenden in ein sprichwörtlich gewordenes „babylonisches Sprachgewirr“ – und bewahrt sie so vor den nicht absehbaren Folgen ihres Tuns.

Die Heilsgeschichte – Jerusalem

Lukas erzählt in der Apostelgeschichte Kap. 2 von einem anderen Einigungsprozess: Kein Denkmal von und für Menschen soll gebaut werden. Im Gegenteil: Noch verwirrt von den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit stehen FreundInnen und AnhängerInnen Jesu unter dem Eindruck von Tod und Auferstehung und schließlich Himmelfahrt Jesu.

Gott handelt auch hier: Er braucht diese Menschen als Bauleute für sein Projekt. Ein Projekt, an dessen Abschluss die Völker geeint in seinem Reich des Friedens leben sollen. Nun geschieht eine „Sprachverwirrung“ ganz anderer Art: Verwirrt hören die Umstehenden, das diese einfachen Menschen, Fischer und Handwerker, die später „Christen“ genannt werden, in verschiedenen Sprachen sprechen: „Und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ (Apg. 2,4).

Das Pfingstfest – Geburtstagsfest bei Kirchens

Lukas stellt an den Anfang seiner Kirchengeschichte diese Erzählung, die wir als „Pfingstwunder“ kennen. Am Anfang seiner Kirchengeschichte steht die „Be-geisterung“ der Christen mit den Geist Gottes. So wie in der Schöpfungserzählung das Leben des Menschen mit der Einhauchung des Gottesatems beginnt, so beginnt das Leben der Kirche, indem Gott ihr den Heiligen Geist einhaucht.

Ein Geist, der Einheit stiftet und Vielfalt wahrt: Die Sprachen werden nicht  - quasi in einer Rückgängigmachung der Vorgeschichte – wieder eingeebnet, nein, die Sprachen und Kulturen bleiben erhalten. Keine pax babylonica, romana oder americana, kein Gotteskrieger- oder Kreuzritterreich, kein Besserwisserreich, in dessen Schatten alle Völker vereinheitlicht werden sollen, sondern ein Friedensreich in dessen Licht alle Menschen Heimat finden.

Nicht verstehen müssen, sondern Verständnis finden

„Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müssten; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ (Röm 8,15). Der Geist macht uns zu Kindern Gottes – miteinander.

An Pfingsten feiert die Kirche Geburtstag – herzlichen Glückwunsch uns allen!


Oliver Weidermann, Internetredaktion
(06.06.2003)

       

      Vorschläge zur Gottesdienstgestaltung im Kirchenjahr,

      Predigtanregungen, Gebete, Buchvorschläge etc. finden Sie auf der Internetseite www.daskirchenjahr.de

       

      Das Kirchenjahr und die alten Kirchenbücher

      Hilfe und Erklärungen für die Suche in alten Kirchenbüchern und der dortigen Zählung der Kirchenjahresdaten bietet die Seite: http://wiki-de.genealogy.net/Kirchenjahr

       

      Happy Birthday Pfingsten!

      Ein Multi-Kultifest in Jerusalem zu biblischen Zeiten. Araber, Römer, Juden, Afrikaner sprechen und predigen durcheinander - Chaos! Dann plötzlich ein Rauschen in der Luft, und die Sprachverständigung setzte ein. Das war die Geburtstunde der Kirchen. - Was die Bibel dann beschreibt, ist heute schwer zu verstehen. Das merken 2000 Jahre später der 18-jährige Raffael und sein Freund Christoph. Hören Sie hier einen Radiobeitrag zu Pfingsten.