„Singet dem Herrn ein neues Lied...“ - Die Reformation als Singbewegung
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“ Mit diesen Worten hat Martin Luther die Wirkung und Bedeutung der Musik beschrieben. Man könnte noch hinzufügen: Nichts war auf Erden kräftiger, die Sache der Reformation zu befördern als die Musik. Denn Lieder waren es, neue Lieder, mit denen reformatorische Theologie und evangelisches Katechismuswissen vor mehr als 450 Jahren unters Volk gebracht wurden.
Die Reformation war auch eine Singbewegung. Durch das Singen neuer Lieder erreichte die Reformation die Masse derer, deren Sache es nicht ist, theologische Diskussionen zu führen, die aber einen Mund zum Singen und ein offenes Herz für die Botschaft von der Rechtfertigung aus Gnaden haben.
Seit jeher bringen Menschen aller Kulturen durch das Singen ihre Gefühle zum Ausdruck. Lieder sind Spiegelbilder der menschlichen Seele. In ihnen äußert sich das Lebensgefühl der Menschen, auch ihre Gesinnung. Und so gibt es froh machende und traurig stimmende, schöne und hässliche, mutmachende und niederdrückende Lieder. Und wenn es auch nicht immer so ist, wie es in einem alten Volkslied heißt: „… hab mir ein Liedlein gesungen, und alles ward wieder gut“, so sagt das Volkslied doch wiederum Richtiges aus: In vielen Lebenssituationen hilft das Singen, die betreffende Situation zu verstehen, zu bearbeiten und sich in dieser Situation zurechtzufinden. So ist das Singen etwas typisch Menschliches.
Glaubendes Singen öffnet für Gott
Singen ist die Fähigkeit, gegen alle Welterfahrungen, die so scheinbar keinen Anlass zum Singen geben, anzusingen. Zu singen, auch wenn die Lieder übertönt werden von Geräuschen marschierender Stiefel, die noch immer ungerufen in fremde Länder und dort über Leichen gehen. Zu singen, auch in Zeiten der Trauer, wenn durch den Tod eines Menschen die Kehle zugeschnürt scheint. Denn im Singen werden Menschen mit Gottes Welt verbunden. Glaubendes Singen öffnet sich für den unsichtbaren Gott. Unsere Musik, durch Glauben in ihre Tiefe und Höhe gebracht, bietet Klangbilder für den unsichtbaren Gott. Im Singen entdecken wir Gottes Wirklichkeit und uns als einen Teil in ihr. Im Singen erkennen wir uns als Geschöpfe Gottes, als Menschen, die schlechthin abhängig sind von einem Gott, der uns durchs Leben begleitet und der uns und dieser Welt Heil schenkt. Solch ein zu Gott hin geöffnetes Singen verfolgt im strengen Sinne keinen „Zweck“, es ist in gewissem Maße absichtslos. Und die höchste Form solchen Singens ist die Liturgie, die Anbetung. In der singenden Anbetung erweitern wir unseren menschlichen Horizont, setzen wir uns der Wirklichkeit Gottes aus, sind wir gottesgegenwärtig.
„Singet dem Herrn ein neues Lied...“
Um uns einzuüben in eine solche Gottesgegenwärtigkeit, müssen wir in unserer evangelischen Kirche trotz der großen Erfahrung als Singbewegung von anderen Kirchen lernen, müssen wir der Anbetung mehr Raum in unseren Gottesdiensten geben, müssen wir Formen der Anbetung Gottes entwickeln oder übernehmen. Seien es Gesänge aus Taizé oder liturgische Gesänge unserer katholischen Geschwister, seien es Lieder aus der orthodoxen Tradition. Der Stil ist nicht entscheidend, „dem Herrn singen“ kann man mit einem Rap oder einem Choral. Auch der Text ist nicht unbedingt das Entscheidende. „Dem Herrn singen“, das kann selbst mit den frömmsten Texten misslingen. „Dem Herrn singen“, das gelingt nur, wenn sich das Herz der Singenden diesem Herrn öffnet und seinen Wundern. Ein Lied wird dann zu einem neuen Lied, wenn es mein Lied wird, ein Lied, das mir aus dem Herzen kommt. Wenn es ein Lied wird, das etwas ausspricht von meinen Erfahrungen mit dem Gott, der Wunderbares tut. Und wenn es mich aufschließt für neue Erfahrungen mit diesem Gott. Neue Lieder entstehen, weil es neue Erfahrungen mit Gott gibt und weil diese Erfahrungen danach drängen, hinausgesungen zu werden.
"Nicht nur die Reformation der Kirche damals begann mit dem Singen neuer Lieder, sondern auch die Reformation der Kirchen heute und das Wirken der Kirchen hinein in diese Welt beginnt mit unserem Singen."
„Singet dem Herrn ein neues Lied. Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen.“ Mit diesen Worten beschreibt Martin Luther die verkündigende, die missionarische Kraft christlichen Singens. Und damit erinnert er uns nachhaltig daran, dass eine singende Kirche immer eine Kirche sein wird, die sich der Wunder Gottes und des durch Gott gewirkten Heils erinnert. Dass sie immer eine Kirche sein wird, die durch ihr Singen andere für das Heil öffnet. Dass sie immer eine Kirche sein wird, die aus ihrem Singen die Kraft gewinnt, sich für das Heil der Welt aktiv einzusetzen. Nicht nur die Reformation der Kirche damals begann mit dem Singen neuer Lieder, sondern auch die Reformation der Kirchen heute und das Wirken der Kirchen hinein in diese Welt beginnt mit unserem Singen. Darum: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“
Von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer
