Befreit zur Freiheit - Über Reformationstag und Halloween (Teil 2)
Halloween und Reformationstag – beide haben außer dem Datum eigentlich nichts miteinander zu tun. Dennoch: Bei beiden geht es um die dunklen Seiten des Menschen und seine Beziehung zu Gott. Während Halloween das Böse durch das Spiel mit dem Bösen austreiben will, wollte die Kirche zur Zeit Luthers sich freikaufen vom Bösen, von Tod und Teufel, durch „gute Werke“ und Ablassbriefe. Und heute?
Fortsetzung vom 24. Oktober.
Moderner Ablasshandel
Statt nach einem gnädigen Gott zu fragen, fragen viele Menschen heute: Wie schaffe ich es, dass meine Mitmenschen mir „gnädig sind“? Die Sehnsucht nach Himmel und Seligkeit und die Angst vor der Hölle werden oft in dieses Leben projiziert und nicht mehr ins Jenseits verlagert. So ist etwa im Fernsehen von der „Quoten-Hölle“ die Rede - weil die Gunst der Zuschauenden über Sein oder Nicht Sein entscheidet. An die Stelle der Angst vor Gottes Gericht tritt die Angst vor dem Urteil der Mitmenschen: „Wie schaffe ich es, dass ich vor anderen gut dastehe? Dass ich mithalten kann im erbarmungslosen Wettbewerb um Erfolg, um Schönheit und Jugend, um Gesundheit, Macht und Reichtum?“ Dafür tun Menschen heute manchmal alles. Sie kasteien ihren Körper, sie stecken sich hohe Ideale, sie befolgen die Regeln und Gesetze selbsternannter Lebensratgeber und Heilspropheten. Menschen heute kaufen keine teuren Ablassbriefe mehr – aber sie kaufen vielleicht ein überteuertes Produkt, durch das ihnen die Erfüllung ihrer Sehnsüchte vorgegaukelt wird.
Eine Grundsehnsucht
Ich meine, wir Menschen von heute und der angefochtene Mönch Martin Luther vor 500 Jahren haben eine gemeinsame Grundsehnsucht: Dass mich einer „gnädig“ annimmt, mit allem, was zu mir gehört, mit meinen guten Eigenschaften und Fähigkeiten, aber auch mit meinen dunkelsten Schattenseiten. Und mit allem, was dazwischen liegt: mit meiner Mittelmäßigkeit, meinen Schwächen und Fehlern, meiner allzu menschlichen Unvollkommenheit. Verbunden damit ist die Sehnsucht, endlich frei zu sein von der ständigen inneren „To-Do-Liste“ – von den Zwängen, die mich antreiben wie Sklaventreiber und mir einreden, ich hätte erst dann ein Recht zu leben, wenn ich genug dafür geleistet habe.
„Darum können wir an Halloween Tod und Teufel getrost ins Gesicht lachen. Weil Christus uns befreit hat…“
Diese Haltung ist Ausdruck unserer Sünde: des Gefangen-Seins in uns selbst, in unserer eigenen widersprüchlichen Seele und im Hamsterrad unserer Rastlosigkeit, in dem wir uns ständig um uns selber drehen. Der Ausweg daraus heißt: Glaube. Glaube gegen die eigenen Selbstzweifel, die bohrenden Fragen, die teuflischen Stimmen, die uns einreden: „Es ist nie genug, was du tust!“ „Und wenn die Welt voll Teufel wär…, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen!“ So dichtete Martin Luther. Denn „der Fürst dieser Welt“, er ist „gericht`“ (EG 362).
Das letzte Wort hat die Gnade
Jesus selbst hat ihn besiegt am Kreuz. Teufel und Tod zeigen zwar noch ihre schrecklichen Fratzen, aber es gibt einen, der mächtiger ist. Darum können wir an Halloween Tod und Teufel getrost ins Gesicht lachen. Weil Christus uns befreit hat, haben wir keinen Grund, uns vor Mächten und Menschen zu fürchten. Wenn wir auf ihn vertrauen, dann ist das genug. Dann hat die Sünde nicht das letzte Wort. Sondern Gottes Gnade. Sie befreit uns von dem Zwang, uns und unser Leben ständig rechtfertigen zu müssen. Dazu müssen wir allerdings dieses Leben, unser ganzes „Ich“, ein Stück aus der Hand geben. Darauf vertrauen: Ich bin angenommen. Ich bin geliebt. Als Sünder und Gerechte zugleich, wie Luther sagt. Darum habe ich Freiheit, mich so anzusehen, wie ich wirklich bin. Ich habe die Freiheit, mich nicht kleiner zu machen als ich bin. Und ich habe die Freiheit, Schuld einzugestehen, Fehler zuzugeben, um Vergebung zu bitten. Ich habe Freiraum, mich zu verändern und der oder die zu werden, die ich in Gottes Augen schon bin. Denn: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal 5,1)
Befreit zur Freiheit
Diese Freiheit der Christenmenschen gilt es nicht nur in unserem persönlichen Leben anzunehmen, sondern auch in Kirche und Gesellschaft umzusetzen.
Im Gottesdienst etwa: Die Liturgie, der Gottesdienstablauf ist nach evangelischem Verständnis kein Gesetz, von dem unser Heil abhängt. Damit wir mehr von der Freiheit Christi spüren, müssen wir erstarrte Traditionen beschneiden. In einem Heft der Hannoverschen Landeskirche mit dem Titel „Hallo Luther!“ finden sich Ideen, die zeigen, wie viel Sinnlichkeit und Anschaulichkeit im Reformationsfest stecken, so dass es auch zu einem Fest der Kinder und Jugendlichen werden kann.
„Wir leben nicht nur von dem, was wir leisten – unser Leben hat noch einen anderen Sinn.“
Oder im Miteinander der Konfessionen: Am Reformationstag vor sieben Jahren hat die katholische Kirche in einer gemeinsamen Erklärung der Rechtfertigungslehre Luthers in wichtigen Punkten zugestimmt. So gesehen wird das Reformationsfest zum ökumenischen Fest. In Baden haben schon viele Gemeinden Rahmenvereinbarungen für ökumenische Partnerschaften vor Ort abgeschlossen. In der Freiheit der Christenmenschen können wir noch viel mehr gemeinsam machen – trotz manch einengender Verlautbarung aus Rom.
Und schließlich: Die Freiheit der Christenmenschen müssen wir auch gemeinsam schützen, indem wir uns als Kirchen für den Schutz der Sonn- und Feiertage einsetzen. Denn solche Tage lassen uns spüren: Wir leben nicht nur von dem, was wir leisten – unser Leben hat noch einen anderen Sinn. Auch so gewinnt die Freiheit der Christenmenschen Raum unter uns.
Von Sabine Kast-Streib, Pfarrerin
Persönliche Referentin des Landesbischofs
