Ein Licht in dunkler Nacht - Über Reformationstag und Halloween (Teil 1)
Als ich meine Kinder gefragt habe, welches Fest am 31. Oktober sei, brüllten sie begeistert: Halloween! In der Tat könnte man meinen, Halloween sei das wichtigste Ereignis an diesem Tag. Eine Kandidatin der Quizshow „Wer wird Millionär“ musste gar einen Telefonjoker drangeben, als sie gefragt wurde, was wir Protestanten am „Halloweentag“ feiern.
Halloween und Reformationstag – beide haben außer dem Datum eigentlich nichts miteinander zu tun. Oder doch? Die Unterschiede liegen ja auf der Hand: Da sind zuerst die teilweise heftigen Auswüchse von Halloween, die der Botschaft des Reformationstags diametral entgegenstehen. Es gibt aber auch weniger krasse Unterschiede: Halloween ist ein Fest zum Anfassen, das rituelle Elemente zum Nachmachen bietet. Das Reformationsfest dagegen hat trotz seiner befreienden Botschaft ein eher trockenes Image. Da ist bisweilen wenig von Luthers „Fröhlichem Springen“ (EG 341) zu spüren. Halloween ist vor allem ein Fest der Kinder und der Jugend. Es bietet viel Spaß, aber wenig Substanz. Das Reformationsfest mutet oft umgekehrt an.
Welches Licht leuchtet im Dunkel?
Dennoch: Beiden Festen liegen (auch) christliche Traditionen zugrunde. Der Name „Halloween“ kommt von „Allhallows Eve“, dem Vorabend zu Allerheiligen. Weniger bekannt ist, dass die beiden ungleichen Feste eine inhaltliche Verbindung haben: Bei beiden geht es um die dunklen Seiten des Menschen und seine Beziehung zu Gott. Die Halloween-Legende erzählt von dem Bösewicht Jack O´Lantern, der nach seinem Tod an der Himmelspforte anklopft, wo er prompt abgewiesen wird. Frustriert macht er sich auf den Weg zur Hölle, die ihn ebenfalls wegschickt, weil selbst sie einen so bösen Menschen nicht haben will. Zum „Trost“ bekommt Jack vom Teufel ein Stück glühender Kohle geschenkt, das er in eine ausgehöhlte Wurzel legt. Seitdem irrlichtert der böse Mann rastlos durch das Dunkel zwischen Himmel und Erde.
Wie befreien wir uns von bösen Mächten? – Drei Antworten
Auch zu Luthers Zeiten ging es um Geister, Tod und Teufel. Und um die Angst vor einem Gott, der einem die Himmelstür versperrt. Die lebenswichtige Frage, die die Menschen damals bewegte, war: Wie können wir Gott gnädig stimmen, dass wir der Hölle und dem Teufel entgehen? Was müssen wir tun, damit wir nicht von bösen Mächten beherrscht werden?
Die Antwort von Halloween lautet: Das Böse durch das Spiel mit dem Bösen austreiben. Durch das Spiel mit dem Angsterregenden der Angst ins schreckliche Gesicht schauen und durch Geisterfratze, Totenmaske und Kürbislicht die Nacht und den Tod (scheinbar) beherrschbarer machen.
Die Antwort der Kirche zur Zeit Luthers lautete: Sich freikaufen vom Bösen, von Tod und Teufel, durch „gute Werke“ und Ablassbriefe. Wer einen Ablassbrief kaufte, dem waren die schlechten Taten vergessen und vergeben. Und je nach Höhe des eingezahlten Betrags konnte man sich damit auch gleich von der Hölle freikaufen.
Und wie lautet Martin Luthers Antwort? Lange hatte er sich mit der Frage gequält: „Was muss ich tun, damit Gott mir sündigem Menschen gnädig ist?“ Er fastete und betete, studierte die Bibel und kasteite seinen Körper – aber sicher war er nie, ob er genug getan hatte, um Gott gnädig zu stimmen. Bis er in der Bibel die Erkenntnis fand: Allein aus Glauben werden wir gerecht vor Gott. Wenn wir Jesus Christus vertrauen, dann müssen wir uns nicht mehr freikaufen. Wir müssen uns nur „freiglauben“:
Ich glaube, dass Jesus Christus... sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels (Kl. Katechismus: Auslegung zum 2. Artikel des Glaubensbekenntnisses).
Ein Licht in dunkler Nacht
Diese Erkenntnis leuchtete für Luther auf wie ein Licht in dunkler Nacht. Bis heute ist diese Glaubensgewissheit für viele Menschen eine Kraft im Leben und im Sterben: Ich muss Gottes Gnade nicht verdienen. Er kennt mich, auch meine Schatten- und Nachtseiten. Ich muss ihm und mir nichts vormachen. So, wie ich bin, darf ich zu ihm kommen und alles, was mich quält und belastet in seine Hände legen: Er nimmt es von mir.
Von Sabine Kast-Streib, Pfarrerin
