Umkehr und Aufeinander zugehen - Teil 2
Martin Luthers befreiende Botschaft von der „Buße“ – eine Chance für die Ökumene?
Gedanken zum Reformationsfest 2004
von Dr. Adelheid von Hauff
Teil 2
Egal, ob man an Gott glaubt oder nicht, ob man gut oder gar fromm leben möchte oder nicht: weder die Menschen, die sich in Gottes Nähe wähnen noch die Gottfernen wollen „Sünder“ sein.
Und so suchen beide Gruppen zur Entlastung den „schnellen“, den im tiefsten Grund eigentlich schmerzlosen Weg. Sie wollen „irgendwie büßen“, ohne ihr Verhalten wirklich zu ändern und ein neues Leben zu beginnen.
Umkehr, ohne die Richtung zu ändern?
So wie Luther das beschreibt (siehe Teil 1: Glaube aktuell vom 22.10.2004), so ist es vielfach bis heute geblieben. Um gerechtfertigt zu werden, ließen sich die Menschen damals äußere Leistungen (Bußübungen) auferlegen, von denen sie innerlich aber kaum berührt wurden. Die Menschen der Gegenwart gehen zwar andere Wege, aber auch sie suchen vielfach Rechtfertigung ohne wirkliche Umkehr. Zum Teil geschieht dies durch die Vergewisserung, dass ich ja nur das getan habe, was alle anderen auch tun. Innerhalb dieses Denkens muss es keine Sünder geben.
Sehnen nach Entlastung
Wer aber kein Sünder ist oder wie Luther es sagt, wer kein Sünder sein will, der bedarf auch keiner echten Buße. So richtig diese Aussage einerseits ist, so wenig stimmt sie andererseits mit den Worten der Bibel und mit dem Empfinden der Gruppe von Menschen überein, die unter ihrer Schuld leiden und sich nach Entlastung sehnen. Es sind eben nicht nur die Worte der Bibel, die davon sprechen, dass ich als Mensch immer wieder schuldig werde und der Vergebung bedarf. Es ist auch die Erfahrung all derer, die ihr Gewissen nicht dadurch beruhigen können, ja nur das getan zu haben, was alle anderen auch machen.
Unterschiedlich allerdings ist die Reaktion auf die Erkenntnis, schuldig geworden zu sein. Eine Möglichkeit mit Schuld umzugehen besteht darin, sie zu verdrängen. Eine andere, sich ihr zu stellen und sich um Wiedergutmachung zu bemühen. Für die Menschen, die darum bemüht sind, ihr Leben in der Verantwortung vor Gott zu führen, steht dabei an erster Stelle das Bekenntnis und die Bitte um Vergebung der Schuld.
Mit den Worten Luthers ausgedrückt, heißt dies: Wo Vergebung ist „da sieht Gott keine Sünden mehr.“ Um diesen Zustand zu erlangen, bedarf es aber keiner guten Werke oder anderer schwer nachvollziehbarer Leistungen. All dies würde bedeuten, für seine Sünde selbst zu bezahlen und das ist „vergebens und unrecht“. Luther wollte damit aber keineswegs das Tun guter Werke abschaffen. In seiner Predigt sagt er am Ende deutlich: „Das also beides sein muss. Gute Werke soll man tun, und dennoch Vergebung der Sünden allein im Namen Christi glauben.“ Die Reihenfolge ist also vom Kopf auf die Füße gestellt: Nicht das Tun guter Werke bewirkt die Zuwendung Gottes, sondern die Zuwendung Gottes ermöglicht zum Tun guter Werke.
Der erste Schritt auf dem Weg zur Einheit der getrennten Kirchen
Luther hatte bei dem was er sagte und schrieb die fehlgeleitete Bußpraxis seiner, der mittelalterlichen römisch-katholischen, Kirche im Blick. Wenn es in Luthers Nachfolge in der evangelischen Kirche zu einer anderen Sichtweise gekommen ist, so darf hier nicht der Eindruck entstehen, als würde in ihr die „richtige“, die innere Buße und in der katholischen die „falsche“, die mit äußeren Übungen einhergehende, gepredigt werden. Richtiges und Falsches gibt es auf beiden Seiten. Gedanken zum Reformationstag dürfen nicht den selbstgerechten Blick auf die eigene Konfession im Zentrum haben, damit würden wir uns weit von der Einheit der Kirche entfernen. Gerade an diesem Tag sollte uns die Vision der Einheit der getrennten Kirche leiten. Zu dieser kommen wir allerdings nicht auf dem Weg der gegenseitigen Schuldzuschreibung, sondern allein auf dem Weg der Liebe.
Umkehr zu Gottes alles verzeihender Liebe – ein Fingerzeig Basilea Schlinks
Dazu sei nun noch auf Gedanken einer Frau verwiesen, die in besonderer Weise zur Buße innerhalb der christlichen Gemeinden mahnte und zwar zu einer Buße über die gegenseitigen Anklagen.
Gemeint ist Basilea Schlink, die in diesen Tagen (21. Oktober) ihren 100. Geburtstag feiern würde. Sie hat eine evangelische Kommunität gegründet, die ihre Entstehung der Erkenntnis verdankt, dass Buße zu den grundlegenden Übungen von Christinnen und Christen gehört; und zwar eine Buße, die Gottes Heiligkeit und Gottes alles verzeihende Liebe im Zentrum hat. Dies gilt für die Buße im Leben des einzelnen Menschen, wie für die Buße im Blick auf die gegenseitigen Schuldzuschreibungen innerhalb der getrennten Kirche.
“Es fehlt in unserer Zeit nicht an besseren oder zeitgemäßeren Predigten, organisatorischen Möglichkeiten und ökumenischen Tagungen, sondern an der Buße über das Fehlen der Liebe, in Bezug auf das Richten und gegenseitige Aburteilen.“
Konkret meint Basilea Schlink dazu: Jeder richte zunächst seinen Blick auf das, was in der eigenen Konfession der Buße und Reue bedürfe. „Nie wird die große Not der Zerrissenheit zu Ende zu bringen sein, es sei denn, dass jeder von uns in seinem Kreis, in seiner Konfession anfängt, für sich selbst Buße zu tun, indem man hörend wird für das, was die andere Seite einem vorwirft.“ Es fehlt in unserer Zeit nicht an besseren oder zeitgemäßeren Predigten, organisatorischen Möglichkeiten und ökumenischen Tagungen, sondern an der Buße über das Fehlen der Liebe, in Bezug auf das Richten und gegenseitige Aburteilen.
Was hier als Aufgabe für die christlichen Gemeinden formuliert wurde, gilt auch für das Leben einzelner Christinnen und Christen. Heil bringende und täglich praktizierte Buße hat mit meinen eigenen Fehlern und nicht mit denjenigen der anderen zu tun. Nicht die Orientierung an dem, was andere falsch machen, führt mich zu einer Freude wirkenden Buße. Zu ihr finde ich allein dadurch, dass ich mein eigenes Verhalten täglich kritisch an den Worten der Bibel spiegle und Gott um Vergebung meiner eigenen Schuld bitte. Denn das genau ist gemeint, wenn Luther in der ersten seiner 95 Thesen sagt, unser ganzes Leben solle eine Buße sein.
Im täglichen Gebet das bewusste und unbewusste Fehlverhalten Gott anzuvertrauen, ist Freude bringende Buße im Sinne von Umkehr, denn sie bewirkt die Entlastung, die den täglichen Neubeginn ermöglicht.
