Umkehr und Aufeinander zugehen

 

A. Hauff

Martin Luthers befreiende Botschaft von der „Buße“ – eine Chance für die Ökumene?

Gedanken zum Reformationsfest 2004
von Dr. Adelheid von Hauff


Teil 1

"Man muss irgendwie büßen", so sagte der Schauspieler Rolf Zacher in einer Talkrunde über seinen Aufenthalt im Gefängnis und traf damit den gesellschaftlichen Konsens auf den Punkt.

Durch "Buße" eine Sache aus der Welt zu schaffen, scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein. Deutlich wird dies, wenn bereits Kinder ihre Eltern geradezu herausfordern, sie für eine Fehlhandlung zu bestrafen.

Was aber ist "Buße"? Im landläufigen Sprachgebrauch verbirgt sich dahinter eine Handlung, die ein Mensch verrichtet, um eine Schuld zu sühnen. Buße muss schwer fallen oder wehtun. In mancher Hinsicht scheint Buße sogar in einer sinnlosen Handlung zu bestehen, die keinen direkten Zusammenhang zu der begangenen Strafhandlung erkennen lässt. Wer den Lutherfilm gesehen hat, erinnert sich vielleicht daran, dass dort eine Bußübung gezeigt wurde, bei der Luther zur Sühne auf den Knien die Stufen einer römischen Kirchentreppe hinaufrutschte.

"Dass die Beichte und Buße in der protestantischen Kirche weitgehend verloren gegangen ist, war von dem Reformator zu keiner Zeit beabsichtigt. Polemisiert hat er allein gegen die damit verbundenen Missstände und die weit verbreitete Meinung, man könne sich mit Hilfe bestimmter Übungen ohne echte Umkehr den Himmel verdienen."

Dass Buße im eigentlichen Wortsinn jedoch etwas ganz anderes meint, dem kommen wir dann auf die Spur, wenn wir nach der Grundbedeutung dieses Ausdrucks fragen. Das Wort Buße hat seinen Ursprung in dem griechischen Begriff Metanoia und bedeutet soviel wie Sinnesänderung oder Umkehr. In dieser Bedeutung steht Buße am Beginn eines neuen Weges - und zwar eines Weges, der in eine völlig andere als die bisher eingeschlagene Richtung weist.

Umkehr und Entlastung
So verstanden hat Buße ein positives Vorzeichen und ist etwas grundlegend anderes, als die oben angeführte Sühnehandlung. So verstanden kann Buße zur Freude führen und zwar dann, wenn ihr die Entlastung eines schuldbeladenen Gewissens folgt.

Für Martin Luther hat Buße unverzichtbar zum Leben einer Christin und eines Christen gehört. Dass die Beichte und Buße in der protestantischen Kirche weitgehend verloren gegangen ist, war von dem Reformator zu keiner Zeit beabsichtigt. Polemisiert hat er allein gegen die damit verbundenen Missstände und die weit verbreitete Meinung, man könne sich mit Hilfe bestimmter Übungen ohne echte Umkehr den Himmel verdienen. Welche Bedeutung die Buße für Luther hatte, kommt bereits in der ersten seiner 95 Thesen zum Ausdruck. Sie hat folgenden Inhalt:

"Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: „Tut Buße ...“ hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll." (1. These)

Das eigene Leben im Spiegel von Gottes Wort betrachten
Luther versteht Buße an dieser Stelle als eine täglich zu praktizierende Verhaltensweise, bei der das eigene Leben im Spiegel von Gottes Wort betrachtet wird. Er versteht sie keineswegs wie damals üblich als einmaligen Akt, mit dessen Hilfe eine Sünde in eigener Leistung aus der Welt geschafft werden kann.

Die Buße, die zu Luthers Zeit (und bis heute in der römisch-katholischen Kirche) als Sakrament vom geweihten Priester verwaltet wird, folgte dem Schema (plakativ verkürzt): Ich habe gesündigt, beichte mein Vergehen und lasse mir eine Bußhandlung auferlegen, durch die ich meine Schuld sühne.

Umkehr, die froh macht
Der diesjährige Reformationstag soll Gelegenheit sein, im Hören auf Martin Luther "Buße" nicht als bedrückende Sühnehandlung zu verstehen, sondern als geschenkte Möglichkeit zur Umkehr. Wie kann diese Umkehr in meinem eigenen Leben zu einer Angelegenheit werden, die mich froh macht?

In einer Predigt über Lukas 24, 36-48 spricht Luther über die Buße. Es geht in diesem Bibeltext vordergründig um die Begegnung des Auferstandenen mit den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Zunächst legt Jesus den Männern Texte aus dem Alten Testament aus und bezieht diese auf seine eigene Leidensgeschichte. Er deutet dabei sein Leiden und Auferstehen als ein Geschehen, das nötig war, damit Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden könne. Erstaunlich ist bei Jesu Worten die Botschaft, Buße müsse bei den Gläubigen beginnen. Sie sind die ersten, die der Umkehr bedürfen. Das klingt anstößig. Warum soll die Buße ausgerechnet bei denen beginnen, die fromm sind und für sich selbst in Anspruch nehmen, gerecht zu sein?

In seiner Auslegung zu diesem Text gibt Luther die Antwort darauf, wenn er sagt: "Das Evangelium macht alles zu Sünden und spricht: tut Buße." Nach der Botschaft des Evangeliums gibt es keinen, der frei von Sünde ist. Auch die Gläubigen können nicht von sich behaupten, immer dem Willen Gottes zu entsprechen und somit schuldlos zu sein. Sie sollen die ersten sein, die Buße tun.

 

       

      Reformationstag?

      Wenn Sie weitergehende Infos zum Reformationstag und zu Martin Luther erhalten möchten, dann lohnt sich die Seite: www.reformationstag.de der EKD.

       

      Vorschläge zur Gottesdienstgestaltung im Kirchenjahr,

      Predigtanregungen, Gebete, Buchvorschläge etc. finden Sie auf der Internetseite www.daskirchenjahr.de

       

      Das Kirchenjahr und die alten Kirchenbücher

      Hilfe und Erklärungen für die Suche in alten Kirchenbüchern und der dortigen Zählung der Kirchenjahresdaten bietet die Seite: http://wiki-de.genealogy.net/Kirchenjahr