Bußtag
Lukas 13,1-9: „Herr, lass ihm noch dieses Jahr!“
Loslassen
Der Abschnitt ist das Evangelium des Buß- und Bettages. Es ist für alle, die mit Ernst Christen sein wollen, nicht auf diesen Tag beschränkt. Jesus wird mit der Frage nach menschlichen Katastrophen konfrontiert. Die Antwort Jesu auf die „Warum-lässt-Gott-das-zu-Frage“, die Vermutung des Sanktionscharakters unerklärlicher Schicksalsschläge beantwortet er ganz anders als erwartet. Es ist nicht Gott, der Türme auf Menschen stürzen lässt, um ihnen auf diese Weise eine Botschaft zu übermitteln. Entscheidend ist für Jesus, die falsche Fragestellung zu entlarven: Die Fragenden sollen nicht mit leichter Häme auf ihren Nächsten schauen und fragen: „Was haben diese wohl für einen schlechten Lebenswandel, dass sie nicht so begünstigt sind wie ich?“ Jesus möchte, dass die Fragenden sich selber fragen, bei sich selber beginnen und von der bequemen Haltung des Blickes auf den Nächsten zu der unbequemen Bewegung der Selbstkritik kommen. Doch in dieser Wendung leuchtet das Evangelium des Bußtages auf: Die unverhoffte Geduld Gottes, die sich mit dem Ernst der Frist verbindet. Der Betrachtende wendet sich von der Warum-Frage (Verse 1-5) entschlossen hin zur Geduld Gottes (Verse 6-9). Noch ist Zeit zur Umkehr.
Bild
Bei der Betrachtung des Gärtners soll man nicht mit Misstrauen V.9 in den Blick nehmen, an dessen Ende der Gärtner nach einem weiteren Jahr des vergeblichen Wartens dem Fällen des Baumes zustimmt, denn dies ist die normale Reaktion eines vernünftigen Gärtners, der für die Ordnung und das regelmäßige Wachstum in seinem Garten verantwortlich ist. Das Besondere an dem Gärtner ist vielmehr seine Fürbitte gegen die Vernunft („Herr, lass ihm noch dieses Jahr!“). Wir betrachten dieses Einstehen für den Baum gegenüber dem Eigentümer des Weinberges trotz vergeblicher Kultivierung des Baumes über drei Jahre. Die drei Jahre stehen symbolisch für eine lange Zeit (etwa: über die Lebensmitte hinaus). Der Gärtner will dem Baum eine liebevolle Extrabehandlung zukommen lassen. Er will ihm eine Extraportion Dünger an die Wurzeln geben und für ein besonders aufgelockertes Erdreich sorgen. Wir nehmen diese Behandlung in den inneren Blick: Jemand lockert die Atmosphäre um mich auf, verschafft mir wieder Luft zum Atmen und eine lebendig machende Umgebung. Als schönes Endbild kann man sich den Feigenbaum vor Augen halten, der von weitem blau zu sein scheint, so sehr ist er aus der Nähe besehen mit Feigen überfrachtet. Im Garten ist nur begrenzt Platz. Da muss Ordnung sein. Der Garten ist anders als die wilde Natur. In ihm sollen Früchte planvoll kultiviert werden; das ist der Sinn des Gartens. Es lohnt bei dieser Betrachtung nicht, sich an den Vorteilen der wilden Natur zu erfreuen, für die in einer anderen Betrachtung Platz sein mag. Auch bei größter Geduld fordert der Garten einmal seine Konsequenz.
Erwägungen
1. „. . . ob er wohl Frucht brächte“
Jesus will an dem Feigenbaum dessen eigentliches Wesen zur Erscheinung bringen, das zurzeit versteckt hinter den Blättern oder sogar nur in den Anlagen vorhanden ist. Anlagen sind hier nicht als Erbanlagen zu betrachten, sondern als gottgegebene Möglichkeiten eines jeden Menschen. Jesus tut diese Gärtnerarbeit mit einem besonderen Maß an Liebe und Zuwendung. Er gibt dem Menschen eine liebevolle Extrabehandlung. Was schlummert verborgen in uns, das Jesus an uns hervorarbeiten will, nur gehemmt durch Ängste, Vorbehalte oder menschliche Einflüsse?
2. Frucht bringen ist Umkehren
Jesus sagt den fragenden Menschen deutlich, dass sie sich in nichts von den Katastrophenopfern unterscheiden. Für jeden Menschen gleichermaßen ist nach Jesus die einzige Lebensmöglichkeit der Akt der Umkehr. Das Bild für die Umkehr ist die Frucht des Feigenbaumes. Die Umkehr ist keine Großtat, die an ihren Leistungen gemessen wird. Der Baum soll überhaupt Frucht bringen, nicht aber außerordentlich viel. Was ist für uns Umkehr? Ist es dies, uns nicht mehr zu uns selbst aufzumachen, sondern uns auf den Weg zu machen – von uns weg hin zu Gott als einem Richtungswechsel in unserem Leben? Was kann es noch bedeuten?
Konkretionen
1. „Herr, lass ihm noch dieses Jahr“
Der Text birgt zwei scheinbar gegensätzliche Aufforderungen in sich: Den Aufruf an uns, den Dingen noch eine Chance zu geben und zwar eine lange, gründliche und liebevolle, und den Aufruf, nach vielen Chancen (hier die Jahre) aufzuhören, abzubrechen, abzuschließen, loszulassen – und zwar ebenso gründlich. Diese Bewegungen schließen sich in einer Seele nicht aus und sollen es auch nicht. Beide haben ihren Platz. Welche Bewegung fehlt uns bei welchem Thema, wenn wir auf unsere Mitmenschen und die Dinge um uns schauen? Und wenn es um uns selber geht: Sollen wir uns neu zusprechen lassen, dass Gott uns in besonders liebevoller Weise eine weitere Chance geben will?
2. Die eigene Seele ist ein Garten
Wir können unsere Seele als Garten betrachten und uns angesichts des Themas der Umkehr die Frage stellen: Lassen wir es uns gefallen, dass Gott unseren Garten gestaltet, wie es ihm gefällt? Dass er manche Bäume besonders gut pflegt und manche abhaut? Vertrauen wir, dass hier der geschickteste und wohlmeinendste Gärtner aller Zeiten am Werke ist, unseren Garten zu verschönern und reich an Früchten zu machen? Halten wir Rücksprache mit Gott um festzustellen, welcher Baum welche Behandlung braucht? Wir wollen uns danach sehnen und dafür bitten, dass unsere Seele ein schöner Garten wird.
Dr. Barbara Schurig
entnommen mit freundlicher Genehmigung aus H. Friebolin/W. Kubik, KommenSehenBleiben Bd. 1, Aussaat/Koinonia 2. Auflage 2008. Copyright Evangelische Communität und Geschwisterschaft Koinonia; ISBN 978-3-7615-5266-1. Siehe auch www.koinonia-online.de
